
Türkische Kunstausstellung »Kismet« in Berlin: Verschmelzung der Gestalten
Beim Betreten des Raums fällt der Blick sofort auf das Werk: »Kismet«. Die Skulptur gibt der Ausstellung den Namen und steht im Zentrum der Galerie. Eine aus Ebenholz angefertigte Figur, die im sanften Licht erscheint und eine tiefe Ruhe ausstrahlt. Man fühlt sich hingerissen die Skulptur zu berühren und kann die Augen kaum abwenden. Sie lässt das zentrale Thema der Ausstellung auf einen Blick erkennen: Das Verschmelzen der weiblichen und männlichen Gestalt. Eine Andeutung auf die Auseinandersetzung mit Begierden, Leidenschaften und Träume, die sich durch die gesamte Ausstellung zieht.
Seit Juni dieses Jahres stellt Ebru Özseçen ihre jüngsten Werke in der Mitte Berlins aus. Die Galerie Tanas ist auf türkische Gegenwartskunst spezialisiert. Und was ist türkischer als Kismet? »Kismet« bedeutet Fügung. Inspiriert durch den zufälligen Fund einer ebenhölzernen Schmuckschatulle in einem Amsterdamer Antiquitätengeschäft, schuf die 38-Jährige das gleichnamige Werk. Von der Schatulle heißt es märchenhaft, dass einst eine Comtesse dieses Etui in ihrem Schlafzimmer aufbewahrt haben solle. Angeblich lagen darin Bohnen, auf denen die Initialen die Verehrer der Comtesse eingraviert waren. Sie zog eine der Bohnen zufällig aus der kleinen Schachtel heraus und bestimmte so ihren Liebhaber für die nächste Nacht. Özseçen verstand es als ein »Liebesspielzeug« und übertrug den Fund in das Symbol der verschmelzenden Geschlechter.
Eine Fügung der Begierden mit offenem Ende
Zufallsentdeckung und Skulptur verbindet das Element: das harte, schwere, wertvolle Ebenholz. Auch sonst arbeitet Özseçen mit sehr hochwertigen Materialen und nutzt ferner ein breites Spektrum an Medien, wie Fotografie, Skulpturen oder Videoarbeit. Trotzdem wird immer wieder ihre Faszination für das Handwerk deutlich, das sie wiederholt in ihre Arbeiten einbindet.
Eine ähnliche Symbolik wie die Skulptur »Kismet« beschreibt die fragile Installation »Serbet«: eine im Zickzack über den Boden gespannte Filmrolle, die dennoch ihre laufenden Bilder auf die Leinwand wirft. Die Eckpunkte des Zickzackmusters entstanden zufällig, indem Özseçen eine Handvoll Nägel in die Luft warf und die Orte, an denen sie landeten, als Eckpunkte für die Umlenkrollen bestimmte. Ohne Schnitt zeigt der Film, wie bei der Herstellung von Baklava der Blätterteig mit Sirup übergossen wird. Der Vorgang symbolisiert das Verschmelzen der Gegensätze und ihre gegenseitige Abhängigkeit, denn nur gemeinsam können Teig und Sirup wirklich köstlich sein. Inspiration für dieses Werk fand die Künstlerin dieses Mal bei einem Spaziergang über einen Markt in der Türkei. Ein Bäcker stellte gerade Baklava her und Ebru konnte ihren Blick von dem für sie faszinierenden Vorgang kaum abwenden.
Im Unterschied zu den vorherigen Werken präsentiert Özseçen mit »Corset« auch ein sozialkritisches Stück. In einer Münchener Prothesenklinik ließ sie die Einzelteile dieser Installation herstellen. Objekte, für die sie selbst Modell stand, die wie ein Korsett dem Körper eine Gestalt vorgeben. Die Gegenstände hängen an durchsichtigen Fäden von der Decke und können von allen Seiten betrachtet werde. Das wie ein Mobile eingesetzte Kunstwerk hinterlässt ein morbides Gefühl; ein Eindruck von der Verdinglichung des weiblichen Körpers, dessen Idealisierung und Instrumentalisierung zugleich. Auch an anderer Stelle übt die Özseçen Kritik an der ambivalenten Rolle der Frau in Gegenwart und Tradition, wie in ihrem Werk »Presentation«, ein Schwarz-Weiß-Druck kombiniert mit einer Spiegelsimulation.
In Izmir geboren wuchs Özseçen in einer bürgerlichen Familie auf und studierte Architektur, Innenarchitektur und Landschaftsplanung an der Ankara Bilkent Universität. Ihre Kompetenz in diesem Fach kommt in dem leitenden Prinzip, das sich durch das Arrangement des gesamten Ausstellungsraums zieht, zum Ausdruck. Wie auch in dem selbstbewusste Umgang mit Form und Gestaltung der Werke.
Mit Objekt und Ausstellung »Kismet« stellt Özseçen nicht nur die Reizung der Sinne dar, sie ruft diese auch bei der Betrachtung hervor. Man bekommt Lust zu schmecken, zu fühlen und in die Darstellungen einzutauchen. Gleichzeitig umschmeichelt sie ihre Themen mit viel Symbolik. Dennoch gibt Özseçen dem Betrachter die Freiheit zu interpretieren. Sie beschreitet einen Weg, dessen Ziel offen bleibt.![]()

Kismet
von Ebru Özseçen
Bis zum 7. August in der Galerie Tanas,
Raum für zeitgenössische türkische Kunst.




