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Gottgefällig sparen
27.06.2004

Gottgefällig sparen

von Alfred Hackensberger / Illustration: Le Sprenger

Nach dem Anschlag auf das World Trade Center geriet das islamische Bankwesen mehrfach ins Fadenkreuz geheimdienstlicher Ermittlungen. Al Qaida und andere weltweit operierende Netzwerke sollen die Finanzierung ihrer Operationen über islamische Banken abgewickelt haben. Beträge in Millionenhöhe wurden beschlagnahmt, Konten und Fonds eingefroren.

Das islamische Banksystem, das sich in seiner knapp 40-jährigen Geschichte in einem stetigen Aufwind befand, erlitt einen enormen Imageverlust. Dabei konnte man den Banken selbst kaum etwas vorwerfen. Wer würde schon allen Ernstes der Deutschen Bank Vorhaltungen machen, weil ein Mittelsmann der RAF ein Konto eröffnete und dort die Gelder aus einem Bankraub deponierte? Diese unsichere »Investmentlage« nach dem September 2001 führte zu einer Kapitalflucht bei einem Teil der arabischen Anleger. Die Einlagen in den weltweit rund einhundert islamischen Investmentfonds sanken nach einem Rekordhoch im Jahr 2000 von geschätzten fünf Milliarden Dollar auf 3,8 Milliarden im Jahr 2001 und 3,2 Milliarden im Jahr 2002, teilte das »Institute for Islamic Banking & Insurance« mit.

Trotz dieses Einbruchs von mehr als 30 Prozent gilt das »Islamic Banking« immer noch als viel versprechende Branche, als Alternative zum traditionellen Bankensystem. Die jährliche Wachstumsrate beläuft sich auf 15 Prozent. Im Libanon, der eine liberale Bankpolitik verfolgt, vergleichbar etwa mit der der Schweiz, eröffneten zu Beginn diesen Jahres gleich zwei neue islamische Banken. Gleichzeitig installierten viele traditionelle Banken in Beirut »islamische Abteilungen«, um dem neuen Trend und den Bedürfnissen einer wachsenden Klientel gerecht zu werden. Der Libanon ist kein »arabischer Einzelfall«. Auch die britische HSBC Bank und die Citibank gründeten Departments für islamische Investitionen. Heute kann man in New York, Beirut, London oder in Riad nach islamischen Prinzipien sein Geld arbeiten lassen.

Laut der Vereinigung Arabischer Banken beläuft sich heute das gesamte islamische Vermögen von insgesamt 265 Institutionen weltweit auf rund 260 Milliarden. Die finanziellen Investitionen betragen etwa 400 Milliarden und das Bankguthaben liegt bei 202 Milliarden Dollar. Im Vergleich zum allein im Nahen Osten vorhandenes Gesamtvermögen von geschätzten 1,1 Billionen Dollar ein relativ geringer Anteil. Aber das Potenzial des Islamic Banking sei immens hoch, schreibt Trends, das »International Magazine for Arab Affairs« aus Paris: »Es gibt 1,5 Milliarden Muslime in der ganzen Welt und wenn man davon nur zwei oder drei Prozent als Kunden betrachtet, ist das ein großes Zielpublikum.« Man müsse nur Produkte anbieten, die dem »Glauben« entsprechen.

Der Glaube ist für muslimische Anleger ausschlaggebend, die religiöse Integrität entscheidend. Investiert wird auf der Basis des islamischen Rechts, der Scharia, die Zinsen und Wucher (riba), zudem Geschäfte mit Alkohol, Tabak, Glücksspiel und Schweinefleisch verbietet. Geld darf nicht gegen Zins verliehen werden, nur investiert. Der Gewinn wird durch die Beteiligung am Profit erzielt, den das Unternehmen basierend auf den Investitionen macht. Laut dem Koran kann die ursprünglich investierte Summe nur dann zurückverlangt werden, wenn sie tatsächlich auch ohne die geringsten Probleme zurückgezahlt werden kann. Diese Richtlinien erhöhen, besonders bei langfristigen Investitionen, das Risiko des Anlegers. Vorabzahlungen in Form von Zinsen gibt es nicht und unter Umständen muss man fünf oder zehn Jahre warten, bis ein Profit erwirtschaftet wird, von dem man nicht weiß, wie hoch er überhaupt ist. Dementsprechend werden kurzfristigere Anlagen bevorzugt. Die Prämisse, die Motivation ist beim Islamic Banking nicht anders als beim traditionellen, westlichen Bankensystem. Man sucht ein akzeptables Investment bei größtmöglicher Risikovermeidung. Man will Geld machen, hüben wie drüben. Die religiöse Verkleisterung gibt dem Ganzen nur einen moralischen Anstrich.

Auf Zinsen verzichten zahlt sich aus

Idealerweise basiert Islamic Banking auf dem religiös motivierten »Handeltreiben«, wobei es einen gerechten Austausch geben sollte, wie es in einem Ausspruch des Propheten Mohammed heißt: »Gold für Gold, Silber für Silber, Weizen für Weizen, Gerste für Gerste, Datteln für Datteln, Salz für Salz, Gleiches für Gleiches, Hand zu Hand, in gleichen Teilen; und jeder Zuwachs ist riba (Zins, Wucher).« Problematisch ist, dass es keine zentrale, globale Behörde gibt, die offiziell regelt, was nach religiösen Prinzipien erlaubt und was verboten ist. Islamische Finanzinstitutionen lassen sich in der Regel von einem religiösen Konsortium beraten, das den Koran, die Aussprüche und die Lebensgeschichte des Propheten interpretiert. Die fast 1400 Jahre alten Texte auf moderne Kompatibilität hin zu prüfen, ist für die islamischen Rechtsgelehrten nicht immer einfach und die Interpretationen sind von Fall zu Fall verschieden. Mittlerweile existiert eine umfangreiche Literatur zum Recht des islamischen Finanzsystems, aber ein einheitliches, übergreifendes Instrumentarium ist nicht in Sicht.

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