
Fluch des Reichtums?
Katars Wirtschaft wird 2009 um fast 10 Prozent wachsen und 2010 noch einmal einen Sprung von knapp 24 Prozent machen - angesichts der anhaltenden Weltfinanz- und -wirtschaftskrise vermutlich konkurrenzlose Rekordwerte. Wesentlich dazu beitragen werden neue Flüssiggasprojekte, die in diesen beiden Jahren den Betrieb aufnehmen.
Trotz niedriger Weltmarktpreise und damit drastisch eingebrochener Exportwerte nimmt der kleine Wüstenstaat - halb so groß wie Mecklenburg-Vorpommern - weit mehr Geld ein, als er ausgeben kann. Für die deutsche Exportwirtschaft ist das Emirat vor allem wegen seiner Infrastruktur- und Wirtschaftsprojekte interessant sowie wegen des sehr kleinen, aber dank des Wohlstands aussichtsreichen Konsumgütermarktes.
Zweistellige Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts
Die katarische Wirtschaft wächst seit Jahren um meist zweistellige Raten. Treibende Kraft sind Öl und Gas. Lag der Anteil des Sektors an der Volkswirtschaft Ende der 90er Jahre bei einem Drittel, waren es seit der Jahrtausendwende durchschnittlich fast drei Fünftel. Der Grund waren die ständig steigenden Energiepreise und ein ambitioniertes Gasverflüssigungsprogramm. Mit den hohen Exporterlösen finanziert die Regierung derweil umfangreiche Infrastruktur- und Immobilienprojekte und zahlt im öffentlichen Dienst äußerst großzügige Gehälter.
Die so erhöhte Kaufkraft fließt in die Wirtschaft des Scheichtums und belebt das Geschäft. In den nächsten Jahren wird es so weitergehen. Der umfangreiche Ausbau der Gasverflüssigung wird zumindest bis 2012 fortgesetzt. Wurden 2003 rund 13 Millionen Tonnen Flüssiggas (LNG) produziert, so waren es 2008 bereits 32 Millionen Tonnen. Für 2011 liegt die Zielvorgabe bei 77 Millionen Tonnen.
Investitionen in Megaprojekte
Das kleine Scheichtum mit höchstens 250.000 Einheimischen hat nach Russland und Iran die drittgrößten bestätigten Gasvorkommen der Welt. Das North Field vor der Küste ist das größte zusammenhängende reine Gasfeld der Welt. Bliebe es bei dem Förderniveau von 2008, könnte Katar noch fast 300 Jahre davon profitieren. Hinzu kommen beachtliche Ölreserven, die - auf dem Niveau von 2008 - noch für 87 Jahre reichen.
Der immense Reichtum ermöglicht Katar den Ausbau einer modernen Infrastruktur. Und weil hierfür zunehmend mehr ausländische Arbeiter gebraucht werden, steigt wiederum die Nachfrage nach eben diesen Infrastrukturen - seit etwa fünf Jahren eine sich gegenseitig verstärkende Entwicklung. Es müssen größere Kraftwerke geplant und gebaut werden, mehr Wasserentsalzungsanlagen und mehr Straßen zu neuen Wohngebieten. Ein Autobahnring für die Hauptstadt, eine Damm- und Brückenstraße nach Bahrain, vielleicht auch eine zu den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), ein modernes Eisenbahnnetz - die Liste riesiger Projekte wird immer länger.
Wirklich neue Ideen hat Katar nicht. Das Land orientiert sich vor allem daran, was andere Länder, etwa die VAE und speziell Dubai, vormachen. Wie Dubai will Katar zu einer Logistikdrehscheibe werden. Neben den drei großen und weiter expandierenden Häfen soll noch ein vierter bei Messaieed gebaut werden. Alle drei Bauphasen kosten zusammen 16 Milliarden US-Dollar. Auch für einen neuen Flughafen wird viel Geld ausgegeben, nach letztem Kostenstand mehr als 8 Milliarden US-Dollar - doppelt soviel wie für den neuen Flughafen von Berlin-Brandenburg.
Die Liste weiterer Projekte, etwa im Wohnungs- und Bürobau, könnte fortgesetzt werden, vom »Brot-und-Butter-Geschäft« der Öl- und Gasförderung ganz zu schweigen. Alleine in den nächsten drei Jahren (2009 bis 2011) summieren sich die Budgets der begonnenen und in diesem Zeitraum noch zu beginnenden Projekte und Bauphasen auf 100 Milliarden US-Dollar.
