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»Wir haben erhebliche Probleme«
27.05.2009

»Wir haben erhebliche Probleme«

von Andreas Flocken / Foto: Syed Jan Sabawoon/dpa-PA

Die Lage in Afghanistan hat sich erheblich verschlechtert. Die neue Regierung in Washington hat vor diesem Hintergrund das Vertrauen in den Befehlshaber der ISAF-Truppen David McKiernan verloren, so dass Pentagonchef Gates überraschend die vorzeitige Ablösung des amerikanischen Vier-Sterne-Generals angekündigt hat. Ein Schritt, der deutlich macht, dass vieles am Hindukusch schief läuft. Der Deutsche Egon Ramms ist in der Nato Befehlshaber des Allied Joint Force Command im niederländischen Brunssum. Dieses Kommando ist für den Nato-Einsatz in Afghanistan verantwortlich. Und insofern ist Ramms auch der Vorgesetzte des abgesetzten US-Generals McKiernan.

Andreas Flocken: General Ramms, warum greift die von Präsident Obama verkündete neue Afghanistan-Strategie noch nicht?

Egon Ramms: Ich glaube die Erwartungshaltung, davon auszugehen, dass eine Strategie, die durch den Präsidenten, vor etwa vier, fünf Wochen entschieden worden ist, innerhalb von einigen wenigen Wochen in Afghanistan durchschlägt, wäre einfach zu hoch. Vielleicht eine Anmerkung von meiner Seite zusätzlich noch dazu: die Strategie ist eigentlich gar nicht so komplett neu. In gewisser Weise können sich mein Headquarter und die Mitarbeiter in meinem Headquarter an die Brust klopfen. Wir haben bereits vor etwa anderthalb Jahren mit diesem Ansatz, mehr im zivilen Bereich zu tun, angefangen. Weil wir uns bewusst sind, dass die militärische Aufgabe, die wir in Afghanistan erfüllen, bestenfalls 20 Prozent ausmacht. Und der andere Teil muss von ziviler Seite geleistet werden. Und zwar in allen Bereichen der afghanischen Regierung, der afghanischen Wirtschaft, und auch in weiteren Bereichen.

Es muss mehr im zivilen Bereich getan werden. Kürzlich berichtete aber die New York Times, dass die USA inzwischen auf Posten, die eigentlich für Zivilisten vorgesehen waren, nun Soldaten einsetzen, weil diese Zivilisten, die man dringend benötigt, nicht verfügbar sind. Konterkariert das nicht diesen Comprehensive Approach, der den Schwerpunkt auf den zivilen Aufbau legt?

Also ich halte durchaus auch Soldaten befähigt, bestimmte Aufgaben im zivilen Bereich zu übernehmen, solange sie dieses nicht mit einem militärischem Ansatz tun, sondern sich auf die zivile Aufgabe konzentrieren. Wir haben in Afghanistan auch andere Situationen, wo wir uns, ich sag mal, Hilfe suchend nach zivilen Organisationen umsehen, die im Lande nicht verfügbar sind, so dass Soldaten diese Aufgaben heute auch schon mal übernehmen, weil kein anderer da ist.

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Egon Ramms

wurde 1948 in Datteln, Westfalen geboren. 1968
begann er seine Laufbahn bei der Bundeswehr,
die ein Maschinenbau-Studium einschloss. 2007
übernahm der Karriere-Generalstabsoffizier das
Kommando über das Allied Joint Force Command
Brunssum in den Niederlanden.


Die USA stocken massiv ihre Truppen auf. Zum Jahresende werden fast 70.000 US-Soldaten in Afghanistan sein. Wenn man noch die anderen ISAF-Truppen dazu zählt, dann kommt man ja fast auf 100.000 ausländische Soldaten in Afghanistan. Das ist ja schon fast so viel wie damals die Sowjetunion in Afghanistan stationiert hatte. Da erweckt man in der Öffentlichkeit den Eindruck, dass zwar offiziell der zivile Aufbau gestärkt wird, aber gleichzeitig stärkt man auch die militärischen Fähigkeiten.

