Die nach Nachfrage ist groß, der Reformstau auch: Nutzen die Golfstaaten ihr Potenzial? |Foto: dpa-PA

Wirtschaft

Standort Golfstaaten

06.05.2011

Gerade jetzt!

Martin Böll/GTaI


Arabische Revolutionen und Dubai-Crash kratzen am Image der Golfstaaten und verunsichern deutsche Firmen. Das Investitionsklima unterscheidet sich von Land zu Land, ist aber aussichtsreich wie nie – gerade die VAE sind wieder im Kommen.


Die Unruhen in der arabischen Welt haben viele mittelständische deutsche Firmen verunsichert. Vor allem solche, die erstmals einen Markteintritt planen, steigen auf die Bremse. Dies gilt auch für die arabischen Golfstaaten. Ob das klug ist, darf jedoch bezweifelt werden, sagen Kenner der Region. Die Länder des Golf-Kooperationsrates (GCC), dem Bahrain, Katar, Kuwait, Oman, Saudi-Arabien und die VAE angehören, sind der viertwichtigste Überseemarkt Deutschlands und werden spätestens 2012 wieder mehr importieren als im Boom-Jahr 2008.


In den AHK-Büros in Riad, Dubai und Abu Dhabi mehren sich die Anrufe und Anfragen besorgter deutscher Unternehmen, die wissen wollen, wie sicher die verschiedenen Standorte auf der Arabischen Halbinsel sind. »Wer in der Region bereits mit einem Büro oder einer Niederlassung vertreten ist, weiß die Situation gut einzuschätzen«, sagt Dalia Abu Samra-Rohte, Leiterin der Wirtschaftsdienste der Deutsch-Emiratischen Industrie- und Handelskammer in Abu Dhabi mit Zuständigkeit auch für Katar, Kuwait, Oman und Bahrain. »Wer jedoch die Entwicklung nur von Deutschland aus verfolgt, ist meist nicht ausreichend informiert«, so ihre Erfahrung. Die Konsequenz: Firmen, die eigentlich einen Markteinstieg vor Ort planen, scheinen nun erst einmal abwarten zu wollen.


Ob das jedoch immer die richtige Strategie ist, darf bezweifelt werden. Die GCC-Staaten sind der viertwichtigste Überseemarkt Deutschlands. Der wieder angezogene Ölpreis sorgt dafür, dass die Kassen der Öl und Gas produzierenden Länder wieder kräftig klingeln. Das Wirtschaftswachstum der Region kann sich sehen lassen, die Summe der begonnenen und geplanten Großprojekte ist weiterhin gigantisch, die hohe Importabhängigkeit bleibt.


Angesichts der politischen Ereignisse in der arabischen Welt wird die traditionelle Beschwichtigungspolitik gegenüber der eigenen Bevölkerung verstärkt fortgesetzt. Im Klartext: Es wird mehr Geld, zum Teil sogar sehr viel mehr Geld, an die eigenen Staatsbürger verteilt, was unmittelbar den Konsum beflügelt. Und es wird spürbar mehr für Infrastrukturen ausgegeben, was unter anderem der Bauindustrie und spezialisierten Zulieferern zugutekommt. Fazit: Der Markt ist für deutsche Unternehmen zumindest quantitativ attraktiver denn je.


Appeasement-Politik wird den Reformstau nicht beheben

Allerdings sind die Unterschiede zwischen den Staaten zu sehen. In Bezug auf das aktuelle Geschäftspotenzial dürfte für deutsche Unternehmen Saudi-Arabien wegen seiner wirtschaftlichen, geografischen und demografischen Größe klar der potenteste Markt sein, gefolgt von den VAE und – mit Abstand – Katar.


Kuwait ist derweil ein sehr reicher, aber noch schlafender Riese, der es seit Jahren nicht schafft, die immer größer werdenden Investitions- und Infrastrukturdefizite tatkräftig zu beseitigen. Oman wird schon 2012 vermutlich mehr importieren als das Schlagzeilen machende Katar, nicht unbedingt jedoch deutsche Waren. Bahrain ist unterdessen von seinem Geschäftspotenzial her ein Leichtgewicht und bleibt aus politischen Gründen wohl noch auf Jahre hinweg angeschlagen.


