Ein kurdischer Peschmerga-Kommandant zeigt auf IS-Stellungen bei Makhmur, einem Vorort von Erbil|Foto:dpa-PA

Politik

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IS und Dschihadismus in Syrien und im Irak

01.09.2014

Al-Qaida war gestern


Der »Islamische Staat« im Irak und in Syrien will die syrische Revolution ersticken, für den Westen interessierte er sich bisher nicht. Das ist kein Zufall, sondern Folge eines Richtungsstreits im Innern des Dschihadismus.


Kaum vier Monate fehlten Ahmad Fadil Nazal al-Khalaylah noch bis zur Vollendung seines 40. Lebensjahres. Dann warf ein amerikanischer Jagdbomber eine Vierteltonne Sprengstoff auf sein Versteck bei Baquba im Irak. Der Mann, der sich selbst Abu Musab al-Zarqawi nannte, brachte es nicht nur zu dem zweifelhaften Ruhm, einer der meistgesuchten Männer der Welt zu sein. Er forderte auch die Führung des globalen Netzwerks von Al-Qaida heraus.

 

Mit Zarqawis Anspruch auf das Kommando über »Al-Qaida im Zweistromland« ging ein Streit über das ideologische Grundgerüst einher. Die Zweigstelle im Irak entwickelte sich in mehreren Stadien: Die letzte Stufe zeigt sich nun mit der Entstehung der Gruppe »Islamischer Staat« (IS), vormals bekannt als ISIS oder Da’ish – nach dem arabischen Akronym –, und der vermeintlichen Wiederbelebung des Kalifats in ihren Gebieten. IS verlangt nun selbst von der Mutterorganisation Al-Qaida einen Treueeid und Gehorsam.

 

ISIS hat viele Schlachten mit anderen dschihadistischen Gruppen in Syrien und im Irak ausgefochten – etwa mit der Nusra-Front, welche die »klassische« Linie Al-Qaidas vertritt. Man kann sagen, dass Al-Qaida seit ihrer Gründung einen ideologischen und methodischen Kompass darstellte, an dem sich nahezu alle dschihadistischen Gruppierungen ausrichteten.

zenith 04/14

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Das hat sich seit rund einem Jahr geändert. Früher gab es noch ein klares Feindbild, das Osama Bin Laden einst als Losung ausgegeben hatte: »Dschihad gegen Kreuzfahrer und Juden«. Ebenso verließen sich Al-Qaida und ihre Töchter auf dezentrale Netzwerke. Deren Anführer befanden sich stets auf der Flucht oder zumindest im Untergrund. Ihre Strategie: ein »Gleichgewicht des Schreckens« aus Aggression und Repression. Ihre Taktik: dem Feind permanent schmerzvolle gezielte Schläge versetzen.

 

Abu Muhammad al-Maqdisi – einer der wichtigsten Theoretiker des Dschihadismus – bekundete schon früh den ideologischen Dissens innerhalb Al-Qaidas: mit einer Polemik, die den Titel »Al-Zarqawi – Beistand und Unterweisung« trug. Maqdisi hatte sich mit seinem früheren Schüler über die Frage entzweit, wer eigentlich zu bekämpfen sei. Maqdisi selbst hielt an der Parole »Kreuzfahrer und Juden« fest.

 

Zarqawi wollte den Kampf dagegen ins Innere des Islams verlegen: Muslime, die seinem Projekt des Dschihad im Wege standen, erklärte er zu Ungläubigen. Denn sie waren aus seiner Sicht weit schädlicher als jeder äußere Feind. Inzwischen lassen sich dschihadistische Organisationen in zwei ideologische Strömungen unterteilen: zum einen Al-Qaida, in deren Führungsriege eine Reflexion über die Fehler der Vergangenheit eingesetzt hat. Ein Resultat dessen ist auch eine stärkere Abwägung zwischen gewalttätigen und gewaltlosen Methoden. Auf der anderen Seite steht die Gruppe um Zarqawis Nachfolger: Schon kurz nach seinem Tod proklamierten sie am 15. November 2006 den »Islamischen Staat im Irak« unter der Führung eines Irakers mit dem Kriegsnamen Abu Omar al-Baghdadi. Er starb nach Angaben irakischer Behörden bei einer Militäroperation in der Nähe von Tikrit im April 2010.

 

Von dem Schrecken, den sein Nachfolger Abu Bakr al-Baghdadi verbreitet, war Abu Omar noch weit entfernt. Baghdadi »der Jüngere«, der sich im Sommer im schwarzen Gewand der Abbasiden in einer Moschee in Mossul bei der Predigt filmen ließ, vertritt eine neue Generation. Schließlich ist der Mann, der vermutlich Ibrahim Awwad Ibrahim al-Samra’i heißt, erst 43 Jahre alt. Der ISIS-Führer entwickelte allerdings keine neue Ideologie: Die Konflikte unter den Dschihadisten, die mit Zarqawi ihren Anfang nahmen, waren in den vergangenen Jahren lediglich selten evident geworden.

