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Interkulturelles Training: »Einfach mal in die Schuhe des Anderen schlüpfen«
07.06.2010

Interkulturelles Training: »Einfach mal in die Schuhe des Anderen schlüpfen«

von Björn Zimprich / Foto: dpa-PA

zenith: Frau Binay, Sie sind zertifizierte interkulturelle Trainerin. Was machen Sie genau?

Sara Binay: Interkulturelle Trainer verstehen sich als Brückenbauer zwischen den Kulturen. In den meisten Trainings steht an erster Stelle die Sensibilisierung für interkulturelle Belange. Es geht um die Reflektion der eigenen Rolle als Akteur im interkulturellen Kontext. Meist ist ein Trainer auf ein bestimmtes Land oder eine Region spezialisiert. Wir vermitteln also zuerst einmal Kenntnisse über Land und Leute. Das Faktenwissen wird dann in einem zweiten Schritt durch Vermittlung und Entwicklung von allgemeinen Kommunikationsformen zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung ergänzt.

Angenommen ich bin ein Kunde und bringe nur wenig Erfahrungen mit anderen Kulturen mit. Wie lange brauchen Sie, um mich fit für interkulturelle Situationen zu machen?

Wenn sie mit dem Ausdruck »fit machen« meinen, dass Sie danach fähig sein werden, auf Anhieb jegliche interkulturelle Situation zu meistern, so muss ich sie leider enttäuschen. Das wird wohl keinem Menschen je gelingen. Jeder kann jedoch daran arbeiten, die eigene Angst in fremden Situationen zu beherrschen und abzubauen. Das geht dadurch, dass man Methoden erlernt, um solche Situationen zu bewältigen. Manchmal reicht es schon aus, fremde Situationen einfach nur auszuhalten. Wenn es zudem auch einmal erlaubt ist zu scheitern, dann erreicht man große Gelassenheit. Tatsächlich beruht interkulturelle Kompetenz vor allem auf Anstrengung und Arbeit an sich selbst. Bekanntlich ist Letzteres eine der größten Herausforderungen unseres Lebens.

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Sara Binay

hat Semitistik, Arabistik und Geschichte in Halle und
Damaskus studiert. Nach langjährigem Arbeits- und
Forschungsaufenthalt im Libanon ist sie zurzeit als
freiberufliche interkulturelle Trainerin in Deutschland
tätig und besitzt das Zertifikat »Interkultureller
Trainer/Coach« der Universität Jena.

An wen richtet sich Ihr Angebot hauptsächlich? In welchen Bereichen ist ihrer Meinung nach interkulturelle Kompetenz am dringendsten gefragt?

Derzeit bin ich in verschiedenen Bereichen unterwegs: bei Wirtschaftsunternehmen, aber auch an Schulen, an der Uni oder innerhalb der öffentlichen Verwaltung. Den Einsatzmöglichkeiten von interkulturellen Trainingsmethoden sind kaum Grenzen gesetzt. Immer wenn sich Menschen begegnen, treffen sie auf Angehörige anderer Kulturen. Hierzu zählen auch unterschiedliche Familienkulturen, Betriebskulturen, Feierkulturen et cetera. Interkulturelle Kompetenz ist überall erforderlich.

Ihr Modell des interkulturellen Trainings fußt im wesentlich auf den drei Säulen Wahrnehmen, Wissen und Handeln. Das klingt auf den ersten Blick sehr abstrakt. Können Sie uns erklären was sich hinter diesen Begriffen verbirgt?

Ich beziehe mich hier auf ein didaktisches Modell des deutschen Kommunikationswissenschaftlers Friedemann Schulz von Thun. Die Schulausbildung hierzulande ist sehr stark von kognitiven Elementen geprägt. Das bedeutet, dass wir uns die meisten Dinge mit dem Gehirn in Form von Wissen aneignen. Führende Pädagogen haben allerdings erkannt, dass Lernen auch auf Erfahrung basiert, nämlich auf unseren Sinnen und unserer Wahrnehmung. Nur wenn wahrnehmbare und »wissbare« Dinge sich in Handlungen niederschlagen, festigt sich neues Wissen. Das Element der Erfahrung sollte also in einem Training nie fehlen. Trainer und Trainees müssen zusammen in Aktion treten.

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dr. sara binay training & consulting

bietet Interkulturelle Trainings für Unternehmen,
Schulen, Universitäten, Stiftungen und die öffentliche
Verwaltung an. Die inhaltlichen Schwerpunkte reichen
von interkultureller Kommunikation, Sensibilisierung,
Medien, über den Islam und die arabischen Länder bis
hin zur deutsch-deutschen Kommunikation.

www.binay-training.de

Wie schärfen Sie in ihrem Training die Wahrnehmung ihrer Kunden?

Vieles, was uns in unserem Alltag begegnet, können wir nur dann richtig einordnen und verstehen, wenn wir ein gewisses Maß an Vorwissen haben. Oftmals fehlen uns aber »die Schlüssel«, das Verhalten anderer decodieren zu können. In einem kulturell fremden Kontext wird dieser Mangel am sichtbarsten. Im interkulturellen Training möchten wir den Werkzeugkoffer erweitern, den jedes Hirn für diese Art Decodierungen benötigt. Das kann natürlich schlicht durch die Aufdeckung von Tatsachen geschehen. Besser gelingt dies aber durch die Begegnung mit anderen Menschen und durch den Versuch, die Perspektive zu wechseln. Einfach mal in die Schuhe des Anderen schlüpfen und die Welt nicht mehr nur durch die eigenen Augen sehen. Das klingt recht simpel, hilft aber tatsächlich. Die Hirnforschung hat für den Bereich der Wahrnehmung gezeigt, dass wir nur erkennen können, wofür vorher Strukturen angelegt waren. Diese Strukturen gilt es also ständig zu erweitern.

Können sie uns das an einer konkreten Situation aus Ihrem Training beschreiben?

Um zu zeigen, wie unsere Wahrnehmung funktioniert, benutze ich gerne als Einstieg Fotos, die denselben Menschen in unterschiedlichen Zusammenhängen oder unterschiedlich gekleidet zeigen. Nehmen Sie als Beispiel eine Frau mit und ohne Kopftuch. Stellen Sie sich vor, wie viele verschiedene Lebensläufe so für ein und dieselbe Person erfunden werden! Wahrnehmung hat nämlich sehr viel mit Stereotypen zu tun, die uns dabei helfen, die Welt um uns herum zu verstehen. Leider hindern sie uns gleichzeitig daran, Menschen in ihrer Einzigartigkeit zu sehen, und nicht nur als Angehörige einer bestimmten Gruppe.

Woher haben Sie selbst eigentlich Ihre Erfahrungen in interkulturellen Situationen? Sind Sie ein Naturtalent?

Naturtalent? – das vielleicht auch… Im Ernst, ich habe auch bei null angefangen, als ich mich zum ersten Mal in eine mir total fremde Situation hineingewagt habe. Das war Mitte der 1990er Jahre, als ich nur mit einem Adresszettel in der Hand mit äußerst geringen Arabisch-Kenntnissen in Damaskus gelandet bin, um dort zu studieren. Ganz allein und zum ersten Mal in einem arabischen Land. Seitdem beobachte ich mich und meine Umwelt sehr genau. Inzwischen genieße ich es, mit Kollegen und Freunden aus unterschiedlichen Ländern umzugehen und manchmal zu denken: »Jetzt handelt sie so, weil sie eine Französin ist«, aber gleichzeitig zu spüren: Wir sind alle Menschen und zur Freundschaft miteinander fähig, egal woher wir kommen.zenithonline

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