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Die Raketenkrieger Gottes
22.08.2009

Die Raketenkrieger Gottes

von Stefan Dölling / Foto: Wael Hamzeh/dpa-PA

Mit dem Abzug der letzten israelischen Besatzungssoldaten aus dem Libanon im Jahr 2000 endete ganz formell die ursprüngliche raison d'être der Schiitenmiliz und Gottespartei Hizbullah. Seitdem dienen die lediglich weiterhin von den Israelis gehaltenen Sheeba-Farmen, deren Status völkerrechtlich umstritten ist, als Begründung für die fortgesetzte Existenz der Al-Muqawama al-Islamiyya, des »Islamischen Widerstands«, so der Name des militärischen Teils der Organisation. Das Ziel der Auslöschung Israels findet sich zwar nicht auf dem englischen Webauftritt der Hizbullah, allerdings haben offizielle Vertreter der Partei bei vielen Gelegenheiten aus ihrer militanten Ablehnung des israelischen Staates keinen Hehl gemacht.

Doch auch Krieg des Jahres 2006 sorgte dafür, dass sich die Organisation als einziger Garant der territorialen Integrität des Libanon präsentieren konnte, und so werden Gespräche über eine endgültige Entwaffnung der Hizbullah bis auf weiteres gegenstandslos bleiben. Alle Versuche der libanesischen Regierung, den Einfluss der Organisation zu beschränken, scheiterten ohnehin bislang, und im Mai 2008 demonstrierte die Gruppierung in direkter Konfrontation mit der libanesischen Armee über Straßenkontrollen in Beirut, wer im Zedernstaat das Heft in der Hand hält.

Professioneller islamischer Widerstand

Der militärische Arm der Hizbullah unterschied sich nach seiner Gründung 1985 zunächst nur unwesentlich von den anderen Milizen des libanesischen Bürgerkriegs. Allerdings führte das Training durch mehrere tausend »Freiwillige« der iranischen Revolutionsgarden zu einem höheren Maß an Professionalität und Disziplin als bei den anderen Gruppen. Zunächst machte die Organisation durch ihre verheerenden Selbstmordattentate gegen die Friedenstruppen in Beirut und später gegen die israelische Armee (»Israel Defense Forces – IDF«) von sich reden. Mit zunehmender Professionalisierung nahm die Hizbullah jedoch Abstand von solchen suizidalen Attacken und verlegte sich auf die Verwendung von Artillerie und Raketen, um den Kampf zum Gegner zu tragen. Diese Entwicklung hatte auch eine drastische Verkleinerung des Personalbestands zur Folge. Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln, da die Hizbullah selbst zu ihrer Mitgliederzahl keine Auskünfte gibt, aber Schätzungen zufolge beläuft sich die Stärke der Organisation gegenwärtig auf rund 1000 aktive, 2000 bis 5000 kurzfristig verfügbare Kämpfer, sowie etwa 8000 bis 10.000 Reservisten.

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Die relativ geringe Personaldecke der Gotteskrieger, insbesondere im Vergleich mit der Militärmacht Israels, mag nur auf den ersten Blick als Schwäche wirken. In Wirklichkeit offenbart sie eine der größten Stärken der Hizbullah – ein hohes Maß an Lern- und Anpassungsfähigkeit. Die Organisation studierte die Operationen der IDF offenbar sehr genau, und zog aus ihren eigenen – und den Fehlern anderer – die richtigen Schlüsse.

Die Hizbullah hatte erkannt, dass große, aber schlecht ausgebildete Verbände im Kampf gegen die Israelis regelmäßig als Kanonenfutter endeten. Daher teilte die Organisation ihre Kämpfer in kleine, selbstständig operierende Gruppen. Sollte eine ausgeschaltet werden, so hatte dies keinen oder wenig Auswirkungen auf die anderen Gruppen. Gleichzeitig ermöglichte die Reduzierung des aktiven Kaders, die verbleibenden Kämpfer intensiver auszubilden. So präsentierte sich die Hizbullah im Libanonkrieg als überraschend kompetent im Umgang mit modernen Waffen- und Kommunikationssystemen.

Darüber hinaus ermöglichte die verhältnismäßig geringe Größe des militärischen Arms der Hizbullah ein hohes Maß an Geheimhaltung. Dies führte dazu, dass die IDF ihren Gegner im Libanonkrieg erheblich falsch einschätzte und der Hizbullah teilweise ins offene Messer fuhr.

Das Arsenal der Raketenkrieger

Im Libanonkrieg des Jahres 2006 überraschte die Hizbullah manchen Beobachter mit einem unerwartet modernen Arsenal. Die Analyse vorangegangener Konflikte mit der IDF hatte gezeigt, dass sich die Israelis bei ihren Militäraktionen auf kleine, schwer gepanzerte Kampfgruppen stützten. Insbesondere die »Merkava«-Kampfpanzer genossen den Ruf weitgehender Unverwundbarkeit.

Die Hizbullah deckte sich daher mit Panzerabwehrraketen moderner, vorwiegend russischer, Bauart bei ihren Quellen im Iran und in Syrien ein. Diese Systeme vom Typ »Vampir«, »Metis-M« und »Kornet« waren in der Lage, selbst die Panzerung der neuesten israelischen Panzer zu durchschlagen. Die große Reichweite einiger dieser Systeme ermöglichte es der Hizbullah, die IDF-Panzer anzugreifen und dabei dennoch die eigenen Verluste gering zu halten. Dieser Taktik entsprach auch der Einsatz der älteren Panzerabwehrraketen gegen die israelische Infanterie, welche die Kampfpanzer begleitete. Diese Raketen hätten gegen die israelischen Panzer nichts auszurichten vermocht, verursachten bei den Fußsoldaten aber teils empfindliche Verluste, ohne dass diese effektiv zurückfeuern konnten.

Zeitgleich feuerte die Hizbullah tausende von ungelenkten Raketen in das israelische Hinterland. Dabei schockierte die Gottesmiliz die israelische Öffentlichkeit mit dem Beschuss des Bevölkerungszentrums Haifa, das bislang als außerhalb der Raketenreichweite gegolten hatte. Vermutlich erfolgte dieses erste Bombardement mit iranischen »Fajr-5«-Raketen, welche die Hizbullah in geringer Zahl erhalten hatte. Die israelische Luftwaffe zerstörte allerdings die Mehrzahl dieser Raketen schon in den ersten Tagen des Konflikts. Bei der überwiegenden Mehrzahl der später abgefeuerten Raketen handelte es sich um Versionen und Nachfolgemodelle des russischen Systems BM-21, eines Mehrfachraketenwerfers nach der Art der Katjuscha-Raketen aus dem 2. Weltkrieg. Die Hizbullah verschoss Geschosse dieses Typs einzeln oder von mobilen Abschussrampen aus, eine Taktik, die der IDF die Aufklärung und zeitige Bekämpfung sehr erschwerte. Von insgesamt fast 4000 abgefeuerten Raketen traf aber nur etwas unter einem Drittel überhaupt bebautes Gebiet. Der Beschuss führte allerdings auf israelischer Seite zu 43 Toten und einer Panik, die in völligem Missverhältnis zum tatsächlichen Schaden stand.

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