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Die vergessene Pionierin

Die vergessene Pionierin

von Sven Hirschler / Foto: dpa-PA

Ob es heißer war als sonst, Tink Diaz ist sich heute nicht mehr sicher. Zu lange ist es her, 34 Jahre sind inzwischen vergangen. Und hier - in einem Café in Hamburg Eimsbüttel - fällt es schwer, sich an die vertrockneten Straßen und den ewigen Durst Afrikas zu erinnern.

Es braucht einen Moment, noch einen Kaffee, und Diaz beginnt zu erzählen. Von Dar es Salaam, Tansania, 1976. Von einem Buch, dass sie dort in einem Trödelladen entdeckt: »Mein Leben im Sultanspalast« von Sayyida Salme bint Said ibn Sultan, Prinzessin vom Oman und Sansibar. Schicksal oder Zufall: Die zerfledderte, von Sand und Hitze zermürbte Autobiografie begleitet Diaz seitdem ihr ganzes Leben.

Schwarzwaldklinik statt Tausendundeine Nacht

»Salme fasziniert mich inzwischen seit über 30 Jahren«, sagt Diaz. Es ist eine »Heldinnen-Geschichte«: 1844 auf Sansibar geboren, mit 22 Jahren aus Liebe nach Deutschland geflüchtet. Von der Prinzessin zu einer gefeierten Schriftstellerin. Als erste arabische Frau veröffentlicht sie auf Deutsch. Ihre Analysen arabisch-europäischer Verhältnisse sind heute noch treffender als viele aktuelle Fachbücher.

Doch gibt es kein Denkmal, keine Straße, die nach Salme benannt ist. Wieso das Desinteresse für die Prinzessin? Diaz beschließt, einen Dokumentarfilm zu drehen, das deutsche Fernsehen will ihn senden. Doch kurz vor der Ausstrahlung entscheidet sich der Sender für die Produktion einer neuen Folge »Schwarzwaldklinik«.

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Frau verliebt sich in Mann, Mann verliebt sich in Frau. Genau dieser Umstand machte Salme zur Persona non grata der Sultansfamilie. Nach dem Tod ihrer Eltern macht sie sich mit 15 Jahren als Leiterin einer Nelkenplantage selbstständig.

Doch zum Bruch mit ihrer Familie kommt es, als die 22-jährige Muslimin 1866 von dem Hamburger Kaufmann Heinrich Ruete schwanger wird. Statt eine arrangierte Heirat einzugehen, verliebt sich die Prinzessin in den Deutschen. Einen Christen. Was bleibt, ist die Flucht. Heimlich schifft sich die Prinzessin auf dem britischen Kriegsschiff MS »Highflyer« ein. Sobald Sansibar außer Sicht ist, lässt sie sich taufen – nie wieder wird sie in ihre Heimat zurückkehren dürfen.

Stolz und Vorurteil

Emily Ruete, so lautet der christliche Name von Sayyida Salme bin Said ibn Sultan seither, zieht mit ihrem Mann an die Hamburger Alster – nur einen Steinwurf von jenem Ort entfernt, an dem Tink Diaz Jahrzehnte später aufwachsen wird.

»Salme war eine der ersten arabischen Frauen, die in Deutschland gelebt haben«, sagt Diaz. Die Prinzessin ist abgestoßen von den europäischen Sitten, der mangelnden Hygiene und den offensichtlichen sozialen Missständen: »Sie misshandeln ihre Körper mit engen Korsetts und Schnürbund-Hosen.« Die Hansestadt, in der »mit wenigen Ausnahmen das Geld die ausschließliche Rolle spielt« empfindet sie als arrogant und primitiv.

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