Armeniens Präsident Serge Sargsian, hier mit US-Präsident Obama beim »Nuclear Security Summit«, setzt weiter auf Atomkraft|Foto: dpa-PA

Wirtschaft

Atomkraft in Armenien

24.03.2011

Tanz auf dem Vulkan

Sara Winter


Armeniens Energieversorgung hängt an einem veralteten AKW sowjetischer Bauart. Und das liegt mitten in einer Erdbebenzone. Pläne für den Ernstfall gibt es keine.


Ganz in der Nähe der Hauptstadt Jerewan steht das armenische AKW Metsamor. Es bestreitet etwa vierzig Prozent der armenischen Stromversorgung. Das AKW gilt als extrem gefährlich aufgrund der veralteten Bauart und der seismologisch prekären Lage.


Obwohl staatliche Stellen behaupten, das AKW würde einem Erdbeben bis zu einer Stärke von 8 auf der Momenten-Magnituden-Skala standhalten, bezweifelte der britische Atomphysiker Frank Barnaby diese Einschätzung gegenüber Radio Liberty: »Es ist äusserst unwahrscheinlich, dass ein derart veralteter Reaktor ein starkes Erdbeben unbeschadet überstehen würde.«


Metsamor habe laut Aussage des ehemaligen Werksdirektors Suren Azatian im Gegensatz zu den Reaktoren von Fukushima keinen Sicherheitsmantel um den Reaktorkern. Seit 1995 sind über neunzig Millionen US-Dollar in die Behebung von Sicherheitsmängeln geflossen, um das AKW den Standards der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) anzupassen. Trotzdem bewertete das Österreichische Ökologie-Institut das armenische Kernkraftwerk schon im Jahr 2001 als das gefährlichste Europas.


Das letzte große Erdbeben in Armenien erreichte im Jahr 1988 eine Stärke von 6,9 auf der Richter-Skala, 25.000 Menschen verloren damals ihr Leben. Das AKW nahm angeblich keinen Schaden, wurde aber in der Folge für mehrere Jahre stillgelegt. Dann führte der Karabach-Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan von 1988 bis 1994 zu einer Handelsblockade Armeniens von Seiten Aserbaidschans, die bis heute anhält und der sich auch die Türkei anschloss. Im Winter 1992 starben bei Nachttemperaturen von minus 25 Grad Tausende aufgrund von Kälte und Hunger. Armenien sah sich gezwungen, einen der stillgelegten Meiler wieder anzuschalten:1995 ging Metsamor-2 wieder ans Netz und soll bis 2016 laufen.


Keine Pläne für den Ernstfall

Nicht nur der alternde Reaktor stellt eine Bedrohung dar, auch die fehlende Vorbereitung der Regierung auf einen nuklearen Unfall ist problematisch. Richard Giragosian, Journalist bei Radio Liberty und Direktor des unabhängigen »Armenian Center for National and International Studies« in Jerewan sagt via Skype: »Es gibt keine Pläne für solche Szenarien. Die Regierung ist nicht einmal darauf vorbereitet, was im Falle eines erneuten Erdbebens zu tun wäre – geschweige denn einer nuklearen Katastrophe.«


Die intransparenten Strukturen der Regierung in Jerewan seien Teil des Problems. Effektive Entscheidungen würden durch Korruption und Vetternwirtschaft behindert, die regierende Elite sei mehr mit Machterhalt und internen Kämpfen beschäftigt als mit dem Aufbau demokratischer Strukturen. Dies betreffe auch den Katastrophenschutz. Die Armenien-Expertin Tessa Savvidis von der Freien Universität Berlin fügt am Telefon hinzu: »Es herrscht zudem eine miserable Informationspolitik in Armenien.« Bei Erdbeben würden die staatlichen Institutionen erst dann Warnungen herausgeben, wenn schon längst alles vorüber sei.


In der Region Jerewan leben 1,4 Millionen Menschen in unmittelbarer Nähe zum AKW Metsamor. Dessen Umgebung, die Ararat-Ebene, ist Armeniens am dichtesten besiedelte Zone und Hauptanbaugebiet für landwirtschaftliche Erzeugnisse. Im Falle einer atomaren Verstrahlung ginge diese Anbaufläche für immer verloren. Auch die Türkei wäre direkt betroffen, die mittelgroße Stadt Igdir liegt nur 10 Kilometer von Metsamor entfernt.


In Zusammenarbeit mit Russland ist der Neubau eines weiteren Reaktors auf demselben Gelände geplant. Ein neuer Reaktor mit einer Leistung von bis zu 1200 Megawatt könnte es der Kaukasusrepublik ermöglichen, den alten Reaktor ohne Versorgungsengpässe abzuschalten. Alternative Versorgungsmodelle stehen kaum zur Diskussion. »Die armenische Regierung investiert wenig in Erneuerbare Energien. Dies ist ihr sicherlich vorzuwerfen«, so die Wissenschaftlerin Savvidis. »Doch durch die energiepolitische Abhängigkeit von Russland hat sich auch Hilflosigkeit innerhalb der Regierung breitgemacht.«


Seit 2003 wird das AKW Metsamor vom russischen Strom-Monopolisten Inter RAO betrieben. Auch seine Brennstäbe bezieht das AKW aus Russland. Zwar liefert eine kleine Gaspipeline aus dem Iran zusätzliche Energie nach Armenien, doch auch hier ist Russland über den armenischen Gazprom-Ableger Armros-Gazprom beteiligt.


Mit freundlicher Genehmigung der Schweizer Wochenzeitung WOZ.




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