
»Kein politischer Prozess«
Der rassistisch motivierte Mord an Marwa al-Sherbini, der Anfang Juli in den Räumen des Dresdner Amtsgerichtes stattgefunden hatte, zog in der arabischen Welt ein enormes Medienecho nach sich. Kommentatoren warfen deutschen Medien und der Regierung vor, das Verbrechen ignoriert und heruntergespielt zu haben. Der Fall wurde stets im Kontext anderer islamfeindlicher Vorkommnisse in Europa bewertet und als Anzeichen für eine generelle Fremdenfeindlichkeit Deutschlands interpretiert. Entsprechend groß war das Interesse an der Urteilsverkündung, von welcher auch viele Vertreter arabischer Medien live berichteten. Die Verurteilung des Täters zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung wurde überwiegend positiv aufgenommen.
Die in Dubai ansässige Tageszeitung Gulfnews befindet, das Urteil »werfe gutes Licht auf die deutsche Justiz«. Diese war von arabischer Seite mehrfach für ihr langsames Vorgehen kritisiert worden. Das Urteil werde »hoffentlich (...) helfen, rassistisch motivierte Straftaten neben Deutschland auch an anderen Orten zu stoppen.« Jedoch merkt der Autor ebenfalls an, dass eine Diskussion darüber, wie Integration funktionieren könne, dringend von Nöten sei. Nur dies könne das friedliche Zusammenleben der Kulturen ermöglichen.
www.gulfnews.com
Die ebenfalls in den VAE erscheinende Tageszeitung Khaleej Times hingegen erwähnt in ihrer Berichterstattung zur Urteilsfindung einen Nachbarn der Getöteten, der das Urteil als zu milde empfindet: »Sie starb, aber er ist noch am Leben.«, so die Reaktion aus Ägypten. Der Zeitung zufolge sei dies die überwiegende Reaktion der in al-Sherbinis Heimatort Alexandria befragten Anwohner gewesen. Daneben weist die Zeitung darauf hin, dass eine öffentliche Entschuldigung von Seiten der Bundeskanzlerin ausgeblieben sei und »die meisten zu lebenslänglich Verurteilten nach fünfzehn Jahren berechtigt sind, entlassen zu werden.«
www.kaleejtimes.com
Um diese Vorwürfe zu entkräften, gab der ägyptische Botschafter in Deutschland, Ramzy Ezzeddin Ramzy, kurz nach dem Ende des Prozesses eine Erklärung ab, in der er das Urteil begrüßte und darauf verwies, dass die verhängte Strafe nach deutschem Recht Höchststrafe sei. Eine identische Reaktion zeigte auch die ägyptische Regierung. Die in London erscheinende Zeitung al-Sharq al-Awsat zitiert am 12. November den Sprecher des Außenministeriums, Hossam Zaki, mit den Worten, das Urteil sei »eine Warnung an jene, die von Hass getrieben sind.«
www.aawsat.com
Manche Journalisten können der Eskalation der vergangenen Monate, die das Verhältnis zwischen Deutschland und Ägypten belastet hatte, jedoch auch positive Aspekte abgewinnen. Der Herausgeber der ägyptischen Kulturzeitschrift Akhbar al-Adab, Gamal Al Ghitani, sprach mit ZDF-Korrespondentin Julia Gerlach über seine Gedanken sowohl zum Urteil, als auch zum Prozess selbst: »Durch die Krise um Marwa hat man in Deutschland mehr über Ägypten erfahren und anders herum ebenfalls. Wir wissen jetzt, dass wir gemeinsam etwas gegen Radikalismus unternehmen müssen - in beiden Ländern.«
www.akhbarelyom.org.eg/adab/
Für Welt-Online-Redakteur Michael Miersch ist das Verbrechen das Ergebnis gescheiterter Integration – in diesem Falle eines Russlanddeutschen – und nicht einer »angeblich islamfeindlichen Stimmung in der bundesrepublikanischen Gesellschaft.« Die deutschen Muslime hätten dies begriffen, da sie sich nicht für den »Unsinn« des ägyptischen Botschafters haben einspannen lassen. Dieser wird von Miersch heftig dafür kritisiert, im Vorfeld des Urteils durch sein mediales Auftreten politischen Druck aufgebaut und nach der Urteilsverkündung sein Engagement für eine lebenslängliche Strafe hervorgehoben zu haben. Für den Autor ein »peinlicher Mangel an demokratischem Bewusstsein.« Ramzy hatte auf einer Pressekonferenz am 26. Oktober geäußert, dass er von den deutschen Behörden einen fairen Prozess erwarte. Dem entgegnete Richterin Birgit Wiegand vor Prozessbeginn, es handle sich um »keinen politischen Prozess.«
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