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»Ist das unser größtes Problem?«
07.04.2010

»Ist das unser größtes Problem?«

von Kathrin Hagemann / Foto: dpa-PA

»Sie haben sich geeinigt«, verheißt die Überschrift – aber worauf genau sich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan vergangene Woche geeinigt haben, und um welche konkreten Modelle es bei den von Erdoğan geforderten »türkischen Gymnasien in Deutschland« geht, ist den türkischen Zeitungen genauso unklar wie den deutschen. Während die Notwendigkeit türkischen Sprachunterrichts auch an Schulen in Deutschland unterstrichen wird, hagelt es Kritik am Vorstoß des Ministerpräsidenten.

»Es zeigt sich, dass die in Ankara vor dem Treffen mit Merkel nicht die Meinung der Türken in Deutschland eingeholt haben«, stellt Melih Aşık in der Milliyet fest. »Dass die Unseren in Deutschland Gymnasien eröffnen wollen – ist das eigentlich unser größtes Problem, oder das größte Problem der jungen Leute in Deutschland?« Er zitiert den Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), Kenan Kolat: »Die Einführung von Türkisch als zweite oder dritte Fremd- und Prüfungssprache im deutschen Bildungssystem, oder die Inakzeptabilität von Türkischverboten in den Pausen hätten zur Sprache kommen müssen. Schade, dass die Zeit durch thematisch so eingeschränkte Diskussionen verschwendet wurde.«

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Meinung der deutschen Türken nicht berücksichtigt

Noch schärfere Worte kommen vom Dänemark-Korrespondenten der Hürriyet Ünsal Turan: »Beim Vorstoß Erdoğans kam heraus, dass er von den bereits existierenden türkischen Schulen in Deutschland gar nichts wusste – zum Beispiel der Aziz-Nesin-Schule in Berlin. Im Prinzip widersetzen sich die europäischen Länder türkischen Schulen nicht.« Weiter heißt es: »Die Türken in Deutschland widersetzen sich diesen Schuldebatten und beschuldigen Erdoğan, auf ihrem Rücken Politik zu betreiben. Ich finde, sie haben Recht.« Er beschuldigt Erdoğan, durch türkische Gymnasien den Anschluss an die von der islamistischen Fethullah Gülen-Bewegung betriebenen Grundschulen zu suchen und so seinen eigenen politischen Nachwuchs heranziehen zu wollen.

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Von vielen Kolumnisten wird die Debatte als bloßer Sturm im Wasserglas eingestuft: »Weder wünscht sich die in Deutschland sesshafte türkische Bevölkerung Schulen, die ihre Kinder von der Kultur der Gesellschaft entfernen, in der zu leben sie sich entschieden haben – noch erlauben die deutschen Behörden einem fremden Teil der Bevölkerung, sich selbst zu reproduzieren und von der Gesellschaft zu entfernen, an der sie produktiv teilhaben sollten. Also war Erdoğans Bestehen auf türkische Gymnasien eher ein taktischer und emotionaler Versuch, nach der Enttäuschung höherer Erwartungen noch etwas herauszuschlagen«, urteilt Doğu Ergil in der englischsprachigen Today's Zaman.

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In der Milliyet wiederum meint Semih İdiz: »Indem er den Begriff der Gegenseitigkeit in die Debatte einbrachte – auf die deutschen Gymnasien bei uns verweisend – hat Ministerpräsident Erdoğan Merkel eher einen Gefallen getan. Denn wenn in Deutschland so viele türkische Gymnasien eröffnet werden wie es deutsche Gymnasien in der Türkei gibt, dann stört das niemanden.« Eine der Größe der türkischsprachigen Bevölkerung angemessene Anzahl an Gymnasien zu eröffnen, sei jedoch unmöglich. Insofern scheine es, als sei es nicht Merkel, sondern Erdoğan, der letztendlich in der Frage zurückgerudert sei.

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