
Wirtschaft
Christoph Dreyer
Nicht erst seit dem umstrittenen Verkaufsbeschluss für deutsche Leopard-Panzer nach Saudi-Arabien brummt das Rüstungsgeschäft am Golf. Geld ist vorhanden. Gefahren gibt es angeblich genug.
Mit knatternden Rotoren schwebt ein Hubschrauber wenige Meter über dem Strand. Ein Speedboat landet, Kommandosoldaten springen an Land. Rauchgranaten vernebeln die Sicht, Schüsse fallen. Unter Feuerschutz rückt ein Trupp auf ein Zelt vor, in dem sich Piraten mit einer Geisel verschanzt haben. Nach wenigen Minuten ist die Aktion vorbei, Boote und Helikopter entfernen sich wieder. Mission erfüllt, freundlicher Applaus von der Zuschauertribüne.
Die Vorführung am Rande der letzten Rüstungsmesse »International Defence Exhibition« (IDEX) im Februar in Abu Dhabi vermittelt einen Eindruck davon, welche Bedrohungen Regierungen und Militärs in den Golf-Monarchien umtreiben: Piratenangriffe sind eine reale Gefahr in dieser Weltgegend, die Gewässer vor den Küsten Somalias und des Jemens sind nicht weit. Und leicht lassen sich die Piraten aus der Vorführung durch Terroristen ersetzen.
Manches andere Szenario ist ohnehin längst von der Realität überholt worden – seit März helfen emiratische und katarische Kampfflugzeuge, die Flugverbotszone über Libyen durchzusetzen. Es ist der praktische Beweis, dass die Golfstaaten ihre Luftwaffen nicht nur zur Schau modernisieren, sondern im Zweifelsfall auch einsetzen. Allein die beiden größten Rüstungskäufer der Region, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, werden Analysten zufolge bis zum Jahr 2014 rund 100 Milliarden US-Dollar für Rüstung ausgeben.
Ganz oben auf den Einkaufslisten stehen Kampfflugzeuge, wie sie gerade über Nordafrika fliegen, und Hubschrauber, wie man sie etwa im Kampf gegen Terroristen gebrauchen kann. Saudi-Arabien zählt laut Stockholmer Friedensforschungsinstitut (SIPRI) zu den zehn größten Waffenkäufern weltweit. Insgesamt dürften die Rüstungsausgaben in der Region nach einer Schätzung der Rüstungsmarktforscher von Forecast International in den kommenden fünf Jahren um 14 Prozent steigen.
Solche Zahlen wiegen umso schwerer, je stärker in den Etats der traditionell großen Rüstungsabnehmer wie den USA, Frankreich oder Großbritannien der Rotstift umgeht. Angesichts schwächelnder Volkswirtschaften und explodierender Staatsschulden sind dort Kürzungen selbst an längst beschlossenen Programmen kein Tabu mehr. Amerikaner und Deutsche etwa haben gerade die Beschaffung des milliardenschweren Raketenabwehrsystems MEADS bis auf weiteres abgeblasen.
Umso wichtiger für die Rüstungsindustrie werden neben aufstrebenden Wirtschaftsmächten wie Indien oder Brasilien die Monarchien am Arabischen Golf. Mit der Zahlungskraft nimmt bei ihnen die Bereitschaft zum Kauf neuer und teurer Waffensysteme zu. Den Golfstaaten verschaffen nicht zuletzt die hohen Ölpreise den nötigen finanziellen Spielraum. Und die westlichen Konzerne wollen sich diese Kundschaft nicht entgehen lassen.
