
Reise
Vera Kern
Junge Indonesier entdecken das Rucksackreisen im eigenen Land. Platz für Abenteuer bietet das Inselreich genug. Paradiesische Orte mitten in der javanischen See, an dem Zivilisationsmüde nach Lust und Laune Robinson Crusoe spielen können.
»Wah, meine Eltern würden in Ohnmacht fallen, wenn sie mich so sehen würden!« Putri quietscht vor Vergnügen und kippt sich einen Eimer Wasser übers Haupt. Erfrischung pur bei tropisch schwüler Mittagshitze. »Zwick mich mal, das ist einfach unglaublich.« Nur in einen Sarong gehüllt, jenen Stoffschlauch, den Frauen traditionell in vielen dörflichen Gegenden Javas tragen, ist sie quasi nackt. Klatschnass klebt er am Körper. Unter dem Mangobaum shampooniert sie sich das lange braune Haar ein, das sonst so sorgfältig unterm Jilbab, dem indonesischen Kopftuch, versteckt ist. Hier im Freiluft-Badezimmer des Fischerdorfes kommt das Wasser kübelweise aus dem Brunnen, mehrere Meter tief.
Plastikeimer statt Duschkopf. Ein Happening für die Großstädterin Putri, die sich mit der dörflichen Duschtechnik sichtlich abmüht. Unbeholfen jongliert sie mit Eimer und Shampooflasche, zwei Finger fest am Sarong. Gegenüber hocken einheimische Frauen und schrubben Klamotten, Kinder planschen vergnügt in Wasserpfützen. Neugierig kichernd beäugen sie die ungelenken Schritte der Gäste. Hier im Dschungelbadezimmer treffen zwei Welten aufeinander. Urbanität stößt auf Ursprünglichkeit, eine interkulturelle Erfahrung im eigenen Land. Ein letzter Schwall Wasser, dann stapft Putri auf dem Trampelpfad zurück ins Dorf, wo ihre indonesischen Backpackerfreunde im Schatten der Palmen lungern. An der dörflichen Anlegestelle wartet schon das Fischerboot samt Skipper, bereit für den Trip zu unbewohnten Inseln.
Das Archipel Karimunjawa mit seinen 27 Eilanden scheint zum Inselhopping geradezu prädestiniert. Das wissen die Bewohner geschäftstüchtig zu nutzen. Der Tourismus kommt wie gerufen. Dabei ist man komplett vom Festland abhängig: Lebensmittel, Motorräder, Hygieneartikel, selbst Hühnereier werden auf der täglichen Fähre vom Hafen Semarang auf Java hierher verfrachtet. Verglichen mit Bali steckt der Tourismus auf Karimunjawa in den Kinderschuhen. Doch die Inselchen entwickeln sich rasant. Noch vor wenigen Jahren galt die Inselgruppe als Geheimtipp für westliche Individual- und Luxustouristen, die mit dem Helikopter vom Festland direkt ins Nobelressort einer der abgelegenen Inseln transportiert wurden.
Aber dass Karimunjava ein idealer Abenteuerspielplatz ist und sich bestens zum Wildcampen und Inselhopping eignet, hat sich inzwischen auch unter indonesischen Rucksackreisenden herumgesprochen. In Portalen wie indobackpacker.com oder Couchsurfing tummeln sich Reiseberichte und Tipps für Trips. Auch das soziale Netzwerk Facebook dient als Reisebörse für junge, zumeist gut ausgebildete Mittelschichtskinder, die der Ruf der Wildnis aus dem Berufsalltag in Jakarta lockt.
Einen Reiseführer brauchen sie für ihr Rucksackabenteuer nicht. Wer im eigenen Land reist, kennt die Verhaltenskodices, muss nicht mit Wörterbuch radebrechend die Infrastruktur erfragen. Anders als die westliche Lonely-Planet-Gemeinde sind die Rucksackreisenden hier nicht auf dem ganz individuellen Selbstfindungstrip, sondern reisen in der Gemeinschaft. Das hat bisweilen etwas Rebellisches, sind die Gruppen doch konfessions- und geschlechterübergreifend.