Etwas anders ist die Rangliste in Bezug auf das Länderrisiko, das in diesen Tagen insgesamt höher gestuft wird, gleichzeitig aber differenziert zu betrachten ist. Alle Golfstaaten haben absolutistische Herrscher. Auch Kuwait und Bahrain, die formal ein wenig Demokratie gewagt haben, gehören zur Gruppe der autoritären Regime. Dass eine relativ moderne und moderate Fassade wenig belastbar ist, zeigt aktuell Bahrain, dessen Staatsmacht repressiv gegen Andersdenkende vorgeht.


Auch in Kuwait gab es Proteste, auf welche die Regierung keine überzeugenden Antworten fand. Etwas anders immerhin in Oman, wo der Sultan nach anfänglichem Zögern deeskalierend und vergleichsweise maßvoll reagierte. Ohne mehr Transparenz und Rechtsstaatlichkeit dürfte aber auch er das Brodeln in der Bevölkerung nicht stoppen können.


In Saudi-Arabien hielten sich öffentliche Proteste unterdessen sehr in Grenzen – ein Zeichen von öffentlicher Zustimmung ist das nach Ansicht von Beobachtern aber nicht. Vielmehr habe die Staatsmacht das Königreich fest im Griff; der Einmarsch in Bahrain sei auch als Warnung an die eigene Bevölkerung gedacht. Gleichzeitig versuche der König durch eine teure Appeasement-Politik potenziellem Unmut entgegenzuwirken. Ob dies mittel- bis langfristig reicht, dürfe bezweifelt werden – der Reformstau im konservativen Königreich sei sehr hoch, das Tempo der Abarbeitung sehr langsam.


Nur in Katar und den VAE ist die Jugend in den Herrschaftsetagen vertreten

Katar und die VAE seien dagegen im Vergleich geradezu Heimstätten der Zufriedenheit: Die höchstens 250.000 einheimischen Katarer gehören rein statistisch zu den vermögendsten Bewohnern unseres Planeten. Auch die Bürger der VAE sind meist reich bis sehr reich und haben kaum einen Grund, über einen Mangel an Wohlstand zu klagen. Bestehende Defizite in den ärmeren nördlichen Emiraten sollen zügig beseitigt werden.


Der unausgesprochene Deal zwischen Volk und Führer im Sinne von »solange kräftig umverteilt wird, verlangen wir keine Mitsprache« hält derzeit noch – auf die Dauer aber wird dies kaum reichen. Fehlende Transparenz, Defizite in Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit, eingeschränkte Meinungsfreiheit selbst im Internet sind in einheimischen Kreisen durchaus ein Thema, sagen Kenner. Auch die VAE haben Kritiker verhaftet, was sicher kein gutes Zeichen ist.


Ein weiterer nicht zu unterschätzender Faktor ist die Generationenfrage. Die arabischen Herrscher sind alt; viele, meinen ausländische Beobachter, verstünden die junge Generation und ihre Bedürfnisse schlichtweg nicht. Der König von Saudi-Arabien und sein Kronprinz sind beide Ende 80. Der Emir von Kuwait ist in den Achtzigern, sein Kronprinz in den Siebzigern. Der Sultan von Oman ist über 70, ein Nachfolger wird erst nach seinem Tode benannt.


Scheich Khalifa von Abu Dhabi und Scheich Mohammed bin Rashid von Dubai sind dagegen geradezu jung, beide haben zudem junge Kronprinzen, die in das politische Geschäft gut eingebunden sind. Auch Katar hat einen noch jungen Kronprinzen, der politisch aktiv ist. Die VAE und Katar dürften damit vermutlich die einzigen Golfstaaten sein, in denen die Jugend in den Herrschaftsetagen vertreten ist und Gehör findet.


