
Das Bissau-Syndikat
Seit einem Bürgerkrieg in den Jahren 1997 bis 1998 ringt Guinea-Bissau um politische Stabilität. Die Parlamentswahlen 2008 waren noch friedlich verlaufen - mehr als ein Hoffnungsschimmer für das westafrikanische Land, welches bei gerade mal 1,5 Millionen Einwohnern so groß wie Baden-Württemberg ist. Viele Beobachter erwarteten, dass sich die Situation im Land weiter konsolidieren würde. Diese Hoffnungen wurden vor einem Jahr jedoch jäh enttäuscht. So wurde am 1. März 2009 General Batista Tagme Na Wai der mächtige Chef des Generalstabes ermordet. Nur einen Tag später fiel auch den Staatspräsident Nino Vieira einem Attentat zum Opfer. Er wurde vor den Augen seiner Frau von Soldaten hingerichtet.
Ein Zusammenhang zwischen beiden Morden liegt auf der Hand, zu sehr war das Schicksal von Tagme und Vieira seit Jahren miteinander verwoben. Die politisch-militärische Allianz fußte allerdings immer mehr auf gegenseitiger Abhängigkeit, als auf Vertrauen. Das Militär ist in Guinea-Bissau seit jeher auch ein starker politischer Faktor. Seit der Wiederkehr zum Mehrparteiensystem 1994 hat noch kein Präsident seine Amtzeit regulär beendet. Interventionen des Militärs spielten dabei stets eine entscheidende Rolle. Gleichzeitig verfügte Präsident Vieira nur über begrenzten Rückhalt in der Regierungspartei PAIGC. Deshalb war er umso mehr auf die Rückendeckung seines Generalstabschef Tagme angewiesen.
Tödliches Ende einer unheiligen Allianz
Vor den beiden Morden mehrten sich die Anzeichen, dass diese Allianz auseinander zu brechen drohte. Tagme wurde der Beteiligung an einem Putschversuch gegen Vieira verdächtigt. Dem Präsidenten wurde wiederum vorgeworfen, ein gescheitertes Mordkomplott gegen Tagme geplant zu haben. Vieira traute dem Militär nicht mehr über den Weg und begann in den Monaten vor dem Attentat seine eigene Miliz aufzubauen.
Die genauen Verbindungen beider Mordanschläge konnten nicht rekonstruiert werden. Die eingesetzten Untersuchungskommissionen waren zu keiner Zeit geeignet wirkliche Resultate abzuliefern. Möglich ist, dass Präsident Vieira Generalstabschef Tagme durch den Anschlag beseitigten wollte, um sich von seinem Einfluss zu befreien und dann aus Rache von loyalen Soldaten Tagmes ermordet wurde. Eine andere Version behauptet, konkurrierende Fraktionen der heillos zerstrittenen Elite Guinea-Bissaus wollten die Präsidentschaft Vieiras beenden. Sie mussten dazu »nur« Tagme ermorden, weil so auf kurz oder lang auch der Präsident stürzen würde. Die Ermordung Vieiras durch loyale Soldaten als Reaktion auf den Tod von Tagme war demnach einkalkuliert.
Für die Version, dass eine neue Fraktion die Macht in Guinea übernommen hat, spricht auch, dass es im Juni 2009 zu einer zweiten Tötungsserie kam, denen ausnahmslos Vieira-Vertraute, darunter ein Präsidentschaftskandidat, zum Opfer fielen. Bei den neu angesetzten Präsidentschaftswahlen am 26. Juli.2009 setzte sich dann der Kandidat der Regierungspartei Malam Bacai Sanhá im 2. Wahlgang durch und ist seit dem der amtierende Präsident. Der Machtkampf hinter den Kulissen scheint damit fürs Erste entschieden, obwohl die innenpolitische Situation weiterhin angespannt ist.
Koloniales Erbe und Drogengeld
Die fragile politische Situation, unter der Guinea-Bissau seit der Unabhängigkeit leidet, kann als direkte Auswirkung des späten Endes der Kolonialzeit gesehen werden. Zwar verweisen nicht selten die Eliten aus Entwicklungsländern auf die negativen Auswirkungen der kolonialen Vergangenheit ihrer Länder, um von eigenen Fehlern abzulenken. Im Falle vieler ehemaliger portugiesischer Kolonien trifft der Vorwurf jedoch zu. Zum einen waren die ehemaligen Kolonien zum Zeitpunkt der offiziellen Unabhängigkeit von Portugals 1974/75 infrastrukturell schwächer entwickelt als vergleichbare Gebiete. Das relativ arme Mutterland hatte Jahrzehnte kein Geld mehr in die Überseegebiete in Afrika investiert. Eine infrastrukturelle Erschließung und Entwicklung fand nur in Ansätzen statt. Ein anderer Faktor wiegt aber schwerer.