Also die Tatsache, dass wir die militärischen Fähigkeiten in einigen Bereichen hochfahren müssen, ist einfach der Tatsache geschuldet, dass wir in einigen Bereichen - im Süden und im Osten - mit den »Opposing militant forces« oder den Taliban, wie sie allgemein genannt werden, erhebliche Probleme haben. Wir können jetzt darüber diskutieren, ob das nur Taliban sind, oder möglicherweise auch Drogenkriminalität und andere Dinge mehr. Von daher brauchen wir die militärischen Fähigkeiten. Denn wir müssen das Vertrauen der afghanischen Bevölkerung gewinnen, damit die afghanische Bevölkerung uns weiter unterstützt. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass dort, wo wir reingegangen sind und den Bereich wieder verlassen haben, die afghanische Bevölkerung die Beziehung zu uns im Prinzip abgebrochen hat - weil sie kein Vertrauen in uns hat, dass wir sie weiter schützen und weiter unterstützen können. Und das sind dann schlechte Voraussetzungen auch für den weiteren zivilen Aufbau. Damit weise ich gleichzeitig auf die starke Abhängigkeit zwischen der Sicherheit auf der einen Seite und dem zivilen Aufbau sowie der entsprechend ausgeprägten Regierungsfähigkeit im Lande hin. Hier gibt es eine sehr enge Verkettung. Und ich sage mal: aus militärischer Sicht stehen wir in diesen drei verschiedenen Linien, die wir dort verfolgen, nicht an der letzten Stelle.

Es gibt regelmäßig immer wieder Berichte über Luftangriffe mit vielen zivilen Opfern. Und immer wieder beteuern die zuständigen Militärstellen in Afghanistan, alles werde getan, um die Verluste in der Zivilbevölkerung zu verhindern oder so gering wie möglich zu halten. Aber offenbar greifen diese Sicherheitsmaßnahmen nicht.

Also das Problem dieser Luftangriffe liegt auch darin, dass wir zu wenig Truppen haben, die als Reserven oder auch im reinen Landeinsatz eingesetzt entsprechend die Taliban bekämpfen können. Wir müssen oft sehr früh, Luftunterstützung anfordern, um Soldaten etwa in Zugstärke, die angegriffen worden sind, aus bestimmten Bereichen wieder rauszukriegen. Auf der anderen Seite kann ich Ihnen nicht widersprechen, dass diese zivilen Verluste, die wir in Afghanistan haben, auch aufgrund von Luftangriffen, natürlich dafür sorgen oder die Auswirkung haben, dass das Ansehen unserer Truppen in Afghanistan erheblich leidet - auch bei unserer eigenen Bevölkerung. Allerdings muss man auch daran denken, dass in diesem Bereich die Berichterstattung ein bisschen schief liegt. Ich möchte da zwei ganz junge Ereignisse nutzen. Nämlich einmal, was am 5. Mai passiert ist: In der Provinz Farah ist über erhebliche zivile Verluste berichtet worden. Interessanter weise gingen die Talibansprecher sehr schnell, nachdem dieser Zwischenfall stattgefunden hat, an die Medien heran. Das wirkte für mich ein bisschen wie orchestriert. Der Zwischenfall wird noch untersucht. Vom 7. auf den 8. Mai hatten wir die Situation, dass auch in anderen Bereichen 31 Zivilisten getötet worden sind. Allerdings wurden die Verluste eindeutig von den Taliban verursacht. Das taucht erstaunlicher Weise weder bei den Talibansprechern noch in unseren eigenen Medien auf. Und die Taliban versuchen, diese zivilen Verluste auch propagandamäßig sehr geschickt auszuschlachten.

Propagandaschlacht am Hindukusch

Oft ist zu hören, und Sie haben es ja eben auch gesagt: dass die NATO vor allen Dingen auf Luftangriffe angewiesen sei, weil es zu wenig Bodentruppen gibt. Nun verstärken die USA aber massiv ihre Truppen - um rund 20.000 Soldaten zusätzlich. Ist man dadurch künftig auf weniger Luftangriffe angewiesen?

Also vielleicht ein bisschen - vielleicht - auch nach dem Prinzip Hoffnung. Ich hoffe, dass es uns gelingt, diese Truppen in die richtigen Provinzen, an den richtigen Stellen zum Einsatz zu bringen, und dass dadurch die Abhängigkeit von Luftangriffen deutlich weniger wird, als sie heute ist.

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