
Im »Sakakini-Zentrum« wurde im Juni eine Ausstellung von vier Künstlern der »Eltiqa«-Gruppe gezeigt, »die erste Gruppenausstellung von Künstlern aus dem Gazastreifen bei uns«, erklärt Deeb, der selbst ursprünglich aus Gaza stammt. Dass eine solche Ausstellung die Ausnahme ist, wurde schon allein durch den großen Andrang bei der Vernissage offensichtlich. Das Interesse ist vorhanden – doch die logistischen Hindernisse hemmen oft einen innerpalästinensischen Kulturaustausch. Seit Jahren ist es für Palästinenser aus dem Westjordanland so gut wie unmöglich, in den Gazastreifen zu reisen und umgekehrt. Selbst die Bilder, die hier gezeigt wurden, kamen nicht auf offiziellen Wegen von Gaza nach Ramallah – das hätte die israelische Armee, welche die Grenze zum Gazastreifen kontrolliert, nicht erlaubt. Stattdessen mussten ausländische Freunde die Leinwände »schmuggeln«, damit die Ausstellung zustande kommen konnte. Die Maler selbst konnten natürlich nicht anwesend sein.
Während sich für Künstler im Westjordanland immer mehr Möglichkeiten eröffneten, hat die Blockade des Gazastreifens dazu geführt, dass kulturelle Initiativen von außerhalb keinen Zugang zu den 1,5 Millionen Menschen im Gazastreifen haben. In den Städten des Westjordanlandes finden jedes Jahr mehr Kulturveranstaltungen statt. Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres wurden in Ramallah, der de-facto-Hauptstadt des Westjordanlandes, ein Theater-, ein Tanz-, ein Film- und ein Literatur-Festival abgehalten. Zwar gibt es auch innerhalb des Westjordanlandes Reiseprobleme, doch die Veranstalter gehen kreativ mit ihnen um.
Das »Palestine Festival of Literature« (PalFest) zum Beispiel reist zu seinem Publikum, da die so genannte Sicherheitsmauer sowie das System aus hunderten von Checkpoints, Siedlungen und Siedler-Straßen es Palästinensern sehr schwer machen, von einer Stadt im Westjordanland in die andere zu fahren. Omar Robert Hamilton, einer der Organisatoren von PalFest, bedauert sehr, dass das Festival auch in seinem dritten Jahr nicht in Gaza Station machen konnte: »Wir waren nicht in der Lage, die Erlaubnis für eine Reise nach Gaza zu bekommen. Das ist unglaublich frustrierend, weil es Teil der Idee hinter dem Festival ist, die kulturelle Isolation, die Palästina aufgezwungen wird, zu durchbrechen. Diese Isolation ist in Gaza am schärfsten zu spüren.«
Chilischoten statt roter Farbe
Hazem Harb, einer der Gründer von »Windows from Gaza«, der seit sieben Jahren in Rom lebt und seine Werke europaweit ausstellt, meint, die Künstler in Gaza leiden immens unter der Blockadepolitik Israels. »Die Belagerung beeinflusst alle Lebensbereiche und im kulturellen Bereich haben viele Künstler großartige Möglichkeiten verpasst: Stipendien, Ausstellungen im Ausland, Austausch mit anderen Künstlern.« Als er vor kurzem in Gaza zu Besuch war, habe er gemerkt, wie hoffnungslos die Künstler dort seien. Der Mangel an Materialien, welche – wenn sie überhaupt zu bekommen sind – sehr teuer und von schlechter Qualität sind, mache sich auch in der Qualität der Arbeiten bemerkbar. Harb berichtet von einem befreundeten Künstler, der keine rote Farbe für seine Kalligraphie bekommen konnte und aus Verzweiflung begann, als Ersatz rote Chilischoten zu zermahlen.
