
Mit Gewalt gegen die Hoffnungslosigkeit
Am Wochenende versammelten sich an die zehntausend Trauernde an der Gedenkstätte Ata Beit, um die Opfer der blutigen Zusammenstöße zwischen den Sicherheitskräften und Demonstranten beizusetzen. Auch wenn die Demonstranten in einem Ausbruch verzweifelter Wut die Regierung Bakijew in die Flucht schlagen konnten, endeten die Krawalle für mindestens 81 Menschen tödlich, weitere geschätzte 1600 wurden verletzt, teilweise lebensgefährlich. Weinende Frauen und schwarzgekleidete Männer sind auf den Bildern der Gedenkfeier zu sehen, während der Strom fahnengeschmückter Särge nicht abzureißen scheint. Die Gedenkstätte, auf der auch der Schriftsteller Tschingis Aitmatow seine letzte Ruhe gefunden hat, gleicht einem umgepflügten Acker, so viele Gräber mussten ausgehoben werden.
Auch Roza Otunbajewa ist unter den Trauernden. Die Vorsitzende der Interimsregierung versucht, ihren Worten an das Volk Hoffnung zu verleihen und wirbt um Unterstützung für einen neuen Demokratisierungsversuch. Ihre Worte klangen schon einmal Hoffnung versprechend. Im Jahr 2005 war Otunbajewa unter den Führungsfiguren der »Tulpenrevolution«, deren Ergebnis Demokratie versprach und einen Despoten im Schafspelz an die Macht brachte: Kurmanbek Bakijew. Dieser verwandelte sich in den letzten fünf Jahren in einen despotisch regierenden Autokraten, der Nepotismus, Willkürherrschaft und Clanwirtschaft der Demokratisierung vorzog.
Nun sitzt er in seiner Heimatstadt Jalalabad, wo er weiterhin breite Unterstützung genießt, und sich weigert zurückzutreten. Gespräche zwischen der Interimsregierung und Bakijew wurden anscheinend bereits aufgenommen, der vertriebene Präsident droht jedoch öffentlich mit einem Blutbad, sollte jemand auf die Idee kommen, ihn anzugreifen.
Mit weißer Weste an der Spitze
Seine heutige Gegenspielerin Otunbayeva war Außenministerin und Botschafterin ihres Landes in Großbritannien und den USA. Die 59-Jährige gilt als neutrale Figur, auch wegen ihrer jahrelangen Abwesenheit, und scheint eine weiße Weste zu haben. Die ehemalige Expertin in Marxismus-Leninismus erscheint heute als Fürsprecherin der Demokratie. Sie selbst genießt Glaubwürdigkeit, doch ob ihre Integrität ausreicht, um die zersplitterte Opposition im Kampf gegen das Regime Bakijew zusammenzuhalten, bleibt abzuwarten.
Obwohl die Sicherheitskräfte, die Armee und die Polizei der Übergangsregierung Loyalität zugesichert haben, ist Kirgisien zerspalten und zerfällt in regionale und Clan-Loyalitäten. Bakijew kann sich unter seinen Leuten im Süden zunächst wohl sicher fühlen. Zumindest wies er das sichere Geleit ins Ausland ab, welches ihm Otunbajewa anbot. Sofort schlägt die neue Regierung andere Töne an und beginnt, gegen Bakijew und seine Familienmitglieder zu ermitteln. Ihnen wird versuchter Mord und Mord angelastet. Gegen seine Söhne Maksim und Marat laufen bereits Verfahren, und auch sein Bruder Janysh – Chef des Sicherheitsdienstes und Leibwächter des Präsidenten – wird gesucht. Der Aufenthaltsort der drei Bakijews ist bisher jedoch unbekannt.
Geostrategischer Mittelpunkt aber ökonomischer Randbezirk
Kirgisien ist ein armes Land, in dem die Bevölkerungsgruppe der Kirgisen die Mehrheit stellt, jedoch auch große usbekische und russische Minderheiten leben. Kleine Gruppen von Uiguren, chinesischen Muslimen, Ukrainern und anderen ethnischen Minderheiten bevölkern außerdem die von Hochgebirgen und unzugänglichen Tälern geprägte Republik. In einem erstaunlich offenherzigen Schachzug hat die damalige Regierung Kirgisiens im Jahr 2000 Russisch zur zweiten Staatssprache ernannt. Hiermit ließ sich zumindest der sprachliche Assimilierungsdruck von den Schultern der Minderheiten nehmen.
In Kirgisien gibt es keine nennenswerten Bodenschätze und die Grenzziehung mit Usbekistan, Tadschikistan und Kasachstan ist bis heute umstritten. Aus dem Ferghana-Tal strömen radikal-muslimische Gruppierungen ins Land, vor allem seitdem der usbekische Präsident Islam Karimov brutal gegen die islamistische Opposition vorgeht. Gleichzeitig ist die zentralasiatische Republik Kirgisien das einzige Land auf der Erde, welches sowohl eine russische als auch eine amerikanische Militärbasis beherbergt – und beide Staaten haben die Übergangsregierung unter Otunbayeva anerkannt.