Konsumfreudige Minderheit der Staatsbürger
Einzelhändlern bietet das Emirat hervorragende Absatzchancen. Sowohl die Zahl der Käufer als auch die Kaufkraft steigen. Von 2005 bis 2008 ist die Bevölkerung um durchschnittlich jährlich 17 Prozent gewachsen. Ursache war der Zustrom von neuen Arbeitskräften.
Am kaufkräftigsten sind jedoch die Katarer selbst, die mittlerweile eine Minderheit von höchstens 14 Prozent bilden. Durch ein ausgeklügeltes System von Beteiligungsvorschriften auch an den im Land tätigen ausländischen Unternehmen können die mächtigen Familien des Landes von allen geschäftlichen Aktivitäten profitieren. Auch Staatsbedienstete werden großzügig entlohnt. Allem Anschein nach will die Herrscherfamilie den Öl- und Gasreichtum Katars mit ihren Landsleuten teilen.
Auf die Einheimischen folgt in der Kaufkraft-Rangfolge die kleine Schicht sehr gut bezahlter ausländischer, meist westlicher Fach- und Führungskräfte, die als Manager und Berater für ein reibungsloses Funktionieren der Wirtschaft sorgen. Gering bezahlt sind hingegen Inder und Pakistaner, die etwa als Bauarbeiter je nach Bedarf ins Land geholt und auch wieder zurückgeschickt werden. Aufgrund dieser Regelung ist Katar von den typischen Problemen einer westlichen Industriegesellschaft - Arbeitslosigkeit, alternde Bevölkerung - nicht betroffen. Das wirkt sich auch auf die Verbraucherstruktur aus: Mehr als drei Viertel der Bevölkerung sind Männer, es gibt relativ wenige Kinder und kaum alte Menschen.
Petrolechemie dominiert Außenhandel
Die katarische Volkswirtschaft ist nahezu vollständig auf die Öl- und Gasexporte sowie Produkte der expandierenden petrochemischen Industrie ausgelegt. Hinzu kommt künftig auch Aluminium. Davon abgesehen dürfte sich die Außenhandelsstruktur mittel- und langfristig kaum verändern. Hauptabnehmerländer für Katars Öl und Gas sind Japan, Südkorea, Singapur und Indien.
Importiert werden vor allem Maschinen und Ausrüstungen für die verschiedenen Großprojekte sowie Konsumgüter. Die Rangfolge der einzelnen Lieferländer schwankt von Jahr zu Jahr und ist vor allem davon abhängig, welche großen Firmen bei der Vergabe wichtiger Vorhaben zum Zuge kommen. So war Frankreich 2004 mit einem Lieferanteil von 27 Prozent das wichtigste Lieferland, weil zuvor die französische Technip den Auftrag für ein großes Gasprojekt bekommen hatte. Nach letzten Zahlen (2007; auf US-Dollar-Basis) waren die USA mit einem Anteil von 11,4 Prozent das wichtigste Lieferland gefolgt von Italien (10,3 Prozent), Japan (10,0 Prozent), Deutschland (7,8 Prozent) und den VAE (7,0 Prozent).
Nach den Erhebungen des Statistischen Bundesamtes lieferte Deutschland 2008 für 1,6 Milliarden Euro Waren nach Katar, dies war 44 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Hauptausfuhrpositionen waren sonstige Maschinen mit 180 Millionen Euro, Luftfahrzeuge (171 Millionen Euro), Pkw (166 Millionen Euro), Lkw (132 Millionen Euro), Geräte zur Elektrizitätserzeugung (123 Millionen Euro), Rohre aus Eisen und Stahl (111 Millionen Euro), Pumpen und Kompressoren (105 Millionen Euro), Bergwerks-, Bau- und Baustoffmaschinen (60 Millionen Euro), vollständige Fabrikationsanlagen (51 Millionen Euro), Hebe- und Fördermittel (41 Millionen Euro), sonstige Eisen-, Blech- und Metallwaren (40 Millionen Euro), Armaturen (33 Millionen Euro) sowie Maschinen für das Papier- und Druckgewerbe (32 Millionen Euro). Die einzigen nennenswerten deutschen Importe aus Katar waren 2008 Mineralölerzeugnisse im Wert von 14 Millionen Euro.![]()