Putri erzählt, wie lange sie mit ihrem Eltern debattieren musste, um auf eine solche Reise gehen zu dürfen. Sie ist 26, Unternehmensberaterin in einer internationalen Firma. Wie die meisten unverheirateten Indonesier lebt sie bei ihren Eltern, deren traditionelle, javanisch-muslimische Moralvorstellungen von den Freiheitsbestrebungen der Kinder herausgefordert werden. Weder Mutter noch Vater haben einen Facebook-Account. Sie lesen nicht, was die Tochter über ihr Dschungelduscherlebnis postet.
Auf der Hauptinsel des Archipels, Karimun, geht es immer noch beschaulich zu. Seetang und Fischfang, etwas Landwirtschaft sowie eine überschaubare Holzindustrie sind die Haupteinnahmequellen der Bewohner. Das könnte sich bald ändern. Touristische Infrastruktur stellt auf die Bedürfnisse junger Rucksackreisender ein. Erste Souvenirläden öffnen. Holzschnitzereien und Andenken sind eher Ladenhüter, gefragt sind Wassergallonen, Campingkocher und Sonnenmilch.
Ibu Dewi hat einen guten Riecher für die Bedürfnisse der Besucher. Ihr Kramlädchen brummt, sie hat sich auf den Verleih von Schnorchel-Utensilien und Schwimmwesten spezialisiert. Putri und ihre Backpackerfreunde ergattern die letzte Ausrüstung. Ibu Dewi ist ausverkauft. »Ich freue mich über die Entwicklung. Die Touristen sind ein Segen. So kann ich das Schulgeld für meine Tochter bezahlen, damit sie später auf dem Festland studieren kann.«
Noch ist alles intakt und weder Erderwärmung noch Massentourismus haben ihre Spuren hinterlassen. Damit das so bleibt, wurde fast ganz Karimunjawa zum Nationalpark deklariert. Wie aus dem Reiseprospekt ausgeschnitten, Palmenkulisse und Mangrovenwälder dekorativ zum weißen Sandstrand drapiert, schimmert das Meer tagsüber von Blau bis Türkis. Nachts flitzen Sternschnuppen über die Milchstraße.
»Ayo!«, freut sich Putri. Es geht los! Sanft gleitet das Fischerboot ins Wasser und tuckert gemächlich im Rhythmus der Wellen. Ringsum türkisblaue Weite. Der süßliche Duft von Kretek, den typisch indonesischen Nelkenzigaretten, mischt sich mit dem Benzingestank des Außenbordmotors. Derart eingelullt verführt das meditative Knattern des Motors zu einem Nickerchen auf hoher See. Die Hitze tut ihr Übriges. Schweißperlen rinnen über die Stirn und brennen in den Augen. Die Sonne steht im Zenit, es ist knallheiß, nur der Fahrtwind und die Aussicht auf das bevorstehende Badevergnügen machen das Schwitzen erträglicher. Nächster Halt: Paradies. Zeit zum Schnorcheln.
Sorgsam kontrolliert Putri ihre Schwimmweste, wie so viele Indonesier kann sie nicht schwimmen. Sie ist korrekt gekleidet in ihrem Burkini, einem Schwimmanzug für Muslima, der nur Hände; Gesicht und Füße unbedeckt lässt. Das Wasser hat Badewannentemperatur. Optimale Bedingungen für einen Streifzug durch die Unterwasserwelt. Zwischen quietschbunten Neonfischen, knallblauen Seesternen und Pflanzengebilden von geometrischer Schönheit wähnt man sich in einem perfekt gepflegten Riesenaquarium.
Noch auf der Fähre zurück zum Festland plant Putri ihre nächste Reise. »Lust auf Wandern und Camping? Lagerfeuer unter Sternenhimmel? Sonnenaufgang auf der Bergspitze? Noch drei Plätze frei«, heißt es auf der Facebook-Seite eines Bekannten. Nicht lange und die Liste ist voll. Wer das Paradies vor der Haustür hat, kennt kein Fernweh. Nach dem Trip ist vor dem Trip.
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