
Kriegsherd Somalia: Warten auf die regionale Katastrophe
Somalia ist gegenwärtig der einzige Ort auf der Welt, wo eine ganz offensichtlich radikal-fundamentalistische islamische Miliz einen sicheren Hafen hält. Es ist ein Schauplatz im Kampf gegen den Terrorismus, bislang aber ein unsichtbarer. Und anders als etwa in Afghanistan, im Irak oder in Pakistan misslingt in Somalia allein schon der Versuch, eine Zivilgesellschaft zu entwickeln, und existiert nicht mal ein Staat, der für ein Mindestmaß an sozialer Gerechtigkeit sorgen könnte – trotz der Milliarden US-Dollar, der diplomatischen Aufmerksamkeit und der Friedensbemühungen.
Somalia war bereits ein gescheiterter Staat, als es schon wieder scheiterte. Über Jahrzehnte hinweg blieben Konflikte ungelöst und von ausländischen Mächten unterstützt, bis auch noch das letzte Überbleibsel eines Staats verschwand. Seit dem Zusammenbruch des Regimes von Mohamed Siad Barre 1991 ist Somalia ein Muster von Not und Gewalt: knallhart, kampferprobt, verzweifelt. Von den Eliten verlassen, leben in dem Land Zwanzigjährige, die mit dem Krieg aufgewachsen sind und der ihnen zur Notwendigkeit wird; Menschen, die sich den endlosen Fortsetzungen des Krieges anpassen müssen und eine funktionierende Regierung so wenig kennen wie Schulen und Theater. Google findet zu Somalia einen Haufen schlechter Beiwörter: Piraterie, Steinigungen, islamistischer Terror, Kindersoldaten, Anarchie.
Seit einem Jahr ist die brüchige somalische Übergangsregierung unter Präsident Sharif Sheikh Ahmed im Amt und reibt sich in einem Bürger- und Stellvertreterkrieg mit der aufständischen islamistischen Shabaab-Miliz auf. Ohne die finanzielle und militärische Unterstützung durch die USA und ohne die 6000 Mann starken Friedenstruppen der Afrikanischen Union (AMISOM) könnte die Übergangsregierung nicht überleben. Mit ihrer Hilfe kontrolliert die Regierung gerade einmal den Präsidentenpalast, den Hafen und einige Straßenzüge in Mogadischu. Präsident Ahmed hat die Kontrolle über weite Teile des Landes an die Shabaab verloren.
Ein blutiger Ausfallschritt
Heute befindet sich Somalia in einem stetigen Prozedere, das kafkaesker nicht sein könnte: Vor und zurück geht es in Mogadischu; die islamistischen Rebellen kommen bis auf eine Meile an den Präsidentenpalast heran, dann kommen die Friedenstruppen den schlecht ausgebildeten und bezahlten Regierungssoldaten zur Hilfe und treiben die Aufständischen wieder zurück. Vor und zurück; es gibt keinen Sieger in dieser Auseinandersetzung. Die Bevölkerung wird zum leidtragenden Zeugen der Schießereien zwischen den Regierungstruppen und viel zu oft Opfer der Granatenbeschüsse auf die vermuteten Stellungen der Shabaab.
Vor kurzem tat Somalias Bürgerkrieg einen Ausfallschritt. Zwei blutige Anschläge auf die ugandische Hauptstadt Kampala mit über 70 Toten könnten eine politische Dynamik in Gang setzen, deren Logik nur zu gut an den weltweiten Krieg gegen den Terror nach dem 11. September 2001 erinnert, und sich zu einer verheerenden politischen Affäre am Horn von Afrika ausweiten könnte. Bislang operierten die Shabaab nur innerhalb Somalias – abgesehen von vereinzelten Scharmützeln entlang der Grenze zu Kenia. Somalia implodierte innerhalb seiner Grenzen und der Bürgerkrieg griff nicht auf die Nachbarländer über.
Die Shabaab bedienten sich in ihrem puritanisch-totalitären Geist einer globalen Rhetorik; sie zogen sich den Mantel des Islam über, luden Osama bin Laden medienwirksam nach Somalia ein und verkündeten offiziell, Verbündeter von al-Qaida zu sein. So rekrutierte die Gruppe sogar mehr Kämpfer selbst aus den USA als jede andere Gruppe im losen Netzwerk der al-Qaida, und wurde zum bevorzugten Ziel für hunderte dschihadistische Möchtegernkämpfer. Sie importierte den Terror, trug ihn aber nicht nach außen.
Am Tag nach dem Blutbad in der ugandischen Hauptstadt am 11. Juli bekannte sich ein Sprecher der Shabaab zu den Anschlägen und warnte, dass diese erst der Beginn von weiteren Anschlägen auf Uganda und Burundi wären, zögen sich die afrikanischen Friedenstruppen – deren Kontingent burundische und ugandische Soldaten stellen – nicht aus Somalia zurück. Das war nicht nur eine unmissverständliche Warnung, sondern auch ein kaltblütiger Beweis für die Fähigkeit der Gruppe, ihren Kampf über die Grenzen zu tragen.




