
Wirtschaft
Nils Metzger
Am 11. Januar kündigte Masdar an, seine Pläne für ein Solarzellenwerk in den VAE auf Eis zu legen. Es ist nicht der erste Rückschlag für das emiratische Vorzeigeunternehmen. Das Städtebauprojekt Masdar City wird die versprochene CO2-Neutralität unmöglich erreichen können.
Ernüchterung macht sich breit. Wie nach einer zu langen und zu lauten Studentenparty erheben Solarpäpste, Brennstoffzellengurus und Windkraftpioniere weltweit ihre verkaterten Köpfe und lassen den Blick schweifen über die demolierte Inneneinrichtung ihrer eigentlich so piekfeinen Büros, aus dem Fenster gen Abu Dhabi, wo der Hype-Tempel ihrer grünen Revolution langsam in sich zusammenfällt.
Masdar City, die milliardenschwere ökologische Planstadt Abu Dhabis, sollte mehr sein als ein sechs Quadratkilometer großes Versuchslabor für Erneuerbare Energien. Hier sollte bewiesen werden, dass eine CO2-neutrale Stadt schon heute Realität werden kann. An dem staatlich finanzierten Projekt sind Technologieunternehmen aus der ganzen Welt beteiligt – auch Deutschland spielt bei den Planungen eine wichtige Rolle.
Teil des revolutionären Bauvorhabens ist die Errichtung eines Kraftwerks über den Dächern der Stadt. Aufwendig gespannte Solarsegel sollen bis zu 130 Megawatt an Strom erzeugen. Das Knowhow hierfür plante man, in den Emiraten selbst zu entwickeln. Vom Staatsfonds Mubadala getragen, sollte das unter der Leitung der deutschen Tochter Masdar PV betriebene Werk Solarzellen vor Ort produzieren und weltweit vertreiben.
Wie Masdar Energy, zu der die Photovoltaik-Sparte gehört, diese Woche in einer Pressekonferenz bekannt gab, wird diese Fabrik nun doch nicht gebaut. CEO Frank Wouters gab die Schuld daran der globalen Überversorgung mit Photovoltaikanlagen. »Wir benötigten einen funktionierenden regionalen Markt, um mit diesem Konzept erfolgreich zu sein«, so Wouters. Die Niederlassung, die Abu Dhabi im thüringischen Ichtershausen betreibt, sei von den Plänen jedoch nicht betroffen. Hier habe man in der Vergangenheit die Effektivität so weit erhöht, um am Markt bestehen zu können.
In den Beziehungen zwischen der Masdar-Zentrale und ihrer deutschen Außenstelle konnte man schon vor Monaten erste Vorboten für die aktuellen Querelen erkennen: Im Mai 2010 wurde der Leiter der in Deutschland als GmbH registrierten Masdar PV, Rainer Gegenwart, überraschend entlassen. Im Umfeld des Unternehmens klagt man über unterschiedliche Auffassungen der Firmenleitung. »Das Vorhaben ist faktisch eingeschlafen«, heißt es gegenüber zenith. Gegenwart, der den Betrieb mit aufgebaut habe, sei über die Entwicklung des Projektes sehr enttäuscht gewesen.
Auf ähnliche Weise hatte die Herrscherfamilie Abu Dhabis bereits die Leiterin der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA), Hélène Pelosse, Ende Oktober 2010 vergrault. IRENA wird in Masdar City sein Hauptquartier beziehen und den Standort so als Mekka des Klimaschutzes adeln. Die VAE indes nutzen das Projekt geschickt, um ihr Image als reine Öl-Nation zu überwinden.
Von den hehren Zielen bleibt nach fünf Jahren Planungsarbeit nicht viel übrig: Das öffentliche Schienennetz, das Autos vollständig aus der Stadt verbannen sollte, wurde auf eine Modellstrecke zusammengestrichen. Inzwischen gab das Masdar-Management ebenfalls zu, auf Strom aus Quellen außerhalb der Stadt zurückgreifen zu müssen – die versprochene Energie-Autarkie ist Geschichte bevor sie begonnen hat.
Im Gegensatz zum Nachbar Dubai ist das Emirat Abu Dhabi im Vorfeld der Immobilienkrise am Golf 2009 dank seines bedachten Handelns kaum aufgefallen. Knapp zwei Jahre später muss Abu Dhabi beweisen, dass es trotz aller Enttäuschungen nicht zu viel versprochen hat. Der Nimbus des einflussreichsten Emirats im Staatenbund der VAE leidet mit jeder weiteren Hiobsbotschaft. Masdar City darf kein weiteres Milliardengrab werden.
BusinessReport Spezial
Spezial 2011
Energiewende in Nahost?
Sonderausgabe des zenith-BusinessReport zur Energiewirtschaft in der MENA-Region. Schwerpunkt dieses Heftes: Energiemix in der Türkei
Gefunden im Netz
Exodus aus dem Heiligen Land
Die Sendung »60 Minutes« auf CBS darüber, warum immer mehr palästinensische Christen Jerusalem und Bethlehem verlassen.
Stellenausschreibung

Kalender
Unternehmer-Service
Aktuelle rechtliche Entwicklungen. Unverzichtbar für Markt-Teilnehmer und Einsteiger.