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		<title>zenithonline.de: Latest News</title>
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		<lastBuildDate>Wed, 22 May 2013 16:38:00 +0200</lastBuildDate>
		
		
		<item>
			<title>Die Bestie von Bab al-Aziziya</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/literatur//artikel/die-bestie-von-bab-al-aziziya-003650/</link>
			<description>Muammar al-Gaddafi liebte Sex mit Minderjährigen ebenso wie Gewalt- und Drogenexzesse bis in die...</description>
			<content:encoded><![CDATA[»Er schlug mich und vergewaltigte mich, bepisste mich und schrie.« Dass sind nicht die Sätze aus einem neuen bizarren Fetischroman für gelangweilte Hausfrauen. Sie handeln von Muammar al-Gaddafi, haben ein junges Menschenleben zerstört und waren gerichtet an: Soraja, 1989 als eines von sieben Kindern in eine traditionelle Familie aus Marag geboren, einer libyschen Ortschaft unweit der ägyptischen Grenze. 

Mit 15 Jahren wird sie zur Sexsklavin des ehemaligen Diktators, als der ihre Schule besucht und das Mädchen auswählte, ihm zu Diensten zu sein. Nun hat die mittlerweile erwachsene Frau ihr Martyrium stellvertretend für viele andere der französischen Journalistin Annick Cojean erzählt. Ihr Buch »Niemand hört mein Schreien. Gefangen im Palast Gaddafis« ist ein Protokoll des Grauens.

<h3>Sex im Schichtdienst</h3>
Das erste Mal war in Sirte, Gaddafis Heimatstadt. Er lag nackt auf dem Bett seines vergoldeten Wohnmobils deutscher Bauart. Mit Drogen zugedröhnt rief er: »Na komm, meine Nutte.« Dann drang er brutal in Soraja, das fünfzehnjährige Mädchen, ein – ihre inneren Verletzungen wurden von der ukrainischen Krankenschwester Galina notdürftig versorgt. Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein. Blutergüsse, Fleischwunden gehörten fortan ebenso zu Sorajas Alltag wie Kokain, Zigaretten und Whiskey. 

All das musste sie vor den Augen ihres »Meisters« konsumieren, in Sirte und in Bab al-Azizya, jener berüchtigten Festung Gaddafis in der Hauptstadt Tripolis, dem Symbol für dessen Autorität und Allmacht. Dort lebte Soraja jahrelang im Kellergeschoss, eingesperrt mit anderen Mädchen und jungen Frauen. Sie musste sich tagsüber Pornos »zu Lehrzwecken« anschauen und wurde nachts von Mabruka abgeholt, um den exzessiv Viagra konsumierenden Gaddafi und dessen perverse Fantasien und Launen mal alleine, mal mit einem anderen Mädchen oder einem jungen Mann, zu befriedigen. Immer wieder. Sex im Schichtdienst.

<h3>Mabruka – Kerkermeisterin und Puffmutter</h3>
Heute ist Muammar al-Gaddafi tot. Gepfählt. Mabruka, seine Kerkermeisterin und Puffmutter, lebt indes. Die Tuareg, die auch mal nach Paris zum »Shopping« von arabischstämmigen Mädchen reiste und die bekanntesten Hexenmeister Afrikas nach Libyen einlud, ist heute um die fünfzig Jahre alt und wohnt wieder bei ihrer Mutter in Ghat – wenn auch unter Hausarrest.

Das bleibt den gepeinigten jungen Frauen, die in Gaddafi nicht mehr als die Bestie aus Bab al-Azizya sehen, verwehrt. Den Kontakt zu ihren Familien haben all die Libjas, Lailas, Hadijas und Hudas oftmals abgebrochen. Mal aus Scham, mal wurden sie verstoßen. Die Schande ist zu groß im von traditionellen Stammesstrukturen geprägten Libyen. 

<h3>Die Folterkammer im grünen Zimmer</h3>
Vor diesem Hintergrund ist die Arbeit Cojeans umso erstaunlicher. Sie hat es nicht nur geschafft – soweit es bei diesem Sachverhalt geht – einfühlsam über das Schicksal Sorajas zu schreiben, sondern deckt im zweiten Teil des Buches auch die Strukturen hinter dem Sex-Regime Gaddafis auf. Etwa, dass er sich einen versteckten Raum in der Universität Tripolis einrichten ließ. Nicht, um den dortigen Vorlesungen unerkannt folgen zu können. Nein, dieses grüne Zimmer war wie ein komplett ausgestatteter gynäkologischer Untersuchungsraum eingerichtet. Wo eigentliche die Lehre vom grünen Buch gelernt werden sollte, folterte Gaddafi seine weiblichen Untertanen. 

Er benutzte Sex und Vergewaltigung jedoch nicht nur zur Befriedigung seines eigenen Triebs, sondern, so die Recherchen Cojeans, auch als Druckmittel – gegen Untergebene, aber auch die alteingesessene Elite der Hauptstadt. Fiel ein Politiker oder Militär in Ungnade kam es auch vor, dass er die Treue auf seine ihm eigene Art und Weise einforderte: Du gehorchst, oder ich vergewaltige dich, deine Frau und deine Kinder – der Reihenfolge nach. Das war die Nachricht, die Gaddafi übermitteln ließ und wohl auch wahr machte.

<h3>Gaddafis Amazonen – keine Eliteeinheit wie jede andere</h3>
Über Muammar al-Gaddafi wurde außerhalb Libyens jahrelang viel geschmunzelt: Im Laufe seines Despoten-Daseins legte er sich Fantasie-Uniformen zu, nannte sich selbst den »König der Könige« von Afrika und schlug FIFA-Chef Sepp Blatter einst vor, nicht mehr nur elf gegen elf spielen zu lassen – sondern hundert gegen hundert. Doch ein witziger Narr war dieser Mann nicht.

Er ließ beinahe auf dem gesamten afrikanischen Kontinent nach hübschen, jungfräulichen Mädchen Ausschau halten, dann nach Tripoli bringen, um sie dort zu »öffnen«, wie Gaddafi es nannte. Auch einige Frauen von hochrangigen Politikern des Kontinents soll er – im Austausch für Schmuck und Geld – in seine Lusthöhlen eingeladen haben; Namen nennt das Buch indes keine.

Dafür wird deutlich, dass Gaddafis Amazonen keine Eliteeinheit wie jede andere war. Der Tyrann, gefeiert für seine Politik zur Befreiung der Frau, ließ Soraja und viele andere von seinen Schergen entführen, hielt sie sich als Sexsklavinnen – und im Ausland fungierten sie in Uniform als seine Amazonen. So erging es nicht allen, einige waren in der Tat Soldatinnen. Die überwiegende Mehrheit indes waren einfache Libyerinnen, jung, gut aussehend und einmal in ihrem Leben von Gaddafi gesehen worden. Es sollte ihr Leben für immer verändern.
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> 							<img src="/fileadmin/img/content/kultur/full_article/rezension_gaddafi_box.gif" style="cursor:move; " height="162" width="94" alt="" /> 						</div>
<div style="margin-left: 120px; "><div class="csc-textpic-text"><h2>Niemand hört mein Schreien </h2>
<p class="copytext_grau">Gefangen im Palast Gaddafis </p>
<p class="copytext_grau">Annick Cojean</p>
<p class="copytext_grau">Aufbau-Verlag, 2013</p>
<p class="copytext_grau">296 Seiten, 19,99 Euro</p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>]]></content:encoded>
			<category>Libyen Literatur Frauen</category>
			
			
			<pubDate>Thu, 16 May 2013 10:20:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Ex Oriente Lux</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/literatur//artikel/ex-oriente-lux-003643/</link>
			<description>Bonbonfarbene arabische Nächte, endlos auf- und absteigende Arabesken in Moll – und Münchner...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Der alte Ford »hüpft und keucht wie ein Hund auf drei Beinen«. Endlich: die iranisch-irakische Grenze. Schließlich: Bagdad. Der Reisende ist angekommen, hat das »dumpfe Getrommel und den rauen atemlosen Ruf ›Hassan, Hossein, Hassan, Hossein‹« der Aschura-Prozessionen von Teheran hinter sich gelassen; die safrangelben oder karminroten Bärte und deren »alte und schwache und würdevolle Kultur« ebenso wie die milchigen Melonen mit leichtem Mandelgeschmack. 

Stattdessen: Pommes Frites am Tigris-Ufer, anschließend ein Ausflug ins biblische Babylon, »schweißgebadet und mit staubvollem Mund«, die Propheten Jeremias und Jesaja im Kopf zitierend, dann das Wunder: eine Flasche Münchner Exportbier wird mit Datteln im Schatten der Palme gereicht. Oh wie schön ist Babylon. Dies ist die Reise des John Dos Passos, packend geschrieben vor rund neunzig Jahren im Iran, dem Irak, Syrien, Armenien sowie Georgien.

<h3>Im kaukasischen Armenhaus</h3>
Es wird das letzte sein, für sieben Wochen. Die Reise geht weiter, mit einer Karawane auf dem Rücken des Dromedars Malek durch die syrische Wüste und deren »bonbonfarbene arabische Nächte« bis nach Damaskus.

Fern sind die grauenhaften Bilder aus dem kaukasischen Armenhaus jener Jahre, dem armenischen Eriwan, wo »halbnackte Kinder mit eingefallenen Wangen und aufgedunsenen Hungerbäuchen kauern wie verwundete Tiere«. Ebenso die Erinnerungen an das vom Grauen des Bolschewismus heimgesuchte georgische Tiflis, wo »täglich zwanzig Personen an Cholera, vierzig an Typhus« sterben. Dorthin war der Schnellzug gekommen, der sich »langsam durch den üppigen jade- und smaragdgrünen Dschungel der Schwarzmeerküste« von Konstantinopel entfernt hatte. 

<h3>Opalweißer Ouzo auf dem Taksim-Platz</h3>
Jenem Stambul, wo Minarette »wie Elfenbeinstifte auf einem Cribbage-Brett« stehen, auf dem Taksim-Platz opalweißer Ouzo gereicht wird, Musiker »endlos auf- und absteigende Arabesken in Moll« zupfen und summen und ein Geistlicher »ein Gebet voller harter Konsonanten und kühn aufsteigender Satzmelodien« spricht. 

Die Metropole am Bosporus, wo abends der »schrecklich blutorangene Mond Asiens« untergeht, war der Ausgangspunkt für die Reise des weltberühmten amerikanischen Schriftstellers John Dos Passos, der mit Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald zur »Lost Generation« der amerikanischen Literatur gehört. 

Nun liegt sein literarisches Meisterwerk erstmals auf Deutsch vor und ist nicht nur so dicht, spannend und genau geschrieben, das man gleich von neuem beginnt, jede Zeile und jeden Satz zu lesen, um ein weiteres wunderbares Wortspiel oder einen Satz von besonderer sprachlicher Schönheit zu finden, das beim ersten Lesen fataler Weise im Dickicht der Sätze verborgen geblieben war.

Nein, die »literarische Live-Reportage«, wie Stefan Weidner das Werk in seinem sachkundigen Nachwort nennt, ist auch darum bemüht, die Vorgänge jener Zeit zu erfassen. Die Welt war noch nicht abgekühlt vom Feuer der Schlachten rund um den Globus. Und John Dos Passos beschreibt die Folgen, die er während seiner Reise persönlich sieht und erlebt. 

<h3>Dos Passos ist Chronist einer Zeitenwende</h3>
Angefangen vom Versuch der im schleichenden Niedergang begriffenen Kolonialmächte Frankreich und England, die Region unter sich aufzuteilen über die bolschewistischen Gewalt- und Hungerorgien im Kaukasus und das Ringen um Freiheit und Macht der autochthonen Bevölkerungen des Orients bis hin zum Genozid an den Armeniern und dem türkisch-griechischen Krieg.

Kurz: Eine alte Welt war untergegangen, John Dos Passos bereiste jene neue, die, in ein nationalistisches Gewand gehüllt, vage im Entstehen begriffen war. Ex Oriente Lux. Er ist der Chronist dieser Zeitenwende. Und was für einer.
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> 							<img src="/fileadmin/img/content/kultur/full_article/rezension_dospassos_box.gif" style="cursor:move;" height="162" width="110" alt="" /> 						</div>
<div style="margin-left: 120px; "><div class="csc-textpic-text"><h2>Orient-Express</h2>
<p class="copytext_grau">John Dos Passos</p>
<p class="copytext_grau">Nagel &amp; Kimche, 2013</p>
<p class="copytext_grau">203 Seiten, 18,90 Euro</p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>]]></content:encoded>
			<category>Nahost Literatur Unterwegs</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 08 May 2013 11:12:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Wenn aus Liebe Hass wird</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/literatur//artikel/wenn-aus-liebe-hass-wird-003636/</link>
			<description>Aus dem weltoffenen Schai wird ein ultra-orthodoxer Hardliner. Isabelle Neulinger flieht vor ihm...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Im Oktober 1999 reist Isabelle Neulinger mit einem One-Way-Ticket nach Israel. Wie alle Einwanderer besucht sie einen Sprachkurs, muss sich um eine Sozial- und Krankenversicherung kümmern, den Führerschein machen, bezieht eine schicke Wohnung in Tel Aviv – und erhält eine Gasmaske von den Behörden. Für den Notfall. 

Doch richtig angekommen ist die junge Frau aus der Schweiz, die für einen internationalen Konzern in den Azrieli-Türmen der Mittelmetropole arbeitet, als sie Schai kennenlernt, übersetzt: »Geschenk«. Er scheint der Traummann zu sein, arbeitet als Sportlehrer und nebenher als Model für Werbekampagnen. Dazu hat er auch noch eine Nebenrolle in der israelischen Kultserie »Injan schel Zman – Eine Frage der Zeit«. 

Er ist ihr Romeo, sie seine Julia – die beiden heiraten in Pki’in, einem idyllischen Nest in Nordgaliläa an Lag ba-Omer und wenig später noch einmal im Rahmen der Familie auf einem kleinen Landsitz nördlich von Tel Aviv. Das Glück scheint perfekt.
<h3>Vom weltoffenen Womanizer zum religiösen Hardliner</h3>
Er war nicht gläubig, als Neulinger ihn kennengelernt hatte, nie in einer Synagoge gewesen, auch eine Bar Mitzwa hatte er nicht gehabt. Dann geht Schai in die Synagoge ihres Viertels – und das Unheil nimmt seinen Lauf. In einem erst langsamen, dann rasanten Radikalisierungsprozess wandelt sich der weltoffene Womanizer zum religiösen Hardliner. Isabelle Neulinger hat nun über das Erlebte in ihrem Buch »Meinen Sohn bekommt ihr nie. Flucht aus dem gelobten Land« geschrieben. Es ist eine aufwühlende, eine traurige Geschichte.

Erst bittet er seine Frau, am Schabbat nicht mehr zu rauchen und keinen Strom zu nutzen sowie die rituellen Reinheitsgesetze des Ehe- und Frauenlebens, die »Kaschrut«, zu befolgen. Dann eine Fehlgeburt. Schließlich wird Noam geboren. Und Schai ist nicht dabei, seine blutende Ehefrau für ihn unrein. Nach drei Tagen lässt er sich erst blicken. Keine Berührung, keinen Kuss. Nichts. Das Neu-Mitglied der Chabad-Lubawitsch-Bewegung ist Isabelle Neulinger zum fremden Mann geworden.
<h3>Das Martyrium beginnt</h3>
Er sitzt abends nackt im Ehebett – nur mit seinem Gebetsschal und dem Tzitzit-Hemd bekleidet. Eine bizarre Vorstellung für seine säkulare Frau, die zusieht, wie aus einer Kippa auf dem Kopf von Schai ein Filzhut wird, dann der schwarze Mantel der Chassidim und er erklärt, ihre Muttermilch sei nicht koscher, da er nicht wisse, was sie außerhalb esse. Isabelle Neulinger entscheidet sich für die Scheidung, obwohl das nach rabbinischem Recht kompliziert ist und der Zustimmung des Mannes bedarf.

Was folgt, ist schlimmer, als das, was war. Ein Martyrium. Mit ihrem Anwalt Igal versucht sie das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn zu erlangen, Unterhaltszahlungen zu beantragen und ein Ausreiseverbot zu erlangen, schließlich könnte Schai versuchen, das Kind nach New York in die Lubawitsch-Gemeinschaft zu bringen.
<h3>Morddrohungen vom eigenen Mann</h3>
Als Neulinger ihm eröffnet, dass sie sich scheiden lassen will, beginnt der Krieg. Aus Liebe ist Hass geworden. Binnen weniger Minuten – und nach einem Telefonat mit seinem Rabbiner – steht die Polizei vor der Tür, nimmt alle zum Verhör mit auf die Wache. Doch dem nicht genug: Ein zweites Kind kündigt sich an – und soll abgetrieben werden. Schai droht ihr mit der Hölle auf Erden. Beide leben noch unter einem Dach, in der Wohnung, die einst das Liebesnest der jungen Familie hatte sein sollen. 

Dem Antrag auf räumliche Trennung wird schließlich stattgegeben, Isabelle Neulinger schläft, sich eingeschlossen und mit einem Messer unter dem Kopfkissen, mit ihrem Sohn im Ehebett, der Noch-Mann im Gästezimmer. Dann versucht er die Tür einzutreten und droht mit Mord. Der bevorstehende Auszug ist zu viel für ihn. Sie zeigt ihn wegen Morddrohung an. 
<h3>Flucht über den Sinai in die Schweiz</h3>
Schai muss fortan einhundertfünfzig Meter Abstand halten, seinen Sohn – der gegen seinen Willen in einem säkularen Kindergarten von einem Schwulen und einer Frau mit afrikanischen Wurzeln erzogen wird – darf er nur im Beisein von einem Sozialarbeiter sehen. Die Vergeltung folgt: Isabelle Neulingers Autoreifen werden immer wieder zerstochen, sie von zwei Ultra-Orthodoxen auf Schritt und Tritt verfolgt. Dann das Wunder: Schai stimmt der Scheidung zu. Isabelle Neulinger ist frei. Ihr Sohn indes nicht. 

Denn der einst gestellte Antrag, dass Noam das Land nicht verlassen darf, gilt bis 2021. Bis er volljährig sein wird. Eine endlos lange Zeit. Sie schmiedet einen Fluchtplan, zahlt einem Schleuser 30.000 US-Dollar und flieht in einer Nacht- und Nebelaktion über die ägyptische Grenze außer Landes. Mit ihrem Sohn Noam. Das ist im Jahr 2005. Doch sicher sind die beiden im schweizerischen Lausanne nicht. 
<h3>Gefangen im eigenen Land</h3>
Der mittlerweile wieder bereits zum zweiten Mal geschiedene Schai – er hat seine schwangere Frau krankenhausreif geschlagen –&nbsp; hat einen Privatdetektiv auf sie angesetzt, eine Anwältin engagiert, eine Expertin für internationales Privatrecht. Neulinger wird es zum Verhängnis, dass sie versucht hatte, fristgerecht einen neuen Schweizer Pass für sich und ihren Sohn zu beantragen – doch seit ihrer Flucht aus Israel wurde sie von Interpol gesucht. Kindesentführung. 

Die Schweizer Behörden informieren Interpol, diese wiederum die israelischen Behörden. Das Friedensgericht des Bezirks Lausanne verhindert die Ausstellung der Pässe und verbietet es der jungen Mutter, die Schweiz zu verlassen. Sie ist gefangen im eigenen Land und den Mühlen der Bürokratie.
<h3>Showdown vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte</h3>
Israel verlangt Noams sofortige Rückführung. Schais Anklage wird indes vor dem Gericht in Lausanne abgewiesen, er wendet sich an die nächste Instanz: das Kantonsgericht; er selbst ist mittlerweile ein drittes Mal verheiratet und hat weitere drei Kinder in die Welt gesetzt. Die Schweizer Justiz gibt Neulinger ein weiteres Mal Recht. Doch Schais Anwältin kämpft weiter für ihren Mandanten. Im Sommer 2007 kommt es zu einer neuerlichen Verhandlung. Dieses Mal vor dem Bundesgericht. Vier von fünf Richtern sprechen sich für die Rückkehr Noams nach Israel aus. 

Auch vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verliert Neulinger. Erst im Herbst 2009 bekommt sie Recht. Vor der Großen Kammer des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Nach Jahren der Unsicherheit, der Entbehrungen und Demütigungen lebt Isabelle Neulinger mittlerweile mit ihrem Sohn rechtlich einwandfrei in der Schweiz. Diese mutige Frau, die religiösem Wahn entgegengetreten ist, um ihr Kind wie eine Löwin gekämpft hat und der Welt nun diesen traurigen Thriller geschrieben hat.
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> 							<img src="/fileadmin/img/content/kultur/full_article/rezension_neulinger_box.gif" style="cursor:move;" height="162" width="99" alt="" /> 						</div>
<div style="margin-left: 120px; "><div class="csc-textpic-text"><h2>Meinen Sohn bekommt ihr nie</h2>
<p class="copytext_grau">Flucht aus dem gelobten Land</p>
<p class="copytext_grau">Isabelle Neulinger</p>
<p class="copytext_grau">Nagel &amp; Kimche, 2013</p>
<p class="copytext_grau">206 Seiten, 17,90 Euro</p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>]]></content:encoded>
			<category>Israel Literatur Justiz</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 29 Apr 2013 13:52:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Im Schatten des Meisterwerks</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/literatur//artikel/im-schatten-des-meisterwerks-003592/</link>
			<description>Aus den Geschichten von »101 Nacht« werden keine literarischen Perlen, auch wenn man sie in Samt...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Es mag sein, dass es eine Entdeckung war, welche die Orientalistin Claudia Ott im März 2010 im Berliner Martin-Gropius-Bau während der Ausstellungseröffnung »Schätze des Aga Khan Museum – Meisterwerke islamischer Kunst« machte, etwa als ihr Blick auf eine alte andalusische Handschrift fiel und sie den Titel »Das Buch mit der Geschichte von Hundertundeine Nacht« entzifferte. Gut nachvollziehbar, dass es aufregend war, die Schrift zu sichten und festzustellen, dass sie rund 500 Jahre älter ist als die sieben bisher bekannten Handschriften – Ott datiert das Manuskript auf das Jahr 1234.

Aber rechtfertigt das die Bezeichnung »literarischer Sensationsfund«? Ist das wirklich ein »Juwel der arabischen Literatur«, den Claudia Ott geborgen hat? Und sollte der Zürcher Manesse-Verlag die Veröffentlichung der Übersetzung in Form eines 1,5 Kilo schweren, in Samt eingeschlagenen Buches wirklich als »Weltpremiere« feiern und seine Leser dazu auffordern, sich – wie könnte es anders sein – »bezaubern« zu lassen? 

