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Paris oder Rio, Hauptsache Kongo

Paris oder Rio, Hauptsache Kongo

von Florian Bigge / Foto: dpa-PA

Es ist ein interessanter Job, den der Ingenieur bei der NASA hat. Gewissermaßen ein wenig weltfern, aber was nimmt das schon. Wie viele Menschen sind auf der Welt, die sich »Mars Rover Driver« nennen dürfen? Der Ingenieur darf das. Aus 170 Millionen Kilometern Entfernung lenkt er ein Roboterfahrzeug über den Mars und funkt spektakuläre Bilder vom roten Planeten nach Hause auf die Erde. Für die dreijährige Tochter des Ingenieurs scheint die Arbeit noch faszinierender. Faszinierend, aber gleichsam so normal, wie es die Jobs anderer Väter sind, die bei der Bank arbeiten, Lokführer oder Journalist sind.

In ihrer Vorstellungswelt sitzt ihr Papa tatsächlich in diesem Rover, fährt den Tag lang auf dem Mars umher und fotografiert, bevor er abends wieder heim kommt auf ihren Planeten, mit rotem Staub unter den Schuhen, pünktlich zum Abendessen. Sie sieht die Fotos, und die Illusion ist für sie kein fauler Zauber: Mein Papa arbeitet dort oben. Sie wird nicht betrogen. Sie hat nur das Glück, das vielen Erwachsenen vergangen ist: Ihre sinnlich erkennbare Welt hat keine Grenzen.

Schmerz und Freude

Und Lokua Kanza? Auch ein Ingenieur. Ein Sänger, Songwriter und Gitarrist aus dem Kongo. Ja, genau: aus dem Kongo. Ein Land, in dem seit Mitte der 1990er Jahre einer der blutigsten Konflikte der Welt tobt. Ein komplexes Netz aus Ressourcenkonflikten, religiösen Glaubensfeldzügen und politischen Rebellionen mit Millionen Toten und Abermillionen Vertriebenen. Ein Land, das nur noch eine Hülle ist, gelähmt durch den gesetzlosen Kreislauf von Mord und Vergeltung. Ein Land, in dem die Großväter die Moderne besser kennen als ihre Enkelkinder. Und dann der Ingenieur, der aus dem Kongo kommt.

Bleiben wir in unseren Grenzen – denken wir in Kategorien –, dann müsste sein neues Album »Nkolo« ein Schrei sein. Ein Aufschrei, ein Weckruf, eine Klage, ein dunkles, nihilistisches Black-Metal-Manifest. Aber nein, Kanza illusioniert, er lässt die Wirklichkeit anders erscheinen. Lokua Kanza nimmt den Hörer an die Hand. »Komm mit!«, sagt er, »Ich gebe Dir Weltschmerz und Sehnsucht aus großen Eimern, aber es ist zu Deiner Freude.«

Die zwölf Lieder auf »Nkolo« schaffen eine Vertrautheit und Schönheit. Ihr seid schon immer Freunde gewesen, Lokua Kanza und Du, lieber Hörer. Der kongolesische Musiker verzaubert mit einer Freude am Spiel, mit eindrücklichen Kompositionen und Rhythmen. Das Lied »Nakozonga«, gesungen auf Französisch, hat Hüfte, die Gitarren-Arrangements sind so leise und voller Leidenschaft, dass der Rhythmus im Kopf des Hörers Knoten dreht und sich wieder entwirrt.

Weltmusik? Uff.

»Oh Yahwe«, das Kanza in seiner Heimatsprache Lingala singt, ist eine packende Zusammenfassung des Albums: Seine Stimme öffnet etwas, sie vertreibt das Düstere, das Schale auf der Welt, sie strahlt mit besänftigender Kraft, ist fürsorglich wie ein guter Freund. Die Stimme ist die Musik, sie ist von undurchdringlicher Klarheit. Sein Gesang, die Gitarre, mal spielt das Klavier oder der weibliche Chor mit dem Hörer, wie Tag und Nacht, Sonne und Wolken mit dem Licht, das durch ein vielfarbiges Fenster fällt.

Nur eine Sache: Lokua Kanza lebt seit zwanzig Jahren in Frankreich. Ein Weltreisender zwischen Kinshasa, Paris und Rio de Janeiro. Uff. Weltmusik. Aber auch hier sprengt er eine wahrgenommene Grenze: die zwischen westlichen Pop und dem anderen, der Weltmusik. Es gibt diese Kategorie nicht, die viele als so authentisch anführen. Lokua Kanza hat afrikanische Wurzeln und einen europäischen Stamm. Er macht Pop. Und Pop ist universell, seine Klänge speisen sich aus allen Kontinenten. Der Pop ist authentisch, nicht die Weltmusik. Lokua Kanza verschiebt die Grenzen unserer Erfahrung. Man muss nur die Tochter sein, die auf den Ingenieur wartet, der den Staub unter den Schuhen trägt.zenithonline

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Lokua Kanza
Nkolo

World Village Music, 2010

www.worldvillagemusic.com

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