
Magere Zeiten für Atatürks Erben
Die Wirtschaftsleistung der Türkei wird 2009 real zurückgehen. Sie ist damit auch ein Opfer des eigenen Erfolgs. Denn die verstärkte Einbindung in die internationale Wirtschaft durch die Ausfuhr zunehmend wettbewerbsfähiger Exportprodukte und der steigende einheimische Konsum machen die weltweiten Konjunkturbewegungen nun auch im Inland stärker spürbar. Mittelfristig sind die Wachstumsaussichten aber weiterhin gut. Die in den letzten Jahren gelegte industrielle Basis ist solide, der türkische Markt hat mit über 70 Millionen Einwohnern eine substanzielle Größe.
Sinkendes Bruttoinlandsprodukt
Nach Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Türkei 2009 real um 5,1 Prozent niedriger liegen als 2008. Die Regierung in Ankara ging im Frühjahr 2009 von -3,6 Prozent aus, was in Anbetracht der für das 1. Quartal erwarteten Abnahme um rund 10 Prozent optimistisch erscheint. Konjunkturbeobachter sehen erst für das 4. Quartal wieder ein positives Ergebnis voraus. Im kommenden Jahr dürfte sich die Erholung dann stabilisieren und das Wirtschaftswachstum wieder das Niveau des Jahres 2008 erreichen.
In absoluten Zahlen ist das türkische BIP 2008 auf 950 Milliarden Türkische Lira (734 Milliarden US-Dollar beziehungsweise 499 Milliarden Euro) gestiegen und lag damit real um 1,1 Prozent höher als im Vorjahr. Pro Einwohner überstieg die Wirtschaftsleistung mit 10.436 US-Dollar die Grenze zur Fünfstelligkeit schneller als noch vor wenigen Jahren erwartet. Wegen der aktuellen Rezession und des seit Herbst 2008 um rund 20 Prozent gesunkenen Außenwertes der Lira wird der Indikator allerdings 2009 erneut unter dieser Schwelle liegen.
Besonders stark betroffen von Produktionsrückgängen sind Industriezweige wie die Textil-, die Kfz- oder die Eisen- und Stahlindustrie, der Schiffbau, die Herstellung von elektrischen Haushaltsgeräten und Unterhaltungselektronik sowie der Maschinenbau. In diesen Bereichen standen in den ersten Monaten des Jahres 2009 wiederholt Bänder still, verschiedene Unternehmen reagierten mit Entlassungen, etliche zumeist kleinere Firmen mussten die Pforten schließen. Der offiziellen Statistik zufolge stieg die Zahl der Arbeitslosen im Februar 2009 gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahres um 1,23 Millionen Personen an, die Arbeitslosenquote lag damit bei 16,1 Prozent. Weniger unter den Auswirkungen der Wirtschaftskrise zu leiden haben die Nahrungsmittelindustrie sowie Dienstleistungsbranchen wie Telekommunikation und Gesundheit.
Der vom türkischen Statistikamt ermittelte Produktionsindex für das produzierende Gewerbe lag im März 2009 um 23,5 Prozent niedriger als im März 2008, jedoch etwas höher als im Vormonat. Der Rückgang hat sich demzufolge gegenüber den vorhergehenden Monaten etwas verlangsamt. Es erscheint verfrüht, daraus abzuleiten, dass die Talsohle bereits durchschritten sei. Dennoch könnten noch weitere Indikatoren auf eine Trendwende hindeuten. So zeigt auch die Kapazitätsauslastung seit ihrem Tiefpunkt im Januar 2009 (63,8 Prozent) eine leichte Erholung auf 66,8 Prozent im April. Eine ähnliche Bewegung zeigten die Umsätze und Bestellungen in der Industrie: Erstere stiegen im März 2009 gegenüber Februar um 17,2 Prozent und lagen damit um 13,8 Prozent niedriger als im März 2008. Bei den Bestellungen war ein Anstieg um 16,7 Prozent auf Monatsbasis zu verzeichnen, im Jahresvergleich ein Rückgang von 19,8 Prozent.
Zögerliche Investitionen
Ausländische Investitionen haben für die Türkei in den letzten Jahren sowohl als Kapitalbeteiligungen als auch in Form von Direktinvestitionen erheblich an Bedeutung gewonnen. Nach einem Maximum von 22,0 Milliarden US-Dollar 2007 war 2008 aber bereits ein Rückgang auf 18,0 Milliarden US-Dollar zu verzeichnen. Parallel zu dem weltweit erwarteten weiteren Einbruch prognostiziert der Verband ausländischer Investoren in der Türkei YASED auch 2009 ein abermals kleineres Volumen des Kapitalzuflusses aus dem Ausland. Erwartet wird ein Ergebnis zwischen 10 Milliarden und 14 Milliarden US-Dollar.
Ein wichtiges Signal für das Vertrauen ausländischer Investoren in den Standort Türkei wäre der Abschluss eines neuen Abkommens mit dem IWF. Nach dem Auslaufen des vorherigen Vertrags im Mai 2008 hielt die Regierung in Ankara eine Verlängerung zunächst nicht für notwendig. Mit dem Eintreten der Wirtschaftskrise im Herbst 2008 verstärkte sich insbesondere in türkischen Wirtschaftskreisen der Ruf nach einem Folgeabkommen. Die Verhandlungen ziehen sich seitdem in die Länge; Streitpunkt ist vor allem die vom Fonds geforderte Budgetdisziplin. Eine Einigung war für nach den Kommunalwahlen Ende März 2009 erwartet worden, kam bis Mai jedoch noch nicht zustande.
Hoher Investitionsbedarf besteht im Energiesektor. Der Entwurf für ein neues Gesetz über erneuerbare Energien sieht deutlich höhere Vergütungen für die Einspeisung von Strom in das allgemeine Netz vor. Dies dürfte einen erheblichen Schub insbesondere für die Nutzung der Sonnenenergie nach sich ziehen, aber auch der Installation von Windkraftwerken und Anlagen zur Nutzung von Geothermie weiteren Schub verleihen. Nach Angaben der Regulierungsbehörde für den Energiemarkt, »Enerji Piyasasi Düzenleme Kurulu« (EPDK), flossen allein in den ersten drei Monaten 2009 etwa 1,2 Milliarden US-Dollar ausländischen Kapitals in Investitionen zur Energieerzeugung in die Türkei. In den kommenden Monaten werden sechs neue Windkraftanlagen mit zusammen 240 Megawatt Kapazität in Betrieb gehen. Die Behörde schätzt, dass bis 2014 rund 15 Milliarden Lira (7,1 Milliarden Euro) in die Stromerzeugung aus Windkraft investiert werden.
Zurückhaltendes Konsumklima
Der private Konsum in der Türkei hat sich 2008 unterdurchschnittlich um 0,3 Prozent erhöht und hatte mit 662 Milliarden Lira einen Anteil von 69,7 Prozent am BIP. Die Einzelhandelsumsätze liegen bei circa 150 Milliarden US-Dollar im Jahr. Die Händler versuchen der momentanen Kaufzurückhaltung insbesondere seit der zweiten Jahreshälfte 2008 mit Rabattkampagnen entgegenzuwirken. Die Preissteigerungsrate ist in den ersten Monaten 2009 erneut in den einstelligen Bereich gesunken, nachdem 2008 insgesamt ein Wert von 10,4 Prozent zu verzeichnen war. Für das gesamte Jahr 2009 erwartet die Zentralbank eine Inflation von 6,0 Prozent.


