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Zweifel eines Attentäters
29.01.2009

Zweifel eines Attentäters

von Josip Pejic

Ein junger Araber wühlt sich auf einem belebten Marktplatz in Tel Aviv durch die Menschenmenge. Unter seiner Jacke versteckt, trägt er einen Sprengstoffgürtel. Hastig irrt sein Blick umher. Plötzlich bleibt er stehen. Er greift den versteckten Zünder in seinem Ärmel. Dann schließt er seine Augen, atmet tief durch, drückt auf den Knopf – und es passiert nichts. Die Marktplatzbesucher kommen mit dem Leben davon, und der Zuschauer im Kinosaal darf durchatmen.

In seinem Kinodebüt „Alles für meinen Vater“ verarbeitet der israelische Regisseur Dror Zahavi den Nahostkonflikt aus der Sicht eines Selbstmordattentäters. Dabei zeichnet er von dieser tragischen Figur ein völlig anderes Bild, als es in den Köpfen der Menschen auf beiden Seiten des Grenzzauns vorherrscht.

Der 20-jährige Palästinenser Tarek (Shredi Gabrin), der mit seiner Familie in der West Bank lebt, steht unter großem Druck. Sein Vater wird von der Tanzim-Miliz, einem bewaffneten Zweig der Fatah, der Kollaboration mit den Israelis beschuldigt und die Familie infolge dessen aus der Gemeinschaft verstoßen. Tarek möchte die Familienehre wiederherstellen – und beschließt, sich auf einem israelischen Markt in die Luft zu sprengen. Doch sein Selbstmordversuch misslingt – der Zünder ist defekt – und Tarek „gewinnt“ widerwillig ein wenig Lebenszeit auf feindlichem Gebiet.    

In den folgenden hundert Minuten lässt Regisseur Zahavi seinen Protagonisten Stück für Stück die Wahrheit über den „Feind“ aufdecken: Tarek entdeckt, dass auch die Israelis unter einem Konflikt leiden, dessen sie längst müde geworden sind. Da ist beispielsweise der alte Elektriker Katz (Shlomo Vishinski), ein 70-jähriger Auschwitz-Überlebender, dessen Sohn während des Wehrdienstes bei einem Armeemanöver ums Leben gekommen ist. Katz erklärt sich sofort bereit, Tareks defekten Zünder zu reparieren, ohne je nach dessen Zweck zu fragen. Da am folgenden Tag aber der Sabbat gefeiert wird, an dem jede Arbeit ruht, lädt Katz den fremden jungen Mann ein, die Zeit bis zum nächsten Werktag in seinem Haus zu verbringen. Zwei Tage Aufschub, in denen sich Tareks radikales Weltbild wandeln wird.

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Hautnah erlebt Tarek beim gemeinsamen Abendessen mit Katz und dessen Ehefrau die Trauer des Ehepaares über den Verlust ihres Sohnes. Doch trotz des Schmerzes sinnen die beiden weder auf Rache, noch machen sie die Araber für ihr Unglück verantwortlich. So beginnt auch Tarek sich zu fragen, wie tief sein Hass auf diese Menschen in Wahrheit sitzt.

Vollends aus den Fugen gerät sein Feindbild, als er der 17-jährigen Jüdin Keren (Hili Yalon)  über den Weg läuft. Seit sie vor ihrer streng orthodoxen Familie geflohen ist, schlägt sich das Mädchen in der Stadt alleine durch. Dabei wird sie regelmäßig von Familienangehörigen aufgesucht, die sie zur Rückkehr in ein religiöses Leben zwingen wollen und dabei sogar vor Gewaltanwendung nicht zurückschrecken. Tarek ist von dem Mädchen nicht nur auf Anhieb fasziniert, sondern erkennt auch, dass sie etwas gemeinsam haben: Beide haben auf ihre Art unter den Wertvorstellungen, Lebensansichten und Regeln zu leiden, die andere ihnen auferlegen wollen. Mit Keren verbringt Tarek schließlich die letzten Stunden seines Aufenthaltes in Tel Aviv, bevor der Morgen anbricht, an dem er einen neuen Sprengstoff-Zünder auf Katz’ Küchentisch vorfindet. Doch zu diesem Zeitpunkt weiß Tarek nicht mehr, was richtig und was falsch ist – und wer eigentlich seine Feinde sind.

Der erfahrene Regisseur Zahavi, der für seine zahlreichen deutschen TV-Produktionen (unter anderem „Doppelter Einsatz“, „Die Luftbrücke“) mit zahlreichen Fernsehpreisen ausgezeichnet wurde, bemüht sich sichtlich, den Blick des Zuschauers für die emotionalen Wirrungen, Wandlungen und Widersprüche der Charaktere, vor allem aber der Figur des Selbstmordattentäters, zu sensibilisieren. Während des gesamten Films behält Tarek den Sprengstoffgürtel um seinen Körper geschnallt, stets bemüht, ihn vor den Augen der anderen zu verbergen. Bloß dass „die anderen“ vor allem Menschen sind mit Problemen, Sorgen und Ängsten wie er sie selbst hat – aber auch mit Lebensfreude und Hoffnung, die er hingegen verloren zu haben scheint. Jeder weitere Moment, den er mit diesen Menschen erlebt, lässt ihn ein Stück Hoffnung zurückgewinnen. Sein Entschluss gerät immer stärker ins Wanken, aber noch immer wiegen seine Motive, seine eigenen Sorgen und Ängste schwer. Tarek trotzt allen Versuchen des Lebens, ihn für sich zurück zu gewinnen – bis er schließlich am Ende der zwei Tage Aufschub seine endgültige Entscheidung trifft.zenithonline

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