
Künstler im Gazastreifen: Kampf gegen die kulturelle Isolation
Wer von Gazas kleinem Mittelmeerhafen zur Altstadt laufen möchte, muss den Omar al Mukhtar Boulevard entlang landeinwärts gehen. Die Straße ist breit, dies ist schließlich eine Großstadt, doch zu mancher Tageszeit sieht man hier mehr Eselkarren als Autos auf ihr entlangfahren. Auch Motorräder gibt es überdurchschnittlich viele – denn die passen besser als Autos durch jene Tunnel, die unter der Grenze zwischen Ägypten und Gaza als Lebensader der Bevölkerung Gazas fungieren. Zu beiden Seiten der Straße sieht man Kioske voller ägyptischer Zigaretten und türkischer Süßigkeiten, Reparaturshops, die Restmetall verarbeiten, und Obstläden, die zweitklassige israelische Waren anbieten. Man würde nicht erwarten, hier zwischen einer Autowerkstatt und einem Spielzeugladen, der überteuerte Tunnelwaren anbietet, einen Künstler in seinem Atelier vorzufinden, doch genau dass geschieht nachdem ich den richtigen Eingang zur Galerie der Künstlergruppe »Eltiqa« gefunden habe.
Raed Issa, der vor acht Jahren »Eltiqa« mitbegründet hat, begrüßt mich mit einem entschuldigenden Lächeln: »Es tut mir leid, du wirst leider nicht viel von unseren Bildern sehen können, es gibt mal wieder keinen Strom.« Doch das Tageslicht reicht noch, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Die Ausstellungsräume sind groß und kühl, die Böden gekachelt wie in einer alten palästinensischen Villa. Neben dem Eingang gibt es ein Büro mit Sitzecke, in der man Tee serviert bekommt und in den Anfängen einer bescheidenen Kunstbibliothek stöbern kann. In einem dank großen Fenstern Licht durchfluteten Hinterraum arbeitet Issa gerade an einem Diptychon, einer Stadtlandschaft, die eindeutig Gaza darstellt.
»Ich will Gaza einfärben«
»Man erkennt noch, dass es Gaza ist, an den nie fertig gebauten Häusern und den vielen Satellitenschüsseln auf den Dächern. Aber. Statt grau, was man hier überall sieht, werden meine Häuser orange und gelb.« Er zeigt mir ein weiteres Gemälde, das er gerade beendet hat. Es ist fast lebensgroß und zeigt einen Mann, der entweder leger an eine Wand gelehnt das Bein anwinkelt, oder aber sein Bein im Krieg verloren hat – genau kann man es nicht sagen. »Nach dem Krieg hier in Gaza haben viele Künstler sich mit den vielen Toten beschäftigt«, sagt Issa, der die Zweideutigkeit beabsichtigt hat. »Ich wollte mich aber mit den verwundeten und verstümmelten Menschen befassen.«
Die zwölf Mitglieder von »Eltiqa« haben die Galerie in dieser relativ wohlhabenden Gegend Gaza-Stadts erst vor neun Monaten eröffnet, denn ihr vorheriger Sitz wurde während der letzten großen israelischen Militäroffensive zwischen Dezember 2008 und Januar 2009 zerstört. »Acht Jahre lang hatten wir im Kulturgebäude des Roten Halbmonds unsere Ateliers. Dort haben wir Kurse für Kunststudenten und Workshops mit anderen Künstlern abgehalten.« Doch nach dem Kriege lag das gesamte Gebäude in Trümmern. Also entschlossen sich die Künstler, sich auf besondere Art von ihrer Arbeitsstätte zu verabschieden: »Wir haben über 200 Gemälde, von denen viele verbrannt oder zerstört waren, in den Ruinen des Roten Halbmondes ausgestellt.«
Doch die »Eltiqa«-Galerie ist nicht die einzige, die in Gaza direkt nach dem Krieg ihre Türen geöffnet hat. Die Galerie »Windows from Gaza« wurde im Juni 2009 nicht weit von »Eltiqa«, in einem anderen Teil des wohlhabenden Al-Rimal-Bezirks, eröffnet. Obwohl der Name auf eine gewisse Ausrichtung nach Außen schließen lässt, sahen die Leiter der Galerie ihren Auftrag vor allem in der Förderung junger Künstler – und der Erfolg zeigte sich schnell. Im April, bei der Ausstellungseröffnung des Malers Salem Awad, der gerade sein Studium abgeschlossen hatte, kamen Besucher kaum durch die Tür der Galerie, so groß war der Andrang.
Auf dem westlich dominierten internationalen Kunstmarkt, von dem arabische Künstler nach dem 11. September 2001 mit neuem Interesse entdeckt wurden, ist palästinensische Kunst vor allem durch Künstler aus der Diaspora wie Emily Jacir oder Mona Hatoum bekannt. Bei der Biennale in Venedig gab es 2009 zum ersten Mal eine palästinensische Beteiligung, obwohl Palästina natürlich kein Staat ist und ein Beitrag Jacirs kurzfristig aufgrund politischer Kontroversen aus dem Programm genommen wurde. Doch neben der internationalen Anerkennung haben auch palästinensische Künstler in den besetzten Gebieten seit dem Osloer Friedensprozess Mitte der 1990er Jahre immer mehr Unterstützung gefunden.
Laut Samar Martha, einer Kuratorin, die 2003 die »ArtSchool Palestine« gegründet hat, wurde die künstlerische Praxis vor 1993 von lang etablierten Künstlern dominiert. Seitdem habe eine junge Generation professioneller, zumeist im Ausland ausgebildeter Künstler die Gegenwartskunst in Palästina in allen Medien vorangetrieben. Auch vor Ort gibt es immer bessere Ausbildungs- und Austauschmöglichkeiten. Neben der An-Najah-Universität in Nablus und der der Al-Aqsa-Universität in Gaza, die Studiengänge in bildender Kunst anbieten, hat vor kurzem auch die Al-Quds-Universität in Jerusalem einen solchen Studiengang eröffnet. Außerdem wurde in Ramallah die »International Academy of Art Palestine« gegründet.
Leinwände müssen geschmuggelt werden
Gemeinsam mit dem wachsenden internationalen Austausch, der auch durch die neuen Medien vorangetrieben wurde, und der finanziellen Unterstützung durch internationale NGOs, vor allem nach der zweiten »Intifada«, habe dies die lokale Kunstszene sehr wachsen lassen und qualitativ verbessert, so Misbah Deeb, Kurator im »Khalil Sakakini-Kulturzentrum« in Ramallah. Besonders in den letzten fünf Jahren sei auch der innerarabische Austausch verbessert worden. Obwohl der Dialog mit Künstlern in Europa den hiesigen Kunstschaffenden sehr wichtig ist, legen sie großen Wert auf die Zusammenarbeit mit arabischen Institutionen wie der »Townhouse Gallery« in Kairo, »Darat al Funun« und »Makan« in Amman, der »Rafiya«-Galerie in Damaskus und »Ashkal Alwan« in Beirut, denn durch solchen Austausch kann sich erst eine unabhängige arabische Kunstszene entwickeln.




