Das außenpolitische Credo von Katars Emir Tamim bin Hamad Al Thani: Islamisten, ja – »Islamischer Staat«, nein|Foto:dpa-PA

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Außenpolitik am Golf und der Krieg in Syrien und im Irak

22.08.2014

Was Katar wirklich will


Lieblingsfeind, Hassfigur, Neidobjekt: Sogar ein deutscher Minister beschuldigt Katar, den »Islamischen Staat« zu finanzieren. Wer sich ernsthaft mit dem Emirat befasst, kommt zu anderen Ergebnissen, meint Andreas Krieg.


In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau beschrieb Jürgen Trittin Deutschlands Unterstützung für das Emirats Katar unlängst als einen »Riesenfehler«. Er kritisierte, dass die Bundesregierung Katar nicht nur als regionalen Stabilitätsgaranten hofiere, sondern das Emirat sogar mit Waffen beliefere – ein Land, das seiner Meinung nach die dschihadistische Organisation des »Islamischen Staates« (IS) finanziell unterstütze. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller, der von einiger Zeit seine Nahost-Kenntnisse mit der Aussage »Die gehen mit Kamelen spazieren« unter Beweis stellte, bekräftige Trittins Äußerung am 20. August im ZDF-Morgenmagazin: Katar finanziere IS. Diese Aussagen zeugen nicht nur von der weitverbreiteten Unwissenheit der deutschen Politik und Öffentlichkeit, wenn es um das Mysterium der Golfstaaten geht, sondern auch vom neuen europäischen Trendsports des »Katar-Bashing«.

 

Das reiche Emirat am Persischen Golf, das in den frühen 2000er Jahren als internationaler Vermittler im Libanon, Sudan und Palästina von sich Reden machte und sich in den Jahren nach dem Arabischen Frühling aktiv für islamistische Organisationen engagierte, steht nun auch hierzulande am Pranger als Finanzier des dschihadistischen Terrors. Angetrieben von dem populistischen Bild einer Region, das in deutschen Medien verbreitet wird, werden Katar und seine Herrscherfamilie, die Al-Thanis, als wahhabistische, erzkonservative »Scheichs« dargestellt, die die Außen- und Sicherheitspolitik des Landes ideologisch dem Islamismus unterwerfen. Es wird suggeriert, dass Katars Unterstützung der Muslimbruderschaft in Ägypten, Libyen oder Syrien wie auch der Hamas in Palästina, oder von moderat-islamistischen Gruppierungen im syrischen oder libyschen Bürgerkrieg, ideologisch motiviert sei.

 

Dabei werden etablierte islamistische Parteien, karitative Organisationen oder religiös motivierte Oppositionskräfte im Nahen Osten in den selben Topf mit Al-Qaida geworfen – oder wie neuerdings mit IS, vormals ISIS, in Verbindung gebracht. Dem politischen Islam zwischen Marokko und dem Golf, der sich über Jahrzehnte hinweg zu einer etablierten, respektierten und nachhaltigen politischen Kraft entwickelt hat, wird jegliche Legitimität abgesprochen – sein Stellenwert in der arabischen Öffentlichkeit völlig unterschätzt.

 

Es ist wichtig hier zu unterscheiden zwischen den Kräften, die sich primär für das umfassende Gemeinwohl und Kollektivgüter einsetzen, und solchen, die das Gemeinwohl dem Fanatismus einer Minderheit mit Gewalt und Terror unterordnen. Obwohl selbst IS mittlerweile begriffen hat, dass eine Mehrheit nicht durch Terror und Gewalt alleine Untertan gemacht werden kann, so gehört der »Islamische Staat« dennoch zur zweiten Gruppe.

Andreas Krieg,

forscht und lehrt am »Joaan Bin Jassim Joint Command and Staff College« des Londoner King’s College an dessen Zweigstelle in Doha. Im Auftrag des Dienstleisters »Serco Middle East« berät Krieg zudem die Reform der katarischen Streitkräfte.

 

Es sind diese Nuancen, die beim Verständnis von Katars Staatsräson eine Rolle spielen. Als eine kleine Halbinsel am Golf, eingekeilt zwischen den regionalen Supermächten Iran und Saudi-Arabien, hatte Katar traditionell immer die Wahl zwischen Autonomie oder Einfluss, wenn es darum ging die Außen- und Sicherheitspolitik zu definieren. Einfluss hieß üblicherweise, sich unter den Schutz des großen Bruders Saudi-Arabien zu stellen und dabei seine Autonomie aufzugeben. Autonomie auf der anderen Seite, war gleichbedeutend mit dem Verlust von Einfluss und damit auch einer gewissen Sicherheit.

