
Nackt, bis auf das Wort
Dieses Stück fragt nach den großen Dingen des Lebens. Nach den Bedingungen der Liebe, nach den Bedingungen des Hasses. Und nach den Grenzen von beiden. Geboren aus dem Krieg im Libanon ist es ein universales Stück über Menschlichkeit und die Suche nach Wahrheit in Zeiten der Verwüstung. Und auch darüber, ob Worte sich über Taten erheben können und ob es wichtiger ist, und zu welchem Zeitpunkt, nicht zu töten sondern zu sprechen. Das Theaterstück »Verbrennungen« von Wajdi Mouawad, inszeniert von Albert Lang am Ernst Deutsch-Theater in Hamburg, fragt nach viel und verlangt viel, nicht zuletzt von seinem Publikum.
Nawal ist gestorben. Sie hinterlässt ihren beiden Kindern, den 22-jährigen Zwillingen Jeanne und Simon, ein Testament. Sie sollen ihren Bruder und ihren Vater suchen und ihnen jeweils einen Brief übergeben. Doch Nawal hat fünf Jahre nicht gesprochen, die Kinder sind wütend, nicht traurig, als ihre Mutter stirbt. Sie haben nie verstanden, warum sie eines Tages einfach aufgehört hat, zu sprechen und es ihr übel genommen. Sie wissen nichts von einem Bruder und einem Vater. Und erst langsam wächst in ihnen die Neugierde herauszufinden, wer die beiden sind, was sie mit ihnen zu tun haben. Und so begeben sie sich, die Doktorandin der Mathematik und der Amateur-Boxer, unabhängig voneinander in das Heimatland ihrer Mutter und treffen auf die Narben eines vom Bürgerkrieg zerstörten Landes. Auf ihre eigenen Narben, wie sich später herausstellt.
Es ist starker Stoff, der dem Premierenpublikum des Ernst Deutsch-Theater Hamburg da entgegengebracht wird. Die aufgekratzte Stimmung vor Beginn der Veranstaltung an diesem Donnerstagabend ist später in der Pause gewandelt. Beklemmend. Als hätte sich die Geschichte um die Zuschauer gewickelt. Und beinahe scheint das Publikum ein wenig erleichtert, als es nach knapp drei Stunden aufstehen und nach Hause gehen kann. Denn es ist unmöglich, der Geschichte zu entkommen. Spannend, engmaschig, erstklassig gespielt. Die Luft scheint zu stehen, die Zuschauer den Atem anzuhalten.
Sprechen über Unaussprechliches
Worte sind vieles. Im Theater sind Worte alles. Durch sie entstehen Welten, sehen wir Menschen sterben, während sie real auf der Bühne stehen, stellen uns vor, wie Kinder geboren werden. In dem Stück »Verbrennungen« zählt allein das Wort, es ist stark. Die Schauspieler, allen voran Angela Meyer als »Sawda«, Kostja Ullmann als »Simon«, Isabella Vértes-Schütter als »Nawal« und Theresa Rose als »Jeanne«, brillieren. Es ist Schauspielkunst in seiner höchsten Form: Denn selbst die Schauspieler treten hinter den Worten als Übermittler zurück. Und somit ist es recht unwichtig, wer die Worte ausspricht, die im Raum zu schweben scheinen. Der Notar spielt auch die Großmutter, der Boxtrainer auch den Anführer der militanten Gruppe. Ein paar Stühle, eine Leinwand. Die Bühne ist nackt und lässt den Worten viel Platz. Die Zeitebenen verschwimmen ineinander, Gegenwart und Vergangenheit finden oft gleichzeitig statt.
Wajdi Mouawad hat dieses Stück mit seinen Schauspielern in zehnmonatiger Probenarbeit aus sich herausgeholt. Es ist der zweite Teil einer Tetralogie, die mit Schreiben und Inszenieren von »Littoral« (Küste) 1997 begann und nach »Verbrennungen« seine Fortsetzung in »Ciel« (Himmel) fand. Mouawad, der selbst 1968 im Libanon zur Welt kam und im wohlhabenden christlichen Milieu Beiruts aufwuchs, verließ den Zedernstaat im Alter von acht Jahren und flüchtete mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg erst nach Paris und dann drei Jahre später nach Kanada. Er hat mit dem Theater einen Weg gefunden, über Unaussprechliches zu Sprechen. Er selbst nennt das 2003 in Montréal uraufgeführte »Verbrennungen« ein Stück über »den Versuch, in einer unmenschlichen Situation sein Versprechen als Mensch zu halten.«
Was es zu entdecken gilt, ist nichts weniger als die Wahrheit. Was ist das, Wahrheit? Ist das etwas Schönes, Reines? Etwas, das Freude bringt? Und ist Wahrheit, wenn sie verborgen ist, schwer zu finden? »Es gibt Wahrheiten, die nur unter der Bedingung aufgedeckt werden können, dass sie entdeckt werden«, heißt es an einer zentralen Stelle von Verbrennungen. Den Sinn versteht man erst, wenn man das Stück zu Ende gesehen hat.![]()

»Verbrennungen«.
Inszeniert von Wajdi Mouawad.
Vom 11. März bis zum 16. April 2010 im
Ernst Deutsch Theater Hamburg.