»Natürlich gibt es ein besonderes Interesse an Sicherheitsprodukten in der Region«, sagt Oliver Hoffmann, Pressesprecher beim deutschen Rüstungskonzern Rheinmetall. Historische Lehren wie der irakische Überfall auf Kuwait 1990 gäben dazu ja auch allen Anlass. »Gerade die jüngeren Erfahrungen mit dem Terrorismus haben außerdem manches Land darüber nachdenken lassen, was man auch zum Schutz ziviler Objekte unternehmen muss.«
Der Konzern umwirbt die Scheichs zum Beispiel mit Luftabwehrsystemen, die speziell auf Bedrohungen aus dem niedrigen Luftraum ausgelegt sind – also gegen Mörsergranaten oder Raketen, wie sie regelmäßig auf Feldlager der Bundeswehr in Afghanistan oder auf die israelische Kleinstadt Sderot abgefeuert werden. Ebenso gut könne man mit diesen Waffen aber auch Hafenanlagen, Öl-Umschlagstationen oder internationale Konferenzen schützen, betont Fabian Ochsner, Vice President bei Rheinmetall Air Defence. »Es gibt hier genügend vitale Projekte, zum Beispiel Wasseraufbereitungsanlagen. Bei einem Angriff darauf würde sich das Leben hier massiv verändern.« Den Schutz solcher kritischen Infrastrukturen haben auch Konkurrenten wie der französische Rüstungskonzern Thales im Auge.
Thales bietet zudem komplexe Software für den Umgang mit einer Datenflut an, wie sie bei der Überwachung eines Flughafens, eines U-Bahn-Netzes oder eines Fußballspiels gegen Bedrohungen aller Art anfällt. Die Grenzen zwischen klassischer Verteidigung und Heimatschutz verschwimmen bei solchen Aufgaben zusehends – ob eine Raffinerie gegen Militärangriffe oder eine Pipeline gegen Terroristen geschützt werden soll, macht keinen großen Unterschied. »Die zunehmende Urbanisierung ändert die Risikolage phänomenal, denn mehr Urbanisierung heißt auch mehr Infrastrukturprojekte wie Metro-Netze oder Flughäfen«, sagt Thales-Pressesprecher Markus Leutert.
Einige Sicherheitssysteme könnten übrigens auch zur Aufstandsbekämpfung eingesetzt werden, räumt sein Regionalchef Olivier Badard recht freimütig ein. Dies müsse natürlich in friedlicher und kontrollierter Weise geschehen. Angesichts der Unruhen und Proteste in vielen arabischen Ländern werde sich derzeit wohl manche Regierung Gedanken machen, ob sie auf solche Situationen adäquat vorbereitet sei. Während der IDEX erfreuten sich die Stände der Anbieter von Ausrüstung zur »riot control« besonders zahlreicher Besuche.
Auch der Sicherheitsberater Theodore Karasik des Dubaier »Institute for Near East and Gulf Military Analysis« sieht im rasanten Wachstum von Großstädten wie Dubai, Abu Dhabi oder Doha einen der Gründe für die zunehmende Ausgabenbereitschaft der Golf-Monarchien. »Diese Länder verdienen eine Menge Geld und stecken es in ihre Verteidigung – und zwar zu Recht«, meint er. »Sie versuchen zu schützen, was sie aufgebaut haben.« Man müsse sich bloß einmal die Folgen ausmalen, sollte der Iran eines Tages – etwa als Vergeltung für einen israelischen oder amerikanischen Angriff auf seine Atomanlagen – Marschflugkörper auf Dubais Frachthafen Jebel Ali abfeuern. Wegen der geringen Entfernung würden für die Abwehr dann nur wenige Minuten Reaktionszeit bleiben.
Überhaupt, der Iran: Mancher Industrievertreter scheut sich, ihn als eine der Hauptbedrohungen am Golf zu benennen. Doch ein verstärktes Interesse an allem, was mit Raketenabwehr und Luftwaffe zu tun hat, ist in der Region nicht zu verkennen. Nicht umsonst sind die VAE das bislang einzige Land neben den USA, das die Raketenabwehr »Terminal High Altitude Area Defense« des US-Konzerns Lockheed Martin kaufen will – ein ähnliches System wie die aus dem Golfkrieg 1991 bekannten »Patriot«-Raketen. Und auch für die neuen Kampfflugzeuge, die sich Saudis wie Emiratis für Milliardenbeträge zulegen, wäre ein potenzieller Konflikt mit der Islamischen Republik kein abwegiges Einsatzszenario.
Ein weiteres Schlagwort, das die Branche derzeit umtreibt, lautet Vernetzung. Vorbei sollen auch am Golf bald die Zeiten sein, in denen nicht nur die Marine eines Landes nicht wusste, was Luftwaffe oder Heer gerade treiben, sondern auch in denen ein Offizier nur über ein rauschendes Funkgerät mit seiner Kommandozentrale verbunden war. Jeder an einem Militäreinsatz Beteiligte – bis hinunter zum einzelnen Fußsoldaten – soll jederzeit über alles im Bilde sein, was um ihn herum geschieht. »In den nächsten fünf bis zehn Jahren werden die Länder hier stark in die Integrierung ihrer Teilstreitkräfte investieren«, sagt Thales-Manager Olivier Badard.
