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Friedenspreis für David Grossmann: Meister der Zwischentöne
10.06.2010

Friedenspreis für David Grossmann: Meister der Zwischentöne

von Moritz Behrendt / Foto: Wikimedia Commons

Man kann dem Börsenverein des deutschen Buchhandels nur gratulieren: Mit David Grossmann zeichnet er den richtigen Mann in einer komplizierten Zeit aus. Während Israel mit seiner Militäraktion gegen das Schiff »Mavi Marmara« von der Gaza-Hilfsflotte weltweit Unverständnis ausgelöst hat, würdigt der deutsche Buchhandel einen Schriftsteller, der für die Aussöhnung mit den Palästinensern kämpft, nein besser, der für Aussöhnung schreibt und argumentiert.

David Grossmann ist ein Meister der Zwischentöne und der Beschreibung komplexer menschlicher Beziehungen – eine Wohltat in einer Zeit, in der laute Propaganda für und gegen Israel in den Medien vieles übertönt.

Der zentrale Satz in der Begründung des Börsenvereins lautet: »In seinen Romanen, Essays und Erzählungen versucht er, nicht nur die eigene, sondern immer auch die Haltung der jeweils Andersdenkenden zu verstehen und zu beschreiben.« Das klingt ein bisschen nach Gutmenschentum und wird gerade deshalb dem großen Schriftsteller Grossmann nicht gerecht. Richtig ist, dass der israelische Autor in Interviews und Zeitungsartikeln immer wieder für Verständigung zwischen den Konfliktparteien im Nahen Osten wirbt.

Nicht nur Stimme der Verständigung, sondern ein großer Schriftsteller

In seinem epochalen Roman »Eine Frau flieht vor einer Nachricht« bietet er jedoch weit mehr als Versöhnungsrhetorik: Er seziert menschliche Beziehungen, in Dialogen werden versteckte Motive der Protagonisten bloßgestellt, das menschliche Miteinander, wie Grossmann es beschreibt, löst kein Wohlgefühl aus: Vielmehr schildert er, wie Beziehungen durch Angst, Macht und Unverständnis geprägt sind: Gefühle, die Menschen im gleichen Maße aneinander binden wie sie sie abstoßen. Konkret sind das in »Eine Frau flieht vor einer Nachricht« natürlich auch die Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern.

Ora, die Heldin des Buches, hält viel darauf, gute Kontakte zu den Arabern zu pflegen. Der Taxifahrer Sami ist für sie ein Vertrauter, fast ein Freund: Aber die Angst Oras, dass ihr Sohn Ofer während des Militärdienstes stirbt, ist überwältigend. Sie verliert dadurch auch die Fähigkeit, sich in die Position des Anderen hineinzuversetzen. Ihr emotionaler Ausnahmezustand legt alle Ebenen ihres Verhältnisses zu Sami offen: Da spielt die Angst vor palästinensischer Gewalt eine Rolle ebenso wie das Eingeständnis, nicht wirklich zu verstehen, wie Sami, der nette Araber von nebenan, wirklich über die Juden denkt – aber auch das Machtbewusstsein der Israelis, mit Geld und notfalls auch mit Waffen die Nachbarn gefügig machen zu können.

Grossmann, der vom Börsenverein dafür ausgezeichnet wird, die Haltung der jeweils Andersdenkenden zu verstehen, beschreibt brillant, wie die Fähigkeit zur Empathie in einem Klima der Gewalt bröckeln kann. Der Börsenverein zeichnet also nicht nur eine wichtige Stimme der Verständigung aus, sondern auch einen großen Schriftsteller.zenithonline

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