
Abrahams Söhne streiten um Vaters Grab
Generalstreik in Bethlehem, Demonstrationen in der Westbank und gewaltsame Auseinandersetzungen in Hebron: Mal wieder scheinen die palästinensischen Autonomiegebiete am Rande einer dritten Intifada zu stehen. Mehr noch: Die politische Führung der PLO ist erzürnt und erteilt nach zuletzt vorsichtigen Zugeständnissen Mahmud Abbas' jeglichen Verhandlungen mit Israel eine rigorose Absage. Was ist geschehen?
Auslöser der jüngsten Verwerfungen ist eine auf den ersten Blick harmlos erscheinende Entscheidung des israelischen Kabinetts vom vergangenen Sonntag zur Ausweitung der Liste des nationalen Erbes. Der Regierungsbeschluss sieht unter anderem vor, das Grab des Patriarchen Abraham in Hebron und das Grab von Rachel in Bethlehem in die Liste aufzunehmen.
Das Grab des Patriarchen in Hebron ist nach dem Tempelberg der heiligste Ort des Judentums und wird auch von Muslimen und Christen als heilige Stätte verehrt. Das auf Hebräisch als »Machpela« und auf Arabisch als »Al-Haram al-Ibrahimi« bezeichnete Heiligtum gilt als Ruhestätte von Abraham, Isaak, Jakob sowie ihrer Frauen Sara, Rebekka und Lea. Heute beherbergt das geteilte Gebäude neben einer jüdischen Gebetsstätte auch eine Moschee. Diese war 1994 Schauplatz einer der schlimmsten Tragödien des israelisch-palästinensischen Konflikts: Baruch Goldstein, ein israelischer Siedler, erschoss mit einem Sturmgewehr 29 betende Palästinenser, verletzte über 150 weitere und versetzte damit dem Friedensprozess einen Rückschlag, von dem dieser sich nie wieder erholte.
Pulverfass Hebron
Hebron, im Herzen der Westbank gelegen, gleicht einem Brennglas, unter dem alles, was den israelisch-palästinensischen Konflikt und die Schrecken der Besatzung prägt, schmerzhaft deutlich hervortritt. In der Altstadt leben etwa 500 radikale israelische Siedler, die von israelischen Soldaten geschützt werden. Die Lebensbedingungen der rund 190.000 Palästinenser sind katastrophal: Regelmäßig greifen israelische Siedler die palästinensischen Bewohner an, Demütigungen sind alltäglich. Viele Straßen sind für Palästinenser gesperrt und über den Gassen der Altstadt sind zum Schutz vor Müll, den Siedler aus den oberen Stockwerken auf die Palästinenser werfen, Netze gespannt.
Im Resultat ist die Wirtschaft des ehemals florierenden Zentrums der südlichen Westbank nahezu vollständig zum Erliegen gekommen. Im Brennpunkt all dieser Schreckensbilder steht genau jener Bau, den Israel mit dem Kabinettsbeschluss unter eigene kulturelle Oberhoheit stellt. Die Verwunderung über die heftigen palästinensischen Reaktionen weicht schnell der Einsicht in die Reichweite der politischen Botschaft, die die Entscheidung transportiert.




