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»Geduld und Humor sind zwei Kamele«
15.09.2009

»Geduld und Humor sind zwei Kamele«

von Ulrike Gasser / Foto: Jakob Steden

zenith: Herr Khider, welche Art Literatur schreiben Sie?

Abbas Khider: Ich habe zuerst angefangen, Gedichte zu schreiben. Aus ihnen sind zwei Gedichtbände auf Arabisch entstanden. Jetzt schreibe ich aber vor allem Erzählungen. Letztes Jahr wurde mein erstes Buch auf Deutsch veröffentlicht. Es heißt: »Der falsche Inder« und handelt von Flucht und Illegalität. Das zweite erscheint auch schon bald. Da darf ich den Inhalt noch nicht verraten, aber ich würde sagen das Hauptthema ist Gefangenschaft im Irak.

Sie sind im Irak geboren. Jetzt leben sie aber in Deutschland. Wie kamen Sie hierher?

Im Irak habe ich bis zu meinem 23. Lebensjahr gelebt, 1996 bin ich von dort geflüchtet. Vier Jahre lang war ich dann unterwegs. Es ging nach Jordanien, dann nach Ägypten, Libyen und in den Tschad. Von dort aus nach Tunesien, in die Türkei, und schließlich über Griechenland nach Italien. Erst danach bin ich nach Deutschland gekommen.

Warum waren Sie auf der Flucht?

Ich war politischer Flüchtling. Als ich jung war, habe ich im Irak als Buchverkäufer gearbeitet. Ich habe verbotene Bücher verkauft und Flugblätter verteilt. Es hat nicht lange gedauert, da wurde ich wurde festgenommen und musste zwei Jahre im Gefängnis verbringen. 1995 wurde ich dann nach einer staatlichen Amnestie von Saddam Hussein entlassen. Danach bin ich einfach abgehauen.

»Jung, stark, einfach locker«

Als Sie die verbotenen Bücher in Bagdad verkauft haben, war Ihnen bewusst, auf welches Risiko Sie sich da einlassen?

Eigentlich nicht. Ich war ja recht unerfahren zu diesem Zeitpunkt. Damals im Irak, nach dem Volksaufstand 1991, konnten wir nicht glauben, dass die Weltmächte Saddam Hussein unterstützten und nun alles wieder so weitergehen sollte wie zuvor. Wir haben uns allein gefühlt und wollten doch etwas gegen die Diktatur unternehmen. Ich fühlte mich jung und stark, einfach locker. Ich habe alles gemacht, ohne über die möglichen Folgen nachzudenken ...

Wie war das für Sie, als Sie dann ins Gefängnis gekommen sind?

Zwei Jahre meines Lebens habe ich dort verbracht, ohne Frage die schrecklichsten meines Lebens. Sie haben mit uns alles gemacht, was man sich nur vorstellen kann: Ich habe gehungert, denn wir haben nur ein Stück Brot täglich bekommen. Das war Frühstück, Mittag- und Abendessen. Ich war unter der Erde eingesperrt, habe nie die Sonne gesehen, nur das Licht einer Glühbirne. Ich wurde gefoltert und Menschen sind vor meinen Augen gestorben. Nach wie vor habe ich Narben und Wunden an meinem Körper, und eigentlich auch in meiner Seele.

Im Gefängnis hatte ich das Gefühl, dass die Menschen es nicht verdienen, als solche bezeichnet zu werden. Sie sind schlimmer, als man sich sie vorstellen kann. Aus purer Lust heraus können sie sich einfach gegenseitig kaputtmachen. Ich erinnere mich zum Beispiel an Folgendes: Mein Folterer, ein »Verhörpolizist«, wollte von mir ein Geständnis haben, einen Namen wissen. Natürlich habe ich ihm nichts gesagt und er hat angefangen mich mit dem Elektroschockgerät zu foltern. Plötzlich hat das Telefon geklingelt, er nahm den Hörer ab und fing an mit seiner Tochter zu telefonieren: »Oh, mein Liebling, wie geht es dir ... ?« Plötzlich war er so weich und liebevoll. Nach dem Gespräch hat er das Telefon aufgelegt und mich einfach weiter gequält. Ich habe mich wirklich gefragt: Wie können die Menschen nur so sein?

Haben Sie in Ihrer Zeit im Gefängnis etwas gemacht? Sie haben schreiben können?

Nein. Papier und Stifte waren verboten. Es gab nur vier Wände und mehr nicht. Das einzige, was wir machen konnten, war mit kleinen Steinen an die Wand zu schreiben. Das war meine Beschäftigung: An die Wände schreiben und lesen, was die anderen geschrieben haben. Und die vielen Läuse zu jagen und zu töten, die in unseren Klamotten nisteten. Geredet haben wir nicht viel. Denn mit so wenig Essen verbraucht man beim Reden zu viel Energie.

»Sie dachten, ich wäre tot«

Waren auch Freunde und Familienangehörige von Ihnen in Haft?

Gott sei Dank gab es in meiner Familie keinen, der im Gefängnis war. Aber einige meiner Freunde habe ich dort leider verloren. Manche sind ebenfalls entlassen worden, aber nicht viele haben es geschafft, diese Erfahrungen zu verarbeiten. Einige haben sich umgebracht und andere sind verrückt geworden.

Wie war es, als Sie ihre Familie nach Ihrer Entlassung wiedersahen?

Sie dachten, ich wäre tot. Es hat ihnen nie jemand Bescheid gesagt, dass ich im Gefängnis bin. Als ich nach zwei Jahren nach Hause gekommen bin, hat mich meine Mutter nicht erkannt. Ich war blass, bleich wie Gouda und abgemagert. Ich bin mit 25 Jahren verschwunden und sah aus wie 55 als ich zurückkehrte. Ich klopfte also an die Tür und fragte meine Mutter: »Kennst du mich nicht mehr?« Und sie sagte: »Nein, möchtest du zu einem von meinen Jungs?« Als ich ihr dann sagte, ich wäre ihr Sohn Abbas, ist sie in Ohnmacht gefallen.

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