Foto: dpa-PA

Reise

Visa in Syrien

11.12.2010

Auf Dokumentenjagd in Damaskus

Alexander Kitterer


Ein Behördengang in Syrien gleicht oftmals einem Langstreckenlauf. Es braucht Schnelligkeit, Ausdauer und schließlich die Unverschämtheit im richtigen Moment zu drängeln. Ein Besuch auf dem Visa-Amt kann aber auch sehr unterhaltsam sein. Waffengebrauch, Zeichentrickserien und danach ein Gefühl des Triumphs inklusive.


Es sieht aus wie ein Ringkampf zwischen Limousinen auf den Straßen der syrischen Hauptstadt. Von den städtischen Autobahnen erkennt man an diesem morgen keinen Zentimeter Asphalt, selbst nachts sind sie mit Autos aus allen Erdteilen verstopft. Der europäische Betrachter sieht hier Vehikel aus dem Iran und Syrien einträchtig mit deutschen Limousinen und exotisch anmutenden, asiatischen Klein-Transportern um die Wette drängeln. Wer verliert, hupt.


Es ist also kein Wunder, dass um acht Uhr morgens vor dem Visa-Amt in der Innenstadt schon eine Schlange von etwa vierzig Leuten auf Einlass wartet. Jeder ausländische Besucher, der vorhat, länger in dem noch vor nicht allzu langer Zeit als Schurkenstaat verschrieenen Land zu bleiben, muss mindestens alle zwei Monate der Behörde einen Besuch abstatten. Das Wort »mindestens« zeigt schon, dass Fristen und Termine nicht so genau genommen werden. Charmanten jungen Frauen wird ohne mit der Wimper zu zucken schon beim ersten Mal »Shahrain«, also zwei Monate, im Pass vermerkt, dem Durchschnittsbesucher hingegen werden erst einmal 30 Tage zugestanden.


Doch ob ein oder zwei Monate, durch die bürokratische Mühle müssen alle, Sprachstudenten aus Europa, genauso, wie die zahlreichen irakischen Flüchtlinge oder der saudische Geschäftsmann. Glücklich schätzen kann sich, wer das Gebaren arabischer Beamter bereits kennen gelernt hat. Doch bevor der willige Antragsteller auf die besondere Spezies des syrischen Behördenangestellten trifft, heißt es Warten. Zwar ist eine halbe Stunde seit der offiziellen Öffnung vergangen, doch der kleine Schalter, der das Papier verkauft, auf dem die Aufenthaltsgenehmigung erteilt wird, ist noch nicht besetzt.


Ein Schutzwall aus Papier

»Warum?« Der Syrer Ali antwortet darauf nur: »Irgendwann wird er öffnen«, und grinst dabei. Dem 46-jährigen Ladenbesitzer ist bewusst, dass für Ausländer die Bürokratie oft undurchschaubar ist. Ob das in Deutschland anders sei, will er wissen. Angesichts der bedrohlichen Menge an Vorschriften und Kleingedrucktem auf deutschen Behördenformularen erübrigt sich jede längere Antwort.


Als ein Mann in frisch gebügelter Uniform hinter der Glasscheibe Platz nimmt, setzt das große Drängeln ein. Wie draußen auf der Straße die Autos, ringen nun die Menschen um den besten Platz. Höflichkeit ist nun nicht mehr gefragt, jeder versucht möglichst schnell aus dem Menschenknäuel mit einem Zettel zu entkommen. Wortlos erhalten die Antragsteller diesen für umgerechnet 40 Cent, bevor sie sich an der Glasscheibe entlang zur Seite wälzen.


Danach geht es einen Stock höher. In zwei kleinen Büros drängeln sich zehn Beamte, im Hinteren wird Tee und Kaffee gereicht, im Vorderen wird der einzige Computer angeschaltet und die augenscheinlich jüngsten Uniformierten haben bereits damit begonnen, Berge von Dokumenten vor sich aufzuschichten und zu sortieren. Es sieht aus, als wollten sie gegen die Kundschaft einen Schutzwall aus Papier errichten.


Beherzter Einsatz und die richtige Taktik führen zum Ziel

Den meisten Ausländern passiert hier der erste Fehler. Das erworbene Schriftstück soll zur Antragsstellung berechtigen, allerdings fehlt ein entscheidender Teil: eine Briefmarke. Die wird aber vor der Tür verkauft. Die Treppen hinunter steht der Unkundige dann wieder scheinbar am Anfang. Doch nicht ganz, denn vor dem Eingang läuft ein unauffällig gekleideter Mann auf und ab. Er trägt einen beigen Trenchcoat und dazu passende Socken unter seinen abgewetzten Sandalen. Für umgerechnet 20 Cent gibt es bei ihm die ersehnte Marke, inklusive des Speichels für das Aufkleben.


Damit geht es wieder nach oben und die Prozedur kann weitergehen. Aber nur für denjenigen, der nicht den zweiten möglichen Fehler begeht: sich anzustellen. Denn es gibt weder eine Schlange, noch ein Nicken der Beamten näher zu treten. Spätestens die fünfte korpulente Frau, die mit vollem Körpereinsatz dem Diensttuenden ihren Pass entgegenstreckt, verdeutlicht auch dem schüchternen Europäer die nötige Vorgehensweise.