Zudem muss nicht zuletzt mit Verbündeten wie den USA Kommunikation heutzutage reibungslos funktionieren, ob im fernen Libyen oder am Golf selbst. Dies gelte umso mehr, als die Amerikaner zunehmend versuchten, ihre Rolle als militärische Schutzmacht der Golf-Monarchien zu reduzieren, sagt Mustafa Alani, Verteidigungsexperte beim »Gulf Research Council« in Dubai. Anders als in der Vergangenheit drängten die USA diese Länder heute, einen zunehmenden Teil ihrer Verteidigung selbst zu übernehmen. Dahinter stünden die starke Beanspruchung des US-Militärs in den Konflikten im Irak und in Afghanistan, aber auch zunehmende Budgetzwänge. »Wir glauben, dass die USA über kurz oder lang ihr Engagement in der Region verringern werden«, zeigt sich Alani überzeugt.
Bleibt der technische Nachholbedarf. In den vergangenen zehn bis 15 Jahren hätten viele der Golf-Staaten ihre Bestände kaum modernisiert, sagt Alani. Denn nach dem Irak-Krieg 1991 seien die USA militärisch so massiv in der Region präsent gewesen, dass die meisten von ihnen es unnötig gefunden hätten, selbst viel Geld für Rüstung auszugeben. »Deshalb brauchen sie entweder neue Waffen oder müssen die vorhandenen aufrüsten.«
Dass sie angesichts all dieser Entwicklungen zu immer wichtigeren Kunden für die Rüstungsindustrie werden, macht die Regierungen am Golf selbstbewusst. Ihre zunehmende Marktmacht nutzen sie, um der Industrie ein Stück weit die Bedingungen zu diktieren. »Offset« heißt das im Branchenjargon und bedeutet, dass für jedes größere Rüstungsgeschäft mit einem ausländischen Unternehmen eine Gegenleistung in Form von Wertschöpfung im Inland verlangt wird. Wer also etwa mit den VAE ins Geschäft kommen will, muss dort Fabriken bauen, Fachkräfte schulen oder Joint Ventures eingehen. Arbeitsplätze für die einheimische Bevölkerung sollen so geschaffen und der Aufbau von Industrie und Dienstleistungen vorangetrieben werden, um allmählich die Abhängigkeit vom Erdöl zu reduzieren.
Unter dem Dach ihrer Holding Tawazun haben die Emirate auf diese Weise bereits ein erkleckliches Portfolio von Firmen nicht nur, aber vor allem aus dem Rüstungsbereich versammelt. Waffen- und Munitionshersteller gehören ebenso dazu wie der jordanisch-emiratische Fahrzeugbauer Advanced Industries of Arabia, der 2005 stolz den ersten Militär-Geländewagen aus arabischer Produktion vorstellte; »Nimr – Tiger« genannt. Zwei Drittel einer Bestellung bei der britischen BAE Systems über 72 Eurofighter für Saudi-Arabien sollen neuerdings dank der Offset-Regelungen im Königreich selbst montiert werden. Internationale Branchengrößen wie die EADS-Tochter Cassidian passen wegen solcher weltweit immer üblicheren Kompensationsgeschäfte mittlerweile ihre Strukturen an und verlegen Unternehmensteile in die Zielländer. In Europa indessen droht den Rüstungsangestellten Kurzarbeit.
Anstoß an der Offset-Praxis nimmt zumindest offiziell niemand. Auch einen Technologieklau befürchte man nicht, heißt es, wo immer man nachfragt. Doch völlig von der Hand zu weisen sind solche Überlegungen nicht. »Natürlich wollen sie Know-how erwerben«, sagt ein französischer Firmenrepräsentant hinter vorgehaltener Hand. Jeder wolle doch die eigene Industrie voranbringen. Ob ihn das störe? Aber nicht doch: »Wir kalkulieren es eben ein.«

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