
»Der Teufel ist eine ansehnliche orientalische Frau«
In seiner Wahlheimat Damaskus tauschte der Künstler die Feder gegen den Pinsel ein mit dem Erfolg, dass seine Werke nicht mehr in Schubladen verschwinden.
Syrien-Damaskus: Uralte brüchige Mauern, verwinkelte Gassen und Pfade verschmelzen ineinander. Sie erzählen Geschichten von den ersten Hochkulturen, die hier entstanden sind, von hunderten Generationen, die in der Damaszener Altstadt lebten, herrschten und immer noch hier leben. Antiquitäten-, Handwerksgeschäfte und kleine Kaffees dominieren das gesellschaftliche Leben der Menschen. Unscheinbar, mittendrin im pulsierenden Treiben, befindet sich das kleine Kunstgeschäft von Mahmoud Shahin. Der palästinensische Maler, ehemaliger Schriftsteller und Journalist lebt nunmehr seit 22 Jahren in seiner Wahlheimat Damaskus. „Palästina ist mein Geburtsland, meine Mutter sozusagen, und Damaskus ist meine neue Heimat.“
Shahin wurde 1946 als Sohn einfacher Bauern in Jerusalem geboren. Seine Familie lebte dort bis 1967 auf der ländlichen Seite - bis zur Teilung des Landes durch die Israelis. Darauf folgend mussten die Eltern ihr Hab und Gut verlassen und in die benachbarte weniger fruchtbare Siedlung auswandern. Bereits mit 13 Jahren begann Shahin sich für die Weltliteratur zu interessieren und entwickelte eine große Passion zur Sprache und zum geschriebenen Wort. Besonders deutsche Literaten und Philosophen wie Johann Wolfgang von Goethe, Hermann Hesse oder Bertolt Brecht haben es ihm angetan. Seine journalistische Karriere begann der junge Palästinenser zuerst bei verschiedenen Zeitungen, so für das „Daftar Journal“, das der palästinensische Kulturminister in Ramallah veröffentlichte. Mit 22 Jahren zog es ihn zunächst in den Libanon, Jordanien und letztendlich nach Damaskus.
Bis 1995 veröffentlichte er zahlreiche literarische Werke, Kurzgeschichten und Prosa. In Erinnerungen schwelgend, besinnt er sich an sein erstes literarisches Werk, das er erfolgreich in den 1970er Jahren an ein ägyptisches Magazin schickte. Neben dem Arabischen sind seine Werke unter anderem in Deutschland und anderen europäischen Ländern veröffentlicht. Die Geschichten erzählen von den Leiden und Verfolgungen des palästinensischen Volkes. Fragmente, einzelne Erinnerungen aus seinem Leben, fließen immer mit in die Geschichten ein.
Seine Bücher, besonders sein Lebenswerk: „Silvesterfeier mit dem Teufel“, stießen jedoch nicht immer auf positive Resonanz. Libanon, Marokko oder Syrien weigerten sich dieses Buch zu veröffentlichen. Den palästinensischen Künstler faszinierte die angebliche Blasphemie der Mystiker. „Der Teufel wird als eine beängstigende Gestalt dargestellt, ist allgegenwärtig präsent und in der Existenz der Menschen einnehmend. Er spielt im Orient eine viel zu befremdliche, negative Rolle.“ Das wollte er so nicht hinnehmen und setzte sich mit dem tabuisiertem Thema auseinander. Die Geschichte handelt von einem in Damaskus lebenden Schriftsteller, der partiell Züge des realen Autors trägt. Ähnlich wie in Goethes Faust fehlt es dem verkannten Schreiber an Geld, gesellschaftlichem Glanz, Freunden sowie die Gunst der Frauen. Einerseits frustriert, andererseits voller Hoffnung in einer einsamen Silvesternacht wartend, dass man ihn vielleicht doch noch zu einer Party einladen könnte. In dieser Stunde erscheint dem unglückseligen Iblis eine weibliche Teufelsgestalt und lädt ihn in ihr himmlisches Paradies ein. „Der Teufel ist für mich eine attraktive Frau und erliegt wie die Menschen ihren teuflischen Schwächen“. So stellt er den Teufel nicht als den Bösewicht dar, sondern als die liebende Frau. Etliche Versuche, das Buch über einen syrischen Verlag zu veröffentlichen, scheiterten. Die arabischen Länder wollten ihm partout kein Gehör schenken. So verschaffte er sich über das Internet und die Presse selbst die offizielle Aufmerksamkeit. Die Verantwortlichen standen dem praktisch machtlos gegenüber. Dreizehn Jahre später ist Damaskus von der arabischen Liga zur Kulturhauptstadt 2008 gewählt worden. Shahin bekam somit auch die ihm gebührende Anerkennung und Publikation in seiner Wahlheimat.
Seit Shahins schriftstellerischem Lebenswerk ist ein halbes Jahrzehnt vergangen. Mit 51 Jahren wechselte er das Metier und begann sich 1995 erfolgreich als professioneller Maler zu etablieren. Anfangs fiel es ihm schwer die Zeichenfeder gegen den Pinsel einzutauschen. „In mir herrschte ein immerwährender Konflikt, eine innere Zerrissenheit zwischen den Farben und den Wörtern.“ In einem Moment der Leere erinnerte er sich an seine zweite Leidenschaft: die Kunst. „Letztendlich fühlte ich doch alles gesagt, getan und niedergeschrieben zu haben.“
Zurückgezogen und eingesperrt in seinen eigenen vier Wänden begann er mit einer Vielzahl von Maltechniken zu experimentieren. Dabei scherte er sich nicht im Geringsten um irgendwelche Regeln der Malkunst, mischte nach Belieben die verschiedensten Stile durcheinander, sprengte im Rausch den Rahmen - mit einem Resultat, das sich durchaus sehen lässt. Zwischendurch gab es öfters Phasen, in denen er nicht wusste, wohin ihn dieser kreative Umwandlungsprozess führen würde. Doch Ehrgeiz und Ansporn siegten über seine Zweifel. „Ich weiß, was Kunst ist und was ich tun muss, es ist etwas in mir selbst, was stärker und mächtiger ist als tausend gesprochene Worte.“
Die Kunstwerke sind geprägt durch religiöse und mythologische Inhalte des morgenländischen Denkens. Der Pinselstrich ist sehr präzise, die Töne sowie die Kontraste sehr kräftig. Eine reine Komposition der Farben. Jedes einzelne Bild ist einzigartig und spiegelt jeweils eine andere Stimmung von Shahin wieder.
Zufrieden blickt Shahin auf eine lange künstlerische Karriere zurück. Seine Kunden kommen mittlerweile von überall her – aus Paris, Österreich, Jerusalem und vielen anderen Metropolen. Hierzulande, wie etwa in Berlin, konnte er bereits einige seiner Meisterstücke im Rahmen einer Ausstellung vorstellen. Einige seiner Werke sind auch im Damaszener Nationalmuseum zu bewundern.![]()






