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Moshe Zimmermann über den Nahost-Konflikt: Eine Chronik der Angst
19.07.2010

Moshe Zimmermann über den Nahost-Konflikt: Eine Chronik der Angst

von Dominik Peters / Foto: dpa-PA

Die israelische Kommandoaktion gegen die »Gaza-Flotille« Ende Mai hat eine Welle der Empörung ausgelöst und die diplomatischen Folgen sind gravierend. In Israel hingegen ist man sich keiner Schuld bewusst, sieht sich vielmehr im Recht – meint Moshe Zimmermann, dessen neustes Buch just an jenem Tag erschien, als die Bilder von der »Mavi Marmara« um die Welt gingen. Der Professor für deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem hat mit dieser Veröffentlichung die Reihe seiner kritischen Publikationen über die Transformation der israelischen Gesellschaft erweitert und geht auf knapp 140 Seiten der Frage nach: Quo vadis, Israel?

Gleich auf der ersten Seite zeigt sich, wohin die Lesereise gehen wird. Ohne Umschweife konstatiert der Professor mit den deutschen Wurzeln, dass der Friedensprozess im Nahen Osten nicht existent, sondern vielmehr ein Synonym für Stillstand sei. Aber er lässt den Leser mit seiner These nicht allein, sondern nimmt ihn – durch seine stringente Argumentationskette – Satz für Satz, Seite für Seite, an die Hand und erklärt, wo seiner Meinung nach die Gründe für das Fehlen eines Friedens zwischen Israelis und Palästinensern zu finden sind: im Wandel. Denn dadurch, dass der jüdisch-arabische Konflikt »sich weitgehend von einem nationalen zu einem religiösen gewandelt hat«, sei eine »Angst vor dem Frieden, die größer ist als die Angst vor dem Krieg, ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber Palästinensern, gegenüber Arabern und Nichtjuden überhaupt« in Israel entstanden.

»Präventivkrieg als Prophylaxe«

Um seine Thesen zu untermauern bedient sich Zimmermann einer Vielzahl an Quellen, die er zum Teil aus der historischen Bücherkiste gegraben hat – und die für die meisten deutschen Leser Neuland seien dürften, wie beispielsweise das 1995 erschienene Buch Benjanim Netanjahus mit dem Titel »Platz unter der Sonne«. Der derzeitige Ministerpräsident Israels schreibt darin unter anderem, dass im Nahen Osten die Sicherheit vor Frieden und Friedensverträgen vorrang habe: »Wer das nicht versteht, wird ohne Sicherheit, ohne Frieden bleiben. Am Ende wird er verschwinden. Frieden im Nahen Osten ist ein über Abschreckung oder Gewaltanwendung zu erreichender Frieden.«

Netanjahu, so Zimmermann, habe in den letzten Jahren erst aus der Opposition und dann aus der Regierung heraus die Annahme, »dass die gesamte Welt Juden und Israel gegenüber feindlich gesinnt sei« zum Fundament des israelischen Politikverständnisses gemacht. Nur so kann es sich der Wissenschaftler erklären, dass »75 % der Wähler im vergangenen Jahr Parteien aus dem rechten Lager gewählt haben, die auf die Rolle von Juden und Israelis als ewigen Opfern bauen und sich für den Präventivkrieg gewissermaßen als Prophylaxe einsetzen.«

In Israel, so Zimmermann, herrsche ein »Determinismus des arabischen Terrors« vor. Besonders die jungen Israelis seien für rechte Parolen sehr empfänglich, schreibt er – und liefert eine Umfrage der Tel Aviver Universität unter 15-18-Jährigen vom Februar diesen Jahres, der zufolge »die Hälfte der jüdischen Jugendlichen gegen die Gleichberechtigung der israelischen Araber und 56 Prozent gegen die Wahl von arabischen Abgeordneten in die Knesset« seien. Auch deren Eltern kommen nicht besser weg: »Sie verpassen keine Chance, um eine Chance zu verpassen«, schreibt er und zitiert damit Abba Eban, Israels ehemaligen Außenminister.

Die schweigende Mehrheit

Aber natürlich ist es nicht nur die mittlerweile zweite Regierungszeit Netanjahus, die Israels Gesellschaft verändert habe, so Zimmermann, sondern auch die sephardische Schas-Partei, die nach Ehud Baraks katastrophaler Amtszeit von 1999 bis 2000 das linke Vakuum gefüllt »und der verunsicherten Mehrheit ihre Werte angeboten oder aufgezwungen« habe und gleichzeitig »unerwartet zur Speerspitze der Ganz-Israel-Ideologie und der Siedlerbewegung« geworden sei – unterstützt vom »Araber-Hasser« Avigdor Lieberman, Israels derzeitigem Außenminister, der »einmalig in der Geschichte dieses Staates« sei. Dieses »politische Triumvirat«, so Zimmermann, führe Israel in die internationale Isolation – getragen von der schweigenden Mehrheit.

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