
Verbotene Rhythmen
Etwa 2000 Menschen versammelten sich abends am 23. September 2009 rund um den »Märtyrerplatz« im Zentrum der libanesischen Hauptstadt Beirut. Doch es war kein Politiker des noch immer regierungslosen Landes, der zur Kundgebung gerufen hatte. In diesem Falle wären wohl einige zehntausend mehr gekommen und die Stimmung bei weitem nicht so entspannt. Statt im Zeichen gelber Hizbullah-, grüner Amal oder blauer Future-Flaggen stand dieser Abend ganz unter den Farben Brasiliens. Und statt hitziger politischer Kampflieder dröhnte heiße Samba-Rhythmen aus den Lautsprechern rund um den Platz.
Der Karneval gastierte im Libanon, genauer gesagt die Musiker und Tänzer von »Unidos de Vila Isabel«, eine der bekanntesten Sambaschulen Rio de Janeiros. Zusammen mit der libanesischen Latin-Tanztruppe »Bailandos« tourten die Botschafter des wohl bekanntesten brasilianischen Kulturguts zehn Tage durch den Zedernstaat. Organisiert wurde dieses bislang einmalige Spektakel von der brasilianischen Botschaft und »Cafe Najjar«, dem marktführenden Kaffeeröster im Libanon, dessen importierte brasilianische Sorten auch am Rande des bunten Umzuges in Beirut kostenlos unters Volk gebracht wurden.
Die Beziehungen Brasiliens und Libanons gehen allerdings über die von Produzent und Absatzmarkt für die Kaffeebohne weit hinaus. Denn in keinem anderen Land der Welt leben so viele Menschen libanesischer Abstammung wie in Brasilien. Und nirgendwo scheinen sich Libanesen in der Diaspora so wohl zu fühlen, schließlich steht die Mehrheit von ihnen in der sozialen Hierarchie des südamerikanischen Landes relativ weit oben und die Mehrheit der etwa sieben Millionen libanesisch-stämmigen Brasilianer spricht Arabisch heute, wenn überhaupt, allenfalls als Zweitsprache.
»Pornografische Tanzgruppe«
In der libanesischen Vorstellung wiederum scheint Brasilien noch immer eine Projektionsfläche für ein friedliches und unbeschwertes Leben unter tropischer Sonne zu sein – oder ein guter Ort um Geschäfte zu machen, denn das Netzwerk der libanesischen Diaspora ist vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht ungebrochen aktiv. Auch eine kulturelle Affinität zum Land am Zuckerhut ist im Libanon kaum zu übersehen, besonders bei großen Sportveranstaltungen. Während der Fußball-WM 2006 etwa schmückte das Gelb-grün-blau der brasilianischen Flagge so manchen libanesischen Balkon und in den Straßen Beiruts fieberten tausende bei den Spielen der Selecao nicht weniger enthusiastisch mit als in Rio oder Sao Paolo.
Die Tournee der brasilianischen Samba-Truppe stieß dementsprechend auf großes Wohlwollen – zumindest bis zum letzten geplanten Auftritt. Am 1. Oktober sollte ein Umzug in den Straßen der südlibanesischen Hafenstadt Tyros das Kulturevent zum Abschluss bringen. Inmitten der Ruinen der alten römischen Prozessionsstraße und entlang der noch immer imposanten Südtribüne des antiken Stadions hätte das sicher ein eindrucksvolles Schauspiel abgegeben. Doch die Organisatoren hatten die Rechnung ohne die religiösen Autoritäten der Stadt gemacht.
»Das ist eine pornografische Tanzgruppe, die gegen unsere ethischen Grundsätze verstößt«, ließ Sheikh Ali Yassin, Vorsitzender des Rats der Rechtsgelehrten von Tyros verkünden. Die so bunten wie spärlichen Kostüme der Tänzerinnen, kombiniert mit den samba-typischen Hüftschwüngen – das wären zu viel der weiblichen Reize für den Kleriker, der befürchtet, dass »sobald sie anfangen tanzen, es zu Problem kommen wird und die Leute außer Kontrolle geraten werden.«
In Beirut, wo die halbnackten Tänzerinnen und Tänzer immerhin an der zentral gelegenen riesigen Muhammad-Amin-Moschee vorbeigezogen waren, wurden derlei Kontrollverluste hingegen nicht vermeldet, ebenso wenig wie in den Städten Batroun und Zahle, in denen die Samba-Truppe Station machte. Die brasilianische Botschaft bot einen Kompromiss an und schlug vor, die Tänzerinnen etwas züchtiger zu bekleiden. Vergebens – Sheikh Ali Yassin und seine Kollegen blieben standhaft und verhinderten den Tourneeabschluss in der »Hauptstadt des Widerstands«. Die brasilianische Truppe wird es verschmerzen können, schließlich wurde die Karnevalstournee andernorts im Zedernstaat begeistert aufgenommen. Und nur einen Tag später bekam Rio de Janeiro den Zuschlag für die Ausrichtung der Olympischen Spiele 2016.