Auch Samar Martha ist der Meinung, die Isolation Gazas führe dazu, dass die Entwicklung der Kunstpraxis in Gaza der im Westjordanland hinterherhinke. »Fast alles, was aus Gaza kommt, ist abstrakte Malerei. Manchmal scheint es, als ob die Künstler dort sich im Kreis drehen, jeder kopiert jeden.« Der Grund dafür, wie sie meint, ist »der fehlende kritische Austausch mit anderen Kunstschaffenden.« Vielen Gesprächspartnern falle es jedoch schwer, sich kritisch mit den Arbeiten aus Gaza auseinanderzusetzen. »Sie sind zu vorsichtig«, so Martha. »Die ausländischen Käufer und Kuratoren wollen ihre Solidarität ausdrücken, was nicht unbedingt bedeutet, dass sie die Arbeiten kaufen oder ausstellen würden, kämen diese nicht aus Gaza. Die Künstler sehen das aber als Erfolg, und das wirkt sich negativ auf ihre Entwicklung aus, sie stagnieren.«
Die Künstler in Gaza selbst sind sich dieser Probleme jedoch bewusst. Zwar sind sie dankbar über internationale Unterstützung, wie zum Beispiel die Kunstauktion, die das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen jährlich in Jerusalem organisiert und in deren letzter Runde im Dezember 2009 nur Kunst aus Gaza versteigert wurde. Doch sie wollen für ihre Arbeit anerkannt werden – und das nicht nur, weil sie in einer Konfliktzone leben. »Meine Arbeit ist nicht politisch«, hörte ich von mehreren Künstlern, die sich mit den Themen Krieg, Besatzung und Blockade auseinandersetzen.
Hazem Harb, der in seiner jüngsten Arbeit »Is this your first time in Gaza?« die Einreiseschwierigkeiten in die palästinensischen Gebiete thematisiert, unterstreicht: »Ich bin gegen den Krieg und ich spreche über Palästina, na klar. Aber in meiner künstlerischen Arbeit drücke ich keine politische Ideologie aus. Es geht um das menschliche Subjekt.« Auch Raed Issa möchte, dass seine Arbeit als mehr als nur ein Kommentar zur aktuellen politischen Lage verstanden wird: »Wenn es irgendwann Frieden geben sollte, werde ich natürlich weiterarbeiten. Ich will Kunst machen, egal in welcher Situation.«
»Kein Künstler kann in einem Vakuum leben«
Es gibt auch Lichtblicke für die Künstler aus Gaza. Die Galerie »Windows from Gaza«, die sich besonders auf digitale Techniken spezialisiert hat, hat diesen Juni das erste internationale Video-Art-Festival Gazas auf die Beine gestellt. Es haben sich unter anderem Künstler aus den USA, Japan, Deutschland, Frankreich und Großbritannien beteiligt. Digitale Kunst, Workshops per Videokonferenz und Kollaborationen über das Internet, welche das Problem des Reiseverbots umgehen, werden solange die Blockade besteht, in Gaza eine immer größere Rolle spielen, da sind sich die Künstler und Kuratoren einig. »Kein Künstler kann in einem Vakuum leben und die Möglichkeit, mit der Außenwelt in Verbindung zu bleiben ist unglaublich wichtig«, so Samar Martha.
Nachdem die Grenze nach Ägypten in den ersten Juni-Tagen in Reaktion auf die israelischen Angriffe auf die Gaza-Hilfsflotte und die resultierende internationale Aufmerksamkeit geöffnet wurde, bot sich eine Chance für Issa und die anderen Mitglieder der »Eltiqa«-Gruppe, die in den letzten Jahren schon oft Einladungen und Visa für Auslandsbesuche hatten, aber nie ausreisen duften. Nach zwei vergeblichen Versuchen schafften Raed Issa und sein Kollege Mohammed Al-Hawajri es, durch den Grenzposten von Rafah zu kommen, von wo aus sie direkt zum Kairoer Flughafen eskortiert wurden und nach Frankreich flogen.
Am Vorabend seiner Ausstellungseröffnung »Palestine toujours« in Paris sagte Issa mir am Telefon: »Wir sind so froh, dass wir es geschafft haben. In Gaza gibt es zwanzig Künstler. Man kennt sie alle und man kennt ihre Arbeit. Hier in Paris ist alles neu.« Während er mit französischen Künstlern und Galeristen Kontakte knüpfte, habe er auch zufällig einige palästinensische Künstler getroffen. Seine Stimme wurde plötzlich etwas weniger aufgeregt, beinahe traurig: »Ich habe mich hier mit Malern aus Ramallah unterhalten, die ich vorher noch nie persönlich getroffen hatte. In diesem Sinne ist Paris Gaza näher als das Westjordanland.«![]()