Mit dem ausgefüllten Papier, dem aufgeklebten Stempel und Fotokopien von allem, was wichtig erscheint, ist es nicht mehr weit bis zur ersten Registrierung. Doch plötzlich kommt Bewegung in die Beamten. Der Mann hinter dem Computer steht lachend auf und ruft: »Warum ich? Warum soll ich das machen? Komm du her!«, und wendet sich seinem Kollegen zu, der im anderen Zimmer sitzt und an seinem Tee nippt. Dabei öffnet er die Schublade und zieht grinsend eine Pistole hervor. Das Magazin lässt er hinaus gleiten und mit einer unvermuteten Geschwindigkeit steht er hinter dem Angerufenen und hält ihm drohend die Waffe an den Kopf. Alle Uniformierten brechen in heftiges Lachen aus, als hätte den schlecht bezahlten Beamten jemand erzählt, man habe ihnen eine Medaille für außerordentliche Pünktlichkeit verliehen.


Als sich alle beruhigt haben, kann es in veränderter Besetzung weitergehen. Vom Computer zur nächsten Station, dem Stempeltisch, von dort wieder zum Computer, danach zum Beamten, der alles in einem Buch, so groß wie zwei Zeichenblöcke, vermerkt. Nochmal zum Computer, dann ist diese Etappe absolviert. Knapp eine Stunde dauert diese Prozedur, mit der falschen Anstelltaktik, oder einem plötzlichen Personalwechsel – schließlich warten insgesamt zehn Beamte auf Beschäftigung – kann sich das schnell verdoppeln.


Das Gefühl danach können deutsche Behörden nicht bieten

Einen Stock höher liegt das Büro des Amtsleiters. Eine lange Schlange wartet schweigend auf eine Audienz, in dem großen, mit Sesseln und Teppichen ausstaffierten Büro. Die geschäftige Stille wird von dem ununterbrochen laufenden Fernseher gestört, auf dessen Bildschirm eine Zeichentrickserie flimmert. Der bringt der Direktor mehr Aufmerksamkeit entgegen als den Dokumenten, die er unterschreibt. So ist dieses Zimmer auch nur ein kurzer Zwischenstopp. Denn den Inhalt mustert der grauhaarige Herr mit den zahlreichen Sternen auf den Schultern nicht. Ein Kringel ist alles.


Mit dem so veredelten Dokument, darf sich der nun etwas genervte, oder zumindest leicht verstörte ausländische Antragsteller wieder in dem unteren Büro blicken lassen. Ein bisschen erinnert alles an die Odyssee von Asterix und Obelix nach dem Passierschein A38 in dem Film »Asterix erobert Rom«. Es folgt: Computer, Stempel, Buch, Routine fast schon.


Und dann ist auch die letzte Station erreicht, ein anderes Büro, die gleiche Langeweile gegenüber dem Antrag. Der junge Mann hinter dem Schreibtisch, ordnet aber noch sorgfältig seine Stifte und unterschreibt gewissenhaft zwanzig unbesehene Dokumentenmappen, bevor er sich der Aufenthaltsgenehmigung zuwendet. Ein Strich, ein fragendes »Fertig?« wird mit einem Nicken beantwortet und die Erlaubnis für weitere Wochen in Syrien ist gesichert.


Erkauft mit einer nicht nachvollziehbaren Anzahl an Stationen, die je nach Antragsdatum auch durchaus schwanken kann und einer kleinen Reise durch die Behördenflure. Das Gefühl danach lässt sich aber nicht mit einem Besuch in deutschen Ämtern vergleichen. Dort, wo alles seine Ordnung hat, eine gezogene Nummer Gültigkeit besitzt und ein ausgefeiltes Regelwerk über Ablauf und Prozedere wacht. Doch dieses Gefühl der Sicherheit kann schnell dem Ärger über eine stundenlange Wartezeit auf einem muffigen Flur weichen. In Syrien dagegen bleibt bei den vielen Stationen für Ärgern kaum Zeit und danach mischt sich die Erleichterung mit einem Triumphgefühl, ob des überstandenen kleinen Abenteuers.




Inselhopping vor der Haustür
MySpace StudiVZ

Artikel weiterempfehlen       Artikel drucken

Das zenith-Jahresheft

zenith-Jahresheft: Das Nahost-Album 2011

 

Gewinner und Verlierer, Israelis und Palästinenser, Gesichter des Arabischen Frühlings und Menschen, von denen wir noch hören werden. Sowie zum letzten Mal: Gaddafi.

 

Für Abonnenten und im Shop!

Gefunden im Netz

Exodus aus dem Heiligen Land

Die Sendung »60 Minutes« auf CBS darüber, warum immer mehr palästinensische Christen Jerusalem und Bethlehem verlassen.

Stellenausschreibung

Stellenausschreibungen

Jobs & Praktika

Der Deutsche Levante Verlag vergibt ab sofort Praktika!

Kalender

Die zenith-Satireseite

Die wahrhaft innovative Piratenpartei wird konsequenterweise am Horn von Afrika aus der Taufe gehoben, meint der Diwan.

...weiterlesen