Die Geschichten von »101 Nacht« stammen aus dem Westen des alten islamischen Reiches, aus dem Maghreb und Andalusien. Bis auf zwei Geschichten, die uns auch in »Tausendundeine Nacht« begegnen, sind sie bislang nicht ins Deutsche übersetzt worden. Sie erzählen von mutigen Frauen und Königen, von Lindwürmern und Kalifen und stehen, aller äußeren Opulenz zum Trotz, im Schatten von »Tausendundeine Nacht«, denn sie reichen nicht an deren Tiefgründigkeit und Komplexität heran. Selbst der Tochter des Großwesirs, Scheharazad, kommt in der Rahmenhandlung eine enttäuschende Rolle zu, denn sie bittet ihren Vater nicht selbst, zum König geführt zu werden, um dem Morden an den jungen Frauen ein Ende zu bereiten, sondern wird vom König als eine unter vielen ausgesucht.
<h3>Ein statisches, der Buchform zugewandtes, Verständnis</h3>
Die Übersetzerin Claudia Ott, die vor einigen Jahren auch »Tausendundeine Nacht« aus dem Arabischen übertragen hat, will die Geschichten als »kleine Schwester« verstanden wissen. Doch es ist unsicher, welche der beiden Sammlungen älter ist. Zudem zeugt dieses Einordnen-Wollen von einem statischen, der Buchform zugewandten Verständnis für diese Geschichten. Die Ursprünge dieser Sammlungen, das erläutert auch Ott im Anhang, liegen in China und Indien vor rund 2.000 Jahren. Sie sind über Persien in den islamisch-arabischen Erzählkreis gelangt und wurden über Jahrhunderte in der Erzähltradition der arabischen Welt weitergetragen. Und da sie mündlich übertragen wurden, muss es unzählige Versionen und Varianten dieser Geschichten gegeben haben. 

Davon legt »101 Nacht« ein spannendes Zeugnis ab. Von einer mündlich übertragenen Tradition, in der es weniger wichtig war, den Namen des Helden zu kennen, als seinen Taten zu lauschen. In der es immer um irgendein Königreich und eine schöne Jungfrau ging, vor allem aber um Unterhaltung. »101 Nacht« ist aber kein Werk, das genau so und nur so existiert hat. Um so irritierender die Aufmachung des Buches: Die Opulenz steht in scharfem Kontrast zu dem einfachen Charakter des Inhalts. 

Es zeugt vom europäischen Blick, hier eine Sensation herbeisehen zu wollen. Man kann das Buch übersetzen, auf seine historische Besonderheit hinweisen. Aber in dem Moment, in dem man es in ein Kleid steckt, das ihm nicht passt, wird die Diskrepanz sichtbar zwischen dem, was es ist, und dem, was es sein soll. »Sei zufrieden mit dem Glück, das dir das Leben zugemessen«, sagt eine weise Stimme in der achtundzwanzigsten Nacht. Mehr ist dem nicht hinzuzufügen. 
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> 							<img src="/fileadmin/img/content/kultur/full_article/101_nacht_box.jpg" style="cursor:move;" height="162" width="110" alt="" /> 						</div>
<div style="margin-left: 120px; "><div class="csc-textpic-text"><h2>101 Nacht</h2>
<p class="copytext_grau">Aus dem Arabischen erstmals ins Deutsche übertragen von Claudia Ott nach der Handschrift des Aga Khan Museums</p>
<p class="copytext_grau">Manesse Verlag, Zürich 2012</p>
<p class="copytext_grau">330 Seiten, 49,95 Euro</p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>]]></content:encoded>
			<category>Nahost Literatur Belletristik</category>
			
			
			<pubDate>Tue, 23 Apr 2013 10:52:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>»Die Situation wird kippen«</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/film-theater//artikel/die-situation-wird-kippen-003626/</link>
			<description>Trotz sehr verschiedener Biografien sehen die Filmemacherinnen Negar Tahsili und Tina Gharavi...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<b>Gerrit Wustmann im Gespräch mit der iranischen Filmemacherin Tina Gharavi, deren <link http://www.youtube.com/watch?v=HAAIwW8bQzg _blank external-link-new-window "Opens external link in new window">Spielfilmdebüt</link> für den BAFTA Award nominiert war.</b>
<blockquote>zenith: Frau Gharavi, nach der Islamischen Revolution gingen Sie ins Exil nach England und kehrten zwei Jahrzehnte später zurück. Was war der Anlass? </blockquote>

Tina Gharavi: Nach dreiundzwanzig Jahren im Exil kehrte ich nach Iran zurück, um meine Mutter zu treffen. Ich drehte einen Film mit dem Titel »Mother / Country«. Das war eine besonders emotionale Erfahrung: Ich dachte darüber nach, wie ich diese faszinierende Kultur verlassen hatte und dass Kinder von Migranten in gewisser Weise Kinder einer dritten Kultur sind. Sie sind weder »östlich« noch »westlich«, sondern irgendwie beides. Ich wollte die Geschichte der ersten Migrantengeneration erzählen. 2001 lud ich Einwanderer in mein Haus in England ein und sprach mit ihnen über ihre Erfahrungen. Die meisten waren geflüchtet und hatten hier Asyl gesucht. Die Exilerfahrung hat auf viele Menschen großen Einfluss, vor allem was die Themen Identität und Zugehörigkeit betrifft.
<blockquote>
Und daraus entstand dann Ihr Film »I Am Nasrine«… </blockquote>

Der Charakter Nasrine ist eine Komposition der Geschichten vieler Frauen, mit denen ich acht Jahre lang gearbeitet habe, und auch mein eigener Background ist mit eingeflossen. Das Filmteam stellte ich ebenfalls schon 2001 zusammen, sodass alle am Schreibprozess teilhaben konnten. Viele Nuancen der Figur fügte Misha Sadeghi hinzu, die Nasrine spielt und ihr selbst sehr ähnlich ist. 
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> <img src="/fileadmin/img/content/kultur/full_article/tina_gharavi_box.gif" width="110" height="162" style="cursor:move;" alt="" /> 						</div>
<div style="margin-left: 120px; "><div class="csc-textpic-text"><h2>Tina Gharavi</h2>
<p class="copytext_grau">ist in Teheran geboren und lebt und arbeitet heute in England. Ihr erster Spielfilm »I Am Nasrine« wurde 2013 bei dem britischen BAFTA Awards in der Kategorie »Bester Debütfilm« nominiert.</p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>
<blockquote>Was wollen Sie mit dem Film bezwecken?</blockquote>

Mir war es wichtig, der Exilerfahrung ein menschliches Gesicht zu geben. Ich wollte vor allem jungen Menschen klarmachen, weshalb die Flüchtlinge nach England kommen und was sie durchmachen. 
<blockquote>
Inwiefern gibt der Film die derzeitige Situation der iranischen Gesellschaft wider?</blockquote>

Ich wollte einen Film über den wirklichen Iran schreiben, nicht das fiktive Land, das dem westlichen Publikum viel zu oft vorgesetzt wird. Iranische Filmemacher sind daran auch mitschuldig. Sie lassen Iran exotischer und romantischer erscheinen, als es das Land ist. Für mich ist Iran ziemlich normal. Ich wollte Stereotypen durchbrechen. Nicht jeder im Iran ist religiös oder arm. Die Teenager sind ihren westlichen Gegenparts in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich. Es geht um Vertreibung, um das Aufwachsen und die Selbstfindung in einer repressiven Gesellschaft.
<h3>»Exil kann traumatisch sein – aber auch neue Möglichkeiten eröffnen«</h3>
<blockquote>Nasrine steht stellvertretend für viele junge Frauen, die im Iran unter der Khamenei-Regierung aufwachsen. Sie kämpft nicht nur äußere, sondern auch innere Kämpfe…</blockquote>

Nasrine ist eine Außenseiterin in ihrem eigenen Zuhause. Sie ist eine Rebellin, die große Mühe hat, unter diesem repressiven Regime ihre eigene Identität zu entwickeln. Aber wie jeder Teenager will sie ihr Heimatland nicht verlassen. Alles was sie will ist, zu überleben und Luft zum Atmen zu haben. Und dann ist sie plötzlich im westlichen Exil. Dort wird sie in eine Schublade gesteckt und muss gegen eine Identität ankämpfen, die sie gar nicht für sich gewählt hat. Ali, ihr Bruder, nimmt die neue Situation als Möglichkeit, jemand anders zu sein, als er eigentlich ist. Die Erfahrung von Flucht und Exil hat große Auswirkungen auf die eigene Identität, sie kann traumatisch sein, aber sie kann auch neue Möglichkeiten eröffnen. 
<blockquote>
Die Arbeit an »I Am Nasrine« dauerte sieben Jahre – weshalb so lange?</blockquote>

Das lag an der Finanzierung. Es war sehr schwierig, diesen Film zu realisieren, das Skript fertigzustellen, viel mit Improvisation zu arbeiten, all die beteiligten Personen zu integrieren, im Iran zu drehen … von den Szenen mit den Pferden mal ganz abgesehen! Wir mussten die Arbeit mehrmals unterbrechen und erst Geld für die nächste Phase auftreiben. Unser Timing war schlecht, denn der »UK Film Council« stellte gerade seine Arbeit ein, als wir Fördermittel benötigten. Am Ende fanden wir private Geldgeber, die uns unterstützten. 
<blockquote>
Einen Teil des Films haben Sie im Iran ohne behördliche Genehmigung gedreht – führte das zu Problemen?</blockquote>

Dass wir keine wirkliche Drehgenehmigung hatten, setzte uns sehr unter Druck. Ich machte mir Sorgen, was mit den Schauspielern geschehen würde, wenn man uns festnehmen würde – einer war Brite und nur mit einem Touristenvisum im Land. Es war ein kalkuliertes Risiko, über das wir zuvor lange diskutiert hatten. Aber die Authentizität der Originalschauplätze war uns enorm wichtig. Wir hatten die Drehgenehmigung für einen anderen Film, der zur selben Zeit gedreht wurde und für den wir dort als »Second Unit Crew«, also unterstützender Filmstab, waren. Wenn uns die Polizei befragte, was zweimal geschah, sprang mein Regieassistent als Regisseur ein.&nbsp; 
<blockquote>
Als Sie die Aufnahmen außer Landes bringen wollten, wurden Sie beinahe verhaftet. Wie sind Sie aus dieser Situation herausgekommen? Immerhin waren die Sicherheitskräfte während der Proteste im Sommer 2009 besonders aufmerksam…</blockquote>

Ich hatte die Festplatten in meiner Handtasche. Als ich zum Flughafen kam, war ich müde und ausgelaugt. Ich hatte zu wenig über die Risiken nachgedacht. Gerade waren im Zuge der Proteste einige Journalisten verhaftet worden, und als die Polizei mich nach der Passkontrolle sprechen wollte, bekam ich Panik. Mein Glück war, dass die Beamten nur wenig Englisch sprachen und mein Farsi sehr schlecht ist. Weil die Kommunikation nicht funktionierte, winkten sie mich durch und schüttelten verwundert die Köpfe über eine Iranerin, die ihre Muttersprache nicht beherrscht. Erst als die Maschine gestartet war, wurde mir bewusst, dass ich es geschafft hatte. Aus jetziger Sicht hätte ich vorsichtiger sein müssen. 
<h3>»Die Mittelklasse hat sich mit dem Status Quo abgefunden«</h3>
<blockquote>Sie waren während der Proteste der »Grünen Bewegung« nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen im Sommer 2009 im Iran. Was haben Sie dort erlebt?</blockquote>

Ich habe nicht selbst an den Protesten teilgenommen, obwohl ich es wollte. Während ich meine Mutter besuchte, wurde mir bewusst, weshalb die »Grüne Revolution« scheiterte: Weil vor allem die gut situierte Mittelklasse sich nicht beteiligte. Es waren die jungen Menschen, die protestierten, die sich nicht mit den bestehenden Verhältnissen abfinden wollten, aber die Mittelklasse wollte kein Risiko eingehen. Sie hatte sich mit dem Status Quo abgefunden. 
<blockquote>
Wie schätzen Sie die derzeitige politische Situation ein?</blockquote>

Ich mache mir große Sorgen. Iran scheint auf die nächste Revolution zu warten. Je aggressiver und restriktiver sich die Regierung verhält, desto frustrierter sind die Menschen. Die Kriegsdrohungen aus Israel und den USA beschwören eine desaströse Zukunft herauf. Die Sanktionen haben für eine sehr angespannte Situation gesorgt. Wir sind zweifellos kurz vor dem Endspiel. Einerseits möchte ich, dass das Regime verschwindet, andererseits ist mir der Schutz meiner Familie und Freunde im Iran wichtig. Viele Iraner haben Angst vor einer auswärtigen Intervention, seit sie gesehen haben, was im Irak und in Afghanistan geschehen ist. Aber für mich ist klar, dass die Situation kippen wird.

<b>Friedrich Schulze sprach mit Negar Tahsili über authentische Kunst und warum Männer im Iran nicht weinen dürfen.</b>
<blockquote>zenith: Frau Tahsili, Sie sagen, dass die gegenwärtige Kunst im Iran ihren Wert verliert und zu einem »Markt« geworden ist. Was meinen Sie damit?</blockquote>

Negar Tahsili: Mittlerweile ist der iranische Kunstmarkt relativ gesättigt. Die Künstler mussten sich umorientieren. Einige benutzen Stereotype über den Iran, um zu bekommen was sie wollen – und zwar Geld. Die Vorstellung von iranischer Kunst bei Christie‘s in Dubai oder Sotheby‘s in London hat sich in den letzten Jahren verändert. Zwar interessieren sich internationale Sammler sehr für iranische Kunst, doch sie wollen auch ihre Stereotype befriedigt sehen. 
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> <img src="/fileadmin/img/content/kultur/full_article/negar_tahsili_box.gif" width="110" height="162" style="cursor:move; " alt="" /> 						</div>
<div style="margin-left: 120px; "><div class="csc-textpic-text"><h2>Negar Tahsili</h2>
<p class="copytext_grau">hat Industriedesign studiert und lebt und arbeitet als Malerin, Videokünstlerin und Dokumentarfilmerin in Teheran.</p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>
<blockquote>Haben Sie ein Beispiel dafür?</blockquote>

Ich habe in diesem Jahr das Rotterdamer Filmfestival besucht. Für die Sonderkategorie »Spotlight on Iran« suchten die Veranstalter Filme und Videokunst, die nicht im Iran gezeigt werden konnten. Um die Filme zu präsentieren, bauten sie ein »iranisches« Teehaus mit Wasserpfeife und Tee neben dem Kino auf. Sie legten Perserteppiche und Sitzkissen aus. Es war alles so, wie man es in klischeebehafteten ethnologischen Ausstellungen sehen kann. Niemand fragte die Veranstalter, ob sie eine seriöse Iran-Sektion gestalten könnten. Die iranischen Künstler zeigten beschämt ihre Arbeiten und verschwanden dann schnell wieder. 
<h3>»Die Künstler befriedigen Stereotype – um an Geld zu kommen«</h3>
<blockquote>Sie sind auch ein Teil der iranischen Künstlerszene. Wo verorten Sie sich in dieser Entwicklung, die Sie eben beschrieben haben? </blockquote>

Ich arbeite nicht, um irgendwelche Sammler aus Europa oder Amerika zu befriedigen. Das ist mir wichtig. Ich mache Filme über Künstler. Während der Arbeit am Projekt stelle ich ihnen viele Fragen über ihre Ideen und den Kunstmarkt. Manchmal bringe ich sie dadurch aus dem Konzept und helfe ihnen zu reflektieren. Nebenbei lehre und schreibe über Kunst und den Wert von Kunstobjekten. 
<blockquote>
Die zentrale Frage Ihres jüngsten Films »Rose and Nightingale« lautet: Was ist Geschlecht? War es Ihr Ziel, diese Frage zu beantworten – und haben Sie für sich selbst eine Antwort darauf gefunden? </blockquote>

Ich begann einen Film über meine Freunde zu drehen und stellte fest, dass sie eigentlich alle am selben Thema arbeiteten – Was ist Geschlecht? Dann fokussierte ich meinen Film auf diese Frage und stellte selbst Nachforschungen zu dem Thema an. Nach fünf Jahren Recherche weiß ich, dass sich viele Menschen weltweit diese Frage stellen. Weder dieser noch irgendein anderer Film kann alle Fragen zum Thema Geschlecht beantworten. Aber zumindest zeigt der Film, dass viele sich mit dieser Frage auseinandersetzen. Das Konzept des Filmes ist dabei vergleichbar zu dem Chaos des Individuums, das über Geschlechtsidentitäten und Vorteile von Geschlechtern nachdenkt.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 
<blockquote>
Eine Szene in Ihrem Film spielt in einem Ausstellungsraum. Man sieht eine Gruppe von Besuchern, die mit Luftgewehren auf einen Mann schießen. Sie sagten, dass Frauen genau wie Männer auf den Mann feuern. Es gab keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern bezüglich der Gewalt... </blockquote>

Während dieser Performance des Künstlers Amir Mobed gab es keine Gegensätze zwischen Mann und Frau. Mobed dachte vor der Performance, dass keiner abdrücken würde. Schließlich stand da ein lebendiger Mensch und keine Puppe. Doch es zeigte sich, dass jeder schoss. 
<blockquote>
Doch gleichzeitig sagten Sie auch, dass es Unterschiede gäbe. Wie ist Ihr Blick auf die iranische Gesellschaft, wie verändert sich das Verhältnis zwischen Mann und Frau? </blockquote>

Wir sind im Wandel. Ich denke, dass wir im Iran gerade von einer traditionellen zu einer zeitgemäßen Denkweise übergehen. Aber das passiert sehr schnell! Wir haben uns schon verändert. Die Art, wie die Menschen über ihren Lebenswandel, die Rolle von Mann und Frau, und damit auch ihre Geschlechteridentität denken, hat sich in der letzten Generation stark verändert. Trotz allem müssen Männer vorsichtig sein und können ihre Gefühle nicht wirklich ausdrücken. Vielleicht ist das im Iran noch stärker als anderswo. Männer weinen eben nicht! ]]></content:encoded>
			<category>Iran Film Szene</category>
			
			
			<pubDate>Tue, 16 Apr 2013 07:49:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Helfer beim Hürdenlauf</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/film-theater//artikel/helfer-beim-huerdenlauf-003619/</link>
			<description>»Neue Freunde in Mannheim« zeigt, wie ein Caritas-Projekt Migranten unbürokratisch hilft und ihnen...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Im roten Minikleid springt die afrikanische Prinzessin in der Anfangsszene von »Neue Freunde in Mannheim«, von der Kirchenbank, um wild zu »Oh Happy Day« zu tanzen.

Die Mannheimer Gemeinde beobachtet Valerie Nwigwe anfangs reserviert, steht dann aber doch einer nach dem anderen auf und klatscht im Takt zur Musik. Die lebensfrohe Frau kam vor vier Jahren aus Nigeria nach Deutschland. Um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern und sich endlich Daheim zu fühlen, nahm sie am Projekt »Integrationsbegleiter« des Caritasverbands Mannheim teil.

Der Dokumentarfilm von Mouhcine El Ghomri folgt zwei ehrenamtlichen Helferinnen und ihre Schützlingen von Projektbeginn an. Die »Alltags-Coaches« Sandra Oballe und Amrei Maddox begleiten die Frauen bei Behördengängen, pauken mit ihnen Grammatik oder packen beim Umzug mit an. Es gelingt El Ghomri, beide Seiten des Projekts zu zeigen. Einerseits ist es bedrückend mit anzusehen, wie schwer es selbst hochqualifizierte Neuankömmlinge in Deutschland haben. Trotz Anerkennungsgesetz, das 2012 erlassen wurde und die Anrechnung von Berufsqualifikationen verbessert hat, werden weiterhin viele Zuwanderer vorwiegend geringfügig beschäftigt. 

So auch die Physikerin Mariam Putrus, sie floh 2010 mit ihrer Familie aus dem Irak. Arbeitslos steht die Christin in Deutschland vor dem Nichts und träumt von einer Ausbildung zur Altenpflegerin. Zu Beginn des Films wohnt Familie Putrus in einem gefängnisähnlichen Asylbewerberheim. Dem Zuschauer läuft ein Schauer über den Rücken, wenn Integrationsbegleiterin Amrei Maddox zu Besuch kommt und die Sicherheitsschleuse durchquert. Überglücklich zieht die Familie einige Wochen später in eine eigene Wohnung – ohne Gitterstäbe. 
<h3>»Ich kann nicht putzen, ich bin Prinzessin«</h3>
Andererseits porträtiert El Ghomri den Alltag seiner Hauptdarstellerinnen durchaus amüsant. Etwa wenn Valerie ihrer Integrationsbegleiterin erklärt, warum sie nicht als Putzfrau arbeiten kann. »In Nigeria bin ich eine Prinzessin«. Stattdessen will sie eine Ausbildung zur Krankenschwester absolvieren, obwohl ihr das ständige Desinfizieren ihrer Hände ein bisschen zu viel des Guten ist. 

El Ghomri präsentiert seine Darsteller und ihre Geschichte liebevoll, leider ist die Dokumentation teilweise aber etwas langatmig geraten. Das Caritas-Projekt verdient mediale Aufmerksamkeit und der Blick auf die verschiedenen Einzelschicksale verleiht dem Film eine wichtige menschliche Dimension. Viel Neues aber bringt der Filmemacher in die Diskussion über Fachkräftemangel und Integrationshürden nicht ein. Xavier Naidoo mag Mannheimer sein, trotzdem verführt das ständige Einspielen seiner Musik den Zuschauer nach der Fernbedienung zu greifen und umzuschalten.
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> 							<br /> 						</div>
<div style="margin-left: 10px; "><div class="csc-textpic-text"><h2>Neue Freunde in Mannheim</h2>
<p class="copytext_grau">Integrationshilfe – ganz unbürokratisch</p>
<p class="copytext_grau">Regie: Mouhcine El Ghomri</p>
<p class="copytext_grau">Deutschland, 2013</p>
<p class="copytext_grau">Ausstrahlung: 8. April 2013, 23.30 Uhr im SWR</p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>]]></content:encoded>
			<category>Deutschland Film Integration</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 08 Apr 2013 16:05:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>»Diese Stadt verträgt eine Portion Humor«</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/kunst//artikel/diese-stadt-vertraegt-eine-portion-humor-003616/</link>
			<description>Künstlerin Larissa Aharoni hat gemeinsam mit israelischen und arabischen Kunststudenten Witze...</description>
			<content:encoded><![CDATA[»Was machen ein Arzt, ein Lehrer und…?«. Witze, die so beginnen, hat man schon viele Male gehört und genauso oft wieder vergessen. Witze über Religionen sind dagegen ein sensibles Thema – umso mehr in Jerusalem, in unmittelbarer Nähe zu den den wichtigsten Pilgerstätten von Juden, Christen und Muslimen. 

Larissa Aharoni hat genau das in Form einer Installation gewagt: »Ziel der Ausstellung ist es, eine andere Sichtweise auf die drei Religionen zu entwerfen und einen Dialog mit Hilfe von Humor und Witzen zwischen den Menschen herauszufordern«, so die Künstlerin. Ihre Ausstellung <link http://www.larissa-aharoni.info/index.php?/a-jew-a-muslim/installation/ _blank external-link-new-window "Opens external link in new window">»A Jew, a Muslim and a Christian walk into a gallery...«</link> war von Februar bis März 2013 im Ausstellungsraum »Yaffo 23« in Jerusalem zu sehen. Als Teil der »Bezalel«-Kunst- und Designhochschule ist »Yaffo 23« zu einem beliebten Treffpunkt der Jerusalemer Kunstszene avanciert. Hier trifft man sich zu öffentlichen Vorträgen, Diskussionen und Projektkonzeptionen.