Welcher Standort ist nun die erste Wahl für ein deutsches Unternehmen, das in den GCC-Staaten ein Büro oder eine Niederlassung eröffnen möchte? »Dubai«, sagt Dalia Abu Samra-Rohte, und weiß dabei die Mehrheit der Regionalkenner hinter sich. Die VAE sind (zusammen mit Katar) das sicherste Land, haben die beste Infrastruktur, den besten Logistikservice und das meiste Know-how. Und weil Dubai auch die mit Abstand angenehmsten Lebensbedingungen in der Region aufweist, findet man dort leichter qualifiziertes Personal oder kann für den Standort leichter Personal im Ausland rekrutieren.


»Wer in Doha mit einer Visitenkarte aus Dubai vorstellig wird, hat im wahrsten Sinne des Wortes die schlechteren Karten«

Ein noch vor ein bis zwei Jahren zu beobachtender Trend Richtung Abu Dhabi – Dubai war finanziell angeschlagen, in Abu Dhabi ist das Geld – scheint wieder umgeschlagen zu sein. Der Grund: Abu Dhabi gilt als zu teuer. Die Mieten sind sehr hoch, die Bürokratie ist noch extensiver als in Dubai und damit ein nicht zu unterschätzender Kostenfaktor. Dubai verfügt zudem über zahlreiche Freihandelszonen – zu denen man aus praktischen Gründen auch die »RAK Free Trade Zone« im eine Autostunde entfernten Ras Al Khaima zählen kann. Diese Freizonen, in denen die Pflicht, einen Sponsor zu beteiligen, entfällt, sind in den letzten Jahren deutlich professioneller und vor allem preiswerter geworden.


Auch die einst starre Ausrichtung auf bestimmte Branchen ist einer deutlich flexibleren Haltung gewichen. »Trotz der Krise in der arabischen Welt spüren wir aus Deutschland derzeit keinen Rückgang des Interesses«, sagt Nadia Rinawi, die das Europa-Büro der »RAK Free Trade Zone« in Köln leitet. »Wir verzeichnen allerdings einen Zuwachs von Anfragen und Firmengründungen aus anderen arabischen Ländern, was wir auf die Unruhen in einigen Ländern der Region zurückführen.«


Und noch ein weiterer Faktor spricht klar für Dubai: der Herdentrieb. Deutsche Unternehmen gehen nach Ansicht von Beobachtern gerne dahin, wo schon viele andere deutsche Unternehmen sind – und das ist in Dubai der Fall. »Von dort werden nicht nur die Nachbarländer, sondern zum Teil sogar Zentralasien und Ostafrika bedient«, sagt Ralph Nitzgen, Chef der Commerzbank in Dubai. Dubai ist zudem ein bevorzugter Standort für Handelsunternehmen, die mit den VAE oder anderen arabischen Ländern überhaupt keine Geschäfte machen. So sitzen zum Beispiel viele Pakistaner, die für ihr Land Außenhandel betreiben, in Dubai und nicht in Karachi, weil ihnen Dubai stabile und berechenbare Rahmenbedingen bietet, die sie in ihrer Heimat nicht vorfinden.


Auch wenn die erste Wahl klar auf Dubai fällt, so bedeutet das nicht, dass andere Standorte abzuschreiben sind. Möchte zum Beispiel jemand nachhaltig mit Katar Geschäfte machen, braucht er dort unbedingt auch eine Vertretung. »Wer in Doha mit einer Visitenkarte aus Dubai vorstellig wird, hat im wahrsten Sinne des Wortes die schlechteren Karten«, sagt Peter Göpfrich, AHK-Geschäftsführer für die VAE, Katar, Kuwait, Oman und Bahrain. »Man muss vor Ort präsent sein, wenn man sich an den großen Projekten des Landes beteiligen möchte.


Schon ein kleines Büro mit Telefon in Doha kann da das Blatt wenden.« Das Gleiche gilt für Saudi-Arabien: »Wer am Golf wirtschaftlich erfolgreich sein will, für den führt an dem Königreich kein Weg vorbei«, sagt Andreas Hergenröther, der Delegierte der Deutschen Wirtschaft für Saudi-Arabien und Jemen. »Das Land hat die regional größte Volkswirtschaft und das größte Projektvolumen.«




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