 

Hamad bin Khalifa Al Thani, der 2013 sein Amt an seinen Sohn Tamim weitergab, hat versucht, in den fast 20 Jahren seiner Regentschaft dieses Dilemma zu durchbrechen und Katar als unabhängigen und einflussreichen Akteur in der Region zu etablieren – ein Akteur, der unabhängig von den manchmal kontraproduktiven ideologischen Konventionen Riads Außen- und Sicherheitspolitik mit einem Grad Pragmatismus begegnete.

 

Unterstützt von dem schier unendlichen Reichtum aus dem Öl-und Gasgeschäft ist es Katar gelungen, nicht nur die Amerikaner als Schutzmacht ins Land zu locken oder eine israelische Handelsvertretung zu eröffnen, sondern auch Beziehungen mit den Taliban, der Hizbullah und der Hamas aufzubauen. Der Aufbau von internationalen und transnationalen Beziehungen war der direkte Weg, Neutralität in Einfluss umzuwandeln.

 

Mit dem Arabischen Frühling eröffnete sich eine neue Chance für Katar, um sich zu profilieren und den Einfluss auszubauen. Während die Region weiter im autoritären Sumpf versank und Katars Nachbarn am Golf der imminenten Demokratisierung der Region feindlich gegenüber standen, witterte Katar die Chance, sich Ansehen und Vertrauen bei denen zu erkaufen, die Katar als die zukünftigen Entscheidungsträger sahen: die protestierenden arabischen Massen.

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Katar nahm sich vor, jene Gruppierungen und Organisationen zu unterstützen, die am effizientesten der Forderung der Menschen nach sozialer Gerechtigkeit nachkommen könnten. Eine neue Maxime in Katars Außen- und Sicherheitspolitik nahm Kontur an, die die außenpolitischen Entscheidungen von Scheich Tamim und der jetzigen Regierung weiter prägt: sich an die Seite solcher Kräfte zu stellen, die sich am effizientesten, nachhaltig und umfassend für das Gemeinwohl in ihren Gesellschaften einsetzen können.

 

Diese Maxime ist nicht nur angetrieben von dem Altruismus, das Richtige zu tun, sondern von der pragmatischen Überlegung, sich als kleiner Staat Einfluss zu verschaffen. Katars Unterstützung der Muslimbruderschaft in Ägypten und islamistischer Ableger in anderen Ländern kann damit erklärt werden. Da sich der politische Islam in den Jahrzehnten der Tyrannei als einzige oppositionelle Kraft profiliert hat, die durch effiziente karitative Netzwerke Güter und Dienste für die Massen bereit stellte, wo der Staat versagte, glaubte Katar, dass die Massen islamistischen Kräften ihre Stimme geben würden. In Ländern, in denen der Weg zu mehr sozialer Gerechtigkeit noch durch ein tyrannisches Regime verbaut war, wie in Libyen oder Syrien, wollte Katar jene militanten Gruppierungen unterstützen, die mit Disziplin, Kampfmoral und Erfahrung den Tyrannen am besten Parole bieten konnten: dschihadistische Kämpfer, die in ihrem Land für Freiheit von Unterdrückung kämpfen, etwa wie die Tawhid-Brigaden in Nord-Syrien.

 

Der »Islamische Staat« ist weder eine Organisation, die sich für das Gemeinwohl der Massen einsetzt, noch eine Organisation, in der Syrer oder Iraker für die Freiheit von Unterdrückung kämpfen. IS ist eine Organisation von fanatischen Söldnern, die unter dem Banner des Propheten eine skurrile Karikatur des Kalifats errichten wollen und dabei jegliche Konventionen von Menschlichkeit und Staatlichkeit über Bord werfen. Während wohlhabende Privatiers aus Katar in den letzten Jahren die Vorgänger von IS finanziell unterstützt haben, so tat der katarische Staat das nicht, wissend, dass jene Organisation Katars außen- und sicherheitspolitischen Maximen kontraproduktiv gegenüber steht. Katars Unterstützung für eine global-dschihadistische Organisation wie IS wäre sowohl aus pragmatischen als auch ideologischen Gesichtspunkten selbstmörderisch.

 

In der Causa IS steht Katar geschlossen mit dem Rest der Arabischen Liga und dem Golf-Kooperationsrat und hat die Bekämpfung von IS zur außen- und sicherheitspolitischen Priorität gemacht. In der Zwischenzeit hat Katar begriffen, dass die Zukunft der arabischen Welt dem Einzelnen in einer wachsenden Zivilgesellschaft gehört. Langfristig wird die Macht in der arabischen Welt nicht in den Händen von autokratischen Tyrannen liegen, sondern in den Händen der Mehrheit. Und Katar wird weiter versuchen, diese Mehrheiten zu unterstützen – auch via islamistischer Gruppierungen.

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