
Jenseits des Ararat ist alles relativ
Es sind wieder einmal widersprüchliche Nachrichten, die uns aus dem Dauerkrisengebiet Kaukasus erreichen. Nachdem im März bekannt wurde, dass die armenische Armee im großen Stil Reservisten zu Übungen einberufen hatte, vollzog Armeniens Präsident Serge Sarkisian dieser Tage einen unerwarteten Schachzug. Er bot seinem Amtskollegen in Baku ganz offen einen Abzug seiner Truppen aus den sieben besetzten aserbaidschanischen Distrikten um die mehrheitlich armenisch besiedelte Exklave Berg Karabach an, sollten die von Aserbaidschan versprochenen Autonomierechte der dort lebenden Armenier entsprechend gewahrt werden. Armenien würde so nur Berg Karabach selbst weiterhin kontrollieren, sowie einen Korridor, der die Region mit dem Mutterland verbindet.
Alles deutet darauf hin, dass die Gerüchte um eine bevorstehende aserbaidschanische Offensive zur Rückeroberung Karabachs nicht ganz von der Hand zu weisen sind. Letztlich überrascht dies kaum mehr jemanden. In Aserbaidschan glaubt zwar ein Großteil der Bevölkerung, ein Krieg zur Rückeroberung sei gut und gerecht, doch ein etwas kleinerer Teil hält die Worte der Regierung für Prahlerei, die Armee für dilettantisch und hält sich daher lieber heraus. Einige wenige sprechen sich für eine friedliche Lösung aus.
Hinter verschlossenen Türen geben allerdings viele zu, dass das Zusammenleben mit den Armeniern damals zu Sowjetzeiten eigentlich ganz gut geklappt habe. Die Verletzungen sitzen jedoch tief. Auch ein Dilemma der Kriegspropaganda, welche mehr als 15 Jahre nach dem Waffenstillstandsabkommen fast schon lächerlich wirkt. Die Armenier indessen glauben fest an ihre eigene militärische Überlegenheit.
Säbelrasseln um Karabach
Auch wenn der Ölreichtum des Landes Devisen nach Aserbaidschan spült, mit denen sich prima Waffen kaufen lassen: Solange die Soldaten weiterhin mehr schlecht als recht in ihren Kasernen untergebracht sind, Skandale über Gewaltexzesse in der Armee immer wieder über Youtube und andere Internetforen die Runde machen und die Hubschrauberpiloten lieber das Kerosin für ihre Trainingsflüge verkaufen, als den Ernstfall zu proben, haben die Armenier nur wenig zu fürchten. Höchstens die Leichtsinnigkeit der aserbaidschanischen Regierung, die jede größere Legitimationskrise zum Anlass für einen Feldzug nehmen könnte.
Anders sieht die Lage auf der anderen Seite des Kaukasus am Berg Ararat aus. Hier eröffnet sich ein ganz anderes Schlachtfeld, in welchem Aserbaidschan unfreiwillig nur eine kleine Nebenrolle spielt. Zwar ist das Verhältnis zwischen Aserbaidschan und der Türkei deutlich abgekühlt, seitdem die Türkei und Armenien sich um die Etablierung diplomatischer Beziehungen bemüht haben. Das behindert auch die Gespräche über die Sicherheit der Nabucco-Gaspipeline, die bisher noch in der Planungs- und Beschlussphase steckt. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass der neueste verbale Fehltritt des türkischen Ministerpräsidenten in direkter Verbindung hierzu steht.
Erdogan hat als Reaktion auf die Resolutionen, mit denen im März sowohl schwedische als auch amerikanische Parlamentarier die osmanischen Zwangsdeportationen von Armeniern als Genozid verurteilen, ein hartes Vorgehen gegen armenische Staatsbürger in der Türkei angekündigt. Wenn die armenische Lobby im Westen gegen die Türkei mobil mache, so könne er nachziehen und gegen die Armenier im eigenen Land vorgehen, liess er verlauten. Wie er zwischen hinauszuwerfenden Gästen und türkischen Passinhabern unterscheiden wolle, liess er allerdings offen.
Zu Recht erntete er Spott von Seiten der türkischen Zeitung Hürriyet, die in einer Vertreibung anlässlich des Vorwurfs der Vertreibung den Hohn der Geschichte erkennt. Erdogans Verbalattacken führten zu Protesten im Land, bei denen der Premier sich Vergleiche mit dem für die Deportationen verantwortlichen Jungtürken Talaat Pascha gefallen lassen musste.





