
Kein Turmbau zu Basel
Das Anti-Minarett-Votum der Schweizer ist am Dienstag zwar Thema zahlreicher Kommentare auf den Meinungsseiten der arabischen Zeitungen. Gleichwohl findet das Ergebnis der Volksabstimmung nicht den großen Widerhall, den man in Europa vielleicht erwarten würde. In den meisten Blättern ist Dubais Schuldenkrise das beherrschende Thema, Saudi-Arabiens Presse liefert Lobeshymnen an den König für den reibungslosen Ablauf der gerade beendeten Hadsch und in Ägypten steht weiterhin der Konflikt mit Algerien im Mittelpunkt der Leitartikel und Kommentare.
Die in London erscheinende panarabische Zeitung al-Quds al-Arabi macht das Schweizer Minarett-Verbot zum Thema ihres Editorials. Unter der Überschrift »Wachsender Rassismus gegen Muslime« konstatiert das Blatt, das Ergebnis spiegele eine wachsende Intoleranz und Feindschaft gegenüber dem Islam in Europa wider. »Das ist sehr ernst, besonders weil die Gründe, die von den rechten Schweizer Parteien gegen den Bau von Minaretten vorgebracht wurden, nicht überzeugen. Sie sind irrational und enthüllen faschistische Tendenzen, die absolut inkompatibel mit dem europäischen Erbe der Toleranz und des Respekts gegenüber anderen Religionen und Kulturen sind.« Das Votum sei auch das Ergebnis einer verzerrten Medienberichtserstattung in Europa, die die Angst vor dem Islam schüre.
Der Kommentator führt fort: »Dieser Trend einer wachsenden Feindschaft gegenüber Muslimen in Europa ist vollkommen unvereinbar mit den Vorwürfen gegenüber den muslimischen Gemeinschaften, laut denen sie eine Integration in die europäischen Gesellschaften ablehnten. Sie drängt sie in die Isolation der geschlossenen ›Ghettos‹ am Rande der Städte und macht es leicht für radikale islamistische Gruppen und Organisationen, junge Muslime für Gewalt- und Terrorakte zu rekrutieren. Dieses Abstimmungsergebnis, das den Hass gegenüber Muslimen und ihrem Glauben widerspiegelt, ist ein Geschenk für Organisationen wie al-Qaida, da es ihnen für ihre Werbekampagne dient, in der sie Europäer und Amerikaner als Angriffsziele für den Islam und Muslime darstellt«
www.alquds.co.uk
Kampfansage aus Libyen
Noch unversöhnlicher äußert sich Abdul Razaq al-Dahish in al-Jamahiriya aus Libyen – jenem Land, mit dem die Schweiz seit über einem Jahr im diplomatischen Clinch liegt und das noch immer zwei Schweizer Geschäftsleute festhält. Mit dem Votum, so der Kommentator, habe die Schweiz die friedliche Koexistenz der Religionen und Kulturen aufgehoben. Das Verbot der Minarette sei da nur ein erster Schritt, ist Dahish überzeugt. Als nächstes folge vermutlich das Verbot sämtlicher Moscheen, bevor als dritter Schritt das Verbot des islamischen Glaubens folge. Die Muslime hingegen werden auch weiterhin den Bau von Kirchtürmen in ihren Ländern gestatten und ihren Söhnen und Töchtern weiterhin die Namen von Jesus, Maria und Moses geben. Aber, so gibt sich der Autor entschlossen: »Auch wenn dieser Biss der Schweizer aus einem Land kam, das nur auf Grund einer politischen Gaunerei gegründet wurde, müssen wir daran erinnern, dass es mehr als 1,5 Milliarden Muslime mit Zähnen auf der Welt gibt.« Indirekt fordert Dahish schließlich zu einem Boykott Schweizer Banken, die ohnehin das größte Werkzeug zur Finanzierung des Terrorismus seien, sowie zum Stopp der Erdöl-Exporte in den Alpenstaat auf.
www.aljamahiria.com
Die Zeitung al-Raya aus Qatar ist überzeugt, dass das Referendum keine Ablehnung von Minaretten sondern eine Ablehnung des Islam bedeute: »Die Wahrheit ist, dass die europäischen Nationen nicht bereit sind, Andere und die Rechte Anderer zu akzeptieren. Obwohl sie eifrig dabei sind, die Demokratie in der Welt zu verbreiten und von Immigranten, besonders den Muslimen in ihren Gesellschaften, die Integration zu verlangen, wie kann es sein, dass Rassismus und Hass in diesen Gesellschaften latent vorhanden sind?« Das Votum der Schweizer sei nicht die erste und bliebe nicht die letzte Abwertung des Islam in Europa. Der Kommentator erinnert an die Muhammad-Karikaturen und die Schändung muslimischer Friedhöfe in Europa. »Das Ergebnis des Referendums, das den Bau von Minaretten in der Schweiz verbietet, ist ein Alarmsignal. Es zeigt, dass sich die europäischen Völker in Richtung Hass und Extremismus bewegen. Ebenso erhöht es die Angst um die Sicherheit der muslimischen Gemeinschaft in Europa, solange die Europäer den Islam und seine Symbole bekämpfen.«
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Enttäuschung über Vorbild Schweiz
Sati Nur ad-Din, beklagt in seinem Kommentar für das links-säkulare libanesische Blatt al-Safir, dass die Entscheidung der Schweizer einen Rückschlag für das Verhältnis von Islam und Christentum bedeute. Der Autor äußert sein Unverständnis darüber, dass in einem Land in dem es nur 110 Moscheen und gerade einmal vier Minarette gebe, der Bau von Minaretten überhaupt als Invasion oder Bedrohung der Schweiz verstanden werden könne. »Wahrscheinlich wird die Entscheidung nicht derartige Proteste hervorrufen, wie es sie vor einigen Jahren gegen die dänischen Karikaturen gab und es wird keine Fatwas gegen die Führer der Schweizerischen Volkspartei geben«, gibt sich der Kommentator überzeugt. Gleichwohl rücke das Referendum die Schweiz in ein schlechtes Licht. Dabei sei die Schweiz ein Land, dessen Konzept der Neutralität und des Multilateralismus für viele Muslime ein Vorbild sei.
www.assafir.com
Auch Khalil Hussein, Professor an der Libanesischen Universität, weist in seinem Meinungsartikel für die in den Vereinigten Arabischen Emiraten erscheinende al-Khaleej auf dieses Paradoxon aufmerksam: »Das Überraschende an diesem Fall ist die Tatsache, dass in einem Land, das für andere Staaten mit ethnischen und religiösen Konflikten stets ein Vorbild war, die rechten Kräfte soviel Unterstützung in einem Thema von so großer Sensibilität erhalten konnten. Was sind die wahren Gründe dafür? Liegt es an der Propaganda oder sind politische Gründe der Auslöser für dieses Verhalten gegenüber Muslimen und dem Islam?« Die Gewalt gegenüber Ausländern in Deutschland und Osteuropa nach dem Zerfall des Sowjet-Blocks habe hauptsächlich wirtschaftliche Gründe gehabt, in diesem Fall gebe es jedoch offenbar religiöse Vorbehalte gegen den Islam, so Hussein weiter. »Es gibt ohne Zweifel eine schwere Krise im Verhältnis zwischen den westlichen Gesellschaften und den Muslimen innerhalb und außerhalb dieser Gesellschaften. Das größte Problem ist das Fehlen einer Stimme der Vernunft und des Dialogs, um klarzumachen, was von einer Beziehung zwischen Religionen und Kulturen erwartet wird.«
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