
Recht auf Nacktheit, Recht auf Verhüllung
»Mein Bauch gehört mir!« Erinnert sich jemand? Es war die Debatte über die Freigabe von Abtreibung, die einen Begriff populär machte: Selbstbestimmung. Gemeint war das Recht einer jeden Frau, nicht nur über ihren Körper zu bestimmen, sondern das letzte Wort zu haben in einer lebensprägenden Konfliktsituation. Der Streit währte nahezu zwei Jahrzehnte, an seinem Ende war Selbstbestimmung, soweit sie den § 218 betraf, nicht Gesetz, aber in der Gesellschaft doch weithin gebilligt. Akzeptiert war damit die Grundlage des modernen Frauenbildes: Dass nämlich eine Frau ein für sich selbst verantwortliches Wesen ist - weder ein wildes Tier, das vor sich selbst in Schutz genommen werden muss, noch ein Werkzeug des Mannes ohne eigene Stimme.
An all das zu erinnern scheint nötig. Denn auch beim Kopftuch geht es um den Körper der Frau - und seit dem Abtreibungsdisput wurde nicht mehr so grundsätzlich, so weit ausholend und unter Beteiligung so vieler gesellschaftlicher Instanzen über eine Frage gestritten, die ausschließlich weibliches Verhalten betrifft.
Aber seltsam: Das Selbstbestimmungsrecht der Frau spielt in dieser Debatte keine Rolle. Genauer gesagt: Selbstbestimmung gilt nur als Argument gegen das Kopftuch, nicht aber als ein Wert, den die Kopftuchträgerin für sich selbst in Anspruch nehmen kann. Ihr Kopf gehört ihr? Mitnichten.
Wenn sich eine verhüllte Muslimin im Spiegel der gegenwärtigen Debatte betrachtet, hat sie nur die Wahl zwischen zwei gleichermaßen unsympathischen Bildern. Entweder ist sie eine Fanatikerin, Fahnenträgerin einer Ideologie, die ihren Geschlechtsgenossinnen wenig Freiheit und wenig Rechte zugesteht. Oder sie lässt sich instrumentalisieren, ist Opfer oder Werkzeug einer Unterdrückung, die sie selbst nicht zu durchschauen vermag. Welch eine Alternative!
Liegt der Abtreibungsdebatte ein konkretes Problem zugrunde?
Entweder schadet sie aktiv dem eigenen Geschlecht oder sie schadet passiv nur sich selbst. Im ersten Fall ist sie verblendet, im zweiten Fall beschränkt. Nur eines ist sie in den Augen der Befürworter eines Kopftuchverbots ganz gewiss nicht: Eine Frau, die für sich persönlich eine verantwortbare Entscheidung getroffen hat. Allein durch den Umstand, dass sie ein Stück Stoff unter ihrem Kinn befestigt, hat die Muslimin das Anrecht verloren, sich eine moderne Frau nennen zu dürfen. Fortan ist sie nicht Subjekt, sondern Objekt. Emanzipation wird ihr verordnet, nötigenfalls aufgezwungen.
Der Abtreibungsdebatte hatte ein reales Problem zugrunde gelegen: die hohe Zahl illegaler Abbrüche, ein veralteter Paragraph. Zusätzlich wurde sie von einem Bedürfnis vorangetrieben: eine sich formierende Frauenbewegung fand im Paragraf 218 ihr Thema. In der Kopftuchdebatte verhält es sich umgekehrt: Es gibt kaum ein reales Problem, aber viel Bedürfnis. Die Zahl verschleierter Lehrerinnen ist anerkanntermaßen marginal; in Nordrhein-Westfalen sind es, einer Erhebung zufolge, 0,2 Promille der Lehrkräfte.
Unüberschaubar ist indes die Menge derer, die sich der Marginalie mit Verve widmen: Nahezu alle westdeutschen Landesparlamente, zahlreiche Bundestagsabgeordnete, diverse Minister und Ministerinnen; Kirchenführer, Moderatorinnen, Orientalisten, Essayisten sowie Scharen von Juristen und Gutachtern.
Was also ist das Bedürfnis, was treibt eine Debatte, der so sehr die Proportionen aus dem Blick geraten sind? Der zweifelhafte Siegeszug des Kopftuch-Themas bemisst sich ja nicht nur an der Zahl der Beteiligten, auch das Suchfeld für missliebige Verhüllte hat sich radikal geweitet, nun geht es um den gesamten Öffentlichen Dienst - als stünden Polizeianwärterinnen in Burka Schlange.
Fallen wir freiheitsdurstigen Gläubigen in den Rücken?
Hört man auf die Reden der Kopftuchverbieter, so ist es ihr innerstes Anliegen, den Musliminnen Freiheit und Rechte zu gewähren. So gewann die Debatte Schubkraft, Feuer und eine gewisse Correctness. Erstaunlich viele Männer streiten nun für Frauenbefreiung, und die Geschickteren unter ihnen zitieren ausschließlich die Stimmen von Frauen, am besten von Musliminnen, gegen das Kopftuch. Wer als Frau hingegen die Verhüllung tolerieren will, muss den Vorwurf aushalten, freiheitsdurstigen Musliminnen »in den Rücken zu fallen«.
Zweifel sind angebracht, wie aufrichtig all diese Frauenfreundlichkeit ist. Denn worauf zielt sie? Dass deutschtürkische Eltern ihren Töchtern mehr Freiheit geben, weil das Kopftuch als Hindernis für Integration und beruflichen Aufstieg gebrandmarkt ist? Wenn nur ein Bruchteil dessen stimmt, was die Kopftuch-Verbieter über patriarchale Familienstrukturen sagen, ist diese Option wenig realistisch.
Unter Druck reagieren Minderheiten konservativ, verweigern die Öffnung. Und gerade weil in Deutschland aufgrund der Anwerbepolitik der 1960er Jahre - salopp gesagt - der anatolische Dorf-Islam eingewandert ist, sollten muslimischen Mädchen und Frauen alle nur möglichen Brücken in die Mehrheitsgesellschaft hinein gebaut werden, anstatt an den Zugang zur Brücke schon ein Verbotsschild zu stellen.
Aber womöglich zielt das Bedürfnis, die Muslimin zu emanzipieren, ohnehin über Deutschlands Grenzen hinaus, auf die weltweite Muslima schlechthin, der nun tapfere deutsche Landesparlamentarier zu Seite stehen im Kampf gegen reaktionäre Mullahs. Auch die Einschätzung vom Wesen des Kopftuchs speist sich offensichtlich mehr aus den Auslands-Fernsehbildern, die uns beständig einen politisierten und gewaltbereiten Islam zeigen - und nur sehr selten jene gebildeten und beruflich erfolgreichen Musliminnen (mit oder ohne Kopftuch), die sich von Pakistan bis Malaysia durchaus als emanzipiert empfinden.
Der Mann ist Gottes Ebenbild, die Frau nicht
Wenn die Debatte aber, wie manche zu bedenken geben, bloß der Selbstverständigung einer säkular-christlichen Gesellschaft dient: Auf wessen Kosten verständigen wir uns da? Wieder ist das Kopftuch nur ein Symbol, diesmal für unsere Ängste, für die Angst vor einem Zuviel an Religion, dem wir nichts entgegenzusetzen haben. Deshalb müssen wir das Kopftuch als das Fremde, als das ganz Andere definieren, das nicht in unsere Ordnung gehört. Die Frau unter dem Kopftuch mag ihr Gesicht zeigen, aber sie ist kein Individuum, sie hat keine Biographie, keine Beweggründe, weder gute noch schlechte, ihre Persönlichkeit ist verschwunden unter dem Tuch.
Damit schließt sich ein verhängnisvoller Kreis. Von Seiten der demokratischen Gesellschaft widerfährt der Muslimin nun etwas strukturell Ähnliches wie von Seiten eines patriarchalischen Islam. Beide projizieren ihre Werte, ihre Vorstellung von Identität und ihren Kampf gegen das »Böse« oder »Falsche« auf die Frau, auf ihren Körper. Für die einen muss sie sich enthüllen, um verfassungstreu zu sein; für die anderen muss sie sich verhüllen, um glaubenstreu zu sein.
Längst zeigt der Generalverdacht gegen Kopftuch-Trägerinnen Wirkung. In Berlin wies ein Jugendrichter eine Zuhörerin mit Kopftuch aus dem Saal - es war die Mutter des Angeklagten. Soziale Ausgrenzung korrespondiert mit Selbstausgrenzung; junge Musliminnen überdenken ihre Berufsentscheidungen, manche Anstrengung scheint sich nicht mehr zu lohnen. Auf Lehramt studieren? Verlorene Jahre.



