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Vom Damaszener Barbier Geschichte lernen

Vom Damaszener Barbier Geschichte lernen

von Dörthe Engelcke / Foto: dpa-PA

zenith: Professor Rogan, der Titel und das Cover ihres neusten Buches erinnern an ein Lehrbuch für Orientalisten.

Eugene Rogan: Ich stimme Ihnen zu, dass der Titel einen orientalistischen Beigeschmack hat, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Das Buch bevorzugt arabische Quellen und erzählt die Geschichte durch die Augen vieler arabischer Zeitzeugen. Ich wollte ein Buch schreiben, das sich auf moderne arabische Geschichte konzentriert und für ein akademisches sowie für ein nicht akademisches Publikum interessant ist. Daher kam auch die Wahl eines Titels, der Leser automatisch anspricht.

Sie werden häufig als Schüler des großen Orientalisten Albert Hourani portraitiert, der 1993 gestorben ist. Im Jahr 2000 erhielten Sie den Albert-Hourani-Preis für Ihr Buch »Frontiers of the State in the Late Ottoman Empire«. Tatsächlich wurden Sie aber nie von Hourani unterrichtet.

Das stimmt. Allerdings hatte er einen sehr starken Einfluss auf meinen akademischen Werdegang und hat ihn immer noch. Ich traf Hourani hier in Oxford als Student und hatte großen Respekt vor ihm. 1991 kam ich nach Oxford und hatte das Glück, ihn noch zwei Jahre regelmäßig zu sehen, bevor er starb. Er gründete das Middle East Centre hier in Oxford, an dem ich jetzt arbeite, und wir sehen uns in der Pflicht, seinen Ethos aufrecht zu erhalten.

»Es ist eine große Herausforderung, dieses Muster zu durchbrechen«

Inwieweit ist Ihr Buch ein Versuch, etwas zu vollenden, was Hourani in seinem Buch »A History of the Arab Peoples«, welches sich stark auf frühe arabische Geschichte konzentriert, begonnen hat?

Ich denke, dass mein Buch eine Lücke in Houranis Werk füllt, indem es die letzten fünf Jahrhunderte privilegiert und sich vor allem auf das 19. und 20. Jahrhundert konzentriert. Albert war der große Historiker moderner arabischer Geschichte. Doch dann entschied er sich ein Buch zu schreiben, das sich auf islamische Frühgeschichte konzentriert und der Moderne sehr viel weniger Beachtung schenkt.

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Eugene Rogan

ist Historiker und wurde 1991 in Harvard promoviert.
Rogan ist zurzeit Direktor des »Middle East Centre«
am St Antony’s College der University of Oxford. Seine
Forschungsinteressen liegen auf auf der Sozial-
und Wirtschaftsgeschichte des Osmanischen Reiches.
Im Jahr 2000 erhielt sein Buch »Frontiers of the State
in the Late Ottoman Empire« von der Middle East
Studies Association (MESA) den Albert-Hourani-Preis
für den besten Forschungsbeitrag des Jahres.

In Ihrem Buch kommen sehr viele gewöhnliche Augenzeugen zu Wort – ein ägyptischer Krankenhausangestellter, ein Barbier in Damaskus, ein kuwaitischer Schulangestellter, der über die irakische Invasion berichtet. Geschichte ist sehr häufig eine Elitenstudie, weil Eliten als Motor der Geschichte begriffen werden. Sie legen sehr viel Wert auf die Repräsentation einfacher Stimmen.

Der Grund dafür, warum die Elite so überrepräsentiert ist, dass sie sehr privilegiert ist und den Bildungsstand hat, über ihre eigenen Erfahrungen zu schreiben. Zudem hinterlassen Eliten häufig Memoiren oder Dokumente, auf die sich die Forschung dann konzentriert. Es ist eine große Herausforderung, dieses Muster zu durchbrechen.

Wie sind Sie an diese Quellen gekommen?

Ich habe Archive und Bibliotheken durchforstet, um Memoiren und Tagebücher normaler Leuten zu finden. Leute, die in Unabhängigkeitskämpfe verwickelt waren, Poeten, Literaten, deren Texte streng genommen fiktiv sind, dennoch aber Dokumente ihrer Zeit sind. Dadurch habe ich versucht, die reine Elitenforschung zu durchbrechen und Leute aller gesellschaftlichen Schichten zu repräsentieren, und mehr Balance in die Ansichten von Männern und Frauen zu bringen. Es war sehr wichtig für mich, die Standpunkte von Frauen so viel wie möglich auf natürliche Weise vorzustellen. Ich wollte nicht sagen: »Oh ich schreibe eine feministische Geschichte«. Ich wollte, dass es natürlicher wirkt und vollkommen normal, wenn eine Frau die Besetzung Beiruts 1982 beschreibt.

Geschichte als unmittelbare Erfahrung

Frauen sind doch bestimmt unterrepräsentiert in der historischen Analyse.

Ja, aber seit einem Vierteljahrhundert haben Frauenstudien stark zugenommen und der Erfahrung von Frauen wird stärkere Bedeutung beigemessen. Als ich über den algerischen Bürgerkrieg schrieb, fand ich heraus, dass es Historiker gab, die Frauen interviewt hatten, die in dem Unabhängigkeitskampf gegen die Franzosen gekämpft hatten. Diese Quellen waren sehr hilfreich um eine Art Geschlechtergleichgewicht zu erreichen.

Sie arbeiten in ihrem Buch viel mit mündlichen Quellen. Auch in ihrem neuesten Forschungsprojekt »An Oral History of the Palestinian Mandate« interviewen Sie unter anderem Polizisten, die die Mandatszeit noch miterlebt haben. Was ist der Vorteil dieser »Oral History«?

»Oral History« macht Geschichte zu einer unmittelbaren Erfahrung und zu etwas sehr Persönlichem und Fassbarem, weil sie historische Ereignisse durch die Augen von Zeitzeugen betrachtet. Der äyptische Historiker Muhammad ibn Ahmad Ibn Iyas schildert beispielsweise sehr bildhaft die osmanische Eroberung Syriens und Ägyptens – ein faszinierendes Stück Zeitgeschichte.

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