
Kampfbereit und in Feierlaune
Auffällig viele Frauen waren zur Feier des »Sieges« über Israel gekommen – die wie gewohnt bei Hizbullah-Veranstaltungen getrennt von den Männern jubeln, Fahnen schwenken und »Tod Israel« schreien durften – und Kinder, die auch ihre Fahren mitbrachten – und sich abseits des Zentralplatzes in Beiruts schiitischer Südstadt auch mal gegenseitig verprügelten. Marschgewaltige Kampflieder und lautstarke Animateure bereiteten die Zuschauer auf den Höhepunkt des abendlichen Events vor: die auf Leinwände projizierte Rede Hassan Nasrallahs, aufgezeichnet an einem geheimen Ort.
Nasrallah erklärte darin selbstbewusst und für seine Verhältnisse fast lässig, wie die innere, die regionale und die internationale Situation sich seit 2006 zu Gunsten der Hizbullah entwickelt hätten. Er erwähnte dabei auch die gescheiterten westlichen Missionen im Irak und in Afghanistan, den gescheiterten Sturz des politischen Systems im Iran und die Festnahme mehrerer israelischer Spione im Libanon. Im Zentrum seiner Botschaft standen Warnungen an den Erzfeind: »Wir haben die Kraft, mit unseren Waffen jeden Ort in Israel zu treffen.« Das steigerte die Volksfeststimmung und die Hisbollah demonstrierte wieder einmal ihre ungebrochene Mobilisierungsfähigkeit und ihr Selbstbewusstsein.
Im Sommer 2006 scheiterte Israel mit dem Versuch, die Hizbullah militärisch zu zerschlagen, nachdem diese zwei ihrer Soldaten entführt hatte. Der 33 Tage dauernde Krieg, der aus israelischen Luftangriffen auf die libanesische Infrastruktur und schiitische Wohngebiete, sowie aus unkoordiniertem Raketenbeschuss auf Israel durch Hizbullah bestand, kostete über 1300 Menschen das Leben. Die meisten waren libanesische Zivilisten.
Unrealistische Forderungen der UN
Nach internationalen Vermittlungen wurden die Kampfhandlungen durch die UN-Resolution 1701 beendet, die vor allem den Rückzug der Hisbollah aus dem Grenzgebiet zu Israel vorsah. Seitdem wird der Südlibanon an der Grenze zu Israel von der libanesischen Armee, unterstützt durch eine aufgestockte internationale UNIFIL-Truppen kontrolliert. Die »Partei Gottes« hat sich derweil in den letzten Jahren nördlich des UNIFIL-Mandatsgebiets neu formiert und konnte mit iranischer Hilfe wieder aufrüsten. Ihr militärisches Potential ist heute um einiges stärker als noch zu Beginn des Julikrieges 2006. Die Resolution 1701 verpflichtete die libanesische Regierung außerdem dazu, die Hizbullah zu entwaffnen. Eine unrealistische Forderung, denn die Regierung hat keinerlei Kontrolle über die Hisbollah und ihren militärischen Arm.
Der Rückhalt unter den Schiiten des Libanon und die enorme Popularität unter Arabern und Muslimen weltweit verdankt sie dem Umstand, dass sie Israel 2006 militärisch standhalten konnte und bereits im Jahr 2000 durch ihren militärischen »Widerstand« die israelische Armee zur Beendigung der Besatzung gezwungen hat. Für viele Befreiungsbewegungen, besonders für die palästinensischen, gilt die Hizbullah seither als militärisches und politisches Vorbild.
Im politisch wie religiös gespaltenen Libanon weckt die hochgerüstete und kampferprobte Milizen-Partei dagegen auch existentielle Ängste unter den nicht-schiitischen Gemeinschaften. Die Frage der Bewaffnung ist ein dauerhafter innenpolitischer Konfliktgegenstand. Im Mai 2008, als die politische Krise im Libanon ihren letzten Höhepunkt erreichte, setzte die Hizbullah erstmals ihre Waffen gegen ihre politische Rivalen im Inneren ein und rückte so das politische Mächtegleichgewicht wieder zurecht.
In Doha wurde mit Hilfe internationaler Diplomatie die Situation dadurch beruhigt, dass der Hisbollah und ihren Verbündeten die Regierungsbeteiligung und ein Vetorecht eingeräumt wurden. Im Juni 2008 folgte ein diplomatischer Sieg der Hisbollah, für den sich Nasrallah erneut feiern ließ: Israel tauschte vier Hizbullah-Leute, den drusischen Militanten Samir Quntar sowie 200 Särge libanesischer und palästinensischer Gefallener gegen die Leichen ihrer zwei 2006 entführten Soldaten, die den Anlass zum Krieg gaben.
Wortgefechte, aber kein Krieg in Sicht
Die libanesischen Parlamentswahlen vom Juni dieses Jahres hat die von der Hizbullah angeführte March 8-Allianz zwar überraschend verloren, und Saad Hariri, Sohn Rafiq Hariris, der laut einem umstrittenen Spiegelbericht von der Hizbullah ermordet wurde, ist mit der Regierungsbildung beauftragt worden – worum er sich bis heute vergebens bemüht. Aber als der Drusenführer Walid Dschumblat Anfang August erklärte, aus dem Bündnis des Regierungslagers um Saad Hariri auszutreten, haben sich die Kräfteverhältnisse im Libanon wieder etwas zu Gunsten der Hisbollah verschoben. Als Dank lud Hassan Nasrallah Walid Jumblatt zur großen Siegesfeier ein. Dieser ließ sich entschuldigen, schickte aber seinen Sohn Taymur.
Israel kann diese Entwicklung einer schwindenden Isolierung der Hizbullah im Libanon nicht freuen und liefert sich seit Wochen Wortgefechte mit ihr. Premierminister Benjamin Netanyahu machte mehrmals deutlich, dass im Falle einer Regierungsbeteiligung der Hizbullah der gesamte Libanon für eventuelle Angriffe verantwortlich gemacht werde. Und Verteidigungsminister Ehud Barak ließ wissen, dass Israel auf einen Angriff mit aller Kraft reagieren werde. Kurz davor erklärte Nasrallah stolz, dass seine Bewegung nun über 30.000 Raketen verfüge und damit über wesentlich mehr als 2006. Und sein Stellvertreter Sheikh Naim Qassem erklärte wenige Tage zuvor, dass die Hisbollah auf einen israelischen Angriff bestens vorbereitet sei.
Nicht erwähnt, aber im Bewusstsein, ist auf beiden Seiten der Racheschwur Nasrallahs für den am 12. Februar 2008 in Damaskus ermordeten Imad Mughnieh, angeblich Kopf des Sicherheitsabteilung der Hizbullah und Chefstratege des Julikriegs. Mughniehs Bild war auf der Siegesfeier präsent.
Im Libanon scheint man dagegen nicht ernsthaft von einem anstehenden Krieg auszugehen. Downtown-Beirut erlebt im Moment einen Bauboom und die Tourismusbrache erwartet für dieses Jahr die Rekordzahl von zwei Millionen Besuchern. Bleibt zu hoffen, dass die verbalen Attacken zwischen Hizbullah und Israel nur dem Ziel der Abschreckung dienen.