 

Am 9. April 2013 änderte sich das: Mit der proklamierten Gründung von ISIS verschmolzen für kurze Zeit der »Islamische Staat im Irak« und die syrische Nusra-Front, was nicht zuletzt bei internationalen Medien große Verwirrung stiftete. Allerdings verweigerte die Nusra-Führung bereits am darauffolgenden Tag Baghdadi die Gefolgschaft und beteuerte stattdessen ihre Loyalität zur »Mutter« Al-Qaida und deren Anführer Aiman al-Zawahiri. Dies blieb nicht folgenlos. Der Konflikt gipfelte in der Ermordung eines hoch angesehenen Al-Qaida-Veteranen in Syrien: Abu Khalid
al-Suri starb offenbar auf Baghdadis Befehl.

 

Dieses Ereignis wird man rückblickend als nicht mehr umkehrbaren Bruch zwischen ISIS und Al-Qaida bewerten. Seit dem 29. Juni nennt sich Baghdadi nun Kalif. Dazu gab der IS-Sprecher Abu Muhammad al-Adnani auch Auskunft über die geografische Ausdehnung des Islamischen Staats: Er habe die fünffache Fläche des Libanon und schließe den Großteil der syrischen Öl-und Gasfelder sowie einige irakische Ölfelder ein.

Die verfeindeten dschihadistischen Gruppen kämpfen um die Ölquellen im Norden Syriens

Die Idee von der Auflösung jener Grenzen, die westliche Mandatsmächte einst auf den Trümmern des Osmanischen Reichs zogen, soll nun gelebt und praktiziert werden. ISIS unterhält nicht mehr, wie einst Al-Qaida, lose Netzwerke in den Bergen und Höhlen Afghanistans und des Jemen. Der Islamische Staat hat nun eine »Regierung« mit sieben »Ministern« eingerichtet. Das Land ist nominell in »Provinzen« gegliedert, die wiederum aus kleineren »Abschnitten« bestehen. Was auch immer praktisch daraus wird: Der Verwaltungsanspruch ist ein Novum bei Dschihadisten und bestenfalls mit dem System vergleichbar, das die islamistische Untergrundorganisation GIA während der 1990er Jahre in Algerien aufbaute, wenngleich dieses eher abstrakt blieb.

 

Der Islamische Staat hat allerdings durch die Landnahme auch ein anderes Problem: Der Kampf mit anderen Gruppen und um Macht und Ressourcen auf dem beanspruchten Terrain ist nämlich in vollem Gange. In den Auseinandersetzungen zwischen ISIS, Al-Nusra und etwa der dschihadistischen Bewegung Ahrar al-Scham ging es vornehmlich um die Ölquellen im Norden Syriens. Anfang Juli 2014 konnte ISIS das größte Ölfeld erobern: Al-Umar bei Deir ez-Zor.

 

Auffällig ist, dass ISIS bislang keine Anschläge gegen westliche Ziele unternommen hat. Zwischen April und Dezember 2013 zündete die Organisation lediglich acht Autobomben gegen Objekte des syrischen Regimes, während bereits in der ersten Woche der offenen Konfrontation zwischen ISIS und bewaffneten Rebellen 24 solcher Anschläge verübt wurden. Allein im Februar 2014 wurden die mit ISIS verfeindeten »Islamischen Brigaden« 32 Mal Ziel solcher Attacken. Laut Schätzungen kamen im ersten Halbjahr 2014 mehr als 7.000 syrische Rebellen im Kampf gegen ISIS um.

Syrien als Dispositionsmasse in den Verhandlungen

Zugleich ist zu erwähnen, dass die Mutterorganisation Al-Qaida viele finanzielle und humane Ressourcen an die Vorläufer von ISIS verloren hat, was sich auch in ihren Aktionen widerspiegelt. Seit 2006 ist die Schlagkraft von Al-Qaida weltweit gesunken. Selbst aus dem Stammland der Dschihadisten, dem Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan, wandern immer mehr Kämpfer in den Nahen Osten ab. Einige Freischärler der Nusra-Front haben sich nach Ausrufung des Kalifats auf die Seite von IS geschlagen. Im Juli überließen sie eine Front gegen die Armee des syrischen Regimes im Industriegebiet von Scheich Najjar sich selbst. Damit wurde Aleppo de facto umzingelt und für die Armee sturmreif.

 

Vieles spricht dafür, dass IS die nationalistischen Kräfte der syrischen Revolution ersticken möchte. Militärisch sind Baghdadis Kämpfer dabei im Vorteil – dank der Verstärkung und des Materials, das ISIS aus Beständen der irakischen Armee erbeutete. Sollte nun der Irak wider Erwarten einen politische Ausgleich zwischen den verfeindeten Parteien finden, so werden die daran beteiligten sunnitischen und schiitischen Kräfte versuchen, den Konflikt nach Westen abzuschieben: Der Nachbar Syrien wäre damit eine Art Dispositionsmasse in den Verhandlungen.

 

Gewiss bleibt die Allianz zwischen sunnitischen Stämmen und IS im Irak, die zum militärischen Erfolg der Dschihadisten führte, nicht dauerhaft bestehen. IS fürchtet das und bedroht nicht zuletzt deshalb jeden Untertanen, der eine andere Flagge als das Banner des Islamischen Staates hisst, mit dem Tod. Machtdemonstration wie die Zurschaustellung gekreuzigter Menschen empfinden auch diejenigen Sunniten als empörend, die sich IS zunächst als Verbündete andienten. Ihre Motivation entsprang nicht der Sehnsucht nach dem Kalifat, sondern der Frustration und dem Hass auf die irakische Zentralregierung.




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