
Wirtschaft
Hamida Behr
Im Januar votierte der Südsudan für einen unabhängigen Staat. Viele der 1,5 Millionen Südsudanesen, die im Nordsudan leben, blicken aber mit Sorge auf die Zeit nach der Loslösung.
Stella Gaitano ist ratlos. Sie weiß nicht, wie es für sie und ihre Familie weitergehen soll: Im Norden bleiben, in den Süden gehen oder in ein ganz anderes Land? Nicht nur der Sudan wird jetzt geteilt, sondern auch ihre Familie. Stella Gaitano gehört zum Stamm der Latuka und kommt aus Torit im südlichsten Teil des Sudan, nahe der Grenze zu Uganda. Ihr Mann ist aus Atbara im Norden und gehört zum Stamm der Ja’aliyin, einem der größten arabischen Stämme des Landes.
Durch das Referendum im Januar, in dem 98,83 Prozent der Südsudanesen für die Unabhängigkeit des Südens gestimmt haben, werden aus einem Land nun zwei. Ein Fünftel Landesfläche gehen an den neuen Staat Südsudan und acht Millionen der 40 Millionen Sudanesen bekommen eine neue Staatsangehörigkeit. Die Menschen aus dem Süden, die noch im Norden leben, werden zu Ausländern, zu Fremden im eigenen Land.
Stella Gaitano ist Christin, ihr Mann Adil Muslim. Als die hübsche Frau mit den runden Gesichtszügen den hochgewachsenen, einige Jahre älteren Adil traf, waren ihr die Unterschiede egal. »Wir lernten uns bei einer Kampagne für Frieden und Versöhnung kennen. Wir teilen das gesellschaftliche Engagement – die Religion hat jeder für sich selbst.« Heute lebt sie mit ihrem Mann, ihren zwei kleinen Kindern und ihrer Mutter in Khartum. Nichts unterscheidet ihr Haus von den anderen Häusern der Straße. Mit der üblichen Gastfreundschaft empfängt sie ihre Gäste, reicht gewürzten Tee mit Milch, wie es zur Abendzeit in Khartum üblich ist. Sie trägt ein buntes Hauskleid. Am Nagellack lässt sich erkennen, dass sie Christin ist. Muslimische Frauen in ihrem Alter lackieren sich ihre Nägel für gewöhnlich nicht.
Ihr Mann kommt in der traditionellen weißen Jalabia, einem langen Gewand, und setzt sich dazu, während Stella erzählt. Im Norden hätte sie sich immer zuhause gefühlt. Schließlich ist sie in Khartum geboren und aufgewachsen. Den Süden kennt sie nur von wenigen Besuchen. In Khartum ist sie zur Schule gegangen, hat hier studiert. Während ihrer Zeit an der Universität wurde Stella Gaitano politisch aktiv. »Ich habe für dieses Land gekämpft, für Frieden und Meinungsvielfalt. Doch jetzt werde ich zur Ausländerin.«
In ihren Büchern und Kurzgeschichten macht die Schriftstellerin auf das Leben der Südsudanesen im Norden aufmerksam: »Ich öffne den Leuten die Augen für die Situation der Südsudanesen. Man kann erklären, weshalb es Straßenkinder gibt, warum sie betteln.« Stella Gaitano führt die Leser in die Flüchtlingslager am Rande Khartums, beschreibt die widrigen Bedingungen. »Hätte sich die Regierung des Nordens um die Flüchtlinge gekümmert, die Menschen in die Gesellschaft integriert und sich um Entwicklung des Südens bemüht, hätte es die Chance zur Einheit gegeben«, ist sie sicher.
Das umfassende Friedensabkommen, kurz CPA, beendete 2005 den zwei Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg. Die südsudanesischen Rebellenorganisation SPLM und die Regierung in Khartum unterzeichneten den Vertrag in Kenia. Unter Einfluss der Internationalen Gemeinschaft, allen voran den USA, einigten sich die Bürgerkriegsparteien nach jahrelangen Verhandlungen endlich auf einen Friedensfahrplan. Inhalt des CPA war auch das Referendum Anfang dieses Jahres über die Abspaltung des Süden vom Gesamt-Sudan. »Das Hauptziel des Abkommens war die Beendigung des Krieges, eine Teilung des Landes war nicht zwangsläufig vorgesehen«, meint Stella Gaitano.
»Die Mehrheit der Südsudanesen im Norden wollte ursprünglich keine Teilung«, erklärt Rafat Abbas von der Nichtregierungsorganisation Sonad, die Seminare zu Versöhnung und friedlichem Zusammenleben durchführt. »Hier im Norden hatten die Flüchtlinge eine Chance auf gute Bildung, sie konnten zur Schule gehen und gegen eine geringe Gebühr eine der zahlreichen Universitäten in Khartum besuchen. Hier gibt es Firmen, bei denen man Arbeit finden kann und eine Gesundheitsversorgung, das Essen ist erschwinglich.«
Viele Sudanesen flüchteten vor dem Bürgerkrieg, der sich im Süden des Landes abspielte, in den sicheren und entwickelteren Norden. Viele Kinder wurden in den Flüchtlingslagern rund um Khartum geboren und aufgezogen. »Diese Menschen haben eine duale Identität. Sie fühlen sich weder als Nord- noch als Südsudanesen. Viele sind nach dem Ende des Bürgerkriegs in den Süden gezogen. Aber wenn sie dort keine Lebensgrundlage finden, wollen sie wieder zurückkehren«, so Rafat Abbas.
Schätzungen zufolge lebten rund 1,5 Millionen Menschen, die aus dem Süden stammten, im Norden. Doch nur 45.000 stimmten für die Einheit des Sudans. »Die politischen Kampagnen waren emotional, nicht ehrlich und sachlich. Am Ende galt jeder als Volksverräter, der sich für den Verbleib mit dem Norden aussprach«, meint Stella Gaitano.
Rafat Abbas ist Nordsudanese. Meist blickt er freundlich. Die bunten afrikanischen Hemden, die er so gerne trägt, sieht man bei Menschen mit heller Haut und in gehobener beruflicher Stellung im Sudan selten. Auch er erlebte das Tabu in seinen Seminaren zur Vorbereitung auf das Referendum, die er im Süden durchführte: »Bei Debatten in den Arbeitsgruppen sprach sich niemand für die Einheit des Sudans aus. Es hieß: ›wir wollen nichts mehr von den Arabern, sie haben uns getötet, wir wollen unser eigenes Land.‹ Doch in den Pausen kamen manchmal einzelne zu mir und vertrauerten mir im Stillen an, dass sie die Einheit bevorzugen würden.«
Rafat Abbas selbst ist erschüttert über die Teilung. In seiner Organisation arbeiteten Süd- und Nordsudanesen immer eng zusammen. Er und seine Kollegen achten darauf, dass die Seminare, die sie in Khartum durchführen, zu gleichen Teilen von Süd- und Nordsudanesen besucht werden. Mittlerweile hat Sonad allerdings Probleme, südsudanesische Teilnehmer zu finden. »Hunderttausende sind gegangen, die Straßen sind leer ohne sie. Sie sind verschwunden, von den Universitäten, von der Nilstraße, aus den Parks. Der natürliche Zustand der Dinge ist ihre Einheit. Zerbricht man einen Krug, erfüllt er nicht mehr seinen Nutzen.«
Der neue Staat, die Republik Südsudan, hat bereits eine Flagge und eine Nationalhymne, ab dem 9. Juli soll die Teilung des Landes umgesetzt werden. Die SPLM hat im Süden die Regierungsverantwortung übertragen bekommen und regiert seitdem als einzige Partei. Die National Congress Party (NCP) des Präsidenten Omar al-Baschir, regiert seit dem Militärputsch 1989 den Sudan autoritär. Sie führte die Scharia-Gesetzgebung ein und zerstritt sich mit der westlichen Staatengemeinschaft.
Im Zuge des CPA stimmte die NCP der paritätischen Teilung aller Staatsgeschäfte mit der SPLM von 2005 bis 2011 zu. Im Friedensabkommen wurde auch vereinbart, den Süden sowie andere periphere Gebiete des Landes infrastrukturell auszubauen, die Zivilgesellschaft zu stärken und die Bürgerbeteiligung auszuweiten. Wenig ist davon zu spüren im Sudan.
Doch wie soll es jetzt weiter gehen? Die rechtliche Situation der Südsudanesen im Norden ist prekär. Viele Mitglieder der NCP sind verbittert über die Teilung des Landes. Einige sinnen nach Rache: »Der Norden ist jetzt für die Nordsudanesen und der Süden für die Südsudanesen. Ein Südsudanese wird nicht mehr behandelt werden, wenn er ins Krankenhaus kommt, wir werden ihre Pässe einsammeln, sie werden keine Rechte mehr genießen hier und nichts mehr bekommen«, so drohen Politiker, berichtet Fais Al-Salik, Herausgeber der oppositionellenTageszeitung Ajras al-Hurriya.