Wie überdimensionale Pillen liegen bunte so genannte Sitzskulpturen scheinbar wahllos in dem rund 300 Quadratmeter großen Ausstellungsraum. Auf jede Sitzskulptur – oder »Pill Pillow«, wie sie die Künstlerin nennt – ist ein Witz gestickt. »Bei einem Spaziergang durch die Jerusalemer Altstadt im Herbst 2012 kam mir die Idee, dass diese Stadt eine Portion Humor vertragen könnte«, erzählt Aharoni. 

»Auf der einen Seite gibt es Nachbarschaften, in denen Menschen verschiedener Glaubensrichtungen friedlich nebeneinander leben, auf der anderen Seite trifft man auf sehr homogene Stadtviertel mit einer extrem religiösen Bevölkerung, in denen Andersartigkeit kaum akzeptiert wird und Konflikte auf der Tagesordnung stehen.« Durch das Teilen von Witzen und das gemeinsame Lachen mit dem Gegenüber will Larissa Aharoni mit ihrer Ausstellung »Grenzen überwinden, ein erstarrtes Feindkonzept relativieren und dieses im besten Fall sogar aufbrechen«. 
<h3>»In Ordnung, dann nehmen wir zwei!«</h3>
»Dann fragte Gott das jüdische Volk, ob es die Torah haben wolle. Die Juden fragten: »Wie viel kostet die denn?« Als Gott ihnen sagte, dass die Torah nichts kosten würde, antworteten sie: »In Ordnung, dann nehmen wir zwei!« Witze wie dieser reflektieren auf erfrischende Weise die Beziehung zwischen Gläubigen und Religion und können dabei auch zu einer überraschenden Selbstreflektion führen. Religiöse Witze sind aber auch immer kontrovers, nicht jeder wird darüber lachen können, manche sie für geschmacklos halten. Doch Larissa Aharoni will weder beleidigen noch diskriminieren. »Mir war immer wieder wichtig, klarzustellen, dass es nicht um die Diffamierung der einzelnen Religionen geht.« 

Larissa Aharoni hat 2005 ihren Akademiebrief mit Meisterschüler-Titel an der Kunst-Akademie in Düsseldorf gemacht und dort den unabhängigen Kunstraum »Uberbau« mitgegründet. Zwischen 2008 und 2010 nahm sie als Gastkünstlerin am Master-Programm der Belazal-Akademie in Tel Aviv teil, aus dem ihre Ausstellung »A Jew, a Muslim and a Christian walk into a Gallery…« hervorgegangen ist. In einer Kombination aus Workshop, Interaktion und Installation haben Kunststudenten in Jerusalem gemeinsam mit Studenten der Arab American University in Jenin im Dezember 2012 Witze gesammelt – in den Straßen Jerusalems, in Internetforen und auf Webseiten. 

Die besten wurden ausgewählt und auf die Sitzskulpturen gestickt. »Ich habe eigentlich nur sehr positives Feedback erhalten, aber es gab einige Diskussionen mit den palästinensischen Studenten.« Dabei ging es vor allem darum, ob ein solches Projekt tatsächlich etwas an ihrer aktuellen Lebenslage in der Westbank ändern würde. »Grundsätzlich fanden sie aber das Projekt super und waren auch gegenüber den Witzen sehr aufgeschlossen«, so Aharoni.]]></content:encoded>
			<category>Israel / Palästina Kunst Humor</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 03 Apr 2013 11:31:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Früchte tragen und ernten</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/film-theater//artikel/fruechte-tragen-und-ernten-003614/</link>
			<description>Dramaturgin Lydia Ziemke erlebte im Libanon, wie Theaterschaffende mit und ohne ihr Handwerk...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Françoise sitzt wie eine resignierte Königin im Garten. Durch scheinbar endlose Probleme hat sie einen humoristischen Blick auf das Leben bekommen. Sie liebt ihre Apfelplantage, kann sie aber auch getrost in Ruhe lassen. Achselzuckend stellt sie fest: »Die Äpfel fallen halt herunter.«

Am nächsten Morgen sagt ihre Tochter Lamia genau das Gleiche. Sie hätte die Äpfel immer ernten und verkaufen wollen, so wie die Pfirsiche und Pflaumen. Dann denkt sie kurz nach: »2006 und 2007 waren wir im Krieg. 2008 und 2009 war ›Die Hamletmaschine‹.« Ich lasse das erst mal im Raum stehen und frage später: »Ihr wart im Krieg?«

An diesem Morgen verstehe ich viel über den Alltag meiner Kollegen hier in Beirut. Sie hasten nicht wie wir in Berlin von Inszenierung zu Inszenierung. Sie müssen auch nicht immer alles auf einer Meta-Ebene diskutieren. Die Libanesen erleben Theater lebensnaher: Sie unterrichten in Schulen, spielen in Flüchtlingslagern und kleinen Dörfern. Ihr Theater nehmen sie nicht unbedingt als Kunst sondern schlicht als Ausdrucksform wahr. Es ist ein Wach-Küss-Apparat für die Fantasie und die Seelen der Kinder, die wissen, dass jederzeit die Raketen wieder fliegen können.

Wenn ein neuer bewaffneter Konflikt ansteht oder der Bürgerkrieg aus Syrien endgültig überschwappt, dann werden meine Kollegen in die Flüchtlingslager gehen, um dort das Leben durch Theater zu bereichern, aufzulockern und zu beruhigen. So war es während des Juli-Krieges 2006 zwischen Israel und der Hizbullah, und auch 2007, als die libanesische Armee nach Angriffen salafistischer Milizen das Palästinenser-Lager Nahr al-Bared in Grund und Boden bombardierten.. Deswegen waren sie zu beschäftigt, um die Äpfel zu ernten.
<h3>Theater gegen Raketen</h3>
Zwei Jahre später arbeiteten meine Kollegen an einer Version von »Die Hamletmaschine« von Heiner Müller. Während ich die Aufführung auf Video sehe, denke ich, dass das ambitionierte Berliner Theater stolz wäre, solche Leute in der Stadt zu haben – und beschließe, die »Zoukak Theatre Company« bald nach Berlin einzuladen.

Im Norden ist es schön und friedlich. Aber auch hier merkt man, wie viel Schaden Libanons Infrastruktur davongetragen hat. Die Älteren sind müde von der Unsicherheit und der Angst, die sie ihr Leben lang begleitet hat. Ich selbst werde nur vom Nachdenken darüber müde, wie viel Energie der Bürgerkrieg gefressen hat. Man muss sich für all das verlorene Potential Leerräume vorstellen, ähnlich denen, die der Architekt Daniel Libeskind im Jüdischen Museum in Berlin für die nichtgeborenen Nachkommen der Juden Europas geschaffen hat. Gleichzeitig häuft sich im&nbsp; Libanon offensichtlich großer Reichtum – in einigen Stadtteilen der Hauptstadt Beirut fühlt man sich wie auf den Einkaufsboulevards europäischer Metropolen. Aber die kulturelle und geistige Entwicklung bleibt zurück, abgelenkt von religiös motivierten Fehden, Segregation und völliger Unsicherheit.

Langsam trübt sich das Licht in der Apfelplantage. Meine Freunde spielen wie besessen Scrabble, während ich mit Françoises Enkelin Ostereier bemale. Mittags hören wir den Kirchenchor zur Ostermesse – die Melodien klingen sehr vertraut, wenn sie auch auf Arabisch zum Besten gegeben werden. 

Der Tisch ist randvoll gedeckt mit köstlichen Gerichten, unter anderem einer Art Zwiebelkuchen. Auf meine Überraschung darüber, dass meine Großtante immer genau solch einen zubereitet hat, meint Françoise nur: »Wir sind eine Generation. Wir machen das Gleiche, auch wenn wir sehr weit entfernt leben.«

Dann machen wir uns ans Eiersuchen. Die kleine Reem bemüht sich sehr, den deutschen Schoko-Osterhasen zu gewinnen. Völlig albern mündet die Suche in einen Gesangswettbewerb, schließlich fließt der Arak.
<h3>Regelmäßig unvorhersehbar geht überall das Licht aus</h3>
Inzwischen färbt sich der Horizont rötlich, die Lichter gehen an. Drinnen sitzen wir im Kerzenschein und beim letzten Thymian-Tee wird es dann doch politisch. »Wie soll Frieden mit Israel jemals möglich sein, nach allem was es angerichtet hat?« Jemand stellt die Frage nach der Alternative. Die Antwort ist nicht eindeutig – Hizbullah, Bestrafung und ähnliche Begriffe fallen – mit jedem Tag staut sich im Libanon mehr Frust an. Dabei sitzen hier die Kinder der intellektuellen Köpfe, die Hellsten ihrer Generation. Ihre Arbeit im Theater besteht darin, die Gemüter zu bewegen, um gemeinsam nach Alternativen zur Gewalt zu suchen. Aber selbst sie glauben nicht mehr an eine baldige friedliche Lösung. 

Weil wir uns im Gespräch verknotet haben, gehen wir spazieren. Wir atmen tief durch und versuchen, die Hoffnungslosigkeit mit Kindheitsgeschichten zu vertreiben. Plötzlich geht überall das Licht aus. Wunderbar und beängstigend finde ich das, aber die Anderen unterbrechen nicht einmal ihr Gespräch. Das passiere fast jeden Tag, sagen sie. »Man weiß nie genau, wann und man stellt sich eben darauf ein – Die Kerzen, der Holzofen und das Batterieradio stehen bereit.«

Fast überall im Libanon fällt drei Stunden am Tag die Elektrizität aus, ausgenommen in&nbsp; Krankenhäusern und Regierungsgebäuden. Angeblich weil nicht genug produziert werden kann. »Und keiner streikt? Keiner stellt das Problem im Wahlkampf an die erste Stelle?« »Nein, es ist nicht mehr so wichtig.« Der ständige Zwist um Macht und Einfluss zwischen den verschieden ethnischen und religiösen Gruppen verhindert seit Jahrzehnten die Reform des völlig maroden staatlichen Stromversorgers »Electricité du Liban«.

Am nächsten Morgen hat die Apfelplantage ihren Glanz zurück. Meine Freundin Maya ist traurig wegen der Äpfel. Dennoch denkt sie nur selten darüber nach. Sie isst einfach so viele wie möglich. Maya trägt ihren ganz eigenen Hass auf die Verhältnisse in sich. Sie konnte sich als Frau nie wirklich in der Öffentlichkeit entfalten – sie war immer zu laut, zu bunt, zu extrovertiert für dieses Land.

»Gelegentlich hilft es aber auch«, lacht sie. Sie ist Muslima. Ihr Mann Omar ist vor der Hochzeit vom Christentum zum Islam konvertiert. Seine Eltern störe das nicht und es ändere sowieso nichts an ihrem Leben, erzählt Maya. Aber als sie nach einer Wohnung in einem besseren christlichen Viertel in Beirut Ausschau hielten, half es Maya, ihren tiefen Ausschnitt und die hohen Absätze zu tragen.

Geschlechterfragen und ihre Historie erforschen sie nun in ihrer nächsten Produktion. Dialektik ist ihr dabei wichtig, und mit Sicherheit werden Äpfel vorkommen.
<h3>Legenden werden gesponnen und Wahrheiten in der Vergessensarchitektur Beiruts vergraben</h3>
Eben diese Produktion, »Silk Thread«, kann ich 2012 tatsächlich zum Festival »VOICING RESISTANCE« nach Deutschland einladen. In Berlin verwandelt das libanesische Ensemble alle Ebenen des Ballhaus Naunynstraße in Erzählstationen. Die Darsteller ziehen uns an dem seidenen Faden, der im Grunde alles im Leben verbindet, von einer Station zur nächsten. Darin verweben sie alte Märchen mit neuen Geschichten aus der Zeitung und entblößen damit unsere Fähigkeit, uns schnell an schreckliche Narrative zu gewöhnen. Sie meinen damit das grauenhaft-normale Hinnehmen einer Realität, die man verändern und beeinflussen könnte. So betritt Rotkäppchen eine erbarmungslose Männerwelt, in dem Moment als sie in einen knackig roten Apfel beißt.

Immer mit dem Finger auf andere zu zeigen und aus dem Erlebtem keine Konsequenzen zu ziehen, ist ein großes Problem im Nachbürgerkriegs-Beirut. Da werden auch Geschichten übereinander gehäuft, eigene Legenden gesponnen und Wahrheiten in der Vergessensarchitektur vergraben.

Im Herbst 2012 hat sich an der Situation in Beirut nichts geändert. Im Gegenteil, neben dem verlässlichen Stromausfall kursieren zahlreiche Geschichten von fadenscheinigen und überteuerten Elektrizitätsabrechnungen. Man bereitet sich auf die nächsten Wahlen 2013 vor, obwohl niemand eine Veränderung erwartet. <br />2012 ist kein gutes Jahr für die Äpfel. 

Wahrscheinlich sind es Entwürfe zu sozialen Reformen, welche die Mitglieder der »Zoukak Theatre Company« im nächsten Jahr beschäftigen werden. Die Auswirkungen des Konfliktes in Syrien werden sie wieder von der Ernte abhalten. Aber vielmehr hält die grandiose Theater- und Kulturarbeit, die sie leisten, sie von den Feldern fern. Die Knospen der Apfelbäume werden sie zu Ostern wieder daran erinnern.

<i>Die Regisseurin und Dramaturgin Lydia Ziemke lebt und arbeitet in Berlin. Sie reiste ein Jahr lang durch den Nahen Osten und unterhält seitdem enge Beziehungen zur libanesischen Theaterlandschaft.</i>]]></content:encoded>
			<category>Libanon Theater Szene</category>
			
			
			<pubDate>Sat, 30 Mar 2013 17:18:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>»Gott, jetzt antworte mir mal!«</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/film-theater//artikel/gott-jetzt-antworte-mir-mal-003608/</link>
			<description>Zwischen Koranschule und Bordell: Das marokkanische Gesellschaftsdrama »Hadda« im Heimathafen...</description>
			<content:encoded><![CDATA[»Das Jenseits ist besser für dich als das Diesseits« flüstert der unheimliche Ziegenmann der schönen Hadda zu. Diese steht regungslos mitten auf der Bühne. Um sie herum flattern lange Tücher, auf denen arabische Wörter stehen. Eine Uhr tickt bedrohlich laut – oder ist es etwa eine Bombe?

Das Stück von Jaouad Essounani spielt in Marokko. Anhand von der Hauptfigur Hadda, die der Autor als Metapher für sein Heimatland benutzt, will er dem Zuschauer einen ganz anderen Einblick in die Lebenswelten junger Araber gewähren. Wie beeinflussen die politischen Geschehnisse das Leben des Einzelnen? 

Die junge Frau muss viel erleiden in den kommenden anderthalb Stunden – Kolonialherren, Islamisten und Kommunisten toben sich an ihr aus. Im Dauermonolog mit Gott versucht Hadda auf naiv-humorvolle Weise ihr Leben zu verstehen: »Gott, jetzt antworte mir mal! Wo geht es hier zu dir? Ich weiß, dass du da bist.« 
<h3>In schonungslos deutlicher Sprache sprüht das Stück vor Humor und Energie</h3>
Zwischen Olivenhainen wächst die Berberin in einem kleinen Bergdorf in der Nähe von Fes auf. Nachdem ein Großgrundbesitzer sie vergewaltigt hat, jagt ihre Familie sie fort. Orientierungslos zieht es Hadda nach Casablanca, wo sie in die Prostitution rutscht. Sie verliebt sich – erst in einen Marxisten, später in einen Imam. Zerrissen von lauter gegensätzlichen Einflüssen, die auf sie einwirken, versucht sie ihren Weg zu finden. Und irgendwie führt sie dieser Weg in einem Bus, mit einem tickenden Koffer auf dem Schoß. Aber, anders als in der marokkanischen Version des Stücks, endet die Geschichte nicht hier. 

Essounani will provozieren und das gefällt der Regisseurin Lydia Ziemke. Sie reiste ein Jahr lang durch den Nahen Osten, um die dortige Theaterszene kennenzulernen. Zurück in Berlin begann sie Arabisch zu lernen und entwickelte mit anderen Theaterschaffenden die Reihe »Lila Risiko Schachmatt«. Zeitgenössische arabische Autoren wie Essounani, die Ziemke vor Ort traf, lieferten die Texte. Im Heimathafen Neukölln hat Ziemke mit ihrem Ensemble die Stücke auf das deutsche Publikum zugeschnitten, daher das veränderte Ende von »Hadda«. In schonungslos deutlicher Sprache sprüht das Stück vor Humor und Energie. Die drei Darsteller überzeugen, trotz der schwierigen Aufgabe, sich die Figur der Hadda zu teilen. 

Ohne zumindest ein grobes Verständnis für die marokkanische Geschichte können ein paar Aspekte am Zuschauer vorbeigehen, trotzdem reißt das Stück das Publikum mit – vielleicht muss man auch nicht immer jedes Detail begreifen. »Hadda« ist vielmehr auch eine sinnliche Erfahrung. Die Musik umzingelt den Zuschauer. Manchmal sind es schrille Elektrotöne, die in den Ohren schmerzen, manchmal exotische Tabla-Klänge, die zum Tanzen auffordern. In Wechselwirkung mit den Darstellern untermalt die Musikerin und Produzentin Houwaida Goulli das Stück mit gewaltiger Live-Musik. Wem es gelingt, sich darauf einzulassen, der erlebt einen bewegenden Abend.
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> 							<img src="/fileadmin/img/content/kultur/full_article/hadda_box.gif" style="cursor:move; " height="162" width="110" alt="" /> 						</div>
<div style="margin-left: 120px; "><div class="csc-textpic-text"><h2>Hadda – Ihr Leben eine Grenzüberschreitung</h2>
<p class="copytext_grau">Aus der Reihe »Lila Risiko Schachmatt«</p>
<p class="copytext_grau">Regie: Lydia Ziemke, Musik: Houwaida Goulli</p>
<p class="copytext_grau">Mit: Alois Reinhardt, Javeh Asefdjah, Houwaida Goulli</p>
<p class="copytext_grau">Aufführungstermine: 22. und 23. März 2013</p>
<p class="copytext_grau"><link http://www.heimathafen-neukoelln.de>www.heimathafen-neukoelln.de</link></p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>]]></content:encoded>
			<category>Marokko Theater Leben</category>
			
			
			<pubDate>Thu, 21 Mar 2013 09:51:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Frauen, iranische Filme, Männer</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/film-theater//artikel/frauen-iranische-filme-maenner-003605/</link>
			<description>Irans Kino bringt das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft auf die Leinwand –...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Nach 22 Jahren kommt Khosro Amini als Dozent für ein Gastsemester an der Universität wieder zurück in sein Heimatland, doch er eckt überall an. Er und die Gesellschaft haben sich auseinander entwickelt, verstehen sich nicht mehr und alte, aufbrechende Familiengeschichten bringen ihn zurück in seine und die Vergangenheit seines Landes. »A respectable Family« lief 2012 bei den Filmfestspielen in Cannes und ist sicherlich einer der sehenswerten iranischen Filme des vergangenen Jahres. 

Der Film von Massoud Bakhshi ist einer von vielen Spielfilmen, Dokumentationen, Experimental- oder Kurzfilmen, die alle auf unterschiedlichste Weise das auch sehr abstrakte Thema der »Iranischen Filmtage« der Heinrich-Böll-Stiftung und der Kulturbrauerei Berlin vom 1. bis 4. März behandelten: das iranische Kino als Vermittler in dem Spannungsfeld zwischen Individualität und sozialgemeinschaftlichen Regeln im öffentlichen Raum, oder auf den Punkt gebracht: »Gewünscht – Toleriert – Verboten«.

Zwei Dokumentationen geben dabei einen Einblick in das urbane Leben in der Hauptstadt Teheran. »Street Sultans« (2011) zeigt, wie Freerunning-Pioniere versuchen, ihren Sport entgegen aller Kritik zu etablieren, und – sogar zunächst mit offizieller Erlaubnis – ein großes Festival auf die Beine stellen, bis es dann doch überraschend von der Polizei verboten wird. »Maybe tommorrow« (2011) lässt den Zuschauer am zermürbenden Alltag von zwei jungen Iranern teilhaben, die trotz ihres Studiums keine Perspektive sehen und stattdessen mit Straßenmusik ein wenig Geld dazuverdienen. Doch auch das ist nicht überall gern gesehen. 
<h3>Ein Spiegel der inneren Unruhe</h3>
Der Film »The Orange Suit« (2012) von Dariush Mehrjui greift ein weltweit dringendes Thema auf: Müll. Ein Fotokünstler, inspiriert durch ein Feng-Shui-Buch, möchte nicht nur bei sich zu Hause, sondern auch in der Stadt aufräumen. Er beginnt bei der städtischen Müllabfuhr zu arbeiten und lernt so die schmutzigen Seiten der Megametropole Teheran kennen, die damit auch der Kinobesucher, zu Gesicht bekommt. Ein sehr moderner, poppiger Film, doch mit einer klaren Botschaft: Achte auf deine Umwelt, denn auch sie repräsentiert deine innere Ordnung. 

Vielleicht als Spiegel dieser inneren Unruhe nimmt einen der Film »There are things you don‘t know« (2010) von Fardin Saheb-Zamani auf nächtliche Taxifahrten durch die Hauptstadt. Immer etwas unklar liegt eine Anspannung in der Luft, die einen ständig Fragen lässt: Was passiert gleich? Und doch passiert nichts. Zumindest nichts Außergewöhnliches. Der Taxifahrer, der über mehrere Nächte hinweg ein- und dieselbe Stammkundin durch Teheran fährt, beginnt sich für sie zu interessieren und Gefühle für sie zu entwickeln. Der Film ist sicherlich ein modernerer Vertreter des typisch iranischen Kinos, welches einen nüchternen, doch immer auch poetischen Blick auf das Leben wirft. 

Der Dokumentarfilm von Loghman Khaledi zeigt den Zwiespalt der erfolgreichen Schauspielerin »Nessa« (2011), deren Familie nicht mit dem öffentlichen Druck umgehen kann. Sie wird gezwungen, sich zwischen ihren Angehörigen und einem selbstbestimmten Leben zu entscheiden. Loghman Khaledi erklärte zu seinem Film, dass er immer versuche, »die Menschen vor der Kamera ihr Geschlecht vergessen zu lassen, da sie nur so echt werden«. In seiner Doku zeigt er so ein warmherziges und sehr inniges Portrait Nessas, für welches er auch beim »Hot Docs Canadian International Documentary Festival 2012« ausgezeichnet wurde.
<h3>»Weil das öffentliche Ausüben dieser Kunst verboten ist, musste es als Film umgesetzt werden«</h3>
Der Tanzkurzfilm »AT« von Davoud Zare arbeitet intensiv und auch auf eine verstörende Weise mit dem öffentlichen Tanzverbot im Iran. Mit teils psychodelischen Bildern und schrill-lauten Geräuschen setzt er den scheinbar eingezwängten Tänzer in Szene, ohne dabei die eigenen vier Wände zu verlassen. Die Enge, das Gefühl des Protagonisten, eingeschlossen zu sein, treiben diesen Film in einer elf-minütigen, zusammenhängenden Aufnahme an. Der Tänzer und Regisseur des Filmes Davoud hätte den Stoff allerdings am liebsten gar nicht Film ein einem Film verarbeitet: »Ich würde es live machen. Aber Tanz, Identität und Geschlecht hängen unmittelbar zusammen und weil daher auch das öffentliche Ausüben dieser Kunst verboten ist, musste es als Film umgesetzt werden – in einer einzigen durchgängigen Aufnahme.« 

Um die Veränderung von iranischer Kunst und der Frage nach Geschlecht in der Kunst geht es auch im Film »Rose and Nightingale«, einer Art Doku-Performance von Negar Tahsili. Die vor allem in der Teheraner Szene aktive Künstlerin sorgt auch mit ihren Dokumentationen über das Alltagsleben der Frauen im Iran für Aufmerksamkeit. In ihrem aktuellen Werk, das als nicht finale Fassung gezeigt wurde, verfolgt sie zahlreiche iranische Künstler aus verschiedensten Bereichen und zeigt ihre Umgangsweise mit der Genderfrage. ]]></content:encoded>
			<category>Iran Film Festival</category>
			
			
			<pubDate>Fri, 15 Mar 2013 13:18:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>»Morgen, übermorgen, Inshallah!«</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/literatur//artikel/morgen-uebermorgen-inshallah-003588/</link>
			<description>Tiny Stricker schildert in seinem autobiographischen Roman »Ein Mercedes für Täbris« eine...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Einen Mercedes von Deutschland in den Iran fahren – was heute kurios anmutet, war in den 1960er und 1970er Jahren ein florierendes Geschäft. Iran profitierte stark vom Ölverkauf und erlebte einen bis dahin ungekannten wirtschaftlichen Boom. Die Mittelschicht schickte ihre Kinder zum Studium nach Europa und Amerika. Geschäftsleute kamen und kauften Waren, die sie in die Heimat lieferten. Besonders beliebt waren Autos »made in Germany«.

Einer, der von den Iranern fasziniert ist und unbedingt an einer solchen Autotour quer durch Osteuropa und Anatolien bis ins damalige Persien teilnehmen will, ist H., der Protagonist des Romans »Ein Mercedes für Täbris«. In dem 2012 erschienenen Buch verarbeitet der Schriftsteller Heinrich, genannt Tiny, Stricker Erfahrungen, die er auf einer Reise nach Indien Ende der 1960er Jahre gesammelt und bereits in seinem bekanntesten Roman »Trip Generation« (1970) beschrieben hat.

Der 1949 in Bayern geborene Autor war damals einer der jungen Menschen, die im Zuge der Studenten- und Hippiebewegung aus dem bürgerlichen Leben ausbrechen wollten und in Asien, seinen Kulturen und Religionen, eine Alternative sahen. Neben der Sinnsuche spielten Abenteuerlust, Sehnsucht nach Exotischem, aber auch die niedrigen Lebenshaltungskosten und Drogenpreise im Orient eine wichtige Rolle. 

In »Ein Mercedes für Täbris« beschreibt ein allwissender Erzähler abwechselnd zwei Geschichten: Zum einen die Liebesgeschichte von H. mit Faideh, der Tochter seines Gastgebers Hamid in Täbris, der Hauptstadt des iranischen Teils von Aserbaidschan; zum anderen H.’s Abenteuerreise mit Hamid und anderen Iranern in einem Autokonvoi. 
<h3>Für H. wird die Sprache nur eine von mehreren Möglichkeiten, sich zu verständigen</h3>
Alles beginnt in München, wo H. von seinen Eltern in einer Pension untergebracht wird, sogleich aber türmen will. Ein Import-Export-Laden von Iranern, den er entdeckt, gibt seinen Fluchtgedanken ein konkretes Ziel. H. lernt iranische Studenten und Kaufleute kennen und überredet sie, ihn auf eine ihrer Touren mitzunehmen. Er ist fasziniert von ihrem Anderssein, begleitet sie, beobachtet und ahmt sie nach. 

Spannend und neu an Strickers Roman ist die Kommunikation zwischen H. und den Iranern. Da sie die Sprache und Mentalität des anderen nicht oder kaum beherrschen beziehungsweise kennen, verständigen sie sich oft nonverbal. Daraus ergeben sich immer wieder (tragikomische) Missverständnisse und Probleme: Die wilde, Gefahren heraufbeschwörende Art des Autofahrens seines Kompagnons Hamid während der Tour etwa nimmt H. trotz oder gerade wegen seiner jugendlichen, naiven Art gelassen. 

Für H. wird die Sprache nur eine von mehreren Möglichkeiten, sich zu verständigen. Sein Eifer zu lernen, die Neugierde für alles Unbekannte, aber auch der Wunsch, sich in die Ferne treiben zu lassen, sind größer als jede Angst vor dem Fremden. Besonders deutlich wird das in dem Verhältnis zu Faideh, die einige Jahre jünger ist. Beider Treffpunkt wird der Garten des Hauses, wo Faideh ihrer jüngeren Schwester Unterricht erteilt, während H. oft seinen Sprachführer studiert. Da beide im Haus von Hamid unter ständiger Kontrolle stehen, lernt H. von Faideh, sich durch Blicke und Gesten, etwa durch das Niederschlagen der Augen und Sich-Wieder-Anblicken oder knappe Seitenblicke, zu unterhalten. 
<h3>Auf den Spuren von Hippies und Hesse</h3>
H. lässt alles auf sich zukommen – sowohl auf der Reise durch Osteuropa und Anatolien als auch im Iran. Über seine Eindrücke in der hinteren Türkei heißt es im Buch: »Das Land überwältigte einen, und H. ließ dies sogar mit einer gewissen Wonne mit sich geschehen, er dachte, dass er dadurch der reinen Beobachtung ausgeliefert, den Dingen wieder näher sei.« Die Auseinandersetzung mit dem Anderen wird für ihn zum Lernprozess. Sie stellt letztlich ein Tor zu einer höheren Ebene der Erkenntnis dar.

H. wandelt dabei auch auf den Spuren früherer westlicher Pilger und Reisender, die im Heiligen Land auf Heilsgewinn hofften oder im Nahen und Mittleren Osten die Wiege der Zivilisation erforschen wollten. Die Tour des »Helden« in »Ein Mercedes für Täbris« vereint in sich wichtige Komponenten moderner Orientreisen: die Abkehr von der westlichen Industriegesellschaft und den Wunsch, durch den Kontakt mit »den Orientalen« – insbesondere ihren Nomaden – die verlorene Naturnähe und Einfachheit, Bescheidenheit und Spiritualität (wieder) zu erlangen.

Strickers Roman rekurriert nicht zuletzt auch auf Hermann Hesses Erzählung »Die Morgenlandfahrt« (1932), in der die Hauptfigur H. H., das Alter Ego des Autors, eine geistige Reise unternimmt und dabei erkennt: »Wohl hatte ich mich einer Pilgerfahrt nach dem Morgenlande angeschlossen, einer bestimmten und einmaligen Pilgerfahrt dem Anscheine nach – aber in Wirklichkeit, im höheren und eigentlichen Sinne, war dieser Zug zum Morgenlande nicht bloß der meine und nicht bloß der gegenwärtige, sondern es strömte dieser Zug der Gläubigen und sich Hingebenden nach dem Osten, nach der Heimat des Lichts, unaufhörlich und ewig, er war immerdar durch alle Jahrhunderte unterwegs, dem Licht und dem Wunder entgegen, und jeder von uns Brüdern, jede unsrer Gruppen, ja unser ganzes Heer und seine große Heerfahrt war nur eine Welle im ewigen Strom der Seelen, im ewigen Heimwärtsstreben der Geister nach Morgen, nach der Heimat.«
<h3>Kommunikation zwischen der Hauptfigur und den Iranern in all ihrem Ge- und Misslingen</h3>
Tiny Strickers »Ein Mercedes für Täbris« ist für die deutschsprachigen Leser in mehrfacher Hinsicht ein Gewinn. Der Roman thematisiert zum einen anhand der Motivation und des Verlaufs von H.’s Orientreise die »Hippie trails« in den »Swinging Sixties« – und das obwohl sich der Protagonist selbst nicht als Hippie sieht, sie im Gegenteil stets aus der Distanz beobachtet und sich ihnen erst später in Indien anschließt. 

Das Buch gibt zum anderen einen spannenden Einblick in das Leben der Iraner, so etwa in Täbris. H. ist von der Nüchternheit der Stadt, ihren »breite[n], schon etwas brüchige[n] Straßen voller Autos«, enttäuscht. Er sieht Hippies und begegnet Jugendlichen, die die Rolling Stones hören. Dann wiederum erscheint ihm Täbris als »Abbild einer mythischen, orientalischen Stadt«, ihr Rhythmus ungewohnt und beruhigend zugleich. Bei der Frage etwa, wann sein Kompagnon und Gastgeber ihm seinen Pass zurückgibt, in dem der in das Land eingeführte Mercedes eingetragen ist, heißt es: »Hamids ›Morgen, übermorgen, Inshallah‹, das er schnarrend und manchmal wie der Muezzin selbst aussprach, bezeichnete mehr denn je das Lebensgefühl in jenen Tagen, war ein Ausdruck ihrer Zeitvergessenheit.«

Der Roman stellt die Kommunikation zwischen der Hauptfigur und den Iranern in all ihrem Ge- und Misslingen plastisch und präzise dar. Das Buch hat jedoch auch seine Schwächen. Die parallele Erzählung von Liebes- und Reisegeschichte ist spannend, bis H. in Täbris ankommt. Dann wird der Roman handlungsärmer. Es fehlen Ereignisse, die ihn vorantreiben. Spätere Aufenthalte in Qom, Isfahan und Teheran werden angedeutet. Das Lektorat hätte zudem Redundanzen und Mehrfacherklärungen tilgen sollen. Wiederholt kommt der allwissende Erzähler auf H.’s Motivation, die Reise zu unternehmen, zu sprechen. Dadurch, dass er viel erklärt, schränkt er die Phantasie des Lesers ein.

Dennoch – »Ein Mercedes für Täbris« ist aufgrund der Auswahl des Sujets, der Gabe des Erzählers, genau zu beschreiben, sowie wegen H.’s Empathie und vorurteilsfreier Wahrnehmung des Anderen eine lohnenswerte Lektüre. Tiny Strickers Roman macht eine in vielfacher Hinsicht lehrreiche, alternative Reise Ende der 1960er in den Iran – und zugleich auch zu sich selbst – für eine Weile wieder lebendig.
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> 							<img src="/fileadmin/img/content/kultur/full_article/mercedes_tabris_box.jpg" style="cursor:move;" height="162" width="110" alt="" /> 						</div>
<div style="margin-left: 120px; "><div class="csc-textpic-text"><h2>Ein Mercedes für Täbris</h2>
<p class="copytext_grau">Tiny Stricker </p>
<p class="copytext_grau">Maro Verlag, 2012</p>
<p class="copytext_grau">96 Seiten, 15 Euro</p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>]]></content:encoded>
			<category>Iran Literatur Unterwegs</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 11 Mar 2013 10:10:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Der Mensch hinter dem Mythos</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/literatur//artikel/der-mensch-hinter-dem-mythos-003591/</link>
			<description>Feldherr und Politiker, Schürzen- und Antiquitätenjäger: Mosche Dajan war ein Tausendsassa....</description>
			<content:encoded><![CDATA[»Er wachte jeden Morgen mit hundert Ideen auf, 95 von ihnen waren gefährlich, drei weitere waren schlecht, die letzten beiden jedoch waren brillant.« So beschrieb Ariel Scharon einst Mosche Dajan – jenen Mann, der für die einen die israelische Version Karl Martells war, für Levi Eschkol eine »Schlange« und für andere ein egomanischer Schürzen- und Antiquitätenjäger. Bis heute üben Dajans Siege auf den Schlachtfeldern des Nahen Ostens und dessen widersprüchliche Persönlichkeit eine Faszination auf seine Landsleute aus. 

Mordechai Bar-On, der ihm einst als Bürochef diente, hat nun eine Biographie geschrieben, in der er den Fokus auf den Menschen hinter dem Mythos legt und dessen militärische Meriten weitgehend außen vor lässt; dieses Feld hat schließlich schon der Militärhistoriker Martin van Crefeld bestellt. Herausgekommen ist ein sehr persönliches Buch, gespickt mit Bonmots und Anekdoten, die bisher nicht bekannt gewesen sind.
<h3>Dajan tauscht mit 14 Jahren die Schiefertafel gegen Pferd und Flinte ein</h3>
So verlor Dajan, der 1915 als Erstgeborener zweier ukrainischer Einwanderer im Kibbutz Deganja am See Genezareth geboren wurde, bereits beinahe im Kindesalter sein Augenlicht durch ein Trachom. Was im Jerusalemer Krankenhaus gerettet werden konnte, wurde während eines Kommandoeinsatzes am Litani-Fluss gegen Truppen des französischen Vichy-Regimes Philippe Pétains im Libanon 1941 indes zerschossen. Fortan bedeckte Dajan sein linkes Auge mit einer schwarzen Augenklappe – und zog selbige auf manch offizieller Veranstaltung gerne ab, um sich über das Entsetzen der schockierten Damen der Runde und seinen rustikalen Humor zu amüsieren.

Der verhinderte Farmer wuchs in Nahalal auf, ging zwischenzeitlich in Nazareth zur Schule, tauschte aber bereits mit 14 Jahren die Schiefertafel gegen Pferd und Flinte ein. Dem Dienst bei der Hagana in der seinerzeit sumpfigen Moskitolandschaft Nordisraels folgte ein Gefängnisaufenthalt in Akko, der Einsatz bei den »Nachtkommandoeinheiten« Charles Winegates, des christlich-zionistischen Offiziers im Dienste des British Empire – und die Hochzeit mit seiner ersten Frau Ruth. 

Sie versuchte ihm Englisch beizubringen und die Schwiegereltern dem ungehobelten Haudegen Manieren: als Hochzeitsgeschenk gab es eine Reise nach England. Doch auf Betreiben Chaim Weizmanns, der erster Präsident Israels werden sollte, paukte Dajan nicht Etikette, sondern immatrikulierte sich an der Londoner School of Economics, wo er selbst im Winter an der Themse seine Sandalen aus Palästina trug.
<h3>Kometenhafter Aufstieg unter der schützenden Hand des »Alten«</h3>
Die Stärke an Mordechai Bar-Ons Buch liegt jedoch nicht nur in den biographischen Details. Vielmehr schafft er es, eben diese in ihren historisch-politischen Kontext einzuordnen. Und der Name Dajan wäre nicht zum Mythos avanciert, hätte er nicht die Unterstützung David Ben-Gurions gehabt. Unter dem »Alten« wurde er binnen fünf Jahren vom Major zum Generalleutnant, war Kommandeur Jerusalems ebenso wie der Abschnitte Süd und Nord, verhandelte mal inkognito mit König Hussein von Jordanien in dessen Winterpalast in Shuneh über den Grenzverlauf, mal offiziell auf Rhodos nach dem Unabhängigkeitskrieg 1948 über Frieden. 

Was folgte, ist bekannt: Mosche Dajan wurde Generalstabschef, Verteidigungs- und Landwirtschaftsminister sowie Mitglied der damals hegemonialen Mapai-Partei. Unter den sozialistischen Bürokraten war er indes nicht beliebt – zu arrogant, zu forsch, das war ihre Meinung. Einer notierte sarkastisch in sein Tagebuch: »Nicht jeder Mose, der vom Sinai kommt, bringt die zehn Gebote mit.« Die hatte er 1956 nach der sogenannten »Operation Musketier«, besser bekannt als »Suez-Krieg« wirklich nicht mitgebracht, stattdessen ließ er von seinen Soldaten noch kurz vor dem Rückzug die Stehlen eines Schreins, der ägyptischen Göttin Hathor gewidmet war, abbauen und ins Israel-Museum transportieren. Der Hobbyarchäologe nahm für sich selbst noch einige kleinere Ausgrabungsgegenstände mit und die Mönche des St. Katharinen-Klosters schenkten ihm zum Abschied eine kleine Kanone, die der General in seinen heimischen Garten stellte.
<h3>»Heißer Sand« – ein Enthüllungsbericht über das Sexleben des Generals</h3>
Unabhängig vom Kriegsdebakel und der immer lauter werdenden Kritik aus der Partei, hielt Ben-Gurion an Dajan fest. Auch als er, der drei Kinder in die Welt setzen sollte, eine Affäre mit der Frau eines untergebenen Offiziers anfing und sich der gehörnte Ehemann bei Ben-Gurion höchstpersönlich beschwerte. Der erwiderte, indem er Dajan mit König David gleichsetzte, der als großer König gefeiert wurde, obwohl er Batsheva geschwängert hatte, die Frau des Hethiter-Königs Uria; nachdem die Liaison von Dajan beendet worden war, brachte die Geliebte indes noch 1963 ein Buch auf den israelischen Markt, in dem sie über das Erlebte berichtete – der Titel: »Heißer Sand«. 

Weder das Buch noch die Neider aus dem Parteiapparat konnten indes die Popularität des einäugigen Generals schmälern, der auch das Fallschirmspringen in die israelische Armee eingeführt hat; natürlich war er der erste, der den Lehrgang erfolgreich absolvierte. Doch das Bild des Draufgängers bekam infolge des Sechs-Tage-Krieges 1967 Risse. 
<h3>Der gefeierte Kriegsheld von 1967 war in Wirklichkeit nicht mehr als eine Schaufensterpuppe</h3>
Zwar ließen die historischen und weltbekannten Fotos von ihm – der erst kurz vor Ausbruch des Krieges von Levi Eschkol als Verteidigungsminister eingesetzt worden war – die Öffentlichkeit glauben, dass die gewaltigen Gebietsgewinne sein Verdienst gewesen waren, doch die Eroberung des Gaza-Streifens, der Golanhöhen, des Westjordanlandes und der Sinai-Halbinsel sowie Jerusalems waren das Werk von Jitzchak Rabin und weiteren Offizieren wie etwa Uzi Narkiss. Dajan war primär die Schaufensterpuppe der israelischen Armee, der der Welt und der eigenen Bevölkerung als bekanntes und markantes Gesicht präsentiert wurde und Stärke symbolisieren sollte. In die Planung und Durchführung sämtlicher Vorstöße und Kommandoaktionen war er kaum eingebunden.

Die volle Verantwortung musste Dajan indes für das Debakel des Jom-Kippur-Krieges 1973 übernehmen. Er und die seinerzeit amtierende Ministerpräsidenten Golda Meir mussten abdanken, zu groß war der Frust und der Schock über die Beinahe-Niederlage, die Israel nachhaltig verändern sollte. Die Schmach hat Dajan, der im selben Jahr seine zweite Frau Rachel heiratete, nie überwunden – dennoch widmete er sich fortan den Friedensverhandlungen von Camp David, die im Friedensvertrag mit dem Ägypten Anwar al-Sadats mündeten. Der arabische Herrscher wurde am 6. Oktober 1981 ermordet – zehn Tage später starb Mosche Dajan, abgemagert und halb blind. Mordechai Bar-On hat ihm mit seinem Buch ein kritisches Denkmal gesetzt. Und der Verlag das unter haptischen Gesichtspunkten schönste Buch seit langem publiziert.
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> 							<img src="/fileadmin/img/content/kultur/full_article/dayan_box.jpg" style="cursor:move;" height="162" width="110" alt="" /> 						</div>
<div style="margin-left: 120px; "><div class="csc-textpic-text"><h2>Moshe Dayan: Israel's Controversial Hero</h2>
<p class="copytext_grau">Mordechai Bar-On</p>
<p class="copytext_grau">Yale University Press, 2012</p>
<p class="copytext_grau">247 Seiten, 19,99 Euro</p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>]]></content:encoded>
			<category>Israel Literatur Geschichte</category>
			
			
			<pubDate>Fri, 08 Mar 2013 06:05:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>»Theater ist so veränderbar wie das Leben«</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/film-theater//artikel/theater-ist-so-veraenderbar-wie-das-leben-003594/</link>
			<description>Regisseur Mohammad Yaghoubi über Zensoren, die es eigentlich nicht geben dürfte, Theater für den...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote>zenith: Herr Yaghoubi, hat die Zahl 25 für Sie als Theaterregisseur im Iran eine besondere Bedeutung?</blockquote>

Mohammad Yaghoubi: <i>(lacht)</i> Sie meinen den Artikel 25? Ja, dieser und andere Artikel in der Verfassung der Islamischen Republik Iran verbieten jegliche Zensur. Es sollte also gar keine Zensur geben.
<blockquote>
Trotzdem gibt es sie. Haben Sie eine Ahnung, wer die Leute sind, die diesen Artikel in der Verfassung anscheinend nicht kennen?</blockquote>

Nein, eigentlich wissen wir Kunstschaffende nicht, wer genau unsere Werke liest, genehmigt oder verbietet. Natürlich bin ich in meiner Funktion als Theaterregisseur gewissen Leuten schon mal begegnet, aber ich kann nie sicher wissen, wer wann wofür zuständig ist. Und das ist das Problem: Niemand möchte offiziell bestätigen, dass Zensur im Iran stattfindet. Aber eines Tages erscheint hier jemand, der deine Arbeit überprüft oder bereits umformt, und an dem Tag bekommt die Zensur, die es eigentlich nicht gibt, ein Gesicht.
<blockquote>
Und wie sieht dieses Gesicht aus?</blockquote>

Meistens erscheinen die Zensoren zu dritt und schauen sich mein Theaterstück an, sie begutachten es. Zu meinem Stück »Im Dunkeln schreiben« von 2010 kam erst eine Gruppe von drei Leuten, dann eine weitere. Die zweite Gruppe hat mein Theaterstück erlaubt, die erste aber nicht. Dann wurden noch einmal drei Leute geschickt. An jenem Tag habe ich sechzehn Zensoren im Saal gezählt.
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> 							<img src="/fileadmin/img/content/kultur/full_article/interview_yaghoubi_box.jpg" style="cursor:move; " height="162" width="110" alt="" /> 						</div>
<div style="margin-left: 120px; "><div class="csc-textpic-text"><h2>Mohammad Yaghoubi, </h2>
<p class="copytext_grau">geboren 1967 in Langerud, ist Jurist, Dramatiker und Regisseur. Seit Ende der 1990er Jahre arbeitet Yaghoubi an verschiedenen Teheraner Theatern. Seine Stücke sind im Iran vielfach ausgezeichnet, in den letzten Jahren allerdings immer häufiger gekürzt oder zensiert worden. Zurzeit inzeniert Yaghoubi am Teheraner Niavaran-Theater »Borhan« nach Vorlage des Stückes »Proof« von David Auburn.&nbsp; </p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>
<blockquote>Da die Statuten nie veröffentlicht werden, weiß man nie, in welcher Gestalt die Zensur daherkommt und was sie sich nehmen wird. Aber auch das Theater schafft ja mit seiner eigenen Sprache Spieler und Gegenspieler. Wie versuchen sie die Balance zu halten?&nbsp;&nbsp; </blockquote>

Menschen haben die Fähigkeit und das Vermögen, Regeln und Gesetzen, einer Ordnung nicht zu folgen. Wenn man es richtig macht, kann man etwas verändern. Es kommt auch auf die Menschen, auf die Gemeinschaft an, mit der man arbeitet. Jeden Tag, mit jedem Theaterstück und mit jedem neuen Publikum können wir eine andere Veränderung erreichen. Wir können versuchen, die Regeln zu missachten, ihnen nicht zu gehorchen. Es wäre doch eine Schande, wenn man es nicht tun würde, obwohl man es kann.
<blockquote>
Sie beobachten ihr Publikum genau.</blockquote>

Wir verändern die Performance einfach: Sitzen im Saal nur normale Zuschauer, so sprechen wir Dinge einfach aus, ohne jegliche Rücksicht auf die Zensur. Und wenn wir nach der Premiere keinen großen Gegenwind bekommen, dann fahren wir so fort. Unter uns Theaterleuten im Iran gilt ein beliebtes Credo: Die letzte Aufführung ist die schönste, weil man dann alles machen kann.
<blockquote>
Wie sieht das iranische Theaterpublikum aus? Wen haben Sie im Kopf, wenn Sie ein Stück schreiben?</blockquote>

Nicht arm, nicht reich, aber gebildet – der Durchschnittsiraner. Ich bin bekannt dafür, mit diesem Teil unserer Gesellschaft zu arbeiten, ihre Probleme anzugehen. Ist das Theater nicht auch die Kunstform eben dieser Gesellschaftsschicht? 
<blockquote>
Aber müssten Sie nicht auch andere Schichten miteinbeziehen?</blockquote>

Ich selbst gehöre dieser Gesellschaftsschicht an und denke, dass genau diese Leute in unserer Geschichte&nbsp; so gelitten haben und so vernachlässigt wurden. Sie sind die entscheidenden Akteure für Veränderung&nbsp; – in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft. Und eigentlich hilft die Armut der Regierung – indem die Armen instrumentalisiert und gegen den Durchschnittsiraner aufgehetzt werden. 
<blockquote>
Was soll ihr aktuelles Theaterstück bewirken? Soll es überhaupt noch etwas bewirken, verändern, oder müssen sie gar nicht mehr einwirken?</blockquote>

Ich versuche nur, den Schmerz, den Kummer und die Trauer über einen Verlust auszudrücken. Den Verlust eines Landes, besonders den Verlust der Menschen, die das Land verlassen mussten und es verloren haben. Darin spiegeln sich auch meine Bedürfnisse wieder, denn ich kann sicher sein, dass die Menschen in dieser Gesellschaftsschicht genauso denken. Das Publikum soll mit dem Bewusstsein aus dem Theater gehen, dass es nicht alleine ist, dass es Menschen gibt, die die gleichen Probleme und Wünsche haben. 
<blockquote>
Dann arbeiten sie bewusst mit den Werkzeugen der Identifikation?</blockquote>

Bei Literatur und Film mag das anders sein, aber ich glaube daran, dass man die Leute im Saal beeinflussen kann. Wenn das nicht möglich ist, ist es kein Theater!!

<blockquote>
Es geschieht... </blockquote>

&nbsp;...Theater geschieht live! Und so muss man die Menschen beeinflussen, man muss mit ihnen kommunizieren. Man bezieht sich auf sie, man identifiziert sich sogar mit ihnen... 
<blockquote>
...inwiefern beeinflussen?</blockquote>

<h3>»Im wahren Leben verneinen wir uns. So sind wir aufgewachsen. Wir haben gelernt, zu schauspielern«</h3>
Es geht mir nicht darum, die Ideologie der Menschen zu ändern. Aber wenn das Publikum den Kummer, den Schmerz und den Verlust spürt, der auf der Bühne aufgeführt wird, und trotzdem lacht, ist das doch wundervoll. Das bedeutet, dass die Menschen zu den Geschehnissen auf der Bühne Kontakt aufgenommen haben und eine Verbindung eingegangen sind. Was auf der Bühne passiert, betrifft auch sie.
<blockquote>
Als ich mir Ihr aktuelles Theaterstück »Borhan« anschaute, wusste ich zeitweilig nicht mehr, ob nicht ich zur Bühne geworden war und die Schauspieler zu meinem Publikum. Da war keine Mauer, kein Vorhang zwischen Bühne und Publikum.
</blockquote>
Ich mag diese Art von Theater nicht, bei der die Schauspieler zu sehr mit dem Publikum involviert sind. Aber ich mag es, eine witzige Art von Theater zu zeigen. Das eigentliche Theaterstück ist vielleicht gar nicht lustig, aber wir würzen es mit Humor, um eine Verbindung mit dem Publikum herzustellen. An einem Abend etwa klingelte das Handy eines Zuschauers. Einer der Schauspieler sagte dann mitten im Stück zu seinem Bühnenpartner: »Wir sollten warten und ihm die Zeit geben, sein Telefon abzustellen.« Es geht hier nicht um Techniken oder um die Mittel des Theaters. Improvisation! Das ist die Essenz, der Saft des Theaters. 
<blockquote>
Jede dieser klitzekleinen Handlungen im Alltag, mit denen die Iraner sich etwas entgegenstellen, was sie nicht gutheißen, könnte man direkt auf die Bühne bringen. Findet das eigentliche Theater im Iran auf der Straße statt?</blockquote>

Ja, wir führen ein Stück auf in unserem Leben. 
<blockquote>
Leisten die Iraner so Widerstand oder verneinen Sie sich nicht vielmehr auch dabei? </blockquote>

Das Theater ist vielleicht ist der einzige Ort, an dem wir Iraner wir selbst sein und uns so zeigen können, wie wir in Wirklichkeit sind. Theater ist so veränderbar wie das Leben. Im wahren Leben stellen wir uns hinten an, wir verneinen uns. So sind wir aufgewachsen. Wir haben gelernt, zu schauspielern.]]></content:encoded>
			<category>Iran Theater Szene</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 04 Mar 2013 15:01:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Eine Botschaft mit der Wucht einer Beretta</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/film-theater//artikel/eine-botschaft-mit-der-wucht-einer-beretta-003585/</link>
			<description>Sechs ehemalige Schin-Bet-Chefs erzählen ihre Sicht auf den Nahost-Konflikt – schonungslos,...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Benjamin Netanjahu liebt Eis, die Geschmacksrichtungen Vanille und Pistazie haben es ihm besonders angetan, das Kilo für umgerechnet zwölf Euro. Bisher musste der israelische Steuerzahler dem Premier und seiner Familie die Gaumenfreuden jährlich mit umgerechnet 2.000 Euro finanzieren, was nach Recherchen der Tageszeitung <i>Jedioth Ahronoth</i> einem monatlichen Verzehr von 14 Kilogramm Eiscreme entspricht. Aber nun will man im Hause Netanjahu den Gürtel enger schnallen, die Subventionen sind ansatzlos gestrichen worden.

Kinoabende in der heimischen Villa in Caesarea werden künftig also ohne von Steuergeldern finanziertes Eis veranstaltet. Über den Filmgeschmack des Premiers ist nichts bekannt, einzig: »Schomrei ha-Saf – Hüter der Schwelle« hat Benjamin Netanjahu bisher nicht gesehen und hat das nach Angaben seines Pressesprechers auch nicht vor. 

Dror Moreh, der Regisseur des Films, findet, dass sage mehr über Netanjahu aus, als über seine Dokumentation. Er hat alle sechs noch lebenden ehemaligen Chefs des Inlandgeheimdienstes Schin Beth vor seine Kamera interviewt. Das alleine ist bemerkenswert. 
<h3>90 Minuten Klartext</h3>
Noch beeindruckender ist indes die Botschaft, die diese Männer unisono verkünden und die enorme Sprengkraft in sich birgt: Die politische Elite des Landes führt Israel in eine Katastrophe, die Besatzung ist unmoralisch und eine Zwei-Staaten-Lösung dringend notwendig, derzeit aber in weiter Ferne. 

Mehr Klartext geht nicht. 90 Minuten lang. Ihre Botschaft kommt ohne pathetisches Tremolo in der Stimme daher und mäht das politische Establishment Israels gleichsam mit der Wucht einer Beretta nieder, zu vernichtend ist ihr Urteil. 

Moreh ist mit seiner Dokumentation ein cineastisches Meisterwerk gelungen, hochpolitisch und intelligent, eine Dokumentation, spannungsgeladener und komplexer als jeder Thriller. Dieser Film fesselt den Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute, weil die Realität schonungslos und damit auch hoffnungslos gezeigt wird; die Nominierung für einen Oscar war die Bestätigung hierfür.
<h3>Keine Tagträumer, sondern knallharte Realpolitiker</h3>
Die sechs Schin-Beth-Männer sind die »Schomrei ha-Saf«, die Hüter jener Schwelle, die infolge des Sechstagekrieges 1967 entstanden ist, als Israel neben der Sinai-Halbinsel und den Golanhöhen auch das Westjordanland und den Gazastreifen besetzte. Sie haben sämtliche Ministerpräsidenten in Sicherheitsfragen seither beraten, waren bei allen relevanten Entscheidungen über Krieg oder Frieden in den letzten Jahrzehnten dabei. 

Sie alle sind keine Tagträumer, verblendete Spinner oder Pazifisten – hier sprechen knallharte Realpolitiker und hochdekorierte Soldaten; ihre Biographien geben den Worten besonderes Gewicht.

Da ist Avraham Schalom, Veteran der einstigen Haganah-Elite-Truppe Palmach und Mitglied des Sonderkommandos, das Adolf Eichmann in Argentinien aufspürte und nach Israel entführte, wo er vor Gericht gestellt wurde, Jaakov Peri, der dem »Scherut Bitachon – Sicherheitsdienst« von 1966 bis 1994 angehörte und Carmi Gillon, in dessen Amtszeit die Ermordung Jitzchak Rabins fiel. 

Ebenso dazu gehören Ami Ayalon, der Oberbefehlshaber der israelischen Marine war und als Mitglied der Eliteeinheit »Schajetet 13« mit der höchsten militärischen Ehrung des Landes Israel ausgezeichnet wurde, Avi Dichter, ehemaliges Mitglied der Eliteeinheit »Sajeret Matkal« und heute Minister für Heimatschutz im Kabinett Netanjahu, sowie Juval Diskin, der vor seiner Zeit beim Schin Beth als Soldat in einer Spezialeinheit der Südfront diente, später den Nablus-Distrikt koordinierte und während des Ersten Libanonkriegs in Beirut und Sidon im Einsatz war. 

Dass ausgerechnet diese sechs Männer nun vor laufender Kamera ein vernichtendes Urteil über die gegenwärtige Regierung und die politische Kaste insgesamt fällen, ist auch angesichts der vorherrschenden Stimmung in Israel beachtenswert.
<h3>Die Sehnsucht nach Führungspersönlichkeiten ist groß</h3>
Es ist der Regelfall und ein natürlicher Reflex, das ein Volk bei Bedrohung von außen im Inneren politisch nach rechts rückt. An Israels Grenzen, in dessen kollektivem Gedächtnis zweitausend Jahre Verfolgung fest verankert sind, rumort es: Syrien zerfällt in Schutt und Asche und ertrinkt im Blut, im Libanon wartet die schiitische Hizbullah-Miliz, im Gazastreifen herrscht die nicht minder radikale Hamas und in Ägypten regiert ein Präsident der Muslimbruderschaft, der Juden als »Nachkommen von Affen und Schweinen« bezeichnet. 

Kurzum: Die Lage ist düster. Auch das ist eine Erklärung, warum der konservative Likud-Block von Benjamin Netanjahu, wenngleich mit herben Verlusten, aus dem jüngsten Wahlgang als Sieger hervorgegangen ist. Die Sehnsucht nach einem starken Mann, einer Führungspersönlichkeit, ist groß – ob er ein solcher wirklich ist, steht auf einem anderen Blatt.

Bis zum 4. November 1995, an dem Moreh seinen 34. Geburtstag feierte, gab es in Israel einen Politiker, der für viele im Land dieser starke Mann war – und doch für Frieden bereit: Jitzchak Rabin, der vom Feldherrn zum Friedensstifter avancierte und dabei stets Realpolitiker blieb, die Sicherheit des jüdischen Staates nie außer Acht ließ. 

Er wurde von dem radikal-religiösen Jigal Amir ermordet. Und damit auch der seinerzeit avisierte Frieden. Begraben, wie es scheint – ohne Aussicht auf Auferstehung. Dror Moreh hat nun mit seinen sechs Protagonisten Männer versammelt, die aus ähnlichem Holz geschnitzt sind, wie es Rabin war und die aus ihrer Verehrung für ihn keinen Hehl machen.
<h3>»Wenn man den Schin Beth verlässt, wird man ein bisschen zu einem Linken«</h3>
Sie scheuen sich ebenso wenig, vor der Weltöffentlichkeit ethische Fragen zu beantworten, etwa, was es für ein Gefühl ist, mit einem Befehl ein Menschenleben auslöschen zu können. Besonders Juval Diskin fällt hier auf – und erinnert an den von Gerald Seymour 1975 geprägten Satz: »Für den einen ist es ein Terrorist, für den anderen ein Freiheitskämpfer.« Und Jaakov Peri, der den Schin Beth während der Ersten Intifada leitete, konstatiert: »Wenn man den Schin Beth verlässt, wird man ein bisschen zu einem Linken.« 

Dror Moreh, der bereits mit einer gefeierten Dokumentation über Ariel Scharon vor einigen Jahren auf sich aufmerksam machte, ist ein bekennender Linker. Das macht den 51-Jährigen angreifbar. So erklärte der stellvertretende israelische Ministerpräsident Mosche Yaalon im Armeeradio jüngst, Moreh sei einseitig vorgegangen und habe Aussagen so gewählt, »dass sie in sein Narrativ passen, das meiner Meinung nach ein palästinensisches Narrativ ist.«
<h3>Taktik ohne Strategie</h3>
Zumindest das israelische Fernsehpublikum wird sich ein Bild davon machen können, hat doch <i>Channel 2</i> bereits angekündigt, dass man die Ausstrahlung einer fünfstündigen Langfassung plane. Aber auch in den eineinhalb Stunden der regulären Doku – die in Deutschland unter dem Titel »Töte zuerst« gezeigt wird – erhärtet sich der Verdacht Yaalons nicht. Schonungslos und kühl berichten die sechs Geheimdienstpraktiker von ihrer Arbeit. Das Ziel: Maximale Sicherheit für Israel. Die Taktik: Spionage, Folter, gezielter Mord – das ganze Spektrum geheimdienstlicher Praktiken.

Und Avi Dichter – der wohlgemerkt gegenwärtig im Netanjahu-Kabinett ein Ministeramt bekleidet – bedauert noch heute, dass ein Treffpunkt der Hamas-Führung im Gazastreifen mit einem zu schwachen Sprengkörper bombardiert wurde und deshalb alle flüchten konnten. »Selbst Scheich Yassin soll davon gerannt sein«, sag Avi Dichter und meint damit den an den Rollstuhl gefesselten ehemaligen spiritus rector der Hamas. 

Er lacht ein sarkastisches Lachen. Es ist das einzige Mal, das im Film ein Lachen zu hören ist. Zu ernst ist der Film, der das Dilemma des Nahost-Konflikts so anschaulich zeigt, wie es bisher noch kein Film geschafft hat.

Den sechs Schin-Beth-Männern geht es nicht darum, das wird klar, sich schutzlos auszuliefern. Sie wollen keinen staatlichen Selbstmord begehen. Sie wollen Sicherheit. Und sie wollen Frieden. Dafür braucht es, so die Sicherheitsexperten, aber mehr als die Taktiken der Geheimdienste. Dafür brauche es Politiker, die eine Strategie vorgeben, innerhalb derer die Taktiken angewandt werden. Sonst seien diese sinnlos, nackte Gewalt, die wiederum Gewalt auslöse oder eine Antwort auf selbige sei und so eine Spirale des Hasses fortlaufend nähre. Doch in ihren Augen existiert seit 1967 keine Strategie. 
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> 							<img src="/fileadmin/img/content/kultur/full_article/gatekeepers_box.jpg" style="cursor:move; " height="162" width="110" alt="" /> 						</div>
<div style="margin-left: 120px; "><div class="csc-textpic-text"><h2>Töte zuerst – Der israelische Geheimdienst </h2>
<p class="copytext_grau">Regie: Dror Moreh </p>
<p class="copytext_grau">Israel, 2012, 95 Minuten Laufzeit</p>
<p class="copytext_grau">Ausstrahlung: ARTE: 5. März 2013, 20:15 Uhr,<br />NDR: 6. März 2013, 22:45 Uhr</p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>]]></content:encoded>
			<category>Israel Film Dokumentation</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 25 Feb 2013 14:34:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Erzählungen in leuchtenden Grautönen</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/literatur//artikel/erzaehlungen-in-leuchtenden-grautoenen-003581/</link>
			<description>Martin Schäuble ist zu Fuß durch Israel und Palästina gelaufen und hat seine Begegnungen mit den...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Der LKW transportiert süße Kartoffelchips, fährt von Tel Aviv über Modi’in nach Jerusalem und im Radio läuft U2. Frontsänger Bono fragt singend: »Have you come here to play Jesus?« Nein, soweit will es Martin Schäuble dann doch nicht treiben. 

Vielmehr hat er sich aufgemacht, um Israel und Palästina zu erkunden. Zu Fuß. Vorbei an Schaufenstern ultraorthodoxer Kinderspielzeugläden, die den Modelbaukasten des »Dritten Tempels« feilbieten, durch das hippe Tel Aviv mit seiner Bauhaus-Architektur und dem Rothschild-Boulevard ebenso wie durch die verwinkelten und mit verblichenen Märtyrerpostern gespickten Gassen von Nablus.

Schäuble berichtet ausgewogen von den Menschen, denen er während seiner Reise auf beiden Seiten der Grenze begegnet ist. Von Einwanderern aus allen Herren Ländern und Alteingesessenen, Juden, Muslimen und Christen sowie Menschen, die Religion für »Abrakadabra« halten. Er lernt den »palästinensischen Domian« von <i>Radio Jericho</i> kennen, ebenso wie Siedlerkinder aus Kiryat Arba; Soldaten am Grab von Jassir Arafat in Ramallah, die über Adolf Hitler diskutieren, oder kiffende Architekturstudenten auf den Golanhöhen; eine Familie, deren Sohn sich als 17-Jähriger für die Al-Aqsa-Brigaden in die Luft sprengte und sieben Israelis tötete und gleichsam den Schriftsteller David Grossman, dessen Sohn im Zweiten Libanonkrieg gefallen ist. 
<h3>Schäuble hebt die alltägliche Normalität in dieser surreal anmutenden Gesellschaft hervor</h3>
Dazwischen kauft er überteuerte Dornenkronen in Jerusalem, in Bethlehem niederländisches Dosenbier Marke »Bavaria« mit 0,0 Prozent und hört in einer der vielen dauerhaft auf Eisschranktemperaturen runter gekühlten Shoppings Malls in Beerscheba Michael Jackson in Dauerschleife. Er beschreibt die nächtliche Armenspeisung im Tel Aviver Stadtteil Neve Scha’anan ebenso wie die finanziell frustrierte Mittelschicht, die zwischen Himmel und Hölle immer mehr ins Taumeln gerät. 

Sein Reisebericht »Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Gaza« ist kurzweilig, detailgetreu – und unterscheidet sich von der hiesigen Berichterstattung über Israelis und Palästinenser besonders durch das Hervorheben der alltäglichen Normalität in diesen surreal anmutenden Gesellschaften ab, die durch Krisen und Kriege traumatisiert sind. 

Schäuble bedient keine Klischees, versucht Schwarz-Weiß-Denken zu vermeiden und lässt so ein Bild in leuchtenden Graustufen- und Schattierungen vor dem geistigen Auge des Lesers entstehen, das die reale Komplexität widerspiegelt; mal witzig, mal traurig, mal schockierend – aber eines nie: langweilig. Weder für diejenigen, die es noch nie in den Nahen Osten geschafft haben, noch für die, die Schäubles Wege aus eigener Erfahrung kennen.
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> 							<img src="/fileadmin/repro/rezension_schaeuble_box.jpg" style="cursor:move; " height="162" width="110" alt="" /> 						</div>
<div style="margin-left: 120px; "><div class="csc-textpic-text"><h2>Zwischen den Grenzen</h2>
<p class="copytext_grau">Zu Fuß durch Israel und Gaza</p>
<p class="copytext_grau">Martin Schäuble</p>
<p class="copytext_grau">Hanser Verlag, 2013</p>
<p class="copytext_grau">224 Seiten, 17,90 Euro</p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>]]></content:encoded>
			<category>Israel / Palästina Literatur Unterwegs</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 18 Feb 2013 11:53:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Amerikas bester Botschafter</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/film-theater//artikel/amerikas-bester-botschafter-003574/</link>
			<description>US-Amerikaner Kevin Sheppard nimmt einen Job in der iranischen Basketball-Liga an – und lernt dabei...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Der deutsche, in den USA lebende Regisseur Till Schauder kam zufällig auf den Stoff und hatte sofort die Idee der »Ping-Pong-Diplomatie« zwischen USA und China zu Beginn der 1970er Jahre im Kopf, bei denen ein amerikanischer und chinesischer Tischtennis-Spieler aufeinander trafen und damit nach Jahren der politischen Eiszeit eine Brücke der Verständigung zwischen den beiden Ländern bauten. Ob diese Dokumentation so viel Einfluss haben soll, bleibt fraglich, doch veranschaulicht der Film, wie einfach Verständigung abseits der Politik sein kann. Kevin Sheppard sagt an einer Stelle: »Es ist faszinierend, ich spreche kein Wort Farsi, Abdollah (sein Hausverwalter) spricht kein Wort Englisch und trotzdem verstehen wir uns. Ich weiß nur nicht wie.«

»Der Iran Job« ist dabei keine typische Dokumentation und wird deswegen wohl nun auch als künftiger Oscar-Kandidat gehandelt. Till Schauder kommt eigentlich aus dem Spielfilmgenre und ließ von Anfang der Planung seine dramaturgischen Fähigkeiten in die Produktion einfließen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Der Film verdichtet sich zwischen dem Kampf seines Verein A.S. Schiraz, die Play-Offs zu erreichen, den zunehmenden Spannungen mit den USA und mündet in den Protesten nach den Wahlen 2009. Und gerade weil der Film zunächst nicht politisch ist, blickt er viel tiefer in die iranische Gesellschaft als viele andere Versuche und legt im Hintergrund die großen Vorurteile und Ängste der »Westler« offen. 

Kevin, der eben auch diesen typischen »Westler« repräsentiert, witzelt zu Beginn des Films »ob die noch auf Kamelen reiten?« Die Reaktionen seines Umfeldes sind ebenso bezeichnend. Seine Freundin fürchtet um sein Leben und er selbst sagt auf dem Hinflug, dass er sich auf den Moment freut, wenn er wieder zurückfliegt. Doch die Fakten und seine Neugier überzeugen ihn, den Job anzunehmen, der später sein Leben verändern wird. Irans Basketball-Liga gehört zu den besten Asiens, »wegen der Angst« bekommt er doppeltes Gehalt, doch vor allem treibt ihm sein Gefühl, dass er »vom Bekannten ins Unbekannte« müsse. 
<h3>Die Frauen sind die heimlichen Protagonisten des Films</h3>
Bei seinem Verein angekommen, lernt er seine Physiotherapeutin Hilda und ihre beiden Freundinnen Elahe und Laleh kennen. Till Schauder sagte in einem Interview, dass die Frauen die heimlichen Protagonisten des Films seien und sie sind es auch, die Kevin und dem Zuschauer als selbstbewusste Frauen ihren Iran und ihre Probleme zeigen. Es ist genau ihr reflektierter und differenzierender Blick, der den Film mit um den Basketballer Kevin so wertvoll macht. 

Wie im Vorbeigehen fügt sich im Film mitten aus dem Leben heraus eine Botschaft zusammen, die bewusst macht, dass Irans Gesellschaft seine Zukunft in die eigene Hände nehmen wird und ein Krieg die schlechteste aller Optionen wäre. 

Kevins Mitbewohner ist Zoran, ein serbischer Basketballspieler, der die Angriffe der Nato-Truppen während des Kosovo-Krieges 1999 erlebt hat. So steht er in dem Film für das, was Iran widerfahren könnte. Kevin begreift, dass im »Iran alles Politik ist«. Zunächst hatte er versucht, alles sauber zu trennen, doch bald versteht er, dass allein das Spielen in einem Basketball-Verein ein Symbol sein kann für Freiheit und Offenheit zu einzustehen und die Gesellschaft am Leben zu halten. »Als Afroamerikaner weiß ich, was es bedeutet, für seine Rechte zu kämpfen. Und das es sich lohnt.« 

Der Soundtrack des Films fügt sich hier passend ein. Obwohl Rap in Iran verboten ist, gibt es eine lebendige Szene und sowohl Regisseur Schauder als auch Kevin zeigen sich beeindruckt von der Energie und Qualität der Songs, die bei einigen Basketballspielern im Auto laufen und den Film kraftvoll untermalen. Darunter sind Songs der Rapper Jadugaran, Zedbazi und Shahin Najafi, der vor einiger Zeit durch die »Todes-Fatwa« wegen eines seiner Musikvideos für Schlagzeilen sorgte und mittlerweile in Deutschland Musik macht. 

Insgesamt lohnt sich also der Kinobesuch für »Der Iran Job« als spannende und herzliche »Mehr-als-Basketball«-Dokumentation. Selbst Iraner sagten nach den ersten Screenings der Doku in den USA, dass der Film für sie aufregend war. Viele wussten nicht, dass Basketball im Iran mittlerweile so groß und beliebt geworden ist. Andere empfanden den Film als frischen und intensiven Blick auf die Zeit vor den Wahlen 2009, ohne dabei politisch zu sein.
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> 							<img src="/fileadmin/img/content/kultur/full_article/iranjob_box.jpg" style="cursor:move; " height="162" width="110" alt="" /> 						</div>
<div style="margin-left: 120px; "><div class="csc-textpic-text"><h2>Der Iran Job</h2>
<p class="copytext_grau">Dokumentation von Till Schauder</p>
<p class="copytext_grau">USA / Iran, 2012</p>
<p class="copytext_grau">Verleiher: The Real Fiction, 91 Min (OmU)</p>
<p class="copytext_grau">Kinostart: 21. Februar 2013</p>
<p class="copytext_grau"><link http://www.theiranjob.com>www.theiranjob.com</link></p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>]]></content:encoded>
			<category>Iran Film Sport</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 11 Feb 2013 12:00:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>»Kultur ist ein Marathon«</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/musik//artikel/kultur-ist-ein-marathon-003567/</link>
			<description>Sevdah-Musiker Damir Imamovic über neue Inspiration für ein altes Genre und was Künstler und...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote>zenith: Wie würden Sie Sevdah-Musik jemandem beschreiben, der sie noch nie gehört hat?&nbsp; </blockquote>

Damir Imamovic: Das Besondere an dieser Musikgattung ist der emotionale Kern – hier kommen die Sehnsüchte unerfüllter Liebe, Schmerzen und Schwermut der Volksseele auf dramatische Weise zum Ausdruck. Deswegen wird der Stil oft mit dem portugiesischen Fado oder mit argentinischem Tango verglichen. Sevdah im engeren Sinne ist zwar die traditionelle Musik aus Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Serbien und der weiteren Umgebung. Für viele Leute aus westlichen Ländern klingt Sevdah aber wohl am ehesten wie iranische oder türkische Musik. Anderseits hören die Leute aus orientalischen Ländern die westlichen Einflüsse klar heraus. Ich sage immer: »Für den Osten sind wir zu westlich. Für den Westen sind wir zu östlich!« Diese Volksmusik ist in einem langen Prozess vorwiegend in urbanen Zentren entstanden. In einer Kombination aus westlichen und östlichen Einflüssen – vermischt mit dem eigenen Rhythmus des Balkans – entstand hier über die Jahrzehnte eine neue Musikrichtung. Ich sehe das als Vorteil und versuche neue Wege zu finden, Sevdah-Musik an andere Welten zuknüpfen. Die Musik wurde in verschiedenen Epochen von unterschiedlichen Völkern und Kulturen, die in die Region kamen, beeinflusst. Die Herrschaft der Osmanen auf dem Balkan hat Sevdah-Musik entscheidend geprägt. Das Saz-Instrument zum Beispiel ist auch ein osmanisches Erbstück, das heute noch eine wichtige Rolle in Sevdah-Musik spielt. Sevdah-Lieder sind aber nicht nur traurig, sondern können auch hell und leicht sein und sogar zum Tanzen einladen. 
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> 							<img src="/fileadmin/repro/interview_imamovic_box.jpg" style="cursor:move; " height="162" width="181" alt="" /> 						</div>
<div style="margin-left: 120px; "><div class="csc-textpic-text"><h2>Damir Imamovic </h2>
<p class="copytext_grau">wurde 1978 in Sarajevo geboren. Der Enkel des berühmten Musikers Zaim Imamovic ist Mit mehreren Solo-Projekten und seiner Band »Damir Imamovic Sevdah Takht« regelmäßig auf Tour. Im Rahmen ihrer Skandinavien-Tournee gab die Band Ende November 2012 auch ein <link http://www.youtube.com/watch?v=I1AavERiM5w _blank external-link-new-window "Opens external link in new window">Konzert in der Werkstatt der Kulturen</link> in Berlin.</p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>
<blockquote>Was hat Sie inspiriert, die alten Sevdah-Kompositionen neu zu interpretieren?</blockquote>

Ich stamme aus einer sehr musikalischen Familie. Mein Großvater Zaim Imamovic war ein berühmter Sevdah-Sänger, Komponist und ein Revolutionär des Genres. Auch mein Vater Nedzad ist Musiker, Produzent und Autor. Ich wuchs mit dieser Musik auf, die mein Ohr mitgeformt hat. Aber lange Zeit bin ich davor weggelaufen. Ich habe viele andere Musikarten gehört und schob damit Sevdah irgendwie zur Seite. Aber vor fast 10 Jahren habe ich mich in diese Musik neu verliebt. Ich habe daraufhin meine akademische Karriere aufgegeben und widme mich seitdem der Musik. Für jeden Künstler und jeden Menschen ist es wichtig, seine Bestimmung zu finden. Ich war sehr glücklich, als ich entdeckte, dass meine Bestimmung die ganze Zeit so nah lag. Mein Großvater ist mir bis heute eine Inspiration. Ich studierte sein Musik und versuchte die Veränderungen in seinen Kompositionen zu verstehen, den er hat das Genre mit entscheidenden Veränderungen geprägt. Heute lernen und orientieren sich viele Sevdah-Sänger an seinem Stil. Dennoch kann man meine Musik mit der meines Großvaters kaum vergleichen. 
<blockquote>
Die traditionellen Sevdah- Lieder werden bei Ihnen von modernen Instrumenten wie E-Gitarre begleitet. Ist das ein Weg die alten Lieder der jungen Generation zugänglich zu machen? </blockquote>

Leider interessieren sich die meisten Leute nur dann für traditionelle Musik, wenn es darum geht, ihre politische oder kulturelle Identität hervorzuheben. Sie verstehen die Musik nicht künstlerisch. Veränderungen sind notwendig, damit auch traditionelle Musik überleben kann. Musik und jede andere Form von Kunst muss verändert, aufgewirbelt und neu zusammengesetzt werden. Die Einführung moderner Instrumente ist ein nur ein Schritt in diese Richtung. Aber das moderne Instrument muss an der richtigen Stelle zum Einsatz kommen. Natürlich gibt es auch viele Gegner dieser Art der Modernisierung – insbesondere in Reihen der Konservativen, der Nationalisten und im Allgemeinen bei engstirnigen Leuten in der Gesellschaft. Aber glücklicherweise sind die jungen Leute sehr aufgeschlossen und interessieren sich für die neue Darbietung der Sevdah-Musik. Sevdah wird nicht aussterben.
<blockquote>
Kann Sevdah-Musik als gemeinsames Erbe helfen, die heutige Spaltung in der bosnisch-kroatischen-serbischen Gesellschaft zu überwinden? </blockquote>

Politik und Kultur sind schwer zu vereinen. Ich habe es satt, dass die Leute die Kultur vorschieben, um den dreckigen Job der Politik zu erledigen. Als Jugoslawien als Staat noch existierte, gab es wenigsten eine offizielle politische Haltung der »Brüderlichkeit« zwischen den verschiedenen Völkern. Dennoch konnte es einige Politiker nicht davon abhalten, einen Krieg vom Zaun zu brechen. Ich sehe das Problem darin, dass Kultur ein Marathon ist – ein wichtiger Prozess der Annäherung, der jedoch unendlich viel Zeit benötigt, um Früchte zu tragen. Die Politik hingegen ist eine Art Kurzstreckenlauf. Die Sichtweise der Künstler und der Politiker ist also absolut unterschiedlich. Natürlich gibt es auch in der Kultur konservative Strömungen und ethnisch zentrierte Sichtweisen, die dumm sind und nur zur Aufspaltung der Gesellschaft führen. Selbst wenn es uns gelingen würde, diese abzuschütteln, würden unsere Politiker es schaffen, die Gesellschaft aufs Neue zu teilen. Ich befürchte deshalb, dass Kultur der politischen Spaltung der Gesellschaft nicht entgegenwirken kann. Dennoch, auf lange Sicht, ist es immer gut, wenn Kunst und Kultur auf eine bessere Welt hinarbeiten. ]]></content:encoded>
			<category>Bosnien Musik Interview</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 06 Feb 2013 15:04:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Himmlisches Geflügel</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/literatur//artikel/himmlisches-gefluegel-003561/</link>
			<description>Die frühen Korankommentatoren sparten nicht mit Ausschmückungen zum islamischen Paradies. Eine...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Der christliche Himmel muss wohl stinklangweilig sein, wenn die Engel dort den ganzen Tag tatsächlich nur Palestrina singen. Es gibt dort vor allem vieles nicht: keinen Hunger und keinen Durst, keine Hitze, keine Tränen; weder Tod noch Leid noch Schmerzen noch Geschrei. Deshalb haben die Christen, um ihre Glaubenslehre herum, noch extra das Schlaraffenland erfinden müssen.

Im islamischen Paradies ist das alles bereits voll integriert. Neben schönen Gärten, luxuriösen Gemächern und hinreißenden Frauen, den Huris, gibt es dort auch beste Verpflegung. Zu trinken (so steht es in Vers 47:15) gibt es aus den Paradiesflüssen Wasser, Wein, Milch und Honig. Ja, auch Wein. Den Gläubigen wird sogar ein hervorragender Tropfen kredenzt, »von dem sie weder Kopfweh bekommen noch betrunken werden« (56:18–19).

Als Ernährung nennt der Koran Obst und Geflügel – gesundes, bekömmliches Essen also. Wörtlich ist in Vers 56:21 die Rede von »Fleisch von Geflügel, wonach immer sie Lust haben«. Aber was für Geflügel ist das genau? Diese Art von Fragen pflegten die frühesten Koranausleger sowohl zu stellen als auch zu beantworten. Merkwürdigerweise haben sie das in diesem Fall aber nicht getan. Auch die Überlieferung vom Propheten schweigt stille.

Die Vögel, in denen sich die Seelen der Märtyrer befinden, werden wohl nicht gemeint sein. In dem riesigen Baum, der mitten im Paradies steht und in dem nach einer späten Tradition goldene Schmetterlinge sitzen, könnte man sich dagegen gut auch riesige Vögel vorstellen. In den Korankommentaren werden sie aber erst bei dem späten Ibn Kathir aus dem 14. Jahrhundert ausdrücklich genannt. Er schreibt von Vögeln »mit Nacken wie Schlachtkamele« oder »Vögeln so groß wie Trampeltiere, die Nahrung suchen in den Bäumen des Paradieses«.

Bei Ibn Kathir wird auch die Wahlmöglichkeit, die der Koranvers anbietet (»wonach immer sie Lust haben«) ausgearbeitet: Vögel, die 70.000 Federn haben, jede in einer anderen Farbe, stehen in Reih und Glied; der Gläubige muss bloß einen auswählen, und schon fällt er gebraten vor ihm nieder. »Auf seinen Teller«, fügt eine Textvariante hinzu. Keiner muss sich also vorstellen, wie im Paradies Tiere geschlachtet werden, und auch die Unbequemlichkeit von gebratenen Tauben, die einem plötzlich in den Mund fliegen, bleibt Muslimen erspart. Nachdem er aufgegessen ist, fliegt der Vogel übrigens unversehrt wieder weg. Im Koran (in Vers 2:260) wird in einem anderen Kontext über die Wiederbelebung toter Vögel gesprochen; das auf die Paradiesvögel zu beziehen, war wohl kein großer Schritt.
<h3>»Lobpreis sei Ihm, der mich geschaffen und gegart hat, und mein Fleisch zur Nahrung für Seine gottesfürchtigen Knechte gemacht hat«</h3>
Wohl schon vor Ibn Kathir gibt es in dem anonymen »Kitab al-’Azama« einen zusammenhängenden Text über das Paradies. Über das himmlische Geflügel steht dort zu lesen: »Auf den Bäumen sitzen Vögel so groß wie Trampeltiere, und der Freund Gottes isst von ihrem Fleisch. Wenn es ihn gelüstet, fällt es vor ihm nieder, so dass er davon essen kann, gegrillt oder gekocht, wie er es wünscht. Es fällt vor ihm nieder durch die Allmacht Gottes, der zu etwas sagt: ›Werd‹, und es wird. Wenn der Knecht Gottes von dem gegessen hat, was er begehrte, und aufstehen will, so ist der Vogel gleich wieder da, lebendig, fett und gar. Dann fliegt er auf, Gott mit den Worten verherrlichend: ›Lobpreis sei Ihm, der mich geschaffen und gegart hat, und mein Fleisch zur Nahrung für Seine gottesfürchtigen Knechte gemacht hat.‹«

Auch dies ist eine Art der Koranauslegung, aber nicht der (nach damaligen Maßstäben) wissenschaftlichen Sorte. Die Wahl zwischen »gegrillt oder gekocht« ist neu, wie auch der Lobpreis des wiederbelebten Vogels.

Die lediglich vier Wörter, die der Koran dem Paradiesgeflügel widmet, haben also die Fantasie der Menschen gereizt, obwohl die »kanonische« Tradition und die früheste Koranauslegung diese außen vor gehalten hatten. Manches davon klingt heute zum Lachen – etwa wenn der Vogel zubereitet auf den Teller fällt oder wenn er nach dem Verzehr lebendig wieder auffliegt und fliegend noch den Herrn lobt. Aber die Autoren haben das wohl nicht witzig gemeint, und ihr Publikum wird nicht darüber gelacht haben. In den Jahrhunderten nach der Entstehung dieser Texte hat sich die Wertschätzung verschoben, von ernst zu nehmend nach komisch. (Das Umgekehrte kommt auch vor: Es ist oft schwer, über einen Witz zu lachen, der 1.000 Jahre alt ist.)
<h3>Der Koran enthält vier Wörter über das Geflügel; je länger der Kommentar, desto komischer ist er</h3>
Sehr bestimmt gelacht hat der spöttische arabische Dichter al-Ma’arri (973–1058 n. Ch.), der über eine Reise durch »Paradies und Hölle« schrieb, wie es später Dante in Europa tun sollte. Er versucht, auch sein Publikum zum Lachen zu bringen, indem er das Thema ad absurdum führt. Erst lässt er einen Paradiesbewohner einen marinierten Pfau verspeisen, der auf einem Teller aus Gold »entsteht«. Das Tier wird nach dem Verzehr wieder sein altes Selbst, was die Anwesenden bewundernd ausrufen lässt: »Erhaben ist Er, der die Knochen wiederbelebt, wo sie schon zerfallen sind! Das ist ja wie es im heiligen Buch heißt: ›Und auch wie da sprach Abraham: Herr, lass mich sehen, wie du belebst die Toten! (...) Sprach er: So nimm vier Vögel und drücke sie an dich, dann leg auf jeden Berg ein Stück von ihnen, dann rufe sie, so kommen sie dir eilend.‹«

»Als Nächstes«, fährt al-Ma’arri fort, »kommt da eine Gans vorbei, so groß wie ein Trampeltier. Einige Leute wünschen sie als Braten – und schon erscheint sie zubereitet auf einem Tisch von Smaragd. Nachdem die Leute von ihr genommen haben, so viel sie wollen, kehrt sie mit der Erlaubnis Gottes in ihre frühere geflügelte Gestalt zurück. Darauf wünschen einige der Anwesenden sie als Spießbraten, andere wollen sie mit dem Sumach-Gewürz zubereitet haben, und wieder andere hätten sie gern in Milch und Essig und mit noch anderen Gewürzen gekocht – und alsbald wird die Gans so, wie man sie wünscht. Und immer wieder kehrt sie in ihre frühere Gestalt zurück.«

Den komischen Effekt erreicht al-Ma’arri – den ich hier in Gregor Schoelers Übersetzung zitierte – durch Konkretisierung und Wiederholung: Der Vogel ist jetzt ein Pfau oder eine Gans geworden; die Rezeptur wird präzisiert und die Gans fährt auf und nieder wie ein Stehaufmännchen. Der Koran enthält vier Wörter über das Geflügel; je länger der Kommentar, desto komischer ist er. Vielleicht hatten die frühesten Muslime ja das »Lachpotenzial« dieses Motivs gewittert und es deshalb lieber nicht kommentieren wollen?
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> 							<img src="/fileadmin/img/vorlagen/zenith_6_12_126x162.jpg" style="cursor:move; " height="162" width="125" alt="" /> 						</div>
<div style="margin-left: 120px; "><div class="csc-textpic-text"><h2> 								zenith Januar/Februar 2013</h2>
<p class="copytext_grau">Der Arabist Dr. Wim Raven betreibt den Blog lesewerkarabisch.wordpress.com und schreibt regelmäßig in zenith über Themen aus der arabisch-islamischen Geschichte. Mailen Sie ihm: wim.raven@zenithonline.de. </p>
<p class="copytext_grau">Lesen Sie <i>weiter</i> in der neuen <link 812 - internal-link "Opens internal link in current window">zenith Januar/Februar 2013.</link> Erhältlich im Handel, im <link https://www.zenithonline.de/deutsch/abo/ - external-link-new-window "Opens external link in new window">Abo</link> und im <link http://www.zenithonline.de/deutsch/shop/kategorien/categories/zenith-ausgaben-bestellen/ - external-link-new-window "Opens external link in new window">Shop</link>.</p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>]]></content:encoded>
			<category>Nahost Literatur Humor</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 28 Jan 2013 14:46:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Abdullah, wir müssen reden</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/kunst//artikel/abdullah-wir-muessen-reden-003541/</link>
			<description>Die saudische Künstlergruppe »Edge of Arabia« tritt mit gesellschaftskritischer Kunst an die...</description>
			<content:encoded><![CDATA[In alten Backblechen stecken dicht an dicht die Kassetten mit Predigten strenger wahhabitischer Geistlicher. »Food for thought« nennt die Künstlerin Maha Malluh die Installation, die im Februar 2012 auf einer Ausstellung in der saudischen Hafenstadt Jiddah zu sehen war. Kassetten wie diese überschwemmten in den 1990er Jahren massenhaft den saudischen Markt und wurden von einem nicht geringen Teil der Bevölkerung begeistert konsumiert. So an die Wand geklebt, sehen sie nach bunter Pop-Art aus. Maha Malluh gehört zur Gruppe »Edge of Arabia«, einem Zusammenschluss saudischer Künstlerinnen und Künstler. Im Jahr 2003 gegründet, feiert das Kollektiv inzwischen einen Erfolg nach dem anderen. 

Den Auftakt bildete die erste öffentliche Ausstellung in der zur Londoner School of Oriental and African Studies (SOAS) gehörenden »Brunei Gallery« im Jahr 2008. Seitdem war »Edge of Arabia »auf der 53. und 54. Biennale in Venedig sowie auf der Berlin Biennale 2010 vertreten, weitere Gruppenausstellungen waren in Istanbul, Dubai und zuletzt wieder in London zu sehen. Seit 2009 gibt es in Amsterdam sogar ein Museum, das ausschließlich zeitgenössischer Kunst aus Saudi-Arabien gewidmet ist, das »Greenbox Museum of Contemporary Art from Saudi Arabia«. Die Werke der privaten Sammlung stammen mit wenigen Ausnahmen von Künstlerinnen und Künstlern, die am Projekt »Edge of Arabia« beteiligt sind.

Die meiste Aufmerksamkeit in westlichen Medien zog jedoch die Ausstellung in Jiddah auf sich, wenngleich sie für den Großteil der hiesigen Leser unmöglich zu erreichen war. Eine Schau, die die Grenzen des Dekorativen oder der Folklore sprengen könnte, galt im Herkunftsland der 22 Künstlerinnen und Künstler, unter der restriktiven Herrschaft der saudischen Königsfamilie, bislang als kaum vorstellbar. Genau dies hat die Ausstellung jedoch erreicht. 

Wer ein paar Schritte von den Kassetten zurücktrat, ahnte, dass Maha Malluh mit ihrer Installation nicht zum frommen Lebenswandel auffordern möchte. Wie bei einem der grob aufgelösten Siebdrucke von Sigmar Polke, die aus der Nähe nur wie abstrakte Farbraster erscheinen und erst aus der Entfernung ein Familienporträt oder eine Stadtansicht hervortreten lassen, fügt sich aus den farbigen Tonträgern ein Schriftzug zusammen. »haram, ‘aib, batil«, steht dort geschrieben, was so viel heißt wie »verboten, schändlich, unnütz«. »Mit diesem Essen wurden wir in den vergangenen 30 Jahren gefüttert«, erklärte die Künstlerin gegenüber der britischen Tageszeitung <i>The Times</i>. 
<h3>Der eine arbeitet als Arzt, der andere dient in der Armee</h3>
Die Künstlerinnen und Künstler von »Edge of Arabia« produzieren keine Kunst um der Kunst willen. Sie wollen sich den drängenden Fragen der saudischen Gegenwart stellen. »Wir müssen reden« (»We need to talk/Yadschib an natahawar«) lautete dementsprechend der Titel der zweisprachigen Ausstellung in Jiddah.

In keinem anderen Werk der Gruppe wird dieser Redebedarf so deutlich artikuliert, werden die Spielregeln des öffentlichen Austauschs von Meinungen in Saudi-Arabien so sehr infrage gestellt wie in der Installation »Street Pulse« von Ahmed Angawi. Als wolle er jede Stimme aus jeder Richtung und aus jedem Winkel einfangen, schuf der Künstler eine raumgreifende Kugel, deren Oberfläche mit schwarzen Mikrofonen übersät ist. Dazu gehört ein Stadtplan von Jiddah, auf dem Angawi mit roten Punkten die Orte markierte, an denen er Mikrofone mit Aufnahmegeräten installieren möchte. Die Bewohner der Stadt sollen dort die Möglichkeit erhalten, Anliegen jeglicher Art öffentlich kundzutun.

Speakers’ Corner wie im Londoner Hyde Park – bald auch in Jiddah? Anträge für die Zulassung seiner Aufnahmestationen habe der Künstler bereits gestellt, heißt es. Vor Ort hielt nicht einmal der Ausstellungsführer die Verwirklichung für realistisch. »Doch die Idee ist entscheidend«, fügte er hinzu. In einem Land, in dem kaum Möglichkeiten zur politischen Partizipation existieren, Journalisten wegen unbequemer Beiträge ihre Stelle verlieren, eine Zensurbehörde die Internetseiten von Oppositionellen sperrt und Regimekritiker ohne Gerichtsverfahren in Haft sitzen, ist dieses Kunstwerk ein klares Statement für die Meinungsfreiheit. Und wer weiß – auch an eine Kunstausstellung in Saudi-Arabien glaubten bis vor Kurzem nur wenige.

Nicht allein die sensationelle Nachricht, dass es eine saudische Kunstszene gibt, von der niemand etwas wusste, sorgte für das beachtliche Medienecho. Auch die Qualität der Werke ist beeindruckend, besonders vor dem Hintergrund, dass die meisten Künstlerinnen und Künstler Autodidakten sind. Viele von ihnen üben hauptberuflich andere Tätigkeiten aus.

Ahmed Mater beispielsweise – einer der Mitbegründer von »Edge of Arabia« – ist praktizierender Arzt. Für eins seiner bekanntesten Werke, die Serie »Evolution des Menschen«, die unter anderem 2010 in Berlin gezeigt wurde, bediente er sich der Röntgenfotografie. Auf fünf aufeinanderfolgenden Bildern ist die Transformation einer Tanksäule zum Menschen zu beobachten – der Schlauch mit dem Zapfventil entwickelt sich zum Arm, der eine Pistole an die Schläfe führt. Ein bitterer Kommentar zur Abhängigkeit der modernen Zivilisation vom Erdöl.

Abdulnasser Gharem wiederum ist Soldat, genauer gesagt Oberstleutnant. Wenn er gerade keine Truppen im Grenzkonflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Jemen befehligt, bastelt er Skulpturen aus winzigen Gummistempeln. Anders als die Kassetteninstallation von Maha Malluh offenbaren sie dem Betrachter nur bei genauem Hinschauen aus der Nähe versteckte Botschaften. Oder er hüllt sich gemeinsam mit einem Baum am Straßenrand in Plastikfolie ein. Der Baum versorgt ihn mit ausreichend Sauerstoff. Doch gleichzeitig entzieht der zur Straßenbegrünung massenhaft aus Australien importierte Conocarpus erectus mit seinen ausgreifenden Wurzeln heimischen Pflanzen die Lebensgrundlage – mit ernsthaften Folgen für das lokale Ökosystem.
<h3>Eine riesige Kugel voller schwarzer Mikrofone soll jedem die Möglichkeit geben, seine Meinung zu sagen</h3>
Zusammen mit Ahmed Mater und dem britischen Künstler und Kurator der Gruppe Stephen Stapleton rief Gharem das »Edge-of-Arabia«-Projekt bei einem Künstlerworkshop ins Leben. In kommerzieller Hinsicht ist er der erfolgreichste Künstler des Kollektivs: Seine Skulptur »Message/Messenger« erzielte bei einer Versteigerung des Auktionshauses Christie's in Dubai einen Preis von 842.500 US-Dollar – die höchste Summe, die bislang für das Werk eines arabischen Künstlers der Gegenwart bezahlt wurde. 

Die Skulptur besteht aus einem Nachbau der Kuppel des Felsendoms in Jerusalem. Gharem lässt die goldene Kuppel wie eine Vogelfalle auf einem dünnen Stab balancieren. Wenn der Stab weggezogen wird, verwandelt sich der Tempel in einen Käfig. Ist das plakativ? Ohne Zweifel. Vermutlich tragen gerade die eindeutigen Aussagen vieler Arbeiten des Kollektivs zu dessen Erfolg und Popularität bei. Die Werke erschließen sich ohne besondere Schwierigkeiten, obwohl sie einen starken Bezug zum lokalen Kontext aufweisen. Die saudische Herkunft der Kunst ist klar erkennbar. Freilich ist ein gewisses Maß an Vermittlungs- und Übersetzungsarbeit erforderlich, um diese Kunst einem internationalen, des Arabischen nicht mächtigen Publikum zugänglich zu machen. 

Zu jeder Ausstellung von »Edge of Arabia« erschien ein eigener Begleitkatalog – stets zweisprachig, das heißt auf Englisch und in der jeweiligen Landessprache. Ein prächtiger Bildband aus dem Jahr 2012 stellt das Projekt und ausgewählte Künstler vor (»Edge of Arabia. Contemporary Art from the Kingdom of Saudi Arabia«). Zusätzlich verfügt die Gruppe über eine ansprechend gestaltete Homepage, auf der unter anderem die Begleitbände der vergangenen Ausstellungen kostenlos heruntergeladen werden können.

Ein derartiges Marketing ist selbstverständlich kostspielig. Eine lange Liste finanzkräftiger Sponsoren sorgt dafür, dass Geld – wie in Saudi-Arabien öfters der Fall – offenbar keine Rolle spielt. Dass saudische Unternehmen in saudische Gegenwartskunst investieren, ist allerdings ein Novum.
<h3>Gerade die eindeutigen Aussagen vieler Arbeiten des Künstlerkollektivs tragen zu dessen Popularität bei</h3>
Auch die Werke der Künstlerin Manal al-Dowayan wurden bereits für sechsstellige Summen verkauft. Ihre Fotografien und Installationen fragen nach der Identität und Sichtbarkeit von Frauen in der saudischen Gesellschaft. So ließ die Künstlerin zahlreiche Frauen ihre Namen auf riesige, von der Decke herabhängende Gebetsketten schreiben. In Saudi-Arabien werden die Namen der Mütter, Ehefrauen, Schwestern öffentlich nicht benutzt. Männer sprechen von ihren Frauen als »Mutter von ...« – den richtigen Namen zu nennen, gehört sich nicht. »Warum versuchen einige, die Identität von Frauen zu verstecken oder auszulöschen?«, fragt die Künstlerin in ihrem Katalogkommentar.

Fragen dieser Art werden in Saudi-Arabien inzwischen offen diskutiert. In den saudischen Medien finden sich regelmäßig kritische Kommentare zur Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft oder zu Widersprüchen der Geschlechtertrennung. Das Verschweigen der Namen weiblicher Familienmitglieder wird in den Zeitungen immer wieder als Beispiel für ungerechte Rollenzuschreibungen angeführt, ebenso das Autofahrverbot für Frauen, das Sara Abu-Abdallah in einer Videoinstallation behandelt.

Solange diese Themen als lediglich gesellschaftliche Probleme angesprochen werden und dabei nicht die Politik des Herrscherhauses infrage gestellt wird, sind solche Äußerungen seit einigen Jahren kein Tabu mehr. Auch wenn sich die Künstlerinnen und Künstler bei »Edge of Arabia« somit mehrheitlich auf vertrautem Terrain bewegen, bleibt die geballte Ladung Gesellschaftskritik, mit der sie an die Öffentlichkeit treten, bemerkenswert

Deutlich zeichnet sich daran ab: Auch in der Golfmonarchie – an der der Arabische Frühling mit Ausnahme einiger Proteste von Schiiten fast spurlos vorüberzog – gibt es Kräfte, die auf Veränderungen drängen. Die Besuchermassen, die im Frühjahr in die Ausstellungseröffnung in Jiddah strömten, zeugen davon, dass die Künstlerinnen und Künstler von »Edge of Arabia« nicht die Einzigen sind, die einen gesellschaftlichen Wandel herbeisehnen.
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<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> 							<img src="/fileadmin/img/vorlagen/zenith_6_12_126x162.jpg" style="cursor:move; " height="162" width="125" alt="" /> 						</div>
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<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>]]></content:encoded>
			<category>Saudi-Arabien Kunst Szene</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 16 Jan 2013 10:58:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Entzerrbild der Gesellschaft</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/literatur//artikel/entzerrbild-der-gesellschaft-003516/</link>
			<description>Es ist eine faszinierende Reise in ein für viele fremdes Land: Ulrich Ladurner hat Geschichten von...</description>
			<content:encoded><![CDATA[»Iran«. Bei diesem Wort denkt die westlich-aufgeklärte Welt an finstere Mullahs, der deutsche Boulevard an den »Irren von Teheran« – und nur wenige an die Menschen zwischen Isfahan und Teheran, die ein Leben leben, das nicht allzu viel mit dem Zerrbild hierzulande zu tun hat. 

Ihnen widmet sich der <i>ZEIT</i>-Journalist Ulrich Ladurner in seinem Buch »Küss die Hand, die Du nicht brechen kannst«. Er hat sich auf den Weg gemacht, der anonymen Masse Gesichter und Geschichten zu geben.
<h3>Kein zähes Ringen mit Daten und Fakten sondern ein sprachlicher Genuss</h3>
Jenen in der Vergangenheit und denen von heute, von den Zeiten des Schahs über Khomeini bis zu Ahmadinejad; dem Ladenbesitzer Amir, der nach Mekka pilgert und dem Fabrikanten Baba Zede ebenso wie dem Savak-Mann Dawud und der religiösen Fanatikerin Fatimeh sowie weiteren Männern und Frauen, Basidschi und Alkoholikern, Schönheiten und Krüppeln. Kurzum: Ladurner charakterisiert die Menschen vom Asadiplatz, der in Wirklichkeit anders heißt, und entwickelt so einen Spiegel der Gesellschaft.

Es gelingt ihm dabei fiktive und reale Lebensläufe mit den politisch-historischen Begebenheiten so zu verbinden, dass der Leser nicht nur eine Reise in ein fremdes Land unternimmt, sondern auch mit mehr Wissen über Iran die Reise beendet, die kein zähes Ringen mit Daten und Fakten gewesen ist, sondern ein sprachlicher Genuss.
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> 							<img src="/fileadmin/img/content/kultur/full_article/rezension_ladurner_box_01.jpg" style="cursor:move;" height="162" width="110" alt="" /> 						</div>
<div style="margin-left: 120px; "><div class="csc-textpic-text"><h2>Küss die Hand, die du nicht brechen kannst</h2>
<p class="copytext_grau">Geschichten aus Teheran</p>
<p class="copytext_grau">Ulrich Ladurner</p>
<p class="copytext_grau">Residenz Verlag, 2012</p>
<p class="copytext_grau">256 Seiten, 21,90 Euro</p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>]]></content:encoded>
			<category>Iran Literatur Leben</category>
			
			
			<pubDate>Fri, 11 Jan 2013 10:52:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Von Wien nach Jerusalem – und zurück</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/literatur//artikel/von-wien-nach-jerusalem-und-zurueck-003517/</link>
			<description>Vom jüdischen Flüchtlingskind aus Wien zum Vorzeigekibbuznik und Herausgeber der Jerusalem Post:...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Eine englischsprachige israelische Zeitung wird zum Verkauf in Ägypten feil geboten – undenkbar? Heute, ja. Früher, nein. Genauer: Nach dem Friedensabkommen zwischen Menachem Begin und Anwar Al-Sadat von 1979. 

Zugegeben, der Verkauf der <i>Jerusalem Post</i> dauerte nicht lange an, dennoch ist es beachtlich. Maßgeblich hierfür verantwortlich war Ari Rath, israelische Edelfeder und ehemaliger Herausgeber der <i>Jerusalem Post</i>, als diese noch ein liberales – und nicht das Leib- und Magenblatt der Konservativen war.

Nachzulesen ist diese Episode in Rats Biographie »Ari heißt Löwe. Erinnerungen«. Diese führen den 1925 in Wien geborenen Journalisten aus seiner österreichischen Heimatstadt nach dem »Anschluss« durch Nazi-Deutschland als 13-Jährigen im Kindertransport nach Palästina, das von ihm mitbegründete Kibbuz Chamadija und fortan als Journalist in Israel in die Hinterzimmer der Macht, ebenso wie in die Villa von Ferdinand de Lesseps, dem Erbauer des Suezkanals, im ägyptischen Ismailija, wo seinerzeit Sadat mit Israel verhandelte. 
<h3>Raths Geschichte ist auch die des Staates Israel</h3>
Raths Geschichte ist auch die des Staates Israel, schließlich waren seine engen Weggefährten, Vorgesetzten und Freunde wie Teddy Kollek, Mosche Dayan und David Ben-Gurion an den Schalthebeln der Macht.

Und seine Fähigkeit, die persönlichen Erlebnisse mit Anekdoten – etwa der, dass David Ben-Gurions Frau Paula fest davon überzeugt war, dass ihr Mann nur durch nicht-koscheren Schinken bei Kräften bleiben und so sein Arbeitspensum schaffen könne, weshalb stets Vorrat im Haus war – sowie den zeithistorischen Ereignissen zu verbinden, machen die Biographie Rats, der heute in Wien und Jerusalem lebt und sich aktiv für eine Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern engagiert, überaus lesenswert.
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> 							<img src="/fileadmin/img/content/kultur/full_article/rezension_rath_box.jpg" style="cursor:move;" height="162" width="110" alt="" /> 						</div>
<div style="margin-left: 120px; "><div class="csc-textpic-text"><h2>Ari heißt Löwe</h2>
<p class="copytext_grau">Erinnerungen</p>
<p class="copytext_grau">Ari Rath</p>
<p class="copytext_grau">Paul Zsolnay Verlag, 2012</p>
<p class="copytext_grau">344 Seiten, 24,90 Euro</p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>]]></content:encoded>
			<category>Israel Literatur Geschichte</category>
			
			
			<pubDate>Fri, 21 Dec 2012 14:57:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Fantastische Trugbilder</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/literatur//artikel/fantastische-trugbilder-003527/</link>
			<description>Der aufwändig gestaltete Band »Nostalgia« zeigt in 280 Farbaufnahmen des Fotopioniers Sergei...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Russland um 1900: Das ist ein Imperium, das mit rund 22 Millionen Quadratkilometern fast ein Sechstel der Erde umfasst. Doch so groß und mit über 125 Millionen Einwohnern reich an Menschen das Land des seit 1894 regierenden Zaren Nikolaus II. (1867-1918) auch ist, es hinkt anderen Großmächten wie Großbritannien, Deutschland oder den USA in politischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht hinterher. Das Kaiserreich ist ein Riese auf tönernen Füßen. Die absolute Herrschaft des Zaren, gestützt auf orthodoxe Kirche, Adel und Militär, behindert konsequent die Teilhabe von Bürger-, Bauern- und Arbeiterschaft an der Macht und so die Entstehung einer parlamentarischen Monarchie.

Große Gräben durchziehen die Gesellschaft. Reichtum und Wohlstand finden sich bei Adel und Großbürgertum, die von Privilegien und der langsamen Industrialisierung profitieren. Dagegen herrschen Armut, Hunger und Analphabetismus bei der großen Masse an Bauern, die trotz der Aufhebung der Leibeigenschaft Abhängige bleiben und darum in großer Zahl in die Städte migrieren, um Arbeit in Fabriken zu finden.

Vor diesem Hintergrund wird es spannend, sich mit einem im Sommer 2012 erschienenen, aufwendig gestalteten Bildband auseinander zu setzen, der das »Russland von Zar Nikolaus II.« auf spezielle Weise dokumentiert. Unter dem Titel »Nostalgia« vereint eine gebundene, querformatige Ausgabe insgesamt 280 Aufnahmen des russischen Chemikers und Fotopioniers Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski (1863-1944) aus den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Das Besondere an dieser Neuerscheinung ist nicht nur, dass es sich um die erste deutschsprachige Veröffentlichung der Aufnahmen des hierzulande kaum bekannten Russen handelt, sondern auch und vor allem, dass er seine Bilder bereits damals in Farbe produziert hat.
<h3>Visuelles Spektakel und Lehrmaterial</h3>
Im informativen Vorwort »Auf der Suche nach einem verschwundenen Raum, einer verschwundenen Zeit« liefert die Fotohistorikerin Estelle Blaschke Informationen zum Fotografen, zu den Umständen der Entstehung, der Art der Herstellung und setzt die Aufnahmen in den Kontext ihrer Epoche. Geboren in Sankt Petersburg, studiert der Adlige dort Naturwissenschaften mit Schwerpunkt Chemie. In Berlin lehrt und forscht er über den Problemen der Farbdarstellung in der Fotografie. Nach einem Aufenthalt in Paris kehrt Prokudin-Gorski 1901 zurück und wird, wie Blaschke schreibt, zum »Advokaten eines in Russland noch wenig verbreiteten Mediums«. Als Mitglied der Kaiserlich-Technischen Gesellschaft lehrt er Fotografie, fotomechanische und chemische Verfahren »als neues und wichtiges Instrument der Wissenschaften«, veröffentlicht Handbücher und gibt <i>Fotograf-Ljubtel – Amateur-Fotograf</i>, eine der ersten russischen Fotozeitschriften, heraus.

Um 1904 entwirft Prokudin-Gorski, der die weltweite Entwicklung der Fotografie beobachtet und sich des Wettlaufs der Großmächte auch in der Kultur bewusst ist, den Plan, Russland in Farbbildern systematisch festzuhalten. Er stellt die Resultate seiner Experimente vor und gewinnt die Unterstützung von Großfürst Michael, der Vorsitzender der Sankt Petersburger »Fotografischen Gesellschaft« ist. Dieser stellt Kontakt zu seinem Bruder, Zar Nikolaus, her, so dass der Fotograf bei einer Audienz einige Farbaufnahmen, unter anderem eine des Schriftstellers Lew Tolstoi (1828-1910), präsentieren kann. Er gewinnt Nikolaus II., wie Blaschke schreibt, durch das »visuelle Spektakel«, aber auch durch die Idee, die Fotos zu reproduzieren und als Projektionen in der Schule einzusetzen. Sie sollen den Kindern die Natur und kulturelle Vielfalt, die technische Entwicklung und Geschichte Russlands nahe bringen.

Aufgrund der Finanzhilfe des russischen Herrschers ist es Prokudin-Gorski möglich, sich das nötige Equipment zu besorgen. Ihm werden mobile Dunkelkammern bereit und Empfehlungsschreiben ausgestellt, die ihm das Reisen über die weiten Distanzen erleichtern. Ab 1909 besucht er den europäischen Teil Russlands, die Gebiete der Wolga und des Urals, Westsibirien, den Kaukasus und Zentralasien. 1914, mit Beginn des Ersten Weltkriegs, muss er seine Dokumentationsarbeit allerdings einschränken, ein Jahr später ganz einstellen. 1918 flieht er mit seiner Familie infolge der Russischen Revolution nach Norwegen, von dort zieht er weiter nach Großbritannien und schließlich nach Frankreich. Er kann jedoch an die früheren Erfolge nicht mehr anknüpfen und eröffnet mit seinen beiden Söhnen ein kommerzielles Fotostudio in Paris, wo er im Alter von 81 Jahren stirbt.
<h3>Exotismus und Industrialisierung </h3>
Die Aufnahmen, die sich in »Nostalgia« finden, sagen viel darüber aus, wie Prokudin-Gorskis Auftraggeber Nikolaus II. sein Land sehen wollte. Sie stellen eine idealisierte und romantisierte Natur und Landschaft dar, in die Dörfer mit Holzhäusern und orthodoxen Kirchen eingebettet sind. Man sieht traditionell gekleidete Bauern und Arbeiter eingebunden in ihre Arbeit auf dem Feld, am Fluss und im Dorf. Das Leben auf dem Land wirkt still und idyllisch, allerdings auch sehr statisch. Das Starre wird auch nicht aufgehoben durch Bilder, auf denen die allmähliche Technisierung zu erkennen ist: Schifffahrt und Holzindustrie sind wichtige Wirtschaftsfaktoren, deren Ausbreitung sich auffallend harmonisch in das agrarisch dominierte, vormoderne Russland einfügt.

Die konfliktfreie Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart, von Landwirtschaft und Industrie, von bäuerlich-religiösem Leben und der Moderne mit all den dazu gehörenden Anforderungen an den Einzelnen stehen im krassen Widerspruch zu der explosiven Stimmung, die im Zarenreich unter Nikolaus II. herrscht. Die Niederlage der Russen im Krieg gegen die Japaner 1904/1905 und der Ausbruch der ersten Revolution infolge des Massenelends zeigen das Land eher als sehr instabiles Gebilde denn als starke und belastbare Großmacht. Die negative Entwicklung geht vor allem auf den Zaren zurück, der, unerfahren und misstrauisch, glaubt, nur Gott verantwortlich zu sein, und Reformen kaum zulässt.

Dass die Aufnahmen von Prokudin-Gorski in Farbe sind, macht diesen Gegensatz von Anspruch und Wirklichkeit noch anschaulicher. Ein Foto aus dem Jahr 1915 etwa zeigt eine Gruppe von Männern, die vor einer Holzhütte nahe eines Waldes stehen beziehungsweise sitzen und in die Kamera schauen. Es sind österreichische Kriegsgefangene, die von Wärtern flankiert werden. Der Weltkrieg lässt keinen Anschein von Idylle zu.

Die Farbfotos bewirken zudem, dass die dargestellte Epoche, die man sonst nur von Schwarzaufnahmen kennt, dem Betrachter plötzlich sehr nahe kommt. Scheinbar Altbekanntes entdeckt man so in einem neuen, fremden Licht. Äußerst spannend zu untersuchen sind dabei die Bilder aus Sibirien, dem Kaukasus und Zentralasien, die etwa die Hälfte des Bandes ausmachen. Sie unterstreichen nicht nur die russische Herrschaft und damit die Europäisierung und Industrialisierung der asiatischen und orientalischen Gebiete. Zugleich befriedigen sie auch die touristisch-exotistischen Erwartungen der Zuschauer, wie sie in der Ära des westlichen Imperialismus und Kolonialismus genährt werden.
<h3>Kebabverkäufer, Kamelkarawanen im Schnee – und der korpulente Emir</h3>
Prokudin-Gorski schießt auch im Kaukasus Bilder von der Natur und Landschaft, insbesondere der Gebirge und Bergdörfer, von der subtropischen Schwarzmeerküste und der Großstadt Tiflis. Seine Fotos zeigen in Trachten gekleidete Einheimische wie Georgerinnen und Dagestaner, muslimische Geistliche und Landarbeiterinnen bei der Teeernte, russische Siedler und persische »Tataren«. Blaschke ist beizupflichten, wenn sie schreibt, dass diese Aufnahmen »nur wenig von sozialen und wirtschaftlichen Missständen« zeigen. Das Gegenteil ist der Fall. Eine üppige Vegetation und Vielfalt an Ethnien zeichnen die Fotos aus dem Kaukasus aus. Harmonie soll auch hier jegliche Art von Konflikten, die nicht nur zwischen Besetzern und Besetzten, sondern vielfach auch zwischen den Einheimischen bestehen, ausblenden.

Anders verhält es sich bei den Aufnahmen aus Russisch-Turkestan, dem heutigen Zentralasien. Hier ist die Armut der Menschen deutlich zu erkennen. Eher karg ist die Landschaft und verfallen sind die einst prächtigen Bauten in Buchara und Samarkand, die im Mittelalter große Zentren muslimischer Kultur und Wissenschaft waren. Stärker als die Fotos aus dem Kaukasus erinnern indes die aus Turkestan an die Märchen aus Tausendundeiner Nacht: Zu sehen sind Fladenbrot- und Kebabverkäufer in bunten Gewändern, Hirten auf einsamen Bergen, zerlumpte Bettler und Wasserträger, Kamelkarawanen im Schnee, aber auch der korpulente Emir und andere Honoratioren wie seine Minister. Sie alle scheinen wie aus einer längst vergangenen Zeit zu stammen.

Die 280 Aufnahmen, die in »Nostalgia« zusammengestellt worden sind, stellen in mehrfacher Hinsicht eine Rarität von hohem Wert dar. Sie bieten nicht nur einen facettenreichen Einblick in die letzte Phase des Zarenreiches und vermitteln zudem einen plastischen Eindruck, wie die Betrachter das Land damals sehen sollten. Sie sind als Farbbilder auch kunsthistorisch ein Solitär in der russischen Fotografie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, dass die Restauratoren der Library of Congress, welche den Nachlass des Fotografen vier Jahre nach seinem Tod von seinen Söhnen erhielt, sich entschieden haben, Schäden auf den Farbplatten durch die digitale Restauration nicht zu tilgen, sondern sichtbar zu machen. So gewinnen die Bilder zusätzlich eine, wie Blaschke schreibt, »abstrakte Ästhetik«.

Der 320 Seiten umfassende Bildband bietet neben dem Vorwort zu jedem der vier Kapitel eine kurze Einführung. Ein Register listet alle Fotos einzeln mit Namen, (ungefährer) Entstehungszeit und Quelle auf. Bedauerlich ist, dass Quellenangaben beziehungsweise Nachweise zu weiterführender (Forschungs-)Literatur im Vorwort und in den »Kapiteleinsteigern« fehlen. Informationen zum Herausgeber und den beiden Autorinnen gibt es ebenfalls keine. Einige sprachlich ungenaue Formulierungen sowie kleine inhaltliche Unrichtigkeiten wie, dass das Aserbaidschanische eine indogermanischen Sprache sei, sollten für eine Neuauflage korrigiert werden. Doch abgesehen von diesen editorischen Anmerkungen ist mit der digitalen Restauration und der Buchveröffentlichung von Prokudin-Gorskis Farbaufnahmen der Öffentlichkeit ein Fotoschatz zugänglich gemacht, der nicht nur Slawisten und Orientalisten neugierig machen und begeistern sollte.
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> 							<img src="/fileadmin/img/content/kultur/full_article/rezension_nostalgia_box.jpg" style="cursor:move;" height="162" width="179" alt="" /> 						</div>
<div style="margin-left: 120px; "><div class="csc-textpic-text"><h2>Nostalgia</h2>
<p class="copytext_grau">Das Russland von Zar Nikolaus II. In Farbfotografien von Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski</p>
<p class="copytext_grau">Hrsg. von Robert Klanten. Mit einem Vorwort von Estelle Blaschke</p>
<p class="copytext_grau">Gestalten Verlag, Berlin 2012</p>
<p class="copytext_grau">320 Seiten, 49,90 Euro </p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>

<h2><link http://www.zenithonline.de/deutsch/mediathek//artikel/fantastische-trugbilder-003528/ - external-link-new-window "Opens external link in new window">Hier geht es zur Bildergalerie</link></h2>]]></content:encoded>
			<category>Russland Literatur Bildband</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 19 Dec 2012 10:31:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Fanatisch muss nicht übel sein </title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/literatur//artikel/fanatisch-muss-nicht-uebel-sein-003502/</link>
			<description>Wer den Propheten ehren will, sollte sich nicht in historische Details verbeißen: Rainer Brunner...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Wer ein Buch mit dem Titel »Mohammed – wissen, was stimmt« auf den Markt bringt, muss entweder dem Größenwahn anheimgefallen sein oder die Islam-Debatte mit einem gewissen Sinn für Ironie betrachten. Denn welcher ernsthafte Wissenschaftler könnte schon von sich behaupten, dass er weiß, welche von den Abertausenden Überlieferungen, Anekdoten und Glaubensinhalten rund um den Propheten auf Tatsachen beruhen?

Der Fairness halber sei angemerkt: »Wissen, was stimmt« ist der Name einer kleinen Taschenbuchreihe des Herder-Verlages; das Thema »Mohammed« steht unter diesem Serientitel gleichberechtigt neben »Erneuerbaren Energien«, »ADHS«, »Ernährung« oder »Seuchen«. 114 Seiten, nicht gerade dicht bedruckt, standen dem Freiburger Orientalisten Rainer Brunner, der auch am Pariser Forschungsinstitut CNRS tätig ist, zur Verfügung, um eine kontroverse, leidenschaftlich diskutierte Person und ihre Wirkung auf die Nachgeborenen zu schildern. Das hat er meisterhaft bestellt: ein eigenwilliger, origineller Ansatz, ein einnehmender Stil, der es zulässt, das Werk an einem einzigen Nachmittag zu lesen. 

Und wo es nottut, zieht Brunner sich auch manchmal elegant aus der Affäre.<br />Sein Muhammad-Essay beginnt mit einem Aphorismus: »Religionen machen den Umgang der Menschen miteinander nicht eben einfacher«. Auf den folgenden Seiten knüpft Brunner dann an große Orientalisten des 19. Jahrhunderts an, etwa an den von Brunner verehrten Budapester Ignaz Goldziher. Dieser frühe Generalist der Islamforschung gab seinen Büchern Titel wie »Muhammedanische Studien« oder Französisch: »Sur l'islam« und referierte quellenkundliche Forschungen vermengt mit persönlichen, anekdotischen Beobachtungen – allgemeinen wie besonderen.
<h3>Mit einem hält sich Brunner nicht auf: dem Lebenslauf Muhammads</h3>
Brunner, von Haus aus Experte für »schiitisch-sunnitische Beziehungen im 20. Jahrhundert« und damit zunächst einmal des Fachidiotentums verdächtig, schreibt wie ein Gelehrter im Geiste Goldzihers, und zwar im besten Sinne, also literarisch und fundiert zugleich. Er reicht die Grundlagen der Islamkunde derart dar, dass auch Feinschmecker sie genießen können, und mischt aktuelle Forschungskontroversen so bei, dass sie dem Einsteiger bekömmlich bleiben. Manchmal behauptet er en passant auch Dinge, die in der Wissenschaft umstritten, für die Allgemeinbildung aber durchaus erhellend sind – etwa, dass das islamische Imperium als letztes »spätantikes Reich« zu sehen sei.

Mit einem hält er sich allerdings nicht auf: dem Lebenslauf Muhammads, wie ihn die muslimischen Biografen präsentieren. Und wenn er Ausflüge in die Islam-Debatten unserer Zeit unternimmt, etwa zum Fan-Lied des FC Schalke 04 und der Zeile »Mohammed ist ein Prophet, der vom Fußballspielen nichts versteht«, vermerkt Brunner: »Das war auf der rein faktischen Ebene immer zu vermuten.« Die Rolle Allahs im vorislamischen Mekka bezeichnet der 48-Jährige als die von einer »Art Hochgott – zuständig für Beistand in Seenot und daher wohl eher selten im Einsatz«. 

Einzig bedauerlich: Dem Autor gefiel seine Pointe so gut, dass er sie einige Seiten später noch einmal fallen lässt. Über die Quellenkritik am »Heiligen«, also das Erforschen des Lebens Muhammads und seiner Begleitumstände, verfasst er einen weiteren Aphorismus: »Wer nahe der Staumauer gräbt, riskiert den Dammbruch.« Der Prophet und Frauen, der Prophet und die Gewalt – diese Reizthemen kommen gebührlich vor, werden aber vor allem vor der Kulisse ihrer Deutungsgeschichte abgehandelt. Von »Wissen, was stimmt« kann da natürlich nicht die Rede sein.

Brunner warnt fromme Muslime, dass viele der von ihm beschriebenen Zusammenhänge für sie »völlig inakzeptabel« seien. Gewiss genügt das vielen Vertretern des islamkritischen Genres, um den Orientalisten fortan zu ihre Kronzeugen zu erklären. Etwa, wenn es um die systemimmanente Ungleichheit der Menschen vor dem Schöpfer im Islam geht; die Ungleichheit zwischen dem Freien und dem Sklaven, zwischen Mann und Frau – und zwischen Muslim und Nicht-Muslim. Dabei sei »die zuletzt genannte in gewisser Weise die prekärste, weil sie frei gewählt ist. Bei der Frau ist die Sache einigermaßen aussichtslos; der Sklave braucht immerhin seinen Herrn, der ihn freilässt. Der Ungläubige könnte seinen Status jederzeit von sich aus ändern. Tut er das nicht, ist er halsstarrig«, postuliert Brunner.
<h3>Mit den Gelehrtentugenden des 19. Jahrhunderts</h3>
Sehr schlüssig ist seine Betrachtung der Muhammad-Frömmigkeit, der abgesehen von der Vergöttlichung nach oben keine Grenzen gesetzt seien, und der Bewertungen durch Kritiker, die auch immer Spiegel ihrer Zeit seien. So erinnert Brunner daran, dass im europäischen 19. Jahrhundert Muhammad vor allem als Staatsmann und militärischer Führer gesehen wurde – »die Charakterisierung ›fanatisch‹, die man dann meist recht schnell bei der Hand hatte, war durchaus nicht immer negativ gemeint«.

Zweifellos das bedeutendste und im Sinne der Aktualität verwertbarste Kapitel ist Brunners Auseinandersetzung mit dem Tatbestand der »Prophetenbeleidigung«. In diesem Zusammenhang lernen wir auch den marokkanisch-almohadischen Qadi Iyad Ibn Musa al-Yahsubi kennen, der im 12. Jahrhundert nicht nur die Todesstrafe für vermeintliche Muhammad-Schmäher forderte, sondern verfügte, dass schon »die Erwähnung von Lebensumständen, die zwar in frühen Quellen überliefert wurden, den Propheten aber in einem ungünstigen Licht erscheinen ließen«, streng geahndet wird. Man solle, folgt man dem Rat des Qadi, von solchen Quellen also die Finger lassen und die Geschichte des Propheten nicht zu genau studieren.

Denkt man diesen Gedankengang zu Ende, so ergibt sich daraus eine heitere Anleitung an die Gläubigen: Wer den Propheten vorbehaltlos ehren will, sollte sich nicht zu fanatisch in die Details seines irdischen Lebenswegs verbeißen. Und das gilt immerhin für das Andenken an fast alle verehrungswürdigen, großen Persönlichkeiten der Geschichte. 
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> 							<img src="/fileadmin/img/content/kultur/full_article/rezension_brunner_box.jpg" style="cursor:move;" height="162" width="110" alt="" /> 						</div>
<div style="margin-left: 120px; "><div class="csc-textpic-text"><h2>Mohammed</h2>
<p class="copytext_grau">Wissen, was stimmt</p>
<p class="copytext_grau">Rainer Brunner</p>
<p class="copytext_grau">Herder Verlag, Freiburg i. Br. 2012, </p>
<p class="copytext_grau">128 Seiten, 8,99 Euro</p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>
<div id="infobox_full_article" class="wrap_infobox_full_article box_height_176_no_border_top span-15 last"><div class="span-15 box_height_176_no_border_top last"><div class="inner_wrap_info_boxes"><div class="csc-default"><div class="csc-textpic csc-textpic-intext-left-nowrap"><div class="csc-textpic-imagewrap csc-textpic-single-image"> 							<img src="/fileadmin/img/vorlagen/zenith_5_12_125x162.jpg" style="cursor:move;" height="162" width="125" alt="" /> 						</div>
<div style="margin-left: 120px; "><div class="csc-textpic-text"><h2> 								zenith 5/12</h2>
<p class="copytext_grau">Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Print-Ausgabe. Lesen Sie <i>weiter</i> im Nahost-Spezial der neuen <link 812 - internal-link "Opens internal link in current window">zenith 5/12</link>. Erhältlich im Handel, im <link https://www.zenithonline.de/deutsch/abo/ - external-link-new-window "Opens external link in new window">Abo</link> und im <link http://www.zenithonline.de/deutsch/shop/kategorien/categories/zenith-ausgaben-bestellen/ - external-link-new-window "Opens external link in new window">Shop</link>.</p></div></div></div>
<div class="csc-textpic-clear"></div></div></div></div></div>]]></content:encoded>
			<category>Überregional Literatur Religion</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 12 Dec 2012 09:57:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Eine Ansichtskarte ist zu wenig</title>
			<link>http://www.zenithonline.de//deutsch/kultur/musik//artikel/eine-ansichtskarte-ist-zu-wenig-003497/</link>
			<description>Ein Dokumentarfilm von Klaus Bernhardt geht dem einzigartigen Genre Mugham-Jazz in Aserbaidschan...</description>
			<content:encoded><![CDATA[»Sari gelin. Mugham-Jazz aus Aserbaidschan«, den aktuellen Dokumentarfilm des deutschen Produzenten Klaus Bernhardt, muss man sich wie eine klingende Ansichtskarte vorstellen. Von ortskundigen Guides geführt, trifft Bernhardt sich in Baku mit zahlreichen Musikern, die jene freie Spielart der hier verwurzelten Musik praktizieren, in deren traditioneller Urform bereits notierte neben improvisierten Passagen stehen. Das Genre bleibt für fremde Ohren von Natur aus eher sperrig, anders etwa als der karibische Son, der 1999 durch Wim Wenders‘ Dokumentation »Bueno Vista Social Club« ein weltweites Revival erfuhr. 

&nbsp;So scheint zweifelhaft, ob die Rechnung des <i>Kultur</i>departements im aserbaidschanischen Ministerium für Kultur und Tourismus, das den Film mitfinanziert hat, aufgehen wird, zur Popularisierung des weithin unbekannten Mugham-Jazz‘ außerhalb der Landesgrenzen beigetragen zu haben. In den <i>Tourismus</i>abteilungen desselben Hauses aber dürfte man sich freuen. <link http://www.baku.diplo.de/Vertretung/baku/de/06/Aktuelles__neu/Nizami_20Cinema.html _blank external-link-new-window "Opens external link in new window">Bernhardts Film</link> besticht durch schöne Bilder, Postkartenmotive des alten und neuen Baku, meist nicht laufend, sondern in einer Art Diaschau aneinander geschnitten. Das allerdings ist das erste Problem des Films.

So eindrucksvoll die neuen Flammentürme sind, deren Silhouette seit einigen Jahren die Skyline der Stadt dominiert – als Sinnbild für ein Lodern des im Orient wurzelnden Mugham-Jazz‘ taugen sie nicht. Im Gegenteil. Die moderne Architektur der Stadt spiegelt eine oft geschichtsvergessene Hinwendung zum Lebensstil des Westens. »Es hängt von Ihrem Verhalten ab, meine Kinder, ob unsere Stadt zum fortschrittlichen Europa oder zum rückständigen Asien gehören soll«, lässt Kurban Said in seinem Roman »Ali und Nino« im Jahre 1917 den Rektor des kaiserlich-russischen humanistischen Gymnasiums zu Baku sagen.
<h3>Dem Bakuwinischen Jazz droht akut der freie Fall in die Bedeutungslosigkeit</h3>
Die Nachgeborenen haben sich klar entschieden. Der Kristallpalast, Veranstaltungsort des Eurovision Song Contests 2012, ist Form gewordener Pop. Unter der glänzenden Oberfläche der Stadt ist Mugham-Kultur kaum zu finden, obwohl immerhin eines der gelungensten neuen Gebäude, zudem in bester Boulevardlage, dem Mugham als »Centre« gewidmet wurde.

Bernhardt hätte sich einmal dessen Spielplan zeigen lassen sollen – er wäre ernüchtert gewesen. So wie wir, als wir vor zwei Jahren in jener Stadt eintrafen, der der Ruf der (post)sowjetischen Jazzhauptstadt noch immer vorauseilte. Die »verrauchten kleinen Jazzkeller, in denen die Musiker wie vereinsamte Gnome saßen und an ihren vertrackten Beats und Harmonien werkelten«, die der Journalist Ingo Petz in seinem 2008 erschienenen Buch »Kuckucksuhren in Baku« noch beschrieb, fanden wir schon nicht mehr vor. Den »Karavan Jazz-Klub«, Lieblingsclub der Verfasser des Standard-Reiseführers Aserbaidschan vom Trescher Verlag, habe ich – mit der aktuellen Ausgabe in der Hand – lange vergeblich gesucht. 

Dem Bakuwinischen Jazz droht akut der freie Fall in die Bedeutungslosigkeit, worüber nur auf den ersten Blick hinwegtäuschen kann, dass er im »Jazz Center« noch immer eine stattliche Bühne exklusiv bespielt. Dort drehte auch Bernhardt. Hat er nicht bemerkt, dass hier hochklassige Musik oft gegen den kumulierten Gesprächssound einer zeigefreudigen Schickeria ankämpfen muss, deren Smartphones mehr Beachtung finden als das Geschehen auf der Rampe? Schon Petz hatte sich gewundert, dass da ein Pianist »spielte, als ginge es um sein Leben – aber niemand, niemand da draußen hörte dem armen Hund zu.« Im Film wirkt die Bakuer Jazzwelt in schönster Ordnung. Wenige Wochen vor seiner Uraufführung im Nizami-Kino, Ende Oktober, ging das jährliche Jazzfestival zu Ende. Am fettesten gedruckt auf den Festivalplakaten war der Bandname »Kool and the Gang«. Mehr muss man über Jazz in Baku im Jahr 2012 nicht wissen.
<h3>Legitimation der traditionellen Musik bei gleichzeitiger Ignoranz gegenüber dem Jazz</h3>
Interessant ist, dass vorstehender Befund nur für den Mugham-Jazz gilt, nicht aber für die traditionelle Mugham-Musik. Sie wird in Aserbaidschan unverändert gespielt und geliebt. In aserbaidschanischen Behörden-Kantinen kann man beobachten, wie in den allgegenwärtigen Fernsehgeräten vier traditionell gekleidete Männer auf Ud, Sass, Tar und Nagara musizieren – während zehn Männer vor dem Bildschirm das Ende ihrer Mittagspause vergessen. 

Selbst in der Grenzüberschreitung zur Moderne setzen die Programmgestalter auf die Legitimation der traditionellen Musik bei gleichzeitiger Ignoranz gegenüber dem Jazz. Zu der Reihe »Bizimkiler« des Fernsehsenders ANS wurde nicht ein einziger Jazzmusiker eingeladen, westliche Hits wie Michael Jacksons »They don’t care about us« oder Deep Purples »Smoke on the water« mit den Stilmitteln des Mugham zu interpretieren, sondern durchweg Vertreter der klassischen Fraktion. Und ausgerechnet auf der Fanmeile des Eurovision Song Contests tanzten junge Burschen im Mai dieses Jahres zu traditionellen Mugham-Klängen aus ihren Mobiltelefonen gocklige Tänze. <br />Wann und warum aber ist der Jazz abgehängt worden? Der Film verhält sich längst wie ein Besucher, der seine Gastgeber ins Herz geschlossen hat und ihnen deshalb kritische Fragen erspart. Oder ließ das Budget einen längeren Aufenthalt des Filmteams in Aserbaidschan nicht zu, der einen tieferen Blick und derartige Fragen erst ermöglich hätte?

Was die Dokumentation sympathisch macht, ist ihr loyales Bekenntnis zu der missionierten Musik, der Zeit gegeben wird ­– in mehr als populistisch-leichtverdaulichen Häppchen. So kann man den aserbaidschanischen Starpianisten Isfar Sarabski am Klavier so vergrübelt und beseelt erleben, wie man ihn auf der Bühne – dort zunehmend der Hochgeschwindigkeit verpflichtet – lange nicht sah. Professor Farhad Badalbayli, Rektor der Musikakademie Baku, erklärt anschaulich, dass im Mugham-Jazz die Entwicklung eines Themas schon mal 40 Minuten dauern kann. Dass der Film hier an die Grenze stößt, seinen Gegenstand wirklich nacherlebbar zu machen, ist ihm nicht vorzuwerfen. 
<h3>Gern hätte man von den Gastgebern mehr erfahren über ihr Leben in und mit der Mugham-Musik</h3>
Aber doch dieses: Warum wirkt er häufig so steril? Da musizieren Alim Gasimov und seine Familie im Innenhof ihres Hauses auf einem Teppich, das Filmbild wird wunderbar gerahmt durch die vom typischen Bakuer Wind immer wieder vor das Objektiv geschobenen Zweige – doch die Ohren vernehmen nichts davon, keine natürliche Atmosphäre. Und gern hätte man von den Gastgebern mehr erfahren über ihr Leben in und mit der Mugham-Musik, über ihren sozialen Stand als Musiker in Aserbaidschan. Sollte da beim Schnitt im Zweifel die Entscheidung zugunsten längerer Klangbeispiele gefallen sein, wäre dies nicht zu beanstanden. 

Frevel allerdings bleibt die banale Darstellung von Rain Sultanov, dem wohl berühmtesten lebenden Jazzmusiker Aserbaidschans, einem außerordentlich intelligenten (auch des Deutschen mächtigen) Gesprächspartner zudem. Er ist der verbliebene Aktivist des aserbaidschanischen Jazz‘. Neben seinen zahlreichen CD-Aufnahmen und regelmäßigen Konzerten – in Baku häufig in Gruppierungen mit seinen ebenfalls Jazz spielenden drei Brüdern – gibt er mit seiner Frau halbjährlich ein Jazzmagazin heraus, veröffentlichte CD-Anthologien, organisierte ein aserbaidschanisch-deutsches Jazzfestival und verkörpert die Legende vom »Jazzland Aserbaidschan« auf internationalen Messen, unter anderem der »Jazzahead!« in Bremen. Was hätte er erzählen können!

Stattdessen reist das Filmteam plötzlich zu den Schlammvulkanen von Gobustan. Dort gibt es weder Mugham- noch sonstige Musik, aber schöne Slow-Motion-Bilder platzender Schlammblasen. Dann ist der Film zu Ende. Seine Chance wird vielleicht sein, dass man in der Mitte Europas über das aufstrebende Land am Kaspischen Meer noch immer wenig weiß. Als Denkmal für den Mugham-Jazz allerdings ist eine Ansichtskarte zu wenig.]]></content:encoded>
			<category>Aserbaidschan Musik Dokumentation</category>
			
			
			<pubDate>Tue, 04 Dec 2012 12:32:00 +0100</pubDate>
			
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