
Der moderate »Mister Okay«
Muhammad Sayyid Tantawi verstarb am heutigen Mittwochmorgen im Alter von 81 Jahren in Folge einer Herzattacke. Er befand sich auf dem Rückweg von einer Reise nach Saudi-Arabien, als er am Flughafen einen Herzinfarkt erlitt. Nach Angaben ägyptischer Medien starb Tantawi noch auf dem Weg in das Militärkrankenhaus von Riad. Der Islamgelehrte hatte schon seit einigen Jahren unter Herzproblemen gelitten, im Jahr 2006 war ihm eine Gefäßstütze implantiert worden.
Knapp vierzehn Jahre lang hat Tantawi als Oberhaupt der prestigereichen Kairoer Azhar-Universität die Geschicke der islamischen Welt mitbestimmt. Der »Scheich al-Azhar« gilt traditionell als wichtigster Religionsgelehrter des sunnitischen Islams. Seinen religiösen Gutachten werden von vielen anderen Islamgelehrten sowie Millionen Muslimen auf der Welt hohe Bedeutung zugemessen.
Dennoch sah sich Tantawi im Laufe seiner Amtszeit immer wieder heftiger Kritik von verschiedenen Seiten ausgesetzt. Zuletzt hatte er im Herbst 2009 für eine Kontroverse gesorgt, als er die Vollverschleierung für Frauen – den »Niqab« – für unislamisch erklärte und an religiösen Einrichtungen verbot. Tantawis Einsatz gegen den Niqab, der für den strengen Islam saudischer Prägung steht, entflammte einen in Ägypten schon länger schwelenden Kulturkampf, der bis heute nicht entschieden ist.
Protagonist des ägyptischen Kulturkampfes
Der Fall kann insofern als charakteristisch gelten, als er ein Schlaglicht auf die enge Verbundenheit des Religionsgelehrten mit dem Staat wirft. Ägypten ist seit Jahren bemüht, den Einfluss fundamentalistischer islamischer Strömungen einzudämmen; Tantawi kam dabei eine wichtige Rolle zu. Auch bei anderen Themen lag er voll und ganz auf Regierungslinie: So sprach er sich für den Dialog zwischen Muslimen und Kopten aus, unterstützte die staatlichen Familienplanungsprogramme und erklärte politische Demonstrationen für unzulässig. Die Ägypter verpassten ihm daraufhin den Spitznamen »Al-Sayyid bi-l-Okay – Mister Okay«, der alles abnickt, was ihm vorgelegt wird.
Tantawi wurde 1928 in einem Dorf nahe dem oberägyptischen Sohag – zwischen Assiut und Luxor – geboren. Nach dem Islam-Studium lehrte er unter anderem an Hochschulen in Libyen und Saudi-Arabien. 1986 ernannte Präsident Husni Mubarak ihn zum ägyptischen Großmufti, zehn Jahre später trat er die Nachfolge des einflussreichen Gadd al-Haqq Ali Gadd al-Haqq als Großscheich der ältesten Universität der Welt an.
Seit den Terroranschlägen im Jahr 2001 war Tantawi bemüht, das Bild eines moderaten Islams zu verbreiten. Für große Aufmerksamkeit sorgten seine Fatwa gegen die Beschneidung von Mädchen und seine Duldung des französischen Kopftuchverbots. Dennoch kann man ihn nur eingeschränkt als Liberalen bezeichnen. In vielen Fragen vertrat Tantawi konservative Positionen, beispielsweise lehnte er Frauen als Vorbeterinnen ab. Bei anderen Themen wirkte er unentschieden oder äußerte sich widersprüchlich, etwa was die religiöse Zulässigkeit von Selbstmordanschlägen betrifft.
Sprachrohr des Präsidenten und »moderater« Islamgelehrter
Seine enge Bindung an den Staat machte ihn in den Augen vieler unglaubwürdig. Typisch für die Art und Weise, wie Tantawi aufgrund dieser Position in die Ecke gedrängt werden konnte, war sein zufälliges Zusammentreffen mit dem israelischen Staatspräsidenten Schimon Peres am Rande einer UN-Konferenz im November 2008: Der fotografisch festgehaltene Handschlag zwischen beiden sorgte in Ägypten für öffentliche Empörung und Rücktrittsforderungen. Tantawi rechtfertigte sich wenig überzeugend, er habe dem jüdischen Staatsmann im Vorbeigehen die Hand geschüttelt, ohne ihn gleich zu erkennen.
Im Vergleich zu konservativen und islamistischen Strömungen, die es auch innerhalb der Azhar selbst gibt, wird Tantawi als moderater Islamgelehrter in Erinnerung bleiben – wobei »moderat« je nach den Interessen des ägyptischen Staates definiert wurde. Dass er sich auch im israelisch-palästinensischen Konflikt, im irakischen Bürgerkrieg und im interreligiösen Dialog engagierte, dürfte das Bild der Nachwelt weniger prägen. Haften bleiben wird in erster Linie das Bild eines Mannes, der als Sprachrohr seines Präsidenten agierte. Ob dies gut oder schlecht für die islamische Welt war, wird sich wohl erst in einigen Jahren sagen lassen. Als oberster Kandidat für Tantawis Nachfolge gilt der derzeitige Großmufti des Landes, der 59-jährige Ali Gomaa. Muhammad Sayyid Tantawi soll auf Wunsch seiner Familie nicht in Ägypten, sondern im saudischen Medina begraben werden.