Auch Stella Gaitano fürchtet sich vor der Rache der Leute, hat Angst vor dem Misstrauen der Nachbarn, Angst davor, nicht mehr arbeiten zu dürfen. »Man kann ja sehen, dass ich Südsudanesin bin. Ich bin jetzt keine mehr von ihnen und ich weiß nicht, was passieren wird. Werden sie mich hier dulden oder werden sie mich auffordern, das Land zu verlassen?« Im Süden erwarte sie nichts. Sie kenne das Land nur von zwei Besuchen. Dort gibt es keine Schulen, keine Straßen, keine Krankenhäuser, auch kaum Landwirtschaft. Essen ist sehr teuer. Sie fragt sich, auch ob ihr Mann dort akzeptiert würde? »Könnte er dort unter den Menschen leben und arbeiten ohne Anfeindungen?«
Im Moment verhandelt die Regierung mit der SPLM über die Beteiligung an den Öleinnahmen. Im Süden ist das Erdöl. Durch Pipelines wird es in den Norden gebracht und von dort verschifft. Der Bau einer Pipeline nach Kenia dauert mindestens fünf Jahre, solange ist der neue Staat Südsudan auf die Pipelines in den Norden angewiesen. Die Staatseinnahmen des Südsudan bestehen zu 98 Prozent aus Öleinnahmen – aber dafür wird die Infrastruktur des Norden gebraucht.
Der Journalist Fais Al-Salik meint, dass jetzt Bürgerrechte gegen Öleinnahmen verhandelt werden. »Gegen eine höhere Beteiligungen an den Öleinnahmen wird die NCP mehr Bürgerrechten für Südsudanesen im Norden zustimmen und das Reisen zwischen Nord- und Südsudan erleichtern«, hofft er. »Alle Oppositionsparteien, ob Kommunisten oder Muslimbrüder und auch alle Nichtregierungsorganisationen sprechen sich für die doppelte Staatsbürgerschaft aus, für die freie Wahl des Wohnortes, für Investitionsmöglichkeiten in beiden Ländern, für Arbeitsmöglichkeit und freien Personenverkehr. Wir sind einfache Leute und können nur hoffen, das die NCP so entscheidet. Wir werden regiert von Teufeln, die alles im Namen des Islam tun, und dabei tun sie schlechte Dinge.«
Was ist die Perspektive nach der Abspaltung für den Nordsudan? Der junge Publizist Sami Saleh warnt: Ohne grundlegende politische Veränderungen würden die Auseinandersetzungen nicht enden und immer mehr Landesteile würden sich abspalten wollen. Auch im Osten des Landes brodelt es immer wieder. Auch hier gab es schon Stimmen, die nach einer Sezession vom Gesamtsudan riefen. Nur ein Überdenken der Konzepte von Staat und Bürgerrechten könne das Schicksal des Landes wenden.
»Der Staat benutzt die Religion, um seine Macht zu rechtfertigen und zwingt die Bürger durch die Religion, seine Herrschaft zu respektieren. Das kann nicht so weitergehen, er muss die Rechte seiner Bürger achten und säkular werden« fordert Sami Saleh mit ruhiger Stimme. Dann zitiert er noch den berühmten sudanesischen Reformer Mahmud Muhammad Taha, der 1985 vom Numeiri-Regime exekutiert wurde: »Entweder schlagen wir diesen Weg ein, oder die Flut wird uns verschlingen.«
Stella weiß nicht, was sie hoffen darf. Es wird sich bald entscheiden, ob sie es für sie und ihre Familie eine Zukunft gibt in Khartum.
BusinessReport Spezial
Spezial 2011
Energiewende in Nahost?
Sonderausgabe des zenith-BusinessReport zur Energiewirtschaft in der MENA-Region. Schwerpunkt dieses Heftes: Energiemix in der Türkei
Gefunden im Netz
Exodus aus dem Heiligen Land
Die Sendung »60 Minutes« auf CBS darüber, warum immer mehr palästinensische Christen Jerusalem und Bethlehem verlassen.
Stellenausschreibung

Kalender
Unternehmer-Service
Aktuelle rechtliche Entwicklungen. Unverzichtbar für Markt-Teilnehmer und Einsteiger.