
Buchmesse in Diyarbakir: »Lesen ist Zukunft«
Für Ararat Sekeryan, Student aus Istanbul und jüngster Mitarbeiter des armenischen Verlags Aras, ist es der erste Besuch im Südosten der Türkei. »Eine deutsche Freundin hat mir ständig von der Stadt vorgeschwärmt, nun bin ich zum ersten Mal hier und muss sagen: Es ist wirklich eine beeindruckende Stadt. Dass wir die Bücher unseres Schriftstellers Migirdic Magosyan, der über in seine Kindheit im ehemals armenischen Viertel von Diyarbakir berichtet, gut verkaufen werden, haben wir uns gedacht. Dass wir aber Bücher schon am Freitagabend Bücher aus Istanbul nachkommen lassen müssen, damit haben wir nicht gerechnet.«
In Ararats Stimme schwingt Verwunderung mit und dieses Erstaunen ist repräsentativ: Nicht nur von Europa aus gesehen, liegt Diyarbakir sehr weit entfernt. Auch nur wenige Türken aus dem Westen des Landes ziehen eine Reise in den Osten je in Erwähnung: Zu stark dominiert das Bild einer kargen, von politischen Auseinandersetzungen gezeichneten und unterentwickelten Region, in die es besser keinen Fuß zu setzen gilt.
Messe als gigantische Buchhandlung
Doch jetzt: Eine Buchmesse in Diyarbakir. Erstmalig. 150 Aussteller haben vom 18. bis 23. Mai 2010 in Hallen des Messeveranstalters Tüyap, in denen zuvor Autos und landwirtschaftliche Geräte zur Schau gestellt wurden, ihre Bücherkisten ausgepackt. Neben den etablierten Häusern der türkischen Verlagsszene, wie Yapi Kredi, Türk Is Bankasi, sowie Can und Dogan, die mit einem reichen internationalen Literaturangebot von Orhan Pamuk, Sabahattin Ali, Elif Shafak über Franz Kafka bis hin zu Paulo Coelho aufwarten, sind vor allem links-alternative, kurdische und religiöse Verlage auf der Messe vertreten.
Eine Woche lang haben 88.763 Besucher aus Diyarbakir und Umgebung die Gelegenheit genutzt, um sich einen Überblick über die türkisch-kurdische Verlagslandschaft zu verschaffen und den heimischen Bücherschrank großzügig aufzustocken. Denn die Messe von Diyarbakir ist, wie alle türkischen Buchmessen, stark verkaufsorientiert: Bücher konnten hier mit einem Preisnachlass bis zu fünfzig Prozent erworben werden – ein Umstand, der die Messen zu einem wichtigen Vertriebsmoment der türkischen Verlagsszene werden lässt, die im Vergleich zu europäischen Ländern in wesentlich kleineren Auflagen produziert und verkauft.
Politisierte Leserschaft
In die Einkaufstüten der Messebesucher wanderten vor allem Sprachlehrbücher, lyrische Werke, die in der von mündlicher Überlieferung geprägten Region einen hohen Stellenwert besitzen, vereinzelt Romane. Aber auch viele Standardwerke europäischer Politik- und Sozial- und Philosophiegeschichte. Dass die Leser in der Region stärker an soziologischen und politischen Themen interessiert sind, wird von allen Verlagshäusern bestätigt: »Es ist auffällig, dass die Leserschaft hier eine ganz andere ist als in Istanbul: Während die Menschen in Istanbul sehr unterschiedlichen Interessen nachgehen und sich das beim Bücherkauf widerspiegelt, scheinen die Menschen hier in Büchern vor allem nach politischen Lösungen, nach neuen Wegen für ihr eigenes Leben zu suchen«, so Gazi Bertan vom winzigen Kaos Verlag Istanbul. Die Anarchismus-Utopie »Bolo’bolo« eines Schweizer Autors namens »p.m.« habe sich in Diyarbakir, so Bertan, beispielsweise äußerst gut verkauft.




