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Zum Tod von Gernot Rotter: Schelm und Löwe
16.06.2010

Zum Tod von Gernot Rotter: Schelm und Löwe

von Daniel Gerlach

»Da wir noch etwas zu regeln haben, möchte ich Ihnen mitteilen, dass man mich zu meiner Überraschung nochmals zusammengeflickt und entlassen hat« – mit diesen Worten meldete sich Gernot Rotter im März nach einer riskanten Herzoperation bei mir zurück. In der Reha-Klinik sei ihm die Idee gekommen, ein Filmprojekt über eines seiner Lieblingsthemen anzugehen: Arabische Geografen und ihre Reiseberichte aus dem Mittelalter.

Rotter sprühte vor Tatendrang und hatte keine Lust, sich über seine Krankheiten zu unterhalten. »Zusammengeflickt ist noch ein Euphemismus. Ich versuche aber meine alten Knochen anzuregen, nochmals zusammenzuwachsen. Zumindest teilweise scheint es bereits gelungen«, legte er nach.

Aus diesen wenigen Sätzen sprach Rotter in seiner besten Form: sarkastisch, fröhlich, ironisch, vorgeblich schlecht gelaunt, aber nur zur allgemeinen Unterhaltung. Großherzig und stark. Sich selbst zu schonen war Rotters Sache nicht, vor allem nicht, als er vier Jahre lang in der blutigsten Phase des libanesischen Bürgerkriegs in Beirut das dortige Orient-Institut dirigierte und am Leben hielt.

Er schien sich wenig daraus zu machen, dass viele seinen mächtigen, vom weißen Bart umrahmten Löwenschädel älter schätzen, als er eigentlich war: Gernot Rotter, der am 14. Mai 1941 im sudetischen Troppau geboren wurde, starb nun am 9. Juni im Alter von 69 Jahren.

Geschichte, die erzählt gehört

Er konnte, frei nach Karl dem Fünften, zechen wie ein echter Mähre. Hin und wieder durften Studenten der Islamwissenschaft in Hamburg im kleinen Kreise Vorlesungen lauschen – in einer kleinen Stube an der Rothenbaumchaussee, die Frankenwein ausschenkte.

Rotters Zuneigung war nicht zum Sonderpreis zu haben. Wer sich für schlau genug hielt, mit ihm Zwiegespräche auszufechten, konnte mit Fairness rechnen, aber nicht immer mit Erbarmen. Rotter gab eine Linke, eine Rechte und eine Geradeaus – wer danach nicht mit ihm lachen konnte, der hatte nichts verstanden. Weder von Gernot Rotter, noch von der Orientwissenschaft.

Rotter war Orientalist und er stand zu diesem verfemten, zerredeten und zwangspensionierten Label seiner Handwerkskunst. Ein Mann, der nicht nur die Sprachen, Kulturen und Geschichten des Vorderen Orients studiert hatte, sondern seine Kenntnisse mit Lust, Sehnsüchten und einem Hauch von Abenteuer ins Leben übertrug.

Mit der handelsüblichen Kritik, dass Orientalisten nur romantische Projektionen des »Orients« reproduzierten, brauchte man ihm nicht zu kommen. Er kannte die Debatten und beteiligte sich en passant daran, aber an Theorien und epistemologischen Diskursen hatte er wenig Interesse. Rotter trieb die Erforschung einer fremden, aufregenden Welt um – keine Konferenzen zur kritischen Hinterfragung seiner Wissenschaft.

»Als Orientalist sollte man natürlich ein durchaus kritisches Orientbild haben, aber man sollte sich auch dem Gedanken verpflichtet fühlen, dass man Verständnis und Verständigung sucht«, resümierte Rotter in einem Interview mit zenith-Mitherausgeber Christian Meier im Oktober 2005.

Rotter war ein Erzähler – nicht, weil er des Öfteren vergaß, sich auf Seminare vorzubereiten und in solchen Lagen in den Theaterfundus griff. Das konnte vorkommen, war aber nie sein Hauptmotiv. Geschichte kann nicht wiedererlebt werden, und sie vermittelt sich auch nicht anhand von Fußnoten, Graphiken und Diagrammen.

»Wenn ich glaube, ein Thema begriffen zu haben, verliere ich das Interesse«

Rotter konnte auswendig plaudern wie die auf hohen Stühlen sitzenden Geschichtenerzähler in den Kaffeehäusern von Damaskus – sein fränkisches »R« rollte womöglich noch klangvoller. Ohnehin war Rotter zeitlebens der Ansicht, dass sich die Bewohner Süddeutschlands und der Levante dank einer geschickten Militärpolitik des Römischen Imperiums genetisch nahe stünden.

Und die Studenten sahen es ihm nach, wenn er sich mitten im Seminar eine Zigarette ansteckte, denn so billig kamen sie nicht wieder an eine Reise in den Orient.

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