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Pippi Langstrumpf in Kairo
02.03.2009

Pippi Langstrumpf in Kairo

von Fabian Wagener / Foto: Hala Sherif

»Suche Wissen vom Tag deiner Geburt bis zum Tag deines Todes!« Diese Aufforderung stammt der Überlieferung zufolge von Muhammad, dem Propheten des Islam. Lebenslanges Lernen als gesellschaftliches Motto, das Streben nach Wissen und Erkenntnis als Idealvorstellung kennzeichnete die muslimische Gemeinschaft seit ihrer Geburtsstunde. Ob im Bagdad der Abbasiden oder im fatimidischen Kairo, in den Zentren der islamischen Welt gediehen Jahrhunderte lang Kultur und Wissenschaft.

Aufbewahrt wurde das erworbene Wissen in prachtvollen Bibliotheken, die bekannteste vielleicht das unter dem Kalifen al-Ma´mun erbaute Haus der Weisheit in Bagdad. Der Beruf des Bibliothekars war hoch angesehen und Schreiben und Lesen galten als wesentlicher Bestandteil städtischer Bildung.     

Auf dem diesjährigen Treffen des Bibliothekenverbands »International Federation of Library Associations and Institutions« (IFLA), das den Schwerpunkt auf das Bibliothekenwesen in der islamischen Welt legte, wurde deutlich: Die Zeit islamischer Bildungsblüte ist lange vorbei, besonders die arabischen Gesellschaften stehen auf dem Bildungssektor vor erheblichen Schwierigkeiten – und der Zustand der Bibliotheken spiegelt diese Schwierigkeiten wider.

Unsichtbare Bibliotheken

»Bibliotheken sind in den meisten arabischen Ländern gar nicht sichtbar, es gibt keine wirkliche Lesekultur«, kritisiert Hala Sherif, Direktorin der Mubarak Public Library (MPL) in Kairo. Die Ursache hierfür ist denkbar einfach: Analphabetismus ist vielerorts ein gravierendes Problem. Laut dem Human Development Report der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2008 können in Ägypten ungefähr 28 Prozent der über 15-Jährigen nicht richtig lesen und schreiben. In Marokko oder Jemen liegt die Zahl bei weit über 40 Prozent. Zum Vergleich: Der Bericht beziffert die Rate für Deutschland auf etwa ein Prozent.

Auch die Regierenden machen den Bibliothekaren das Leben schwer. Viele arabische  Staaten werden von diktatorischen Regimes regiert, Zensur von Literatur und Internet sind nach wie vor verbreitet. Daneben stellt auch die rechtliche Lage auf dem Gebiet des Urheberrechts ein ernstzunehmendes Hindernis dar. »Wir haben große Defizite was die Meinungsfreiheit, den Schutz des geistigen Eigentums und das Urheberrecht betrifft«, so Sohair Wastawy, leitende Bibliothekarin der berühmten Bibliotheca Alexandrina in Ägypten. Hinzu kommen häufig finanzielle Probleme.

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Die Bibliothekare wissen um diese Schwierigkeiten – und gehen sie an. Ob durch Lesewettbewerbe für Kinder und Jugendliche oder Kurse für Analphabeten, es wird viel unternommen, um die Menschen an das Medium Buch heranzuführen. Ein Beispiel dafür bietet die MPL. 1995 in Kairo gegründet, entstand 1999 eine kleine Zweigstelle im Kairoer Stadtteil Zaitun, einem Stadtteil beherrscht von Armut, Analphabetismus und Arbeitslosigkeit. Pläne für den Bau einer weiteren Bibliothek in der Nähe Zaituns bis April 2010 liegen bereits auf dem Tisch, denn die bisherigen zwei Lesesäle und der kleine Garten reichen nicht mehr aus.

Freier Zugang statt nationales Eigentum

Kindern und Jugendlichen einen Ort zum Treffen, Spielen und Lesen bereitzustellen ist eines  der Hauptanliegen der Bibliothek in Zaitun. Das Angebot ist reich an Kinderbüchern, zusammen mit ägyptischen Verlagshäusern wurden etwa Bücher wie Harry Potter oder Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf ins Arabische übersetzt. Die Bibliothek arbeitet, trotz ihres engen finanziellen Rahmens, auch mit Technologien wie dem Internet. Bücher allein reichen heute nicht mehr aus. »Es hat eine Weile gedauert bis die Bibliothek im Viertel angenommen wurde, mittlerweile kommen an freien Tagen aber ganze Familien zu uns«, sagt Hala Sherif.

Die Bibliotheken unter dem MPL-Label sind öffentlich, jeder kann sich als Nutzer eintragen lassen, in den Regalen stöbern, im Internet surfen oder Bücher ausleihen. »In weiten Teilen der arabischen Welt war es lange Zeit nicht üblich, dass die Kunden freien Zugang zu den Regalen hatten«, erklärt Hala Sherif. »Man begriff Bücher als nationales Eigentum, verlieh sie daher auch nur sehr selten.« Die Befürchtung, viele Bücher könnten verloren gehen, wenn sie ausgeliehen werden, hat sich nicht bewahrheitet. In der Zaituner Bibliothek liegt die jährliche Verlustrate bei unter fünf Prozent - nach Sherif ein sehr guter Wert.

Natürlich stehen die Bibliotheken in der arabischen Welt vor ganz unterschiedlichen Problemen. Eine Bibliothek im Libanon verfügt über wesentlich geringere finanzielle Mittel als eine Einrichtung in Saudi-Arabien. Auf der IFLA-Konferenz aber formulierten viele Bibliothekare und Funktionäre den gemeinsamen Wunsch nach einer engeren Zusammenarbeit mit Europa. »Es ist schwierig für arabische Bibliothekare sich weiterzuentwickeln«, sagt  Saad Azzahri, Direktor der Bibliothek des saudischen Ministeriums für Erdöl und Ex-Präsident der »Arab Federation of Libraries and Information« (AFLI). »Hier könnten Austauschprojekte zum Beispiel mit Deutschland helfen.«

Die hausgemachten Probleme würden dadurch jedoch nicht gelöst. Die Ursachen für die Bildungsmisere vieler arabischer Länder sind auch politischer Natur, die hohe Zahl an Analphabeten ist nur durch umfassende Bildungsinitiativen zu reduzieren. Die Bibliothekare kämpfen dafür, dass Menschen Freude am Lesen gewinnen. Denn wie sagt ein arabisches Sprichwort: »Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt.«zenithonline

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