
Katerfrühstück im Über-Morgenland
Es wird wohl ein ruhiger Jahreswechsel in Dubai. Ausländische Kamerateams sind abgereist, viele Saisongäste nicht gekommen. Auf den Baustellen drehen sich manche Kräne nur noch nach dem Wind. Weit vorangeschrittene Projekte sollen fertig gestellt werden, die Baufirmen wollen aber erst einmal Geld sehen. Mit den 10 Milliarden US-Dollar aus Abu Dhabi hat Dubai Zeit gewonnen, vielleicht kann sogar alles bezahlt werden.
Scheich Mohamed bin Rashid al Maktoum, der Herrscher Dubais, sucht nach neuen Wegen aus der Krise. Die große Show ist erst einmal vorbei. Erst hatte es einen Run auf die Sitzplätze gegeben, zweifelhafte Angebote waren in schwindelerregende Höhen geschossen. Dann aber platzten die Spekulationen, keiner wollte die Eintrittskarten mehr kaufen. Bei seiner Vorstellung musste der Herrscher eingestehen, dass er mangels Cash-flow nichts mehr aus seinem Zylinder zaubern könne, das Publikum möge sich gedulden. Als dann doch noch Sekunden vor einem drohenden Fiasko in Abu Dhabi ein weißes Kaninchen aufgetrieben werden konnte, war das Publikum zwar überrascht, die Begeisterung aber blieb aus, der Zauberer hatte seine magische Aura verloren.
Der dann doch plötzlich vom Nachbarn gekommene Geldsegen hat die ganz große Pleite für Dubai verhindern können, ein Strudel, der die anderen Emirate und Scheichtümer am Golf mit erfasst hätte. Dubai hat nun erst einmal bis April 2010 Zeit, Bilanz zu ziehen, seine Schuldenberge neu zu sortieren und einen geordneten Rückzug einzuleiten. Abu Dhabi wird sich dabei kaum auf eine Zuschauerrolle beschränken, sondern ein kräftiges Wort mitreden. Die Bitte um Zahlungsaufschub war wohl vorerst die letzte wichtige Entscheidung, die Dubais einst mächtiger Herrscher alleine treffen konnte.
Die Spekulanten sind weg, die Wirtschaft ist geblieben
Ein Schönen der Bilanz wird kaum mehr möglich sein. Die leer stehenden Immobilientürme, die keine Käufer mehr finden, die unzähligen Bauruinen, die vorerst nicht fertig gestellt werden können, Grundstücke in Insellagen, die nur in Kombination mit einem Traum wertvoll sind – alles muss wertberichtigt werden. Unter dem Strich kann so mancher Schuldner über keine ausreichenden Sicherheiten mehr verfügen. Wenn dann doch noch alles längerfristig umgeschuldet werden soll, dann wohl nur bei noch großzügigerer pekuniärer Solidarität aller nationalen Akteure und noch höheren Risikoaufschlägen internationaler Geldgeber.
Das Ende November unerwartet angekündigte Eingeständnis, nicht pünktlich zahlen zu können, gefolgt von einem Abtauchen in mehrere islamische Feiertage, war ein einziges PR-Desaster. Die Außenwirkung war verheerend: Hatten internationale PR-Agenturen mit Hilfe der Medien Dubai zu einer luxuriösen Glamourstadt und Traummetropole aus Tausendundeiner Nacht hochstilisiert, so wurde daraus über Nacht die Spekulationsruine eines von der Realität eingeholten Visionärs und aus dem umjubelten Burj Dubai ein Turm zu Babel – so sind die Medien nun mal.
Die Fehler der Vergangenheit haben sich offenbart, die große Frage ist nun, wie geht es weiter und welche Optionen sind Dubai verblieben. Priorität hat nun sicher erst einmal eine Umstrukturierung der Finanzen. Damit Hand in Hand müssen neue Strategien entwickelt werden, was mit den unverkäuflichen Immobilienburgen und Investitionsruinen geschehen soll.
Das Emirat muss sich neu orientieren
Eine Option ist es sicherlich, den Kräften des Marktes einen größeren Spielraum zu erlauben. Noch immer bewegen sich Dubais Mieten auf sehr hohem Niveau. Die morgendliche Verkehrslawine von den nördlichen Emiraten Richtung Dubai und Abu Dhabi und abends wieder zurück, gibt es nur, weil die Mieten in beiden Städten für viele nicht zu bezahlen sind. Dabei werden die Preise oft künstlich hoch gehalten: Lieber überhaupt nicht, als etwas billiger vermieten, lautet die Devise. Unter 1.000 Euro im Monat findet man eine Zweizimmerwohnung (one bedroom flat) nur in zweitklassiger Randlage wie zum Beispiel in der Einflugschneise von Dubais Großflughafen. In besseren Gegenden wird das Doppelte verlangt.
Dubai könnte verschiedene Käufergruppen für seine Immobilien neu definieren und auf die Wünsche potentieller Kunden mehr eingehen. Unter reichen Indern, Pakistanern und Iranern – der in der Vergangenheit größten Käufergruppe – gibt es viele, die einen Safe Haven, einen sicheren Altersruhesitz, suchen. Sie schätzen ihre Klubs und andere soziale Begegnungsstätten, die es in Dubai so nicht gibt. Ein garantiertes, unwiderrufliches, lebenslängliches Wohn- und Aufenthaltsrecht wäre zum Beispiel auch ein interessantes Verkaufsargument. Wer eine Wohnung zum längerfristigen Aufenthalt und nicht nur als Spekulationsobjekt kauft, wünscht sich auch eine bessere Verarbeitung, einen geringeren Energieverbrauch und bezahlbare Unterhaltungskosten – Bereiche, in denen Dubai in der Vergangenheit oft kräftig gesündigt hat.


