Foto: dpa-PA

Reise

Libanesen in Gambia

23.12.2009

Dabke im Touristenclub

Björn Zimprich


In den Nachtclubs Gambias finden sich nicht nur westliche Touristen und Gambier ein. Auch Libanesen, die zum Arbeiten ins Land gekommen sind, genießen hier ihre Wochenenden. So kann es schon mal vorkommen, dass die DJs libanesische Dabke-Songs spielen.


»In Gambia auszugehen ist so billig! Nicht wie im Libanon. Wenn du im Libanon feiern geht, zahlst du 300, vielleicht 400 US-Dollar die Nacht. In Gambia kannst du den ganzen Abend unendlich viel Spaß haben und bezahlst maximal 50 US-Dollar!«, sagt Mohammed aus Tripoli und nippt an der Theke des Nachtclubs »Paparazzi« an seinem Bier. Mohammed lebt seit über drei Jahren in Gambia und verdient sich sein Geld sechs Tage die Woche als Verkäufer in einem hochwertigen Möbelgeschäft. Nur sonntags hat er frei und verbringt daher jeden Samstagabend im Touristenort Senegambia an der gambischen Küste.


Gambia als kleinster Flächenstaat Afrikas erfreut sich seit einigen Jahren einer wachsenden Beliebtheit als mehr oder weniger exotisches Urlaubsland. Die Touristen, die vom angenehmen Klima während der kalten europäischen Wintermonate und der sprichwörtlichen Freundlichkeit der Gambier angezogen werden, kommen hauptsächlich aus Großbritannien und den Niederlanden, aber auch aus Deutschland.


Der Tourismus ist mittlerweile eine tragende Säule der gambischen Wirtschaft und insbesondere als Devisenquelle von zentraler Bedeutung. Weite Bereiche des schmalen gambischen Küstensaumes sind mittlerweile mit Hotelanlagen, Restaurants oder Privathäusern wohlhabender Europäer zugepflastert. Touristen und Einheimische treffen sich zum Feiern in den parallel gewachsenen Nachtclubs. Mit dabei sind aber auch viele Libanesen.


Drei Welten treffen aufeinander

Auswanderung stellt für viele Libanesen eine nahe liegende Option dar. Manche haben selber Migrationserfahrung oder eine Verwandtschaft, die über die halbe Welt verstreut lebt. Von Vorteil sind auch Sprachenkenntnisse: Mehrsprachigkeit ist die Regel im Libanon, nicht die Ausnahme. In den letzten Jahrzehnten hat es die meisten ausreisewilligen Libanesen in die westlichen Industriestaaten oder in die reichen Ölstaaten am Golf gezogen.


Ein wenig bekanntes, aber ebenfalls wichtiges Migrationsziel für Libanesen ist Westafrika. Die meisten Libanesen leben hier in den Atlantikanrainern vom Senegal bis Nigeria. Auch in Gambia gibt es eine sichtbare libanesische Minderheit, die ihr Einkommen als Unternehmer und spezialisierte Händler in diversen Geschäftsbereichen verdient. Während einige Familien schon seit Generationen hier ansässig sind, kommen viele junge libanesische Männer nur für einige Jahre zum Arbeiten ins Land. Ihr Ziel ist es, möglichst schnell soviel Geld zu verdienen, wie sie für eine Heirat und ein Haus im Libanon benötigen.


Während ihrer Zeit in Gambia wollen sie aber auch das Leben in vollen Zügen genießen. Mit einem Einkommen, von dem Gambier meist nur träumen, können sie sich auch die für örtliche Verhältnisse teuren Nachtclubs in den Touristenorten leisten.


Völkerverständigung inklusive

Neben den Libanesen tummelt sich im Club eine interessante Mischung aus wohlhabenden Gambiern und Pauschaltouristen. Eine Kombination der besonderen Art, denn das Verhältnis zwischen Libanesen und schwarzen Gambiern ist nicht immer frei von Spannungen. Zudem gibt es Grund zu der Annahme, dass nur eine Minderheit der Pauschaltouristen ihr Geld in Europa als »interkulturelle Trainer« verdient.


Für diese wären die gambischen Nachtclubs aber eine vortreffliche Ausbildungsstätte. Denn in den Nachtclubs libanesischer Besitzer führen manche DJs innovative Experimente durch. Auf Soul oder R&B-Hits kann so schon mal Nancy Ajram folgen. Eine effiziente Methode, um die Anzahl der Libanesen im Club zu zählen, da diese sich in Sekundenschnelle alle auf der Tanzfläche einfinden.


Besonders bei Dabke-Songs kocht die Stimmung dann fast über. Die meisten Touristen machen dann lieber Platz und schauen dem treiben aus der Ferne zu, um nicht in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Staunend betrachten sie die Kreistänze, die ihren Ursprung in den arabischen Staaten östlich des Mittelmeers haben. Dabke ist ein traditioneller Tanz der insbesondere an Hochzeiten dargeboten wird.


Seit einiger Zeit erfreut er sich, auch unter jungen Libanesen, wieder wachsender Beliebtheit und wird mittlerweile zu jeglichen Anlässen getanzt – Auch Samstagabends im »Paparazzi« in Gambia. Diese Chance lassen sich ein paar Touristen nicht nehmen. Einige Mutige reihen sich ein und tanzen das erste Mal in ihrem Leben Dabke, und das ausgerechnet beim Pauschalurlaub in Westafrika.




In der Geisterhöhle von Oman
MySpace StudiVZ

Artikel weiterempfehlen       Artikel drucken

Das zenith-Jahresheft

zenith-Jahresheft: Das Nahost-Album 2011

 

Gewinner und Verlierer, Israelis und Palästinenser, Gesichter des Arabischen Frühlings und Menschen, von denen wir noch hören werden. Sowie zum letzten Mal: Gaddafi.

 

Für Abonnenten und im Shop!

Gefunden im Netz

Exodus aus dem Heiligen Land

Die Sendung »60 Minutes« auf CBS darüber, warum immer mehr palästinensische Christen Jerusalem und Bethlehem verlassen.

Stellenausschreibung

Stellenausschreibungen

Jobs & Praktika

Der Deutsche Levante Verlag vergibt ab sofort Praktika!

Kalender

Die zenith-Satireseite

Die wahrhaft innovative Piratenpartei wird konsequenterweise am Horn von Afrika aus der Taufe gehoben, meint der Diwan.

...weiterlesen