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Dem Wolf eine Glocke um den Hals binden
10.05.2010

Dem Wolf eine Glocke um den Hals binden

von Fatma Bulut und Sara Winter / Foto: mîtosfilm

Diyarbakir liegt im Herzen des kurdisch besiedelten Ostens der Türkei. Hier leben Gülistan und ihr Bruder Firat mit ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester Dilovan. Als ihre Eltern auf dem Rückweg von einer Hochzeit vor ihren Augen von türkischen Paramilitärs erschossen werden, bricht der allgegenwärtige Bürgerkrieg zwischen kurdischen Rebellen und türkischer Armee direkt ins Leben der Kinder ein.

Ihre politisch aktive Tante Yekbun plant, mit den Kindern nach Schweden zu fliehen, verschwindet eines Tages jedoch spurlos. Dann stirbt die kleine Dilovan an einer Infektionskrankheit, weil das Geld ihrer Geschwister nicht mehr für die Medikamente ausreicht. Kurz danach finden sich Gülistan und Firat auf der Strasse wieder. Dort treffen die Geschwister auf andere Kinder mit ähnlichen Schicksalen und lernen von ihnen die Techniken des täglichen Überlebens.

Firat schließt sich einer Bande von Straßenjungs an, die sich mit Kleinkriminalität über Wasser halten. Gülistan trifft auf die Prostituierte Dilan, mit der sie eine stille Verbundenheit entwickelt, und bei der sie zugleich emotionale Unterstützung findet. Einzig eine Kassette mit der Stimme der Mutter, die darauf ein  Märchen aufgenommen hatte, lässt die Kinder ihre alptraumhaften Erfahrungen zeitweise vergessen und lullt sie in den Schlaf.

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Als eine parallele »Geschichte in der Geschichte« setzt Bezar das Märchen vom Wolf mit der Glocke ein, welches Gülistans Mutter auf Tonband erzählt. Die dem kurdischstämmigen Schriftsteller Yasar Kemal zugeschriebene Parabel handelt von einem Wolf, der vom Dorfältesten durch eine List gezähmt wird: Dem Untier wird eine Glocke um den Hals gebunden, so dass er sich nicht mehr leise an die Schafherden des Dorfes heranschleichen kann.

Der Krieg kann nicht alles zerstören

Anstatt den Wolf zu töten, macht das Dorf ihn unschädlich. So geht der Wolf an sich selbst zugrunde. Als Gülistan und Firat eines Tages dem Mörder ihrer Eltern wieder begegnen, wenden sie dieselbe List an, um sich an ihm zu rächen. Anstatt sich von der Spirale der Gewalt gefangen nehmen zu lassen, machen sie auf kindlich-kreative Art seine Arbeit beim Geheimdienst der Gendarmerie publik, wo er am Verschwinden zahlloser Menschen beteiligt war. So verliert der Mörder seinen gesellschaftlichen Deckmantel als liebender Familienvater.

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Miraz Bezar

wurde 1971 in Ankara geboren und ist mit
seiner Familie nach dem Militär-Putsch im Jahr
1980 nach Deutschland ausgewandert. Er studierte
Regie an der Film- und Fernsehakademie in Berlin,
wo er heute noch lebt.

In seinem ersten Spielfilm greift der kurdischstämmige Regisseur Miraz Bezar ein brisantes Thema auf: die Opfer staatlicher Morde im Krieg zwischen der PKK und den türkischen Sicherheitskräften. Aus kindlich subjektiver Perspektive heraus komponiert Bezar eine bewegende Collage über die Nöte der kurdischen Bevölkerung Diyarbakirs.

Das Märchen vom Wolf mit der Glocke stehe für die »traditionelle Weisheit, die seit Hunderten von Jahren mündlich überliefert worden und noch nicht verloren gegangen ist«, so Bezar bei einer Vorstellung des Films in Hamburg in Anwesenheit der Co-Produzenten Klaus Maeck und Fatih Akin. Dass die Kassette den Tod der Mutter überdauert, sie für ihre Kinder ein Stück weit fortbestehen lässt, symbolisiert für Bezar, dass es Dinge gibt, die der Krieg nicht zerstören kann.

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Auf Filmfestivals in Antalya und Istanbul wurde der Film, der in kurdischer und türkischer Sprache gedreht wurde, positiv aufgenommen. In der Bosporusmetropole hat »Min Dît« Preise für die beste Musik und die beste Kamera eingeheimst. Senay Orak, die im Film die zehnjährige Gülistan verkörpert, erhielt den Preis für beste Hauptdarstellerin und ist damit die jüngste Preisträgerin in der Festivalgeschichte.

Bei der Machart des Films wurde der Regisseur nach seinen eigenen Angaben vom iranischen Autorenkino inspiriert. Entgegen der belastenden Szenarien eines Bahman Ghobadi jedoch hat Miraz Bezar einen sanften Film gedreht, bei dem die Brutalität des Geschichte immer nur angedeutet, nicht aber in den Fokus genommen wird. Der mit geringem Budget gedrehte Film lebt davon, »was die Stadt Diyarbakir zu bieten hat.« Die Gewalt des Konflikts ist zwar seit den 1990ern deutlich zurückgegangen, ein erneuter Ausbruch ist jedoch nicht ausgeschlossen. Eine Aufarbeitung des Konflikts in einer gesellschaftlichen Debatte in der Türkei hat bisher nicht stattgefunden. Deshalb hat Bezar den Zeitrahmen der Geschichte absichtlich offen angelegt. So behält die Geschichte ihre Aktualität.zenithonline

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Min Dît
Die Kinder von Diyarbakir

Ein Film von Miraz Bezar

Bezar Film und corazón international 2009,
102 Minuten, Kurdisch, Türkisch, deutsche Untertitel.

Der Film läuft seit dem 22.04.2010 in
den deutschen Kinos. www.min-dit.com

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