
Heimkehr eines Hoffnungsträgers
Sie empfingen ihn wie einen Heilsbringer. Mehrere hundert Ägypter bejubelten Mohamed El Baradei, nachdem er am Nachmittag des 19. Febrauar 2010 mit Austrian Airlines-Flug 863 in Kairo landete. 6.000 Sicherheitskräfte wurden abgestellt um spontane Proteste gegen das Regime zu unterbinden, per Twitter und in Live-Blogs berichteten die Wartenden über jede Regung am Flughafen. Die Hoffnungen vieler Ägypter ruhen auf den schmalen Schultern des 67-jährigen ehemaligen Generaldirektors der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO). Sie wollen, dass El Baradei bei den nächsten Präsidentschaftswahlen 2011 antritt und neuer Mann an der Spitze des ägyptischen Staates wird.
In regierungskritischen Zeitungen riefen Kommentatoren in den Tagen zuvor dazu auf, dem Friedensnobelpreisträger des Jahres 2005 einen begeisternden Empfang zu bieten. Der bekannte Schriftstelle Alaa-al-Aswany feierte ihn in einem Beitrag für die Tageszeitung al-Shorouk als Hoffnungsträger, der auf internationalem Parkett beweisen habe, Krisen zu bewältigen. Das Blatt al-Dustur widmete der Ankunft El Baradeis in Kairo gleich fünf Sonderseiten. George Ishak, einer der Gründer der oppositionellen Kefaya-Bewegung, begrüßte den promovierten Juristen in seiner Kolumne mit den Worten »Willkommen in den Reihen der Aktivisten«.
Enthusiastische Anhänger
Dabei ist es zum Einen unwahrscheinlich, dass diese Bezeichnung dem Selbstbild El Baradeis entspricht und zum Anderen ist bis dato vollkommen offen, ob er sich tatsächlich um das Amt des ägyptischen Präsidenten bewerben wird. Nach dem Ende seiner Amtszeit an der Spitze der IAEO hatte El Baradei seine Kandidatur für den Fall in Aussicht gestellt, dass die Wahlen frei und transparent verlaufen würden. In einem Interview, das in der vergangenen Woche vom Magazin Foreign Policy veröffentlicht wurde, erklärte er hingegen: »Ich will nicht ägyptischer Präsident werden.« Stattdessen plane er in Zukunft kürzer zu treten und mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Auch nach seiner Ankunft in Kairo verschwand El Baradei schnell in einem dunklen Jeep, ohne über seine weiteren Absichten zu reden. Seine Anhänger warteten vergeblich auf eine kurze Ansprache des möglichen Präsidenten.
Seine ägyptischen Unterstützer ficht diese Haltung nicht an. Seit Wochen ist eine inoffizielle Wahlkampfseite El Baradeis online, die Facebook-Gruppe »Ja zu Baradei als Präsident« ist binnen weniger Tage auf knapp 70.000 Mitglieder angewachsen. In dieser Woche wurden mehrere junge Männer, die dem Oppositionsbündnis »Jugend des 6. April« angehören, festgenommen, weil sie Pro-Baradei-Slogans auf Hauswände in Kairo gesprüht und Flugblätter verteilt hatten.
Ägyptens regierungstreue Medien versuchen nach Kräften dagegenzuhalten und die Euphorie um den möglichen Mubarak-Herausforderer einzudämmen. Seit Wochen säen Kommentatoren in Zeitungen wie al-Ahram und al-Gomhuria Zweifel an der Qualifikation El Baradeis und bezeichnen etwa seine Reformvorschläge als einen »konstitutionellen Putsch«. Auch seine Ehe mit der Iranerin Aida Elkachef machte man ihm in der Presse zum Vorwurf, schließlich liegen beide Staaten seit drei Jahrzehnten im diplomatischen Clinch. Im staatlichen Fernsehen hingegen wurde seine Rückkehr weitestgehend ignoriert.
Ernsthafte Herausforderung für Mubarak
Für Mubarak und seine herrschende Nationaldemokratische Partei (NDP) stellt El Baradeis Heimkehr nach 25 Jahren in den USA und Österreich eine ernsthafte Herausforderung dar. Formal gibt die Verfassung seit 2005 dem ägyptischen Präsidenten das Recht seine Herausforderer praktisch selbst auszuwählen. Für eine Kandidatur braucht der Bewerber die Unterschriften von insgesamt 250 Abgeordneten der beiden Parlamentskammern, sowie von Lokalräten aus verschiedenen ägyptischen Gouvernoraten. Diese befinden sich allesamt fest in der Hand der NDP und eine Kandidatur El Baradeis ist somit ohne die Zustimmung der herrschenden Partei unmöglich.
Gleichwohl dürfte es Familie Mubarak schwerfallen, einem Bewerber die Kandidatur zu verweigern, der zwölf Jahre an der Spitze einer der wichtigsten internationalen Organisationen stand, Staatsmännern wie George W. Bush entschlossen die Stirn bot und 2005 für seine Arbeit mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Das Argument, El Baradei sei unfähig Ägypten zu führen, ist vor diesem Hintergrund schlicht unglaubwürdig, auch wenn sich der ehemalige IAEO-Chef mittlerweile in den Straßen Wiens besser zurecht finden mag, als in den Gassen Kairos. In jedem Fall ist er im Westen schlicht zu prominent, um ihn im Falle einer Kandidatur einfach für Jahre wegzusperren wie Ayman Nour, Mubaraks Herausforderer bei den Präsidentenwahlen 2005.
Eine mögliche Bewerbung El Baradeis ist auch deshalb so gefährlich für die NDP, weil die Regierungspartei vor einem Generationswechsel steht. Offiziell ist noch nichts, doch für viele Beobachter steht fest, dass Gamal Mubarak bei der nächsten Wahl die Nachfolge seines dann 83 Jahre alten Vaters Husni übernehmen wird. Der erfahrene Diplomat El Baradei ist längst zur Galionsfigur all jener geworden, die sich bei ihrer Stimmabgabe vor allem von einem Motiv leiten lassen: »Jeder außer Gamal«.




