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Auf den Schienen der Geschichte
23.02.2010

Auf den Schienen der Geschichte

von Dominik Peters / Foto: Faleh Kheiber/dpa-PA

Die Türkei hat den lange unterbrochenen Bahnverkehr mit dem Irak wieder aufgenommen. Der erste Zug, der auch auf einem Teilabschnitt der historischen Bagdadbahn verkehrt, ist am 18. Februar 2010 von Mossul aus im südtürkischen Gaziantep eingetroffen. 18 Stunden war der Zug mit 13 Passagieren an Bord unterwegs. Eine lange Zeit. Aber nichts im Vergleich zu der unendlichen Geschichte dieser sagenumworbenen Route, die einst der Stolz des Osmanischen Reichs war. Über 2500 Kilometer erstreckte sie sich. Zwei Weltkriege erlebte sie während ihrer 38-jährigen Bauzeit. Zum letzten Mal hat 1924 ein Zug die gesamte Strecke befahren.

Der erste Spatenstich für die Bagdadbahn erfolgte im Oktober 1903 – da war das Osmanische Reich nach 600 Jahren nur noch ein Schatten seiner selbst und die europäischen Großmächte lauerten auf den endgültigen Tod des »kranken Manns am Bosporus«. Die Hohe Pforte war besorgt: Sultan Abdülhamid II., der damalige Herrscher am Bosporus, wollte mit einer Eisenbahn die Provinzen in seinem Reich enger mit der Hauptstadt verbinden, um damit auch für mehr Sicherheit zu sorgen. 35.000 Arbeiter trieben die Strecke von Konya über Aleppo und Mosul bis nach Bagdad und nach einer Erweiterung sogar bis nach Basra am Persischen Golf voran.

Das Eisenband um Orient und Okzident

Über Bagdad hinaus geführt wäre diese Verbindung der schnellste Verkehrsweg zwischen Europa und dem fernen Indien geworden. Damit geriet die Bahn in den Brennpunkt der Orientpolitik der britischen Krone. Die Tatsache, dass der Herrscher am Bosporus Ingenieure des Deutschen Kaiserreiches mit dem Bau beauftragt hatte, alarmierte London zusätzlich. Das Kronjuwel des Empire schien in Gefahr.

Die Ingenieure Kaiser Wilhelms versuchten mit aller Gewalt, eine ununterbrochene Schienenverbindung zwischen Berlin und Bagdad herzustellen. Als 1908 die Jungtürken den Sultan stürzten, stoppte das gigantische Bauprojekt Bagdadbahn. Der Erste Weltkrieg verzögerte die Fertigstellung der Strecke weiter. 1918 waren zwar 2000 Kilometer Gleise verlegt, die Bagdadbahn jedoch noch weit von ihrer Vollendung entfernt: Die Schienenstränge endeten in Nasiriya, einem kleinen, heute an der türkisch-syrischen Grenze gelegenen Dorf. Erst 1940 gelang es der irakischen Regierung, die Lücke von 280 Kilometern zu schließen. Das Eisenband um Orient und Okzident war geschmiedet.

Von einem intakten Schienennetz träumt man im Jahr Sieben nach dem Sturz von Saddam Hussein auch in Bagdad und es soll rund um die Hauptstadt entstehen. Im Transportministerium spricht man vom künftigen »Herz des irakischen Bahnverkehrs«. Doch der Plan ist nicht neu: Bereits in den 1980er-Jahren war eine Ringbahn rund um die Hauptstadt vorgesehen. Nach dem Ende der Baath-Herrschaft sollen die Züge nun endlich an Euphrat und Tigris rollen.

»Es ist ein riesiges Projekt«, sagt Projektleiter Hilal al-Quraishi. Die Umsetzung werde vier Jahre in Anspruch nehmen. Das Transportministerium kündigte an, dass mit dem neuen Bahn-Netzwerk alle Linien verbunden werden würden, die in die Provinzen führen. Außerhalb Bagdads soll ein Güterbahnhof entstehen, zudem seien zwei große Passagierbahnhöfe geplant. Insgesamt solle die jährliche Kapazität bei 23 Millionen Fahrgästen und 46 Millionen Tonnen Gütern liegen. Um das Milliarden-Vorhaben zu verwirklichen, sucht die Regierung seit Januar Mitstreiter im Ausland.

Auf den Gleisen lauerte der Tod

Auch die Osmanen benötigten im vergangenen Jahrhundert Arbeitskräfte für den Bau der Bagdadbahn, ab 1914 standen sie zur Verfügung: In Istanbulhatte man beschlossen, alle Armenier aus ihren Siedlungsgebieten in Anatolien zu vertreiben. Die Entwurzelung aus ihrer Heimat sollte nicht mit einer Neuansiedlung enden, sondern im Nichts. Die Armenier hatten solange zu arbeiten, bis der Innenminister, Talat Pascha, die Massendeportationen als erfolgreich und für abgeschlossen erklärte.

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