SUCHE
Sparta mit angeschlagener Moral
23.08.2009

Sparta mit angeschlagener Moral

von Marcus Mohr / Foto: Pavel Wolberg/dpa-PA

»Tzwa HaHaganah LeJisrael – Verteidigungsarmee Israels«, kurz »Tzahal« – so wird zusammenfassend das israelische Heer samt Luftwaffe und Marine genannt. Für die englische Bezeichnung »Israel Defense Forces« wird international die Abkürzung IDF verwendet. Ihre offizielle Aufgabe ist die »Verteidigung der Existenz, der territorialen Integrität und der staatlichen Souveränität« Israels, der »Schutz seiner Einwohner« und der »Kampf gegen alle Formen des Terrorismus, die das tägliche Leben bedrohen«. Für die Doktrin von Tzahal gilt als selbstevident, dass Israel sich wegen der geringen Größe des Landes nicht erlauben kann, einen Krieg zu verlieren. Stattdessen soll eine militärische Auseinandersetzung stets jenseits des eigenen Staatsgebiets ausgetragen werden, selbst wenn Israel damit keine territorialen Ambitionen verbindet. In diesem Grundsatz strategischer Defensive und taktischer Offensive liegt die verbreitete Ansicht begründet, die für viele Israelis Land mit Sicherheit gleichsetzt.

Überhaupt spielt Sicherheit für das Verhältnis der israelischen Gesellschaft zum Militär eine größere Rolle als in jeder anderen westlichen Demokratie. Der Staat selbst kann daher mit einem modernen, aber demokratischen Preußen oder Sparta verglichen werden. Grundsätzlich ist jede Bürgerin und jeder Bürger Israels zu einem zwei- beziehungsweise dreijährigen Militärdienst verpflichtet. Männer bleiben teilweise bis zu ihrem 52. Lebensjahr Teil einer schnell zu mobilisierenden Reserve mit regelmäßigen Übungen. Bis dahin sehen sich viele Israelis als Soldaten mit elf Monaten Dienstbefreiung pro Jahr. Ausgenommen von dieser Pflicht bleiben ultraorthodoxe Juden, Frauen aus der drusischen Minderheit, eine kleine Anzahl Wehrdienstverweigerer und die arabischen Israelis. Von den Letzteren hat sich bislang nur eine Handvoll freiwillig zum Dienst in der IDF gemeldet. Beduinen dienen selbstverständlich in der IDF.

zenithonline
zenithonline
zenithonline


Israels Militär spielt in der Gesellschaft folglich eine größere Rolle als in jeder anderen westlichen, pluralistischen Demokratie. Das gilt nicht nur für die starke Präsenz von Uniformen und Handfeuerwaffen in den Fußgängerzonen und Cafés der Städte, sondern auch für die Politik. Der Posten des Generalstabschefs – hebräisch »Ramatkal« – gilt als Sprungbrett in die Regierungsverantwortung, das schon Moshe Dayan, Yitzhak Rabin, Rafael Eitan oder Ehud Barak genutzt haben. Die Streitkräfte bleiben fest dem Primat der zivilen Entscheidungsträger unterstellt – wie israelisches Grundgesetz es verlangt. Die Zivilität der tatsächlich gefällten Entscheidungen wird von manchen Beobachtern selbst in Israel bezweifelt, die eine starke Militarisierung von Politik und Gesellschaft konstatieren.

Im permanenten Bereitschaftszustand befindet sich Israel nicht nur aufgrund der allgegenwärtigen terroristischen Bedrohung. Trotz der vorhandenen Friedensverträge mit Jordanien und dem größten arabischen Staat an Israels Grenzen, Ägypten, wähnt sich das kleine Land alles andere als von Freunden umgeben. Besonders der mit seinen Raketen rasselnde Iran gilt selbst bei der erheblichen geographischen Distanz als eine große, akute Bedrohung. Die IDF ist daher wohl notgedrungen die schlagkräftigste Streitmacht des Nahen Ostens.

Waffenbruder USA

So ist die israelische Armee zum Beispiel zwar nur halb so groß wie die syrische, verfügt aber über fast ebenso viele Kampfpanzer – die darüber hinaus wesentlich moderner sind. Dies liegt nur zum Teil daran, dass Israels Militärbudget circa das Fünffache des syrischen umfasst. Denn der jüdische Staat hat im Gegensatz zu Syrien und den meisten übrigen Nahoststaaten eine hoch entwickelte Verteidigungsindustrie. Die Namen der staatlichen Unternehmen wie die des Technologieentwicklers »Rafael«, der Waffenschmiede »Israeli Military Industries« oder des Flugzeug- und Raketenbauers »Israel Aerospace Industries« stehen für Hauptakteure in der globalisierten Rüstungslandschaft. Dass all diese Unternehmen in Staatshand liegen, zeigt, wie zentral militärische Sicherheit für Israel ist.

Die Technologiekooperation der USA mit diesen israelischen Rüstungsunternehmen zeigt sich beispielhaft in der Raketenabwehr. Das israelische System »Hetz« beziehungsweise »Arrow« war als israelisch-amerikanisches Joint Venture entwickelt worden und verteidigt heute Israel mit drei festen Basen gegen angreifende Mittelstreckenraketen. Es ist für die USA eine ideale Ergänzung, sollte eines Tages ihre strategische Raketenabwehr stehen.

zenithonline
Alle Artikel zum Thema Politik/Hintergründe
zenithonline
Zenith Online