
Von Wohltaten und politischem Interesse
Schlendert man an einem Schultag die im Londoner Stadtteil Queen’s Park gelegene Salusbury Road entlang, entwickelt man schnell das Gefühl, in einem muslimischen Land zu sein. Auf beiden Seiten der Strasse spielen junge Mädchen in Schuluniform und mit Kopftuch Ball und die Knaben rufen sich auf Arabisch Witze zu. Auf der einen Seite befindet sich die Islamia Primary School, auf der anderen die al-Sadiq Boys und die al-Zahra Girls Primary and High Schools.
Obwohl beide zu den renommiertesten islamischen Grundschulen in England zählen, sind sie sich doch nur auf den ersten Blick ähnlich. Die al-Sadiq und al-Zahra Schulen auf der linken Seite sind die ersten schiitischen Grundschulen Großbritanniens und Teil der Khoei-Stiftung. Die Islamia Primary School auf der rechten Seite hingegen ist eine sunnitische Grundschule. Gegründet wurde sie in den 1980er Jahren vom wohl berühmtesten britischen Konvertiten Yusuf Islam, der früher als Cat Stevens Popgeschichte geschrieben hatte.
Islamunterricht in der Primarschule
Eine Eigenheit des britischen Erziehungswesens ist es, dass Religionsgemeinschaften ihre eigenen Schulen betreiben können. Diese Privatschulen müssen den nationalen Lehrplan unterrichten, bieten aber daneben zusätzliche religionsspezifische Fächer an. Die eigens für schiitische Muslime gegründete Schule der Khoei-Stiftung war eine der ersten islamischen Schulen in Großbritannien, auf die mittlerweile eine Vielzahl weiterer Erziehungsstätten folgten.
In der schiitischen Schule wird neben dem nationalen Lehrplan auch Arabisch, Koranlektüre und Islamisches Recht unterrichtet. Ein Mitglied des Vorstandes der Stiftung erklärt im Gespräch, dass diese Fächer von einem Schiiten mit einem britischen Lehrerdiplom unterrichtet würden. In den anderen Fächern beschäftige man aber zum Teil auch sunnitische Lehrer. Auf die Frage ob dies Absicht sei, antwortet er mit einem verschmitzten Lächeln: »Es ist eigentlich unwichtig ob ein Physiklehrer nun Sunnit oder Schiit ist, aber leider gibt es in vielen Fächern zu wenig gut ausgebildete schiitische Lehrer.«
Die Schule würde jedes Jahr auch eine Anzahl sunnitischer Schüler aufnehmen, um dem Vorwurf der Diskriminierung zuvorzukommen. In der Schule gälten islamische Moralvorstellungen. So würden die rund 370 Knaben und Mädchen getrennt unterrichtet und für Mädchen gelte der Kopftuchzwang, doch dürften Lehrerinnen auch in der Knabenschule unterrichten. Das spezifisch schiitische an der Schule sei neben schiitischer Geschichte und schiitischem Recht, dass an religiösen Feiertagen kein Unterricht stattfände. Nicht unwichtig ist zudem, dass die Schule Teil der Khoei-Stiftung ist, die von einem der berühmtesten schiitischen Geistlichen des 20. Jahrhunderts gegründet wurde. Die Geschichte der Stiftung in London ist denn auch eng mit der jüngeren, blutigen Vergangenheit des Irak verknüpft.
Saddams Vergeltung
Für jeden gläubigen Schiiten ist es eine religiöse Pflicht, einen Fünftel, khums genannt, des Nettoeinkommens den Geistlichen zu spenden. Ursprünglich war diese religiöse Steuer dazu gedacht, die Unabhängigkeit der Kleriker gegenüber der vorherrschenden staatlichen Autorität zu gewährleisten und karitative und religiöse Aktivitäten zu finanzieren. Da dieses Geld üblicherweise den am höchsten verehrten Klerikern oder deren lokalen Vertretern übergeben wird, flossen dem Großayatollah Abualqasim al-Khoei enorme Summen zu. Der aus dem Iran stammende aber in Nadschaf im Irak lebende al-Khoei war von 1970 bis zu seinem Tod 1992 der führende Geistliche vor allem der arabischen Schiiten.
Obwohl er sich von der Politik fernhielt und im Gegensatz zum Gründer der Islamischen Republik im Iran, Ayatollah Khomeini, nicht an eine Rolle des Klerus in der Politik glaubte, geriet al-Khoei in Konflikt mit Saddam Hussein. Während des Irak-Iran-Krieges unterband Saddam Hussein die Geldströme der schiitischen Geistlichen und der Großayatollah eröffnete ein Konto außerhalb des Irak, wie Ghanim Jawad, Chef der Kultur- und Menschenrechtsabteilung der Khoei-Stiftung erklärt. Auf diesem Konto hätten sich Millionen angesammelt. Zudem führten die politischen Wirren in der Region in den 1970er und 1980er Jahren zur Migration vieler Schiiten aus Libanon, Irak, Iran und Afghanistan nach Europa oder Nordamerika. Daher beschloss al-Khoei Ende der 1980er Jahre eine Stiftung in London zu gründen, die sich auch den Schiiten außerhalb der arabisch-islamischen Welt annehmen sollte.
Kurz vor seinem Tode 1992 wurde al-Khoei dann doch noch politisch aktiv und unterstützte den Schiitenaufstand gegen Saddam Hussein in der Folge des Golfkriegs 1990/91. Als dieser jedoch blutig niedergeschlagen wurde, ließ das Regime al-Khoei unter Hausarrest stellen. Wohl aus Rache für die Unterstützung der Aufständischen ordnete Saddam Hussein zwei Jahre später die Ermordung von Taqi al-Khoei an, dem Sohn des prominenten Geistlichen und Generalsekretär der Stiftung seines Vaters